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01.10.08 · 17:40 Uhr
Thesen zur Finanzkrise: Wie sehr hängen wir an Klischees?
Kategorie: Politik·Wirtschaftswissenschaften · Kommentare: 9
In Anbetracht der Finanzkrise in den USA und der Reaktion der Märkte darauf wurde viel über vermeintlichen Ursachen geschrieben. Ich spiele hier des Teufels Advokaten anstatt in den Chor der vielen einzustimmen und einfach gegen 'Spekulanten' und die 'Gier an der Wall Street' zu wettern. Hier der Versuch einen Denkanstoss wider den Klischees zu geben, dies in Form von ein paar (vielleicht provokativen) Thesen.
Der Paulson Plan muss umgesetzt werden
Es ist zwar äusserst unbefriedigend, dass die Banken für ihr Verhalten nicht die Zeche zahlen müssen. Die Folgen des nicht-Handelns wären aber vermutlich gravierender.
Die Ablehnung durch die US Politiker geschah wider besseren Wissens
Weil die Politikerinnen und Politiker wissen, dass der Plan zwar notwendig ist aber der 'Mann auf der Strasse' die Folgen des Zusammenbruchs noch nicht spürt und die Folgen nicht einschätzen kann. Er würde dies aber bei einem vollständigen Zusammenbruch schon zu spüren kriegen. Selbst wenn man akzeptiert, dass die Krise auf den Finanzmarkt beschränkt bleiben könnte, will man wirklich den Zusammenbruch des Finanzsystems riskieren? Keine der beiden Parteien will sich die Finger verbrennen, obwohl alle wissen, dass es notwendig ist.
Börsen Blasen sind nur teilweise irational
Am Anfang des Bildens einer Blase mag eine Irrationale Handlung oder Fehleinschätzungen stehen. Ist die Blase aber am steigen, ist es durchaus rational von dieser zu profitieren zu versuchen. Man muss nur versuchen vor dem Platzen auszusteigen. Das können aber per Definition nicht alle (das ist eben das 'Platzen'). Man kann also auf rationaler Basis von einer Börsen Blase profitieren, ohne dass man deren Existenz verneinen muss.
Die Banken waren nicht von Gier getrieben sondern einfach naiv
Die Banken werden angegriffen, sie hätten aus Gier gehandelt. Vielleicht war es einfach Dummheit. Schliesslich ist man meist nicht bewusst ein spezifisches Risiko eingegangen sondern hat das Risiko falsch eingeschätzt. Man könnte argumentieren dass Unwissenheit im Gegensatz zu Glückrittertum die Schuld vermindert.
Managerlöhne haben nichts zur Sache
Man mag diese für überhöht halten (was ich tue) oder nicht. Mit der gegenwärtigen Krise haben sie nichts zu tun und es ist reiner Populismus diese bei der Lösung der Krise ins Spiel zu bringen.
Wirtschaftswissenschaftler haben es schon lange gesagt, es wollte nur niemand hinhören
Viele Wirtschaftswissenschaftler haben vor dem Platzen der Blase gewarnt. So hat zum Beispiel der Economist schon auf seinem Titelblatt im März des letzten Jahres auf Probleme hingewiesen (und dies nicht zum ersten Mal) und Krugmann hat in seinem Blog schon 2005 gewarnt.
Überreaktionen der Märkte können in beide Richtungen stattfinden
Wenn man den Märkten die Irrationaliät zugesteht, dass die Preise vieler Wertschriften höher waren als ihr realer Wert muss man auch den Umkehrschluss akzeptieren. Vielleicht sind jetzt viele Firmen auf Grund einer Panik unterbewertet. Dies würde staatliche Interventionen rechtfertigen.
Ich hoffe unter den obigen Thesen finden sich ein paar interessante Denkanstösse (und keine all zu groben Ökonomischen Dummheiten).
P.S.: Viele finden hier her auf der Suche nach Erklärungen was eigentlich genau passiert. Ich bereite eine Art häufig gestellte Fragen zur Finanzkrise vor (ohne wirklich ein Spezialist zu sein). Fragen sind hier in den Kommentaren willkommen.
Autor: ali· 9 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (9)
@ Ali:
Zustimmung zu allen 7 Punkten (besonders natürlich zu Punkt 6). Nichts davon finde ich besonders provokant. Eine einizge Zeile würde ich abändern: Statt "Die Banken waren nicht von Gier getrieben sondern einfach naiv" vielleicht eher "Die Banken waren nicht nur von Gier getrieben sondern auch naiv". Dass die Gier sie angetrieben hat, ist m.E. kaum zu leugnen, wenn man "Gier" als "Gewinnmaximierung" übersetzt.
