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Profil
Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
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Archiv Mai 2010
31. Mai 2010
Haupt- und Nebensachen
Kategorie: Kultur · Kommentare: 12
Fußball - so hört man oft - ist die wichtigste Nebensache der Welt. Und niemand beklagt sich darüber, daß Ballspieler und die Trainer von ihnen viele Millionen Euro Netto bekommen (oder gar "verdienen"). Wir beklagen uns nicht nur nicht, wir bejubeln die Empfänger der vielen Millionen sogar, und warum auch nicht? Allerdings sollten wir dann auch bereit sein, die Spieler und Manager, die zu der wichtigsten Hauptsache der Welt beitragen, ähnliche Summen oder eher noch mehr zu gönnen. Wieso soll jemand, der mit einem Leben spielt, weniger verdienen als jemand, der mit einem Ball spielt? Craig Venter hat 40 Millionen Dollar ausgegeben, um ein Bakterium zu verändern, und er hat damit gezeigt, daß man in der Wissenschaft so vorgehen kann wie im Sport. Man muss viel Geld an der richtgen Stelle in die Hand nehmen und ausgeben, um ein Sieger zu sein und die Medien zu faszinieren. Wissenschaft ist viel zu bescheiden, und ihre Stars sollten ebenso viele Millonen verdienen wie Leute, die so gegen einen Ball treten können, daß alle jubeln. Wann jubeln wir über Millionäre in der Wissenschaft, die uns vielleicht alle zu Siegern machen? Das wäre die Hauptsache.
Autor: Ernst Peter Fischer· 31.05.10 · 11:11 Uhr· 12 Kommentare
24. Mai 2010
Leben 1.08
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 15
Das Pfingstwunder dieses Jahres ist das gute Wetter, aber aufregend ist die Nachricht, daß der extrem ehrgeizige und inzwischen sehr wohlhabende Craig Venter 1.08 Millionen Glieder eines DNA-Moleküls anfertigen und als Kette einem leeren Leben einfügen konnte, das sich damit zu regen begann. Künstliches Lebes also? Die Experten streiten sich wie immer, und wie immer streiten sie sich mit Meinungen statt mit Argumenten.
Es scheint, daß Venters gelungenes Experiment vor allem eins klarmacht: Es zeigt uns nicht, was Leben ist, es zeigt uns vielmehr, wie unsere Zeit Leben versteht, nämlich als Computer, also als Maschine, die einem Programm folgt, die mit Software läuft. "Ich bin der erste chemische Apparat, der seine eigene Sequenz betrachten kann", wie Venter am Ende seiner Autobiographie "Entschlüsselt" (S. 538) schreibt. Er will diese Software verstehen, er will wissen, ob das entschlüsselte Leben ein verstandenes Leben ist.
Warum sagt ihm denn niemand, daß man Leben nicht entschlüsseln kann. Wir kennen doch niemanden, der es vorher verschlüsselt hat. Das ist die Grenze der Maschine, die Venter sein will. Da kann sein Motor brummen, wie er will. Wie wer will?
Autor: Ernst Peter Fischer· 24.05.10 · 09:12 Uhr· 15 Kommentare
15. Mai 2010
So ein Zufall
Kategorie: Kultur · Kommentare: 19
Eine Professorin für Kommunikationsmanagement - was für ein Titel! - will uns Menschen die Freiheit bewahren, und sie schlägt deshalb vor, dem Zufall eine Chance zu geben (FAZ, 15.Mai 2010, S. 40). Nun sollte man zum einen wissen, daß es den Zufall in verschiedenen Formen gibt - es ist in der Evolution anders als in der Physik -, und man sollte zum zweiten wissen, daß es dabei trotzdem niemals um Freiheit geht. Es geht der Professorin auch mehr um Freizeit, also etwa darum, durch Zufall in ein Restaurant zu gehen und dort die Liebe ihres Lebens zu treffen. Diesem schönen Zufall setzt sie die öde Regelmäßigkeit von Computern entgegen, in denen alles berechenbar abläuft, wie sie zu wissen meint. Das - so sagt sie - ist anders als in der Zeitung, wo man zufällig etwas lesen kann, was man nicht erwartet hat. Wer jetzt verwirrt den Kopf schüttelt und fragt, was das eine mit dem anderen zu tun hat, dem gehört meine Sympathie. Da wird um jeden Preis gegen die elektronischen Medien gewettert, weil das jemand in den Chefetagen so will. Und weder das Blatt noch die Professorin merken, daß die ganze Geschichte damit anfängt, daß sie zufällig im Facebook eine Geburtstagstorte findet. Ein schöner Zufall, der auch für Kommunikationsmanagerinnen nicht vom Medium abhängt.
