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24.08.10 · 16:00 Uhr
Klimakriege
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Internationale Politik·Politik · Kommentare: 11
Ich melde mich zurück nach der Sommerpause und hoffe, dass hier noch jemand mitliest. Darum gleich zum Neustart: Klimawandel und Krieg in einem Post.
Wenn grosse Katastrophen und Umwälzungen befürchtet und vorausgesagt werden, dann folgt meist fächerübergreifend ein ganzer Rattenschwanz an Schwarzmalern und Weltuntergangspropheten. Das hat mit Moden zu tun, mit der Aufmerksamkeitsökonomie, mit dem Finanzierungsmodell von Forschung und vielleicht manchmal auch einfach mit einem gewissen Rudelverhalten. Es ist oft schwer als Nicht-Spezialist die Spreu vom Weizen zu trennen und ich möchte auch nicht vorgaukeln, dass ich dies könnte. Ich kann jedoch versuchen einen kleinen Überblick zu geben. Auch in den internationalen Beziehungen, sind die Debatten um das Ausmass des Klimawandels und dessen Konsequenzen nämlich nicht spurlos vorbeigegangen. Gemäss dem Economist plant gar das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPC) für seinen nächsten Bericht der 2013 fällig ist ein Kapitel zu Sicherheitsfragen und Klimawandel.
Bevor ich mehr in die Details gehe möchte ich kurz auf den Begriff Securitization eingehen. Dies ist ein wichtiger Hintergrund um die Debatten um Klimawandel und Konflikt einordnen zu können. Sicherheit, Krieg oder Frieden wird oft als Kernthema und Kernkompetenz in den Internationalen Beziehungen gesehen. Es ist auch ein Hauptfokus der meisten Regierungen. Es gibt einige, die meinen es sei eigentlich der einzig notwendige. Lange war Sicherheit eine Frage von Panzern, Mittel- und Langstreckenraketen, Merhfachsprengköpfen und so weiter. Insbesondere seit Ende des kalten Krieges wurden jedoch andere Themen zu Sicherheitsfragen gemacht (securitized eben): Hunger, Umweltprobleme, Kleinwaffen, Migration, Anti-Personenminen und vieles mehr.
Der Klimawandel ist eines dieser Themen, die vermehrt in einer Sicherheitsperspektive betrachtet werden. Es eignet sich besonders gut weil man mehr oder weniger direkt eine Verbindung zu Krieg und Frieden herstellen kann. Genau um diesen Zusammenhang geht es hier. Es gibt zwei mögliche Zusammenhänge die oft genannt werden und die sich teilweise überlappen. Beiden ist gemein, dass der Klimawandel die Ursache für Phänomene sein kann, die in der Literatur als Ursache für kriegerische Auseinandersetzungen genannt werden:
Da wäre zuerst die Migration. Oft wird ein von der Klimaerwärmung ausgelöster Massenexodus vorausgesagt. Diese Flüchtlingsströme über die Landesgrenzen oder aber auch von intern Vertriebenen würden dann ganze Regionen destabilisieren und bewaffnete Konflikte wahrscheinlicher machen.
Der zweite Kausalzusammenhang bezieht sich auf klimabedingte Ressourcenverknappung. Durch die Erderwärmung geht Landwirtschaftsfläche und Weideland verloren und/oder Erträge aus der Agrarwirtschaft würden insbesondere in Regionen mit knapper Nahrungsmittelproduktion zusätzlich sinken. Als Hauptkonfliktauslöser der Zukunft wird oft auch Wasser gesehen (ich habe schon darüber geschrieben).
Die Forschung zum Thema hat aber bei weitem nicht so klare Resultate hervorgebracht wie die wohl oft durch das mediale Megaphon unterstützten Apokalyptiker glauben machen könntne.1 Es gibt zum Beispiel eine Studie für den afrikanischen Kontinent. Diese beziehen sich jedoch auf eine Zeitspanne von 1981 bis 2002 und lässt die für den Kontinent friedlicheren Jahre die folgen aus.
Dazu kommen einige klimahistorische Studien zum Beispiel zu China und dem Zusammenhang zwischen Konflikt und Klimaabkühlung oder für den Globus. Aber auch hier ist der Kausalzusammenhang schwer zu erstellen. Es gibt so viele andere Faktoren die mitspielen, dass diese im Zusammenhang mit den Unsicherheiten die solche Daten zwangsläufig mit sich bringen, es sehr schwer zu sagen ist, ob wir heute nicht im Stande wären, die Effekte der Klimaveränderung zu neutralisieren.
