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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
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10.11.09 · 08:51 Uhr
Schuld und Gene
Kategorie: Kultur · Kommentare: 11
Im Jahre 2007 hat ein Mann gestanden, einen anderen erstochen zu haben. Er wurde zu neun Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt, wobei mich solche Strafen als Laien immer verwundert haben. Warum nicht neun Jahre, zwei Monate, zwölf Tage und vier Stunden oder so? Was ist, wenn der letzte Monat ein Februar ist? Doch solche Fragen verblassen angesichts der Tatsache, daß ein Berufungsgericht die Strafe um ein Jahr verkürzt hat, weil der Mörder Träger eines Gens ist, das die Wissenschaft mit einem agressiven Verhalten in Verbindung bringt (New Scientist vom 7.11.2009, S. 6). Sehr viel Unfug auf einmal: Zum einen versteht niemand genau die Gen-Aggression-Verbindung, zum zweiten hat die Fähigkeit zur Aggression eine biologische Bedeutung und wenig mit der sinnlosen Gewalt eines Mordes zu tun, drittens kann der nächste Richter bei unklarer Beweislage durch das Vorhandensein einer Genvariante mit aggressivem Touch zu einem Schuldspruch verleitet werden, und so weiter. Es ist offenkundig: Wir sind eine Gesellschaft des wissenschaftlichen Analphabetentums - bis hinauf zum Richterstuhl. Da könnte man glatt aggressiv werden und zuschlagen.
Autor: Ernst Peter Fischer· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
Dann könnte man auch so argumentieren, dass der Mensch schon von vorn herein, so genetisch geprägt ist, dass er ein Hirn besitzt, welches ihn befähigt zu planen und somit erst die Vorraussetzungen dafür gegeben sind, einen Mord zu begehen.
Ich finde das auch immer schlimm, wenn jemand eine Strafmilderung bekommt weil er betrunken war oder unter Drogeneinfluss stand.
"Wir sind eine Gesellschaft des wissenschaftlichen Analphabetentums - bis hinauf zum Richterstuhl. Da könnte man glatt aggressiv werden und zuschlagen.“
Entschuldigt bitte aber heute muss ich meine Aggressionen loswerden (anstatt wissenschaftliche Arbeit zu leisten) und diese beziehen sich auf die Willkür der Behörden. Mir wird die Teilnahme an einer Holzversteigerung verweigert, weil ich keinen Motorsägekurs nachweisen kann, obwohl alle Beteiligten wissen, dass ich noch nie einen Baum gefällt habe. Mir sind immer nur die niedrigeren Arbeiten (spalten, tragen, aufladen etc.) geblieben und das hat mir auch immer einen willkommenen Ausgleich geschaffen und Spaß gemacht.
Ist dieses Handeln der Gemeinde rechtens, oder nur dumme und ungewollte Diskriminierung?
Ha! Zumindest zur Frage nach den Tagen und Stunden kann ich etwas beitragen:
http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__39.html
"Freiheitsstrafe unter einem Jahr wird nach vollen Wochen und Monaten, Freiheitsstrafe von längerer Dauer nach vollen Monaten und Jahren bemessen."
Die Länge wird im Wege der Strafzumessung (http://de.wikipedia.org/wiki/Strafzumessung) ermittelt, das ist nicht ganz einfach, weil aus einem individuellen Lebenssachverhalt nun eine abstrakte Zahl gebildet werden muss. Ausgehend vom Strafrahmen den das Gesetz eröffnet (der ja meist sehr weit ist und oft von Geldstrafen bis zu mehrjährigen Freiheitsstrafen reicht) kann man sich unter Berücksichtigung aller Umstände an einen Wert herantasten, der die konkrete Tat dann auch zu allen anderen Delikten gleicher Art in Relation setzt.
@Microfilisof:
Ist ein Motorsägekurs nicht etwas zu progressiv, aktiv? Gemeinde-Behörden: wer ist das? Warst Du jetzt bei der Versteigerung oder nicht? Eigentlich hast Du doch über das Spalten etc. teilgenommen?
