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Ali Arbia hat in Internationalen Beziehungen am Graduate Institute of International and Development Studies in Genf promoviert. Er ist überzeugter Europäer, ein echtes Zoon Politikon und interessiert sich für fast alles ausser Sport (und selbst das manchmal).
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01.10.10 · 10:14 Uhr
Walfang-Diplomatie
Kategorie: Politik·Umwelt · Kommentare: 9
Da ich von Biologie reichlich wenig Ahnung habe, muss ich mich für den Blogkarneval zu bedrohten Arten auf etwas anderes verlegen. Leider habe ich auch nichts zu irgendeinem knuddligen vom Aussterben bedrohten Pelztier zu sagen. Darum konzentriere ich mich auf das wohl zweitbeste in solchen Fällen: Wale. Legt also eine CD mit Walgesängen auf, atmet einmal tief durch und dann macht euch bereit für das Thema des Tages: Die Internationale Walfang Kommission.

Die International Whaling Commission (IWC) ist eine relativ alte Institution. Sie wurde mit dem Internationalen Übereinkommen zur Regelung des Walfangs gegründet (International Convention for the Regulation of Whaling ICRW). Dieses Übereinkommen sollte nicht mit seinem Vorgängervertrag von 1937 verwechselt werden, dem Agreement zur Regelung des Wahlfangs (an diesen Feinheiten scheitern wohl meine Übersetzungskünste). Die Konvention hatte zum Ziel die Walbestände zu sichern. Dies war aber nicht primär zum Wohle der Tiere. Es ging darum eine nachhaltige Bewirtschaftung der Bestände für die Walfangindustrie zu garantieren.
Soweit so gut. Eine internationale Kommission wie alle anderen könnte man meinen. Doch spielt sich dort seit Jahren ein internationales Drama ab und man nähert sich nur sehr langsam einer Lösung (falls überhaupt). Die Kommission ist tief gespalten und man könnte meinen ein wahrer Kampf der Häuptlinge ist im Gange. Die Konvention wurde ursprünglich von 15 Nationen unterzeichnet. Heute zählt sie 88 Mitglieder, wovon die Hälfte erst im letzten Jahrzent dazugestossen ist. Dies hat Länder in die Kommission gespült, die man wahrlich nicht als Walfangnationen bezeichnen kann. Die Frage was Binnenländer wie die Mongolei, Laos, Österreich oder die Schweiz dort als Mitglieder beizutragen haben ist zumindest diskutabel. Sie mögen Fachwissen einbringen aber auch das ist zweifelhaft, aber ob es dazu eine Mitgliedschaft braucht ist auf jeden Fall fraglich.
Die Kommission ist heillos zerstritten und in zwei scheinbar unversöhnliche Lager gespalten: Es gibt die Meersäuger-Fan-Fraktion, die dem Abschlachten einen Riegel vorschieben wollen und sagen nur so können viele Walarten vom Aussterben gerettet werden. Dann gibt es die Waljagd-Fraktion, die sich auf alte Traditionen und indigene Lebensweisen beruft und diese schützen möchte.
Der grosse Streit begann so richtig als die Kommission 1986 ein Walfangmoratorium durchsetzte (ich vermute eine Konsequenz der Umweltbewegung die sich in den 70er Jahren formierte). Norwegen hat das Moratorium nie akzeptiert. Island hat vor nicht langem den Walfang wieder aufgenommen. Japan glaubt eine Schlupfloch in der Konvention gefunden zu haben und erlaubt den Walfang zu "wissenschaftlichen Zwecken". Diese hat eine Art Limbo geschaffen, wo das Moratorium besteht, aber ignoriert wird. Gemäss Schätzungen wird immer noch etwa ein Drittel der Vor-Moratoriumsmenge erlegt (2000 Wale).
Die Diskussionen in der Kommission werden häufig emotional geführt. Länder wurden mit Auslandshilfe zur Mitgliedschaft und genehmen Stimmverhalten animiert (unter anderem Japan zeigte sich als sehr gewieft in dieser Form von Stimmenkauf). Die walfangbefürwortenden Nationen haben zwar in den letzeten Jahren an Boden gut gemacht, es braucht aber eine Dreiviertelmehrheit um einen Antrag durchzubringen. Die jetztige Situation ist für alle unbefriedigend. Einerseits wird weitergejagt, was sicher nicht im Sinne des Moratoriums ist und ziemlich sicher illegal. Anderseits handeln viele Anti-Walfang-Nationen mehr auf der Basis von öffentlichem Druck als gefestigten Daten (man stelle sich den Aufschrei zum Beispiel in der Schweiz vor, würde unsere Delegation zu grossmütig die Wale wieder zum Abschuss freigeben).
