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15.10.11 · 19:03 Uhr
Proteste in Tunesien gegen den Film 'Persepolis'
Kategorie: Kultur·Politik·Religion · Kommentare: 12
Das Muster kommt uns inzwischen bekannt vor. Ein Film mit durchaus künstlerischem Anspruch steht am Anfang. Dummerweise hält er sich nicht an den genauen Wortlaut der heiligen Schrift und wir darum von Gläubigen als blasphemisch eingestuft. Die vermeintliche Gotteslästerung führt zu Protesten, konservative Kräfte geloben das Zeigen des Films zu verhindern und schliesslich schreiten Extremisten zur Tat: Obwohl es sich um einen betont säkularen Staat handelt wird ein Kinosaal während der Filmvorführung von Fundamentalisten mit Molotow Cocktails beworfen und es gibt Schwerverletzte. Selbst vermeintliche gemässigte Religionsführer verurteilen zwar die Tat äussern aber Verständnis für den Widerstand: Man dürfe nicht einfach "die Empfindlichkeiten von Millionen von Menschen brüskieren" für die der Prophet "wichtiger ist als deren Vater oder Mutter." Die Politik der Angst jedoch funktioniert und viele fürchten sich davor, den Film sehen zu gehen.
Diese Reaktionen die damals Scorseses The Last Temptation of Christ unter anderem in Paris auslöste, beobachtet man nun in ähnlicher Form auch in Tunesien nach dem ein privater Fernsehkanal Marjane Satrapis Filmversion ihrer ausgezeichneten graphischen Novelle Persepolis ausgestrahlt hat. Scorseses Film wurde in mehreren Ländern verboten und ist es gmäss IMDB bis heute auf den Philippinen und in Singapur. Hoffen wir, dass es für Persepolis nicht dazu kommen wird.
Gestern gab es in Tunis vor dem Sitz des Premierministers erneut Demonstrationen gegen die Ausstrahlung des Films. Stein des Anstosses ist eine angebliche Darstellung Gottes im Film, welche gegen das Bildnisverbot verstossen würde (selbst wenn dies relevant wäre, handelt es sich de facto um eine Darstellung einer Fantasie der Hauptfigur, ein junges Mädchen, und ist ein naiv-klischeehafte Weihnachtsmann Gottheit mit tiefer Stimme und weissem Bart, welche untere anderem mit Marx, Ähnlichkeiten durchaus gewollt, Zweisprache hält). Angefangen hat es mit eine Sturm auf den Fernsehsender am letzten Sonntag als gemäss den Angaben des Senders etwa 300 Salafisten das Sendergebäude angriffen.
Die Reaktionen in Tunesien waren sehr gemischt. Zum Beispiel im Blog naawat.org, eine wichtige Stimme während der Revolution, wurde dies als klarer Angriff auf die Kunst- und Meinungsfreiheit durch die "neuen Pseudo-Intellektuellen" des Landes gewertet, die den Film, der zuvor schon in tunesischen Kinosälen lief, wohl ohne Synchronisation nicht verstanden hätten. Die Proteste und Ausschreitungen wurden vor allem den Salafisten zugeschrieben obwohl Al-Jazeera eine breitere Bewegung zumindest hinter den Protesten (nicht den Ausschreitungen so wie ich den Artikel verstehe) vermutet. Die Tatsache, dass sich der Chef des Senders inzwischen beim "tunesischen Volk" entschuldigt hat, deutet auch eher auf grösseren Druck als die Salafistische Minderheit ausüben kann, hin. Die Entschuldigung wiederum wurde stark als Kniefall vor reaktionären Kräften kritisiert und nützte dem Direktor des Senders wenig, wurde doch heute sein Haus angegriffen (zum Glück konnte er und seine Familie unbeschadet entkommen). Die Kontroverse ist wohl ein Symptom der nach wie vor unüberwundenen Kluft zwischen säkular orientierten, urbanen Kräften und religiös-konservativen Strömungen (was übrigens auch für viele christliche Staaten gilt). Doch es steht noch anderes auf dem Spiel.
