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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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29.11.10 · 17:29 Uhr

Leopoldina

Kategorie: Medizin·Politik  ·  Kommentare: 3

Deutschland hat eine Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina heisst und 350 Jahre alt ist. Im November hat die Leopoldina ihre erste Stellungnahme veröffentlicht, und sie hat es in sich. Sie handelt vom deutschen Gendiagnostikgesetz und besagt, daß wesentliche Teile davon NICHT dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen, in der Praxis KAUM umsetzbar sind und sogar NEGATIVE Auswirkungen auf den Erfolg anerkannter Vorsorgeuntersuchungen haben. Ich frage zum einen, ob es ein schlimmeres Verdikt geben kann. Und ich wundere mich zum zweiten über die Reaktion der Medien und TV-Moderatoren. Die wissen wahrscheinlich nicht einmal, wo die Leopoldina ihren Sitz hat. So schafft Deutschland sich ab.

 

Autor: Ernst Peter Fischer· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Kommentare (3)

Kommentar-Direktlink Geoman· 30.11.10 · 08:08 Uhr

Deutschlands ältestete Gelehrtengesellschaft für Naturforscher Leopoldina ist vor allem auch durch ihre opportunistischen Aktivitäten im Dritten Reich bekannt geworden. Von 1932 bis 1950 (!) war der berüchtigte Biochemiker und Wissenschaftsbetrüger EMIL ABDERHAL-DEN (1877-1950) ihr Präsident:


"ABDERHALDEN war eine durchaus ambivalente Persönlichkeit. Einerseits zeichnet er sich zeitlebens durch ein außergewöhnlich hohes soziales Engagement aus. Er kämpfte gegen Alkoholmissbrauch, versuchte die Versorgung mit Nahrungsmitteln in Notzeiten zu verbessern und gründete Kinderhilfswerke. Andererseits veröffentlichte er – eine weitere Anwendungsmöglichkeit für seine ›Abwehrfermente‹ propagierend – eine Arbeit über biochemische Rassemerkmale und hatte keinerlei Skrupel, für seine Forschungen »Humanmaterial« aus Konzentrationslagern anzufordern. In der ge-samten Zeit des Nationalsozialismus war ABDERHALDEN Ordinarius für Physiologische Chemie an der Universität Halle. 1932 wählte das Präsidium der renommierten »Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina« ihn zu ihrem 20. Präsidenten. Obwohl er nicht der NSDAP beitrat, setzte er sich öffentlich für die neue »Gesundheitspolitik« der Nazis ein. So befürwortete er Zwangssterilisation und sympathisierte mit dem Gedankengut der Rassenhygiene und Euthanasie. Im vorauseilenden Gehorsam sorgte er für die Entlassung aller jüdischen Mitglieder in der Administration der Leopoldina, von denen sechs in Konzentrationslagern starben. 1938 teilte ABDERHALDEN dem Gauleiter in Halle mit, dass alle Mitglieder jüdischer Abstammung »ausgemerzt« seien. In der reichlich geschönten, offiziellen Informationsbroschüre der Leopoldina liest sich ABDERHALDENS Wirken heute so: »Es gelang ihm weitgehend die Leopoldina vor dem totalitären staatlichen Zugriff im Nationalsozialismus, soweit das in der damaligen Zeit überhaupt möglich war, zu bewahren«. Tatsächlich ist der politisch-eugenisch schwer belastete ABDERHALDEN ein bedrückendes Beispiel dafür, wie skrupellos opportunistisch und anpassungsfähig viele Wissenschaftler (und zwar nicht um die Rettung ihrer Existenz, sondern oft nur um der Erhaltung und dem Ausbau ihrer persönlichen Einflusssphäre willen) der nationalsozialistischen Ideologie gegenübergestanden haben."


vgl.: http://www.kritische-naturgeschichte.de/Medien/Schulwissenschaft-Text.pdf

Kommentar-Direktlink Wacke· 30.11.10 · 16:08 Uhr

@geoman

Als Hallenser, der seit dem er in dieser Stadt herum wackelt, weiß, wo die Leopoldina ihren Sitz hat und mittlerweile auch weiß, wer Emil Abderhalden war - keine Sorge: hier wird gerade heftig darüber diskutiert -, frage ich mich doch, was Abderhalden bitte schön mit dem deutschen Gendiagnostikgesetz von 2010 zu tun hat?

Kommentar-Direktlink Geoman· 01.12.10 · 10:04 Uhr

Bei meinem letzten Besuch in Halle in 2001 kam mir die nationale Akademie der Naturforscher Leopoldina (die damals ein Symposium über Klimageschichte vor dem Einfluss der Menschen ausrichtete) wie eine verstaubte landwirtschaftliche Versuchsveranstalt vor, die man nicht kennen muss.

Mit Interesse lese ich, dass es in der neuen Image-Broschüre heißt:

"Die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ auch in der Akademie Spuren. Sowohl Mitglieder als auch die Leitung der Akademie haben sich dem NSRegime gebeugt. An die in Konzentrationslagern ermordeten Akademiemitglieder erinnert eine
kürzlich eingeweihte Stele im Hof der Akademiegebäude."

Da zeigt sich doch schon ein erhebliche Zunahme an Einsichtsfähigkeit in die eigene Geschichte gegenüber der alten Version:

"Es gelang ihm [Aberderhalden] weitgehend die Leopoldina vor dem totalitären staatlichen Zugriff im Nationalsozialismus, soweit das in der damaligen Zeit überhaupt möglich war, zu bewahren".


So langsam scheint die Akademie ein akzeptables Niveau der Auseinandersetzung mit ihrer von Rassehygienie, Euthanasie u. 'Humanmaterial' geprägten jüngeren Geschichte zu erreichen, das es nicht unappetitlich und arrogant erscheinen lässt, wenn sie sich zu Fragen der Gendiagnostik äußert.


PS: Halle ist übrigens ein hübsches Universitätsstädtchen, in dem ich gerne ein paar Studienjahre verbracht hätte.

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