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05.02.11 · 20:05 Uhr
Fünf westliche Mythen über die arabische Welt
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Geschichte·Internationale Politik·Kultur·Medien·Politik · Kommentare: 15
Letzten Oktober hat James Zogby (der Bruder von John Zogby, Gründer des Meinungsforschungsinstituts Zogby International) in einem Gastbeitrag bei Informed Comment sein Buch Arab Voices vorgestellt. In Anbetracht der Diskussionen, die wegen der Ereignissen in Ägypten und Tunesien nun wieder in Gang gekommen sind, möchte ich diesen aus der Blogmottenkiste holen. Er beschreibt in diesem Eintrag, was er die "fünf Mythen" zur arabischen Welt nennt.
Das Buch vom letzten Jahr basiert (und ich habe es nicht gelesen sondern stütze mich auf seinen Blogpost) auf Umfrageergebnissen in der arabischen Welt. Diese fünf Punkte sollte man auf jeden Fall im Hinterkopf behalten, bevor man sich in eine Diskussion über die politische Zukunft dieses grossen geographischen Raumes stürzt. Zu oft werden Argumente alleine auf der Basis von einem schlecht definierten "Wir" und einem mehr oder weniger erfundenem "die anderen" vorgebracht. Die Leute über die man diskutiert fragt man nicht nach ihrer Meinung und das aus der eigenen (oft selektiven) Zeitungslektüre entstandene unbestimmte Gefühl ersetzt echte Daten.
Hier also Zogbys fünf Mythen:
1. Alle Araber sind gleich und können darum auf eine Kategorie reduziert werden.
Die arabische Welt ist gemäss den Umfragen stark fragmentiert und sehr divers. Nicht nur finden man über den ganzen Raum grosse Variabilität in Meinungen, sondern auch viele klare kulturellen Abgrenzungen. Ausserdem und das ist auch im Hinblick mit den Revolten in Tunesien und Ägypten interessant, findet man einen starken generationellen Unterschied mit einer jüngeren Generation die von der Globalisierungswelle mitgerissen wurde.
2. Die arabische Welt ist so divers, dass das Etikett bedeutungslos ist.
Es gibt durchaus ein Identifikationselement innerhalb der arabischen Gemeinschaft. Ein Element in einer wohlgemerkt vielschichtigen (man kann schliesslich auch Bayer und Deutscher gleichzeitig sein) Identität ist die gemeinsame Sprache (ich werde als neutraler Schweizer hier meine Bayern-Analogie vielleicht besser nicht weiterverfolgen) sowie die gemeinsame Geschichte. Zur Zeit der Umfrage schien vor allem die Sympathien für das Schicksal der irakischen und palästinensischen Bevölkerung verbindend zu sein. Letzteres halte ich für besonders interessant, werden doch die Palästinenser von arabischen Regimes keineswegs immer sehr gut behandelt.
3. Die Araber sind wütend, hassen uns und "unsere Werte".
Dieser Punkt bringt Zogby vor allem von einem amerikanischen Standpunkt ein, ich denke aber, dass diese Klischee Vorstellung auch in Europa weit verbreitet ist. Wie auch immer, gemäss den Umfragen von Zogby bewundert eine Mehrheit der arabischen Welt die USA und bringen dieser Gesellschaft viel Respekt entgegen. Sie können sich auch für "Freiheit und Demokratie" begeistern (was inzwischen vielleicht weniger überraschen mag). Ablehnung ist in Bezug auf die Politik die ihnen gegenüber betrieben wird und die signalisiere, dass man für die arabische Welt wenig Sympathie hat. Anscheinend beruht dieses Missverständnis auf Gegenseitigkeit und viele meinen, dass der Westen sie hassen müsse.
4. Araber sind von religiösem Fanatismus getrieben.
Lokale Religion spielt in der arabischen Welt eine wichtige Rolle, genau so wie sie in vielen westlichen Gesellschaften einen wichtigen traditionellen Platz einnimmt (ob man das jetzt gut findet oder nicht). Araber gehen im Schnitt nicht häufiger in die Moschee als man in den USA Kirchen besucht. Man schaut gleich (wenig) häufig religiöse Sendungen im Fernsehen und die Geschmäcker sind sehr verschieden. In Ägypten, Marokko und Saudi Arabien mochte man am liebsten Spielfilme und Seifenopern und nicht etwa das Wort zum Freitag.
5. Araber wehren sich gegen Reformen und werden sich erst ändern, wenn der Westen sie dazu nötigt.
Diese Vorurteil ist wohl seit letztem Oktober schon etwas überholt, schwingt aber genau betrachtet noch in vielen Argumenten mit. Die Umfragen haben gezeigt, dass man sehr wohl Reformen möchte. Man möchte aber nicht vom Westen diktierte Reformen sondern die eigenen. Die Prioritäten die angegeben wurden waren: Arbeitsplätze, bessere Gesundheitssysteme und besser Ausbildungsmöglichkeiten. Man verbittet sich eine Einmischung ist aber gerne bereit Unterstützung entgegen zu nehmen. Klingt alles irgendwie bekannt.