Doch zeichnen sich erste Konturen eines Kompromisses ab. Das Moratorium würde für 10 Jahre ausgesetzt. Länder die nicht in den Walfang involviert sind sollen jedoch nicht damit anfangen dürfen. Japan soll seine Quoten senken, "muss" dafür aber nicht mehr unter dem Deckmantel der Wissenschaft Walfang betreiben. Der Walfang würde überwacht, inklusive Kontrollpersonal auf jedem Boot zur Entnahme von DNA Proben um später illegales Walfleisch zu detektieren. Die Walfanggegnerschaft ist nur bedingt glücklich darüber und Organisationen wie Greenpeace sehen den Kompromiss als einen Sieg der Walfangfraktion.
Wie sich dieser Kompromiss auf die bedrohten Bestände auswirkt, kann ich mangels Expertise nicht beurteilen. Es scheint mir aber, als ob der Kompromiss zumindest politische einen wichtigen Zeitgewinn darstellt. In den 10 Jahren in denen das Moratorium ausgesetzt würde, würde die sowieso schon serbelnde Walfangindustrie noch weiter geschwächt und darum ein Kompromis vermutlich einfacher. Bis dann würde auch der Walfang aus der illegalen Grauzone gezogen und somit hoffentlich besser kontrollierbar. Ausserdem würde es etwas von den Emotionen aus dem Prozess nehmen, die Gemüter könnten sich etwas abkühlen und das Wahren des Gesichts würde vermutlich nicht mehr so weit oben auf der Prioritätenliste stehen. Vielleicht würde die Kommission dann plötzlich doch wieder funktional werden.
Autor: ali· 9 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (9)
Kleiner Hinweis: der Blog-Karneval findet hier statt:
http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/vom-hai-gebissen/wissenschaft/2010-10-01/das-r-tsel-des-silberlachses
Sehr schöner Artikel. Diese fixe Idee der Nachhaltigkeit ist momentan auch für die Nashörner Afrikas im Gespräch - sozusagen eine nachhaltige Bejagung. Ob das wirklich eine funktionelle Möglichkeit ist, um dem unkontrollierten Abschießen der Tiere Herr zu werden, wage ich zu bezweifeln.
Ich verstehe das Problem mit dem Walfang nicht. Es geht ja nicht um bedrohte Arten, sondern um die Walarten, die häufig und keinesfalls vom Aussterben bedroht sind. Dann kann ich aber wirklich nicht nachvollziehen, warum wir alle kein Problem damit haben, Fisch zu essen aber keinen Wal fangen wollen. Stabile Populationen vertragen die Fischerei und Jagd.
Wir müssen uns viel mehr Sorgen um einige Speisefische machen als um Wale.
Tier ist Tier und Mensch ist Mensch.
Wenn man anfängt zu argumentieren, dass das Jagen von Walen unethisch ist soll sich auch die Frage gefallen lassen, warum sein Schnitzel ethischer ist.
Habe mal ein schönes Wort dafür gehört: "Esskulturimperialismus"
Mehr dazu: http://koelling-japan.blogspot.com/2010/04/walfang-erlaubt.html
Einschränkungen: Vegetarier haben es einfach und der Arterhalt sollte gewährleistet bleiben
Das ist das schöne an diesen Blogs: Biologen schreiben über die biologischen Aspekte, hier können wir Hintergründe zu den internationalen Interaktionen erfahren: schon sind wir dem Gesamtüberblick ein wenig näher gekommen :-)
@ CCS:
Das wäre sogar mal eine coole Idee. Man sucht sich ein ganz präzises Thema und lässt dieses von den jeweiligen Fachleuten beleuchten...Merk ich mir mal^^
@ Marc B
Wer sagt, dass es "stabile Populationen" gibt, und wenn ja, wie lange sind diese stabil?
Andreas
@Sören
Ich habe den Link nun im Post hinzugefügt. Da der Eintrag getimed war, musste dieser warten.
P.S.: Ich habe auch noch einen Bindestrich in den Titel gesetzt, damit Lars nicht noch weitere Vorurteile gegen uns Helveten entwickelt. ;)
Das ist nett. Habe den Trackback auch erhalten. Ohne Link sah das aber etwas merkwürdig aus, deshalb hatte ich das kurz erwähnt.
Nichts spricht dagegen, Wale zur wissenschaftlichen Erforschung zu jagen, wenn da noch viel Unkenntnis besteht.
Allerdings besteht auch noch viel Unkenntnis über Japaner.
Vielleicht sollte man da auch mal eine Quote festsetzen?