Ein häufig zitiertes Beispiel ist Darfur. Der Konflikt wird oft in Verbindung mit den Effekten veränderter klimatischer Bedingungen gebracht. Doch erklärt dies kaum warum in benachbarten Regionen nicht ähnliches zu beobachten war. Zudem ist die Zeitspanne zwischen der klimatischen Veränderung und dem Ausbruch des Konfliktes so gross, dass es schwierig ist einen direkten Zusammenhang zu erstellen.
Die Unsicherheiten sind sehr gross und echte globale Voraussagen fast unmöglich. Niemand weiss ob und wieviele Klimaflüchtlinge es geben wird (mir ist keine entsprechende Studie begegnet). Der Klimawandel wird in einigen Regionen der Erde wohl die Nahrungsproduktion ankurbeln. Es ist umstritten ob es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen Ressourcenknappheit und bewaffneten Konflikten. Andere Forscher haben festgestellt, dass die Konflikthäufigkeit in Zeiten von Knappheit sinkt, weil der Kampf ums nackte Überleben den Luxus von Kleinkriegen nicht zulässt. Manchmal ist die Existenz von Ressourcen das Problem und nicht deren Fehlen (z.B. Diamanten). Grundsätzlich haben wir wohl eher ein Verteilungsproblem als ein Produktionsproblem was Nahrung und Wasser betrifft. Wasserkriege wurden dementsprechend schon anderswo andiskutiert. Kann man dieses lösen oder zumindest verbessern wird der Klimawandel die Konflikthäufigkeit kaum ansteigen lassen. Last but not least spielen bei der Frage nach Krieg und Frieden so viele Faktoren mit rein, dass eine Erklärung, die sich vor allem auf einen Faktor stützt, auf jeden Fall immer mit einem grossen Fragezeichen versehen werden muss.
1Ich kenne die Literatur zum Thema nicht vollständig und bringe ein paar bekannte Beispiele ohne Anspruch auf vollständigkeit.
Autor: ali· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
wb ...
>Ich melde mich zurück nach der Sommerpause...
gut.
..schön zu hören - und wieder gut zu lesen.
Frage mich gerade was wohl in den Kommentaren jetzt passieren wuerde haette J Friedrich genau dasselbe geschrieben. Whoa ...
Prima. Endlich bist du wieder beim Schaffe.
Hast du eine Meinung zu Welzers "Klimakriege"? Ich mueh mich seit Monaten mit dem Versuch eines fundierten Reviews und trau mich nicht.
Hier sind eine ganze Reihe Links zum Thema Klimaflüchtlingen.
http://www.scienceblogs.de/primaklima/2008/11/klimafluchtlinge.php
Grusz Georg
@anonymous
In deinem Kommentar machst du implizit zwei Annahmen die ich nicht teile und die du zumindest mit konkreten Beispielen illustrieren solltest. Ansonsten sind das nur leere Behauptungen: Erstens gehst du davon aus, dass Jörg Friedrich kritisiert wird weil er JF ist und über ein spezifisches Thema schreibt und nicht aufgrund des Inhaltes eines Textes. Zweitens weisst du offensichtlich was diese Kritik auslöst und wann.
Aber ich kann auch einfach deine Frage beantworten in dem ich deine impliziten Annahmen für mich still beantworte:
Nichts.
@ali
Ein solcher Versuch wäre mal interessant. Du und JF veröffentlichen jeweils einen Beitrag unter den Namen des anderen. ... rein aus wissenschaftlichen Interesse natürlich! ;)
@ ano2
Bist du ernsthaft der Meinung, dass Ali erstens z. B. einen Beitrag veröffentlichen würde, in dem er die Ausfälle von Mixa verteidigt und schönredet?
Und zweitens, dass ein solcher Beitrag dann nicht kritisiert würde, weil "Ali" darüber oder darunter stünde?
Die Inhalte der Texte machen den Unterschied.
Webbaer·
29.08.10 · 05:05 Uhr
Dieser ausgewogene Text polarisiert nicht, aber beim anderen Blog bringen viele Kommentatoren regelmäßig ihre Projektionen mit von zu Hause wie andere ihre Schulmilch, so dass dort lustigerweise auch unpointierte und ausgewogene Texte für Aufruhr sorgen.WebAal, Deine unerträglichen Schönredereien Mixas machen die von JF auch nicht besser.
Das ist dann wohl die Ausgewogenheit, dass Du JF alles nachplapperst. Der lässt dich dann auch munter Deinen Kulturassismus weiterverbreiten.
...