Heute gab es Tränengas statt Fussball vor dem Hauptsitz des Premiers.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Zeitpunkt der Ausschreitungen zwei Wochen vor den Wahlen nicht zufällig ist. Die Partei der Salafisten, die sich ein Kalifat wünscht, ist nämlich nicht zu den Wahlen zugelassen. Sie hat sich zwar von den Taten distanziert, doch haben ihre Parteigänger auch auf sich aufmerksam gemacht, als sie die Universität in Sousse stürmten, da eine Studentin sich nicht einschreiben durfte, weil sie einen Niqab trug (man scheint offensichtlich auch diesbezüglich die neusten Trends in Sachen Freiheit und Minderheitenschutz von den westlichen Demokratien zu kopieren). Die Partei mag die Gewaltausbrüche vielleicht nicht orchestrieren, ihr Fussvolk ist aber sicherlich involviert. Da die gemässigte Islamisten-Partei Ennahdha am besten organisiert zu sein scheint und auch am effektivsten polarisiert (mehr dazu habe ich schon hier und hier geschrieben) sind diese gewalttätigen Ausschreitungen ein erfolgreiches Mittel zu Aufmerksamkeit zu gelangen und sich von der islamistischen Konkurrenz abzugrenzen. Dass es nach dem Moscheebesuch am Freitag wieder zu Protesten kam, scheint zu bestätigen, dass man bei der richtigen Klientele die korrekten Knöpfe gedrückt hat.
Die Auswirkungen auf die Wahlen sind natürlich schwer abzuschätzen, da eine Polarisierung immer auch die Gegenseite moblisieren kann. Es ist durchaus möglich, dass die Angst vor den Islamisten, die im Moment im Verhältnis zu ihrer Grösse überproportional viel Lärm machen, viele dazu bewegen wird, wählen zu gehen. Wie ich hier schon geschrieben habe ist Ennahdha in den Umfragen nicht nur die stärkste Partei (auf bescheidenem Niveau) sondern auch die meistgehasste.
Frühere Einträge zu Tunesien:
Strassenproteste in Tunesien, 12. Januar 2011
Tunesien: Jasminrevolution oder Theatercoup, 14. Januar 2011
Tunesien: Sicherheitslage und Übergangsregierung, 17. Januar 2011
Tunesien ist nicht Ägypten, 31. Januar 2011
Die Muslimbrüder kommen (vielleicht), 15. Februar 2011
Arabischer Frühling und westliche Wahrnehmung, 4. Juli 2011
Wahlen in Tunesien: Ein Frühling macht noch keinen Sommer, 12. August 2011
Post-Revolutionäre Eindrücke aus Tunesien, 11. Oktober 2011
Bildquelle:

Ali Arbia Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell 3.0 Unported Lizenz.
Autor: ali· 12 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (12)
...
Ich finde diese Demonstration der Stärke der religiösen Kräfte beängstigend. Über die tatsächliche Kräfteverteilung vor der Wahl weiß der Blogautor aber sicher mehr als ich.
Aufschlussreiches zu Niqab-Verboten in islamischen Ländern. http://de.wikipedia.org/wiki/Niqab#Islamisch_gepr.C3.A4gte_L.C3.A4nder@WeiterGen
Die Salafisten sind vermutlich tatsächlich nur eine kleine Minderheit (entsprechenden Bärte respektive verhüllte Frauen sieht man nicht so häufig und wirken fremd in Tunesien). Aber Zahlen gibt es halt nicht. Somit weiss ich auch nicht wirklich mehr. Zumindest betreffend Ennhadha werden wir wohl in zwei Wochen mehr wissen aber auch Stimmen in einer Wahl ist halt nicht unbedingt effektiver Rückhalt in der Bevölkerung. DIe Zahlen der Umfragen die ich auch schon verbloggt habe, sind mit Vorsicht zu geniessen, gibt es doch kaum Erfahrungswerte.
