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19.02.10 · 10:30 Uhr
Wie die „Kriegserinnerung" die Gegenwart bestimmt (Teil 1 - Panel/2. Schweizer Geschichtstage)
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 1
Die von mir besuchten Panels auf den 2. Schweizer Geschichtstagen (4.-6.2.2010) beschäftigten sich ausnahmslos mit zeitgeschichtlich relevanten Themen unter dem Oberbegriff der „Grenzen".
Dabei wurde besonders im Vortragszyklus „Kontroverse Aneignungen von Geschichte: Repräsentation des Zweiten Weltkrieges in Schule und Gesellschaft" durch eine Einführung von Jakob Tanner, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich, deutlich, wie gefährlich es für die eingrenzende nationale Geschichte eines Landes wie der Schweiz sein kann, wenn das kollektive Geschichtsbild „passend zurechtgelegt" wird.
Damit sind vor allem die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg, wirtschaftliche Verflechtungen und Rüstungslieferungen für das Dritte Reich gemeint. Nicht jeder Schweizer besonders der „Aktivdienstgeneration" (1939-1945) ist bis in die Gegenwart bereit, sich kritisch-selbstreflexiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Passend dazu ist auf der für das historische Reflexionsvermögen besonderen Internetseite http://www.armee-aktivdienst.ch/ zu lesen:
„Die Schweiz im 2. Weltkrieg 1939 - 1945
Wir anerkennen die Leistung der Aktivdienstgeneration und setzen uns ein für das wahre Andenken an unsere Armee und die Bevölkerung, welche sechs Jahre lang unter der Drohung eines deutschen Überfalls gelebt hat.Wer diese Leistung nicht erkennen kann, als falschen Mythos abtut oder noch schlimmer einfach leugnet,
WEISS NICHT, WAS FREIHEIT IST !"
Tanner war Mitglied der „Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg (UEK)", die sich von 1996 bis 2002 zuerst mit dem Verbleib von jüdischem Vermögen beschäftigte, das während des Zweiten Weltkriegs auf Schweizer Bankkonten transferiert worden war. Während der wissenschaftlichen Aufarbeitung mit zahlreichen entstandenen Forschungsbänden rückte das Verhalten der politischen und wirtschaftlichen Schweiz während der Kriegsjahre in das Erkenntnisinteresse der Historiker, entfachte lebhafte Debatten in der eidgenössischen Öffentlichkeit und setzte einen neuen Erinnerungsprozess in Gang, den Gegner der UEK als „belangloses Papierwissen" zu diskreditieren versuchten.
Die wichtigsten Forschungsergebnisse der UEK waren, dass die Schweiz zwischen 1939 und 1945 über eine Milliarde Franken, Munition, Zünder und Militäroptik ausführte. Nach Deutschland, Italien und Rumänien ging Material in Material im Wert von 820 Millionen Franken. Die daran beteiligten Unternehmen bekamen keinerlei gesetzliche Vorgaben, die die Kriegsexporte sanktioniert hätten. Über die Schweiz schlug die Deutsche Reichsbank zudem vier Fünftel ihrer Goldtransaktionen um, zum letzten Mal am 13. April 1945. Die sehr guten wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen zum Dritten Reich stärkten so den Finanzplatz Schweiz enorm.
In diesem Zusammenhang war ein gemeinsames Dissertationsprojekt von Nicole Burgermeister und Nicole Peter (Universität Zürich) interessant, die anhand von 71 Interviews und 20 Mehrgenerationen-Gruppeninterviews aktuelle Geschichtsbilder sowie die Resonanz der UEK-Forschungsergebnisse in der schweizerischen Bevölkerung untersuchen und einen Zwischenbericht ihrer Arbeit vorlegten. Für die empirisch-analytische Herangehensweise der Zeitzeugenbefragungen ist nicht unproblematisch, dass diese zum Teil über Zeitungsanzeigen geworben wurden, so dass die Untersuchung trotz aller bemerkenswerten Ergebnisse nicht repräsentativ ist, zumal nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich auch besonders Mitteilungsbedürftige („Geschichtsjunkies") meldeten. Interessant war aber, dass zahlreiche Interviewte von Beginn der Befragungen an die „Unabhängigkeit" der beiden Wissenschaftlerinnen und der UEK bezweifelten sowie auf der normativen Ebene stark emotionalisiert waren.
Der Erinnerungsrahmen der Befragten weist seit den 1990er-Jahren zudem den Holocaust als Referenz und das moralische Leitbild „Nie wieder!" auf, auch wenn bei zahlreichen Gesprächspartnern die Rolle der Schweiz völlig idealisiert wird und kleinräumige Erinnerungstendenzen im direkten Umfeld zu beobachten sind, die auch an die Enkel- und Urenkelgeneration weitergegeben wird. Dabei spielt die Frage, weshalb die Schweiz im Zweiten Weltkrieg nicht besetzt wurde, eine besondere Rolle. Die wirtschaftlichen Verflechtungen treten in den Hintergrund, dafür werden die „schützende Funktion der Berge" sowie die „Anerkennung des Einsatzes des Schweizer Volkes" gewürdigt.
Sehr kontroverse Diskussionen gab es über die „Flüchtlingsthematik". Die Schweiz hatte besonders nach den „Nürnberger Gesetzen" 1935 nicht allen wegen des „NS-Rassenwahns" aus Deutschland emigrierenden Menschen jüdischen Glaubens Asyl (nur aus politischen Gründen) gewährt und ab 1938 darum gebeten, dass in deutschen Pässen sichtbar gemacht wurde, ob es sich um einen „Juden" handle oder nicht. Zudem hatte die Schweiz als „Transitland" nur Emigranten aufgenommen, die nicht beabsichtigten, im Land zu bleiben. Insbesondere bei deutschen und österreichischen Ferienkindern weigerte sich das Land, Kinder jüdischen Glaubens aufzunehmen.
Nicole Burgermeister und Nicole Peter kommen zu dem Ergebnis, dass in der gegenwärtigen Perspektivierung des Zweiten Weltkrieges in der Schweizer Bevölkerung die Vergangenheits-Debatten der 1990er-Jahre der zentrale Bezugspunkt sind. Die Zeit des Zweiten Weltkrieges sei stark emotional und normativ besetzt und die Thematisierung erfolge oft auf einer Meta-Ebene. Außerdem zeigten sich divergierende und mit dem Holocaust-Paradigma konfligierende Erinnerungsinteressen, in der die Frage des eigenen - sprich nationalen - Überlebens eine zentrale Rolle spiele.
Autor: Christian Jung· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (1)
Danke für den Artikel.
Ich als Schweizer mit Jahrgang 1976 habe mir nie gross Gedanken gemacht über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Jetzt mache ich mir die Gedanken!