"Managerlöhne haben nichts zur Sache
- Man mag diese für überhöht halten (was ich tue) oder nicht. Mit der gegenwärtigen Krise haben sie nichts zu tun und es ist reiner Populismus diese bei der Lösung der Krise ins Spiel zu bringen."
Auch wenn ich Deinen Ausführungen im Großen und Ganzen nur zustimmen kann – an diesem Punkt bin ich jedoch anderer Meinung. Denn wenn die Entlohnung des Managers stark von kurzfristigen Profit- und vor allem Börsenkurs-Entwicklungen abhängt, dann gibt man ihm einen Anreiz, diese durch riskante Geschäfte (die ja meistens auch ein schnelles Handeln erfordern, damit man nicht "den Zug verpasst") zu fördern. Aber es geht auch anders herum: Wer so stark überbezahlt ist wie ein US-Top-Manager (ein CEO im Jahr 1982 kassierte rund das 42-fache des amerikanischen Arbeitnehmer-Durchschnittslohns – laut Forbes.com ist dies inzwischen auf etwa das 400-Fache gestiegen), der kann sich gar nicht vorstellen, dass er für eine Entscheidung, die er zu treffen hat, NICHT den nötigen Durchblick hat.
Bezüglich der Managergehälter stimme ich Alis These zu. In Deutschland sind öffentlich-rechtliche Banken von der Krise besonders betroffen und deren Manager verdienen im Vergleich zu ihren Kollegen im privaten Sektor ziemlich wenig.
Ohne mich mit den Betriebsabläufen in Banken besonders auszukennen, frage ich mich, ob es da nicht ein strukturelles Problem gibt, sich in einer Konkurrenzsituation der Möglichkeit auf wachsend riskante Weise Gewinn zu machen zu verweigern. Nicht dass ich das Verhalten nicht auch für dumm halte, aber ich meine doch, die Dummheit ist organisiert. Punkt 3 bemerkt ja, es sei gelegentlich durchaus rational, sich an diesem Hasard zu beteiligen. Dann kann doch vermutet werden, es gehört eine überdurchschnittliche Rationalität bzw. Geschicklichkeit dazu, sich rechtzeitig zurückzuziehen. Im Grunde halte ich das auch für eine Art Evolution des Finanzwesens: diese Sorte Katastrophe wird nächstens vermieden. Das Gewinnstreben wird allerdings eine neue erfinden.
Im wesentlichen einverstanden, aber in einem Punkt - Managerlöhne haben nichts zur Sache - habe ich einen Einwand (abgesehen von der seltsamen Grammatik):
Es ist in der Tat irrelevant, ob die Managerkaste 40 oder 400 mal soviel einsackt wie ein Durchschnittsverdiener. Bei der Größe der eingetretenen volkswirtschaftlichen Schäden hätte es auch noch eine Zehnerpotenz mehr sein dürfen, es sind schlicht Peanuts.
Aber es kommt eben nicht nur darauf an, wieviel ein Vorstand einkassiert, sondern wie sich diese Summen zusamensetzen. Enorme Anteile davon entfallen auf sogenannte Boni - beschönigend als "leistungsabhängige" Vergütungsteile bezeichnet. Tatsächlich sind diese Boni schieres (Rausch-)Gift. Sie verleiten direkt zur Bilanzkosmetik, zum Aufblasen von Spekulationsblasen; denn die Berechnung eines Bonus hängt ja nicht von einer klugen und nachhaltigen Unternehmenswirtschaft ab, sondern von der kurzfristigen Erzeugung stolzer Zahlen, ganz gleich, ob das langfristig werthaltig ist, oder eine Luftnummer; wobei dieses System noch zusätzlich gepusht wird durch den Irrsinn der Quartalsberichtspflicht. Um die Absurdität dieses Systems ganz deutlich zu machen: in den Überresten von Lehmann Bros. befindet sich eine bilanzielle Rückstellung für Directors-Boni in Milliardenhöhe. Berechnungsgrundlage: die Bubble-Geschäftsergebnisse aus dem vergangenen Jahr.
See what I mean?