Wie auch immer: Angst trübt nur die Sicht. So wie die Dinge im Moment stehen, sorgen mich 20% für die gemässigt auftretende Ennhadha nicht mehr aber auch nicht weniger als 30% der SVP in der Schweiz oder 20% für den FN in Frankreich (ich finde das alles bedenklich aber es zu akzeptieren ist wohl ein demokratisch notwendiges Übel). Für Angst braucht es doch noch etwas mehr.
Was meine Bemerkung zum Niqab betrifft hast du natürlich vollkommen recht. Es ist mir bewusst, dass die Verbote in islamischen Ländern zuerst da waren (an diese Adresse richtetet sich das politische Symbol zuerst und das Exportland Saudi Arabien geniesst auch nur bedingte Bruderliebe in vielen dieser Länder). Ich konnte mir nur nicht den Sarkasmus verkneifen, weil ich es für paradox halte im Namen der Freiheit und der Gleichberechtigung Frauen Bekleidungsvorschriften zu machen. Aber das ist wirklich ein anderes Thema welches ich lieber für einen anderen Thread spare.
BreitSide·
15.10.11 · 22:14 Uhr
Und ich hatte schon gedacht... Da war wohl mein Ironiedetektor defekt.Waren eigentlich die Türken die Ersten, die den Schleier verboten haben?
Hoffen wir, dass sich so wie in Frankreich, die religiösen Fanatiker in Tunesien nicht durchsetzen werden. In den letzten Jahrzehnten ist Islamismus genauso wie christlicher Radikalismus eine der größten Bedrohungen des Weltfriedens und muss bekämpft werden.
Wenn ich es richtig sehe, ist die Gottesdarstellung im Film nur ein Vorwand zum Protest. Persepolis geht ja mit der iranischen Revolution insgesamt nicht allzu wohlwollend ins Gericht, und ich vermute, dass das den streng religiösen Kräften nicht behagt. Wer diesen Film gesehen und verstanden hat, wird sicher kaum mehr die Ennhadha wählen.
@Stefan
Ich bin mir nicht sicher ob dein Kommentar sarkastisch ist oder nicht. Das liegt wohl daran, dass "The last temptation of Christ" 1988 in den Kinos lief und ich die Einleitung so schrieb um "wieder typisch!" Reaktionen, die bei dieser Thematik bei uns zu verbreitet sind, zu bremsen. Das Beispiel hat nichts direkt mit der Aktualität zu tun. Sollte das missverständlich gewesen sein, tut es mir natürlich leid.
Sollte dein Kommentar doch anders gemeint sein, dann war die Einleitung auch an dich adressiert. Man könnte in Anbetracht der letzten verbleibenden Supermacht und den zwischenstaatlichen Konflikten die sie angezettelt hat tatsächlich relativ einfach argumentieren, dass radikale Christen eine grosse Bedrohung für den Weltfrieden sind. In Frankreich befürchte ich das im Moment jedoch weniger.
Weltfrieden? Was soll das sein?
War ja klar, dass unsere Blondine im Geiste wieder aufschlägt.
@BreitSide:
Keine Trolle füttern, bitte.
Ich bin immer wieder unendlich froh, dass Reformation und Aufklärung in Europa zu Staaten geführt haben, die zumindest größtenteils säkularisiert sind und in denen religiöser Fundamentalismus gesellschaftlich (meist) weder gedultet noch anerkannt ist.
Die geschilderten Fällen religiöser Verblendung lassen mich nur noch hilflos nach psychologischen Erklärungsmodellen suchen; ansatzweise nachvollziehen konnte ich das (als Atheist sowieso) noch nie.
Kleiner Nachtrag: Gestern sind Tunesier gegen die Islamisten auf die Strasse gegangen. Das macht aber weniger gute Schlagzeilen, weil sie nichts zerschlagen haben. Es sollte aber ebenso registriert werden.