Ich fürchte, ich kann Dir nicht folgen.
@Andrea...
Bei dem Schock den ich zu verdauen habe, ist es nicht verwunderlich, dass Du mir nicht folgen kannst. Danke trotzdem für die Nachfrage.
Eigentlich wollte ich nur ein bisschen Dampf ablassen. Die Gemeinde in der ich wohne organisiert jedes Jahr eine Holzversteigerung. Hier können relativ billig ganze Bäume ersteigert werden. An diesen Versteigerungen nehme ich seit ca. 15 Jahren teil und bis jetzt hat niemand nach solchem Unfug gefragt. Alles andere habe ich bereits oben erwähnt. Ob ein solcher Kurs gut oder schlecht ist, kann ich nichts beurteilen, er wird wohl gut sein, aber nicht für solche die keine Kettensäge verwenden. Ich hoffe immer noch die Gemeinde zu überzeugen, dass eine solche pauschale Forderung unsinnig ist und dass sie davon absehen wird.
@Microfilosof
und was hat das jetzt mit den/Deinen Genen zu tun?
Ja, und der krude Gedanke dabei ist der: Gen = Verhalten.
Dabei ist Gen zuallererst mal eine Möglichkeit. Als Präposition kann sie unter bestimmten Umständen (Lerngeschichte) in bestimmtem Maße Ausprägung erreichen.
ob also aus diesem Gen-Träger ein aggressiver Psychopath oder ein durchsetzungsfähiger Tigerdompteuer wird, ist also eine ganz andere Frage.
außerdem ist der Rückschluß, er sei aggressiv, WEIL er gemordet hat, ein Zirkelschluß...
Und dabei sind die Erkenntnisse der Epigenetik noch gar nicht mit beachtet...
@Andrea..."und was hat das jetzt mit den/Deinen Genen zu tun?"
Nichts, ich lese gerne was in diesen Tagebuch geschrieben wird und manchmal kommentiere ich auch einiges. Diesmal wollte ich nur ein wenig Dampf ablassen wie bereits zweimal erwähnt.
Eigentlich geht die Diskussion in zwei Richtungen nämlich einmal in Richtung Aggression, Gewaltanwendung, Tod etc. was die Haftung und ihre Absicherung beinhalten und zweitens in Richtung Gut und Böse. Zur ersten: das befürchtet ja jeder mit normalen/gesunden Menschenverstand nämlich, dass ihn die Gene untersucht und gespeichert werden und falls sie "Aggressionen aufweisen" (salopp gesagt) derjenige von keine Versicherung aufgenommen wird. Zur zweiten: es ist bekannt, dass in jedem Lebewesen, in jederzeit Millionen von Zellen Sterben. Sie sterben aber nicht so weil sie gerade Lust dazu haben, sondern sie Sterben durch Apoptose = ignorieren = programmierter Zelltod; anders gesagt sie trocknen aus und irgendwann, wenn sie nicht mehr Lebendig aussehen, werden sie von der Immunabwehr beseitigt. Von der Sicht dieser Zellen aus ist das etwas Böses. Von der Sicht der Lebensgemeinschaft (in der sie leben=unser Körper z. B.) ist das aber Gut, denn wenn diese Zellen nicht sterben würden, dann würde die Gemeinschaft Sterben.
Webbaer·
21.11.09 · 17:23 Uhr
Es muss halt ein wenig heruntergebrochen werden. Webbaer auch aggressiv. Und, hmm, müsste so ein Gen nicht strafverschärfend wirken? Oder wäre das diskrimierend? Die vermutlich angestrebte Resozialisation dürfte jedenfalls schwerer fallen... Nicht fehlen darf natürlich der Hinweis, dass die Erfassung der Gene nur sehr bedingt mit dem Verstehen derselben zusammenläuft.