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Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

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12.08.09 · 07:54 Uhr

Der mündige Patient

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 5

Wir hätten ihn ja gerne, den mündigen Patienten, und bekommen ihn nicht, wie jetzt erneut bewiesen worden zu sein scheint, und zwar durch eine Studie des seit ein paar Monaten existierenden "Harding Center for Risk Literacy" (FAZ vom 12.8.09, S. N1). Wenn ich das modische "risk literacy" lese, werde ich schon skeptisch, und bei der Fragestelltung erst recht. Das wurde viel Geld und Zeit investiert, um herauszufinden, ob wir Patienten kompetent sind, den Nutzen von Krebsvorsorgeuntersuchungen einschätzenzu können. Herausgekommen ist, daß wir das nicht sind. Wir überschätzen den Nutzen offenbar - ohne daß die Autoren der Studie erklären, warum dann so wenig zur Vorsorge gehen. Am Ende aller Zahlen empfehlen die Herren der "risk literacy", wir sollten endlich ein entspannteres Verhältnis im Umgang mit Unsicherheiten entwicken." Ja, schon, gerne, aber dadurch werde ich kein mündiger Patient. Dazu muss ich erst einmal krank sein. Und dann nützt alle Vorsorgestatistik nichts. Wer über den mündigen Patienten redet, sollte erst einmal eine bündige Studie zustande bringen.

 

Autor: Ernst Peter Fischer· 5 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Kommentare (5)

Kommentar-Direktlink radicchio· 12.08.09 · 18:24 Uhr

»Wir überschätzen den Nutzen offenbar - ohne daß die Autoren der Studie erklären, warum dann so wenig zur Vorsorge gehen.«

WIR sicher nicht. ich möchte mich in diese sache nicht in geiselhaft nehmen lassen mit leuten, die zwischen relativen und absoluten werten nicht unterscheiden können.

warum so wenige zur vorsorge gehen? (wie »wenige« sinds denn eigenlich?) das hat mit dem (fälschlicherweise) erwarteten nutzen nicht viel zu tun. es rauchen ja auch millionen menschen, obwohl sie wissen, dass es schädlich ist.

ich glaube übrigens nicht, dass die autoren der studie zum ziel hatten, ein »warum« zu erklären. es ging doch wohl eindeutig um das verständnis von prozentangaben.

Kommentar-Direktlink Microfilosof· 12.08.09 · 22:10 Uhr

Weil wir sowieso alle unsterblich sind, zumindest bis 50 oder 60, ist die Vorsorge eine Sache des Hausarztes; "prügelt“ der uns dahin tun wir es, wenn nicht ist es sowieso zu spät! Aber Spaß bei Seite, ich bin überzeugt, dass nur der Hausarzt oder schockierende Beispiele aus der näheren Umgebung unser Verhalten ändern können. Also kann nicht über eine innen kommende, sondern eher von einer gelenkten Mündigkeit gesprochen werden.

Kommentar-Direktlink Henning· 12.08.09 · 23:11 Uhr

Bei Plazeboalarm war neulich auch mal was in die Richtung:
http://www.scienceblogs.de/plazeboalarm/2009/04/wir-statistiklegastheniker.php

Also ich kenne den FAZ-Artikel und die offenbar dort beschriebene Studie nicht - aber ich kann mir erst mal kaum vorstellen, dass die Studie nicht "bündig" sein soll.
In dem bei Plazeboalarm verlinkten Artikel von G. Gigerenzer wird offensichtlich, dass nicht nur wir - sondern (viel schlimmer!!!) oft auch unsere Ärzte unmündