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Ali Arbia hat in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf promoviert. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).
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25.01.12 · 19:22 Uhr
Boko Haram: Der McDonald's nigerianischer Islamisten
· Kommentare: 5
In den letzten Tagen und Wochen hat ein islamistische Gruppierung im Norden Nigerias durch Bombenanschläge, Angriffe und Morden an Christen von sich Reden gemacht. Die Regierung hat Soldaten in die Region entsandt, wo die Aktionen von Boko Haram in einen flächendeckenden Aufstand auszuarten drohen. Ob ein ursprünglich marginaler Kult es tatsächlich geschafft hat, die Regierung so weit gegen die Wand zu drücke,n ist alles andere als klar. Wie immer ist es vielleicht doch etwas komplizierter.
Man erinnert sich wie Al-Kaida im Lauf der Jahre immer mehr zum Al-Kaida-Netzwerk wurde. Ich habe mich schon öfters gefragt, was es heisst, wenn einer Organisation "Verbindungen zum Al-Kaida Netzwerk" nachgesagt werden. In diesem Sinne hätten auch die Roten Brigaden in Italien sozusagen unter der RAF subsumiert werden können, oder die RAF als eine Art ideologischer Ableger der Volksfront zur Befreiung Palästinas. Trotz der teilweise ideologisch grossen Nähe und bei kleinen im Untergrund operierenden Organisationen zwangsläufig zu erwartenden Überschneidungen, werden diese Gruppen heute wie damals separat wahrgenommen. Es scheint aber, dass je weiter weg die Ideologie an und für sich ist, desto einfacher kann alles in einen Topf geworfenen werden. Dies ist politisch oft willkommen, ist ein solides Feindbild doch oft sehr nützlich.
Die nigerianische Regierung gibt sich grosse Mühe ihren Kampf gegen Boko Haram als das Vorgehen gegen eine kohärente islamistische Gruppierung darzustellen. Sie kann sich so natürlich auch ausgezeichnet auf der richtigen Seite der Frontlinie im sogenannten Krieg gegen den Terror positionieren, nicht zuletzt das auch schon internationale Terrorverbindungen vermutet wurden. Doch scheinen die Meinungen darüber, wie sehr Boko Haram tatsächlich ein zentralisierter Akteur ist, geteilt zu sein. Angeblich sind politische und religiöse Führer im Norden der Meinung, dass Boko Haram eine Art Franchise ist. Wie wenn man eine McDonalds Filiale eröffnen möchte und sich die Rechte, Menüs, Rezepte, Beschilderung und was es sonst noch braucht, besorgt und dann jedoch autonom agiert, so würden diverse andere kriminielle Organisationen, Milizen und Fundamentalisten sich einfach als Boko Haram etikettieren und so auf diesen Zug aufspringen.
Diese Sicht der Dinge hat im Hinblick auf die fragementierte und dezentralisierte politische Kultur Nigerias durchaus eine gewisse Plausibilität. Die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften im Norden Nigerias sind schliesslich nicht neu. Religion erwies sich für "politische Unternehmer" als ausgezeichnetes Vehikel um sich zu definieren und sich von der Zentralregierung und/oder anderen Gruppierungen im Norden abzugrenzen. Die Logik warum einer Regierung ein Feindbild gelegen kommen kann ist die im Grunde die selbe. Es geht um Abgrenzung und Mobilisierung. Die globale Tendenz, das völlig unscharf bleibende Konzept eines "Zusammenprall der Kulturen" herbeizureden macht diese Strategie um so effektiver.
In Montreal hat McDonald's Poutine auf der Karte. In Singapore gibt es einen Reisburger, in Israel einen McShawarma. Das kümmert Altermondalisten in der Regel wenig, wenn sie McDonald's zum Symbol der Globalisierung machen. Die Scheiben der Fast Food Kette sind bei Demos trotz diesen Eingeständnissen an den lokalen Geschmack ein beliebtes Ziel. Franchising scheint tatsächlich gute Metapher für das Phänomen zu sein.
Autor: ali· 5 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (5)
Ja, das mit den Al-Kaida-Verbindungen habe ich mich auch schon gefragt: In "Perpectives on Terrorisms" habe ich zwei Artikel gelesen, wobei der eine von Verbindungen spricht, während der andere zwar eine Kontaktaufnahme von Seiten Al-Kaidas bestätigt, die sich allerdings nicht manifestiert habe (letzterer "Al-Qaeda's Influence in Sub-Saharan Africa: Myths, Realities and Possibilities"; ersterer "Terrorism and Political Violence in Africa: Contemporary Trends in a Shifting Terrain").
Was generell wundert ist, warum es an so vielen Orten gleichzeitig zu einem religiösen Revivals des Islam in extremistischer Ausformung kommen sollte. Schließlich gibt es Arten genug, Terrorismus auszuüben, dazu braucht man sich nicht auf eine Religion berufen (MEND im Niger-Delta hat es ja vorgemacht). Boko Haram nährt sich ja offenbar auch aus sozialen Missständen und Lokalpolitikern, die sich entmachtet fühlen (der Machtverlust des Nordens nach der Diktatur dürfte da wohl reinspielen, und der vergangene Wahlkampf mag auch zur Polarisierung beigetragen haben http://dspace.cigilibrary.org/jspui/bitstream/123456789/32483/1/Backgrounder%20No.%2017.pdf?1 ). Ich frage mich, inwiefern die antiwestliche Symbolik Al-Kaidas nicht selbst zum franchise geworden ist: bekannte ethnische/regionale Konflikte Nigerias werden umgemodelt in einen Kampf gegen den Westen (dazu braucht man nur latent wohl ohnehin bekannte Symbole aktivieren), wobei die zweckdienlich gepredigte islamistische Propaganda langsam zu einem authentischen Bestandteil der Zielsetzung wird. Von der rhethorischen oder wirklichen Einbettung in einen Jihad gegen den Westen abgesehen ist ein Aufbegehren sich benachteiligt Fühlender unter dem Deckmantel einer islamisch-fundamentalistischen Bewegung in Nigeria nichts prinzipiell Neues, wie der Vergleich mit der Maitatsine-Bewegung zeigt ("The Boko Haram Uprising and Islamic Revivalism in Nigeria"):
http://hup.sub.uni-hamburg.de/giga/afsp/article/viewFile/330/330
Was natürlich die These, bei Boko Haram handelt es sich um keine zentralisierte Bewegung, sondern (wie bei Al-Kaida?) um ein eher loses Bündel von Symbolen, über die tief sitzende lokale und echte Probleme transportiert werden, stützt.
(Ich bin mir beim neuerlichen Drüberlesen nicht wirklich sicher, was ich mit diesem Kommentar eigentlich sagen wollte, ich poste ihn trotzdem einmal, vielleicht fällt es mir ja später wieder ein...)
Hört sich an wie: Nichts genaues weiss man nicht.
Ob ein ursprünglich marginaler Kult es tatsächlich geschafft hat, die Regierung so weit gegen die Wand zu drücke,n ist alles andere als klar. Wie immer ist es vielleicht doch etwas komplizierter.
Das ist Nigeria, da ist eigentlich nichts einfach. Neben den Religionen, welche die Situation sicher nicht einfacher machen spielen auch diverse Ethnien und deren Rivalitäten und Verteilungskämpfe um Macht und Ressourcen eine große Rolle. Und sicher auch die bittere Armut, die in weiten Teilen Nigerias herrscht. Ein Muster, welches man leider viel zu häufig in Afrika erkennen kann.
Danke für den Artikel und die interessanten Links.
Ich wollte eine Frage stellen, genau !
Weiss irgendwer, ob Boko Haram sich, salopp gesagt, zumindest in den Urspruengen einer ethnischen Gruppe zuordnen laesst ? Ich lese nur, dass Boko Haram aus dem Haussa kommt, aber keine Zuordnung - ich finde dazu einfach nichts Konkretes...
"Die Zeit" hat das Fass heute auch aufgemacht, aber du warst schneller. Dort hat man sehr stark auf die Rolle Nigerias als Wirtschaftsmotor hingewiesen, und die Probleme für ganz Afrika, wenn solche Motoren wegen derlei Gruppen ausfallen.
Franchise..ok, aber wer verdient jetzt wirklich daran?