Autor: Ernst Peter Fischer· 15.05.10 · 16:12 Uhr· 19 Kommentare
11. Mai 2010
Ein anderer Mißbrauch
Kategorie: Kultur · Kommentare: 34
Ich weiß nicht genau, woher - sprachlich - die Experten kommen, aber es muss etwas mit "aus" zu tun haben, also damit, daß sie nichts zu sagen haben, weil sie außen vor sind. Imperten gibt es leider nicht, aber impertinente Experten, und diese sicher klugen Köpfe kommen derzeit in der Zeitung zu Wort, die sich entschlossen hat, die neuen Medien - von Internet bis Facebook - zu verdammen und als Unheil anzuprangern. In diesen Tagen nun darf ein Experte (ein Professor) für Medizinische Psychologie - welche Psychologie gibt es noch? - sich über unsere ach so furchtbare Informationsgier aufregen und den offenbar eher als dumm eingeschätzten Lesern des Blattes tatsächlich mitteilen, daß Lesen ein Mißbrauch des Gehirns ist. Das hat der Experte wirklich gesagt: Lesen ist "an sich" ein Mißbrauch des Gehirns. Also sollten wir es abschaffen - oder? Aber wie erfahren wir dann, was unser Experte so absondert? Mißbrauchen wir unser Gehirn schon beim Lesen seiner Thesen oder erst, wenn wir zu diesem Unfug mit dem Kopf nicken? Die Informationsgier unseres Experten muss jedenfalls verschwunden sein. Was sollen diejenigen tun, die nicht in dieser Lage sind? Den Papst fragen? Der kennt sich ja inzwischen mit einer Gier aus, die zum Mißbrauch führt. Jedenfalls nicht mehr lesen, was Experten schreiben. Vielleicht versteht man sie besser, wenn man mit ihnen redet.
Autor: Ernst Peter Fischer· 11.05.10 · 19:19 Uhr· 34 Kommentare
10. Mai 2010
Kein Gesicht
Kategorie: Kultur · Kommentare: 7
In der Ausgabe des New Scientist vom 8.5. 2010 propagiert David S. Berman, ein Theoretischer Physiker aus London, das Wechselspiel von Kunst und Wissenschaft (Seite 47). Beide - so schreibt er - bringen eine neue Art der Weltsicht mit sich. Und er bestätigt, was vielfach erfreut, "Relativität und Quantenmechanik gehören ebenso zur kulturellen Landschaft wie Shakespeare und Beethoven." Das klingt schön, perpetuiert aber etwas, was mir furchtbar und korrekturbedürftig erscheint. Um zu verdeutlichen, was ich meine, führe ich zwei weitere Verknüpfungen von Kunst und Wissenschaft an:
1959 lernte Charles P. Snow die beiden berühmten Kulturen zu unterscheiden, indem er den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik mit Shakespeares Sonetten in Verbindung brachte und bedauerte, daß die literarische Intelligenz sich weigerte, das physikalische Gesetz verstehen zu wollen. Und der große Physiker Victor Weisskopf empfiehlt in seiner Autobiographie (The Joy of Insight), etwas von Mozart und der Quantenmechanik zu verstehen, um eine bessere Welt schaffen zu können.
Damit fällt aber etwas auf: Die Künste werden von Menschen vertreten, die Wissenschaft von Disziplinen. Anders gesagt: In diesen Darstellungen bleibt die Wissenschaft unmenschlich, und außerdem hat sie kein Gesicht. Solange sich dies nicht ändert, wird man sie nicht verstehen wollen. Wer gibt der Wissenschaft wie ein Gesicht? Diese Frage lohnt eine Antwort.
Autor: Ernst Peter Fischer· 10.05.10 · 13:56 Uhr· 7 Kommentare
03. Mai 2010
Keine Kultur
Kategorie: Kultur · Kommentare: 22
Am Ende der 1950er Jahre hat der britische Physiker und Romancier C.P. Snow seine Unterscheidung der zwei Kulturen eingeführt, die wir akademisch als Natur- und Geisteswissenschaft kennen und im Alltag als Wissenschaft und Kunst trennen. Das ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist Tatsache, daß die Entwickler der damals neuen Programmiersprache BASIC Snows Trennung ernst nahmen und verrringern wollten, eben mit BASIC, das die Dichter und Denker alleine deshalb interessieren sollte, weil es eine SPRACHE ist. Thomas E. Kurtz und John G. Kemeny, denen wir BASIC verdanken, fragten damals: "Wie können schwierige Entscheidungen über den Einsatz von Computern von Leuten getroffen werden, die so gut wie nichts von ihm verstehen?" Diese jetzt 50 Jahre alte Frage kann man heute genauso gut stellen. Tagtäglich äußern sich Leute öffentlich und laut über den Computer, die mehr oder weniger ignorant in Hinblick auf dieses Denkzeug sind.Unsere Kultur ist kein Stück vorangekommen. Vielleicht ist sie ja keine.
Autor: Ernst Peter Fischer· 03.05.10 · 18:25 Uhr· 22 Kommentare
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