Autor: ali· 15 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (15)
...
Jetzt hätt ich gern die fünf (oder fünfundzwanzig) wichtigsten Mythen der arabischen Welt über "den Westen" :) Sich gegenseitig die Balken aus den Augen ziehen, das wär schon was.
xxx
Danke.
Wie, das war's schon? Darf ich mich jetzt vorurteilsfrei fühlen? ;)
Nein, im Ernst, es ist schlimm genug, dass es tatsächlich noch so viele Leute gibt, die an mindestens eins der fünf glauben.
@Matthias Nispel
Hierzu empfehle ich dringend die dreiteilige Serie "God's Warriors" von Christiane Amanpour. Wie man da aber in Deutschland dran kommt, weiß ich jetzt auch nicht. Hier findet man aber die begleitende Mikroseite und wenigstens die Skripte (wer es sich antun möchte): Juden, Muslime und Christen.
Triviale Vorurteile.
Statt "Araber" kann man so ungefähr alles einsetzen, vielleicht nicht immer bei allen Vorurteilen, jedoch zum Ausgleich mindestens bei einem halben Dutzend weiteren.
Der Deutsche ist eben:... (nach Belieben einzusetzen). Funktioniert übrigens noch viel besser bei den Amis, jedenfalls noch besser als bei "den Arabern". Südeuropäer sind ebenfalls dankbare Projektionen: Typisch ... und in England regnet es immer und nicht nur täglich.
Nun ja, ein Ami-Buch, eine Ami-Untersuchung; die Amis sind halt schnell mit ihrem Urteil zur Hand, wissen nichts von Geschichte, da sie ja selbst keine haben, außer dem Auswendiglernen ihrer Präsidentengalerie, und ihre Geografie hat ihr Zentrum im Mittleren Westen. Was soll man auch von einem Volk erwarten, das stolz darauf ist, seinen Gründungsmythos auf religiöse Spinner zurück zu führen, die aufgrund ihrer Radikalität aus Europa mehr oder weniger ausgewiesen wurden. Und Kultur in Ami-Land? Völlige Fehlanzeige, man siehe sich nur einmal die Esskultur an. McDoof u.s.w. sind da schon kulinarische HighLighths.
@S.S.T.:
Äh, war das jetzt eine Nennung von Vorurteilen über Amis oder eine ernstgemeinter Kommentar zum Buch? Ich bin irgendwie unsicher...
@CCS
Sollte nur ein Beispiel sein, wie schnell sich Vorurteile backen lassen. Amis haben den Vorteil, dass insbesondere bei diesen 'milden' Vorurteilen die Zustimmungsquote von Nicht-Amis recht hoch sein dürfte.
Okay :-)
Was haben wir den Arabern eigentlich zu Zeiten der Kreuzzüge vorgeworfen?
Kann sich daran noch jemand erinnern?
@miesepeter3
Wir? Sie? Ich? (Da fängt doch der Blödsin schon an.)
@miesepeter3
Wir? Sie? Ich? (Da fängt doch der Blödsinn schon an.)
@miesepeter³
"Wir" haben denen damals garantiert nichts vorgeworfen, mangels Existenz. Kreuzzüge sind ein höchst komplexes Thema, das mit Alis Artikel herzlich wenig zu tun hat. Es sei denn, man will unbedingt beweisen, dass es schon vor ca. 1.000 Jahren Vorurteile gab (oh Wunder). Wenn Du in der Tat ein wenig mehr vom Mittelalter wissen möchtest, lies mal "Der ferne Spiegel" von B. Tuchman, zwar schon etwas älter, aber recht spannend geschrieben.
@mp3
Beim Ersten Kreuzzug wollte man vor allem Jerusalem zurückerobern, was 1099 nach einem fürchterlichen Gemetzel zunächst auch gelang. Keine 100 Jahre später fiel es jedoch wieder zurück. Fast alle späteren Kreuzzüge hatten ebenfalls Jerusalem, Ägypten oder Damaskus zum Ziel, verloren sich aber zT und wandten sich stattdessen gegen das orthodoxe Konstantinopel.
Der Siebte Kreuzzug schließlich richtete sich gegen Tunis und scheiterte 1272.
Summa summarum kann man wohl sagen: Offiziell warfen "wir" den Arabern den falschen Glauben vor, tatsächlich ging es aber um Land, Geld und Macht.
@Hel
Sicherlich richtig, insgesamt ist jedoch alles wesentlich verwirrter, und sehr, sehr OT.