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Ali Arbia hat in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf promoviert. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).

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13.12.10 · 22:29 Uhr

Wikileaks: Ratko Mladić, Russland und die Vorsicht bei der Interpretation der Depeschen

Kategorie: Politik·WikiLeaks  ·  Kommentare: 4

Eine der von WikiLeaks veröffentlichten und als "geheim" klassifizierten Depeschen aus Belgrad vom September 2009 befasst sich mit Serbien und dem damals bevorstehenden Besuch von Medvedev. Gemäss der Depesche hätte Russland in Kontakt mit dem wegen Kriegsverbrechen gesuchten Ratko Mladić gestanden.

Diese Depesche ist ein gutes Beispiel, warum die Interpretation der durchgesickerten Dokumente mit Vorsicht angegegangen werden muss (wie ich in einem früheren Post auch schon relativiert habe). Der Guardian titelte Serbia suspects Russian help for fugitive Ratko Mladić (Serbien verdächtigt Russland der Hilfe für den flüchtenden Ratko Mladić). Die Schlagzeile illustriert wo das Problem mit der Interpretation der Depeschen liegen kann.

Zuerst einmal handelt es sich nicht um eine offizielle serbische Position. Es handelt sich in diesem Fall um das Rapportieren von Gesprächsnotizen von einem Treffen mit Miki Rakic, einem Berater des serbischen Präsidenten. Ein Gespräch welches kurz vor dem Besuch des russischen Präsidenten geführt wurde und zumindest teilweise diese Visite zum Thema hatte.

In Anbetracht der Kritik, dass Serbien nicht genug für die Verhaftung von Mladić tun würde, ist es ebenso plausibel, dass der Berater des Präsidenten den Besuch des russischen Präsidenten zum Anlass nimmt, um die Verantwortung auf andere Akteure abzuschieben. Mladić hat gemäss einiger Quellen immerhin noch bis 2005 eine staatliche Rente erhalten.

Zweitens deutet er in erster Linie an, dass Kontakte bestanden hätten. Er sagte, nicht ohne zum bemerken, dass die "Informationen an diesem Tisch bleiben sollen" (glaubt er wirklich, der Diplomat würde dies nicht weiterleiten?), es hätte Telefongespräche gegeben und Besuche beim russischen Geheimdienst-Chef durch "Vertrauten" von Mladić. Nehmen wir einmal an, diese Informationen sind korrekt. Dies könnten Kontakte gewesen sein, die nicht vom Kreml gutgeheissen wurden und insofern auf "private" Initiative stattgefunden haben. Auch wie nah "Vertraute von Mladić" tatsächlich am Flüchtigen sind, wissen wir nicht.

Die Frage die wir uns immer wieder stellen werden müssen bei den Depeschen ist: Was motiviert die Akteure? Warum erwähnt der Verfasser der Depesche, dass der Präsidentenberater diese Information "am Tisch" behalten möchte? Er klopft sich natürlich damit selber auf die Schulter, er zeigt wieviel Vertrauen er doch bis nahe an den Präsidenten erarbeitet hat.

Was treibt hingegen den Berater des Präsidenten an, seinen Verdacht mit so vagen Informationen genau zu diesem Zeitpunkt an die USA zu geben? Eine sehr plausible Vermutung kann gemacht werden wenn man bedenkt, dass er offensichtlich auch gesagt hat, dass wenn Russland vor dem Besuch nicht reagiere, werde man das Thema "zur Sprache bringen" während Medvedevs Besuch?. Die Geschichte der Russen als Unterstützer von Mladić wären gleich doppelt nützlich: Man kann sich als aktiv und kooperativ zeigen ("wir werden das zur Sprache bringen") und gleichzeitig ein Teil der Schuld anderen zuschieben.

Nicht zu vergessen ist die Fragen, was könnte die Russen dazu motivieren, Fluchthelfer für Mladić zu spielen unter der Annahme, dass es sich tatsächlich um von oben abgesegnete Kontakte handelt und nicht wieder einmal um einen ausser Kontrolle geratener russischer Staatsapparat? Sehr viele Gründe fallen mir nicht ein. Einer ist um das Wissen von Mladićs Aufenthaltsort als Pokerchip gegenüber dem Westen zu haben. Ein anderer wäre, dass der Kreml schlicht dem Westen eines Auswischen möchte. Doch scheint mir, hätte Russland bei der Sache in diesem Fall mehr zu verlieren als zu gewinnen.

Zusammenfassend kann man also sagen, die Depesche wirft mindest soviele Fragen auf, wie sie beantwortet und enthält eigentlich keine umwerfenden Neuigkeiten. Man kann bestenfalls mit ein paar zusätzlichen Datenpunkten drauflos spekulieren. Doch spekulieren muss man weiterhin. Eine zu einfache Interpretation im Stile von "die Russen decken Mladić" ist zwar verlockend für den Schlagzeilenschreiber, aber nicht was man wirklich erfahren hätte.

P.S.: Da es, sollte der Fluss der Depeschen nicht plötzlich unerwarteterweise doch versiegen, hier bestimmt noch einige Kommentare zu einzelnen Wikileaks Depeschen geben wird, habe ich dafür eine neue Kategorie WikiLeaks hinzugefügt.

 

Autor: ali· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Trackbacks (1)

Wikileaks Wiederbelebung und der Stratfor Streich · zoon politikon · 28.02.12 · 18:00 Uhr


Kommentare (4)

Kommentar-Direktlink KommentarAbo· 14.12.10 · 00:27 Uhr

...

Kommentar-Direktlink Marc· 14.12.10 · 09:38 Uhr

danke für den hinweis auf die vorsichtige interpretation der quellen. ich denke, dass dieser sehr wichtig ist.

aber es ist ja nichts falsches, wenn viele fragen aufgeworfen werden. darum soll es ja gehen. fragen aufwerfen, nach antworten forschen und insgesamt voran zu kommen.

Kommentar-Direktlink Redfox· 17.12.10 · 02:30 Uhr

Bald im Kino...

Kommentar-Direktlink ebook news· 19.12.10 · 11:56 Uhr

Es geht weiter, wieder verliert wikileaks eine Bankverbindung. Visa, Mastercard, Paypal und jetzt die Bank of America: Die Großbank reiht sich bei den Unternehmen ein, die Zahlungen an WikiLeaks sperren. Vielleicht liegt es daran, dass wikileaks als nächstes Ziel eine amerikanische Grossbank anvisierte. Auf der anderen Seite wird man an diesem Beispiel sehen, ob es auch auf Seiten der Banken monopolistische Strukturen gibt. Das wäre wirklich nicht gut.

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