Wer erinnert sich noch an den Vodafone-Mannesmann-Deal, der einem Herrn Esser zur Feingoldauflage auf der eigenen Nase verhalf? Hier war genau das gleiche System am Werk: der Unternehmenswert wurde, wie sich nach dem Deal herausstellte, künstlich und ohne realökonomische Grundlage hochgejazzt, damit der Übernahmepreis auf ein blödsinniges Niveau stieg, woraufhin die Beteiligten sich "leistungsorientierte" Sonderprämien für die Steigerung des Unternehmenswertes genehmigen durften. Und ein Vorstandssprecher der Deutschen Bank, der das alles mittrug, durfte anschließend öffentlich kundtun, dass er Wertschöpfung nicht von Preistreiberei unterscheiden kann.
Und noch eines: Boni führen direkt zu Arbeitsplatzabbau. Ein Personalvorstand - ich verrate mal nicht, welcher - der kürzlich 3 Mio Euros durch die Streichung einer Belegschaftskantine einsparte, fand genau diesen Betrag am Ende des Geschäftsjahres in seinem Bonus wieder. Gut, Gell?
Deshalb: wenn von Regulierung - zu Recht! - die Rede ist: seht zu, dass Ihr dieses Gift der Boni austreibt!
Provokant oder "wider den Klischees" sind die aufgeführten Thesen aber nicht sonderlich. Wirklich provokant und abweichend von den Standardargumenten finde ich folgende These:
Die jetzige Krise hat ihre Ursachen in zuviel Regulierung und jeder weitere Eingriff in den Markt verschlimmert nur das Problem.
Gewarnt wurde nicht erst seit 2005. Folgendes schrieb Gian Trepp in der schweizerischen Wochenzeitung (WOZ) am 20. Mai 1994!
Genau dies passiert heute in Grossbritannien. Die Banken leihen sich gegenseitig kein Geld mehr, also springt der Staat ein.Was mich doch einigermaßen wundert ist die Beschränkung der öffentlichen Diskussion über die Finanzmarktkrise auf eine rein finanzwissenschaftliche, allenfalls noch wirtschaftswissenschaftliche, Dimension.
Mir scheint indes, dass der Marktkollaps in hohem Maße mit dem Ölpreisanstieg korrelliert war.
Aber ganz unabhängig davon, inwieweit da ein direkter oder indirekter (psychologischer) Kausalzusammenhang bestand, wird sich diese Krise nicht nach dem Muster von 1929 (bzw. nach den daraus gewonnenen finanzwissenschaftlichen) Erfahrungen auflösen lassen.
Selbst wenn es Ben Bernanke gelänge, die ohnehin schon bis an die Halskrause verschuldeten US-Verbraucher mit der Inflationspeitsche erneut in eine Konsumkavalkade zu treiben, und damit gar noch die ganze Weltwirtschaft anzukurbeln, würde ihnen (und uns) die nächste, noch drastischere Ölpreisverteuerung erneut die individuell für die Kredittilgung budgetierten Mittel aus der Tasche ziehen.
Das ist die (oder eine) finanzwirtschaftliche Seite von "Peak Oil".
Wer die Konjunktur ankurbelt, kurbelt noch ein bisschen schneller am Horrorfilm der Ressourcenerschöpfung. Das ist die realwirtschaftliche Dimension.
Nach meiner Einschätzung wird der Begriff "Krise" sehr bald eine sehr viel umfassendere Dimension bekommen, als wir uns derzeit überhaupt vorstellen können.
Nachtrag:
Danke für den Hinweis auf den Artikel von Paul Krugman! In meinem Blott "Die Krakenarme der Finanzkrise kriechen auf unseren Kontinent" (http://beltwild.blogspot.com/2008/09/die-krakenarme-der-finanzkrise-kriechen.html) habe ich eine Reihe von Artikeln zusammengetragen, die schon sehr frühzeitig (der erste bereits aus dem Jahr 2002!) vor der Immobilienblase gewarnt haben; den Link zu Krugmans Kommentar in der New York Times habe ich jetzt ergänzt.
Interessant im Zusammenhang mit meinem vorangegangenen Kommentar ist jedoch besonders ein Link zu "Related Articles" unter dem Krugman-Kommentar, nämlich zu:
"ECONOMY SHOWS SIGNS OF STRAIN FROM OIL PRICES (http://query.nytimes.com/gst/fullpage.html?res=9B07E5DE133EF934A2575BC0A9639C8B63). Der scheint meine Annahme einer Korrelation zwischen Ölpreisanstieg und Finanzkrise bzw. Wirtschaftskrise zu bestätigen. Auch wenn er nicht direkt die Immobilienpreise anspricht, liegt es doch auf der Hand, dass die Konsumenten auch bei diesen Ausgaben sparen mussten, um die Mehrkosten für den Sprit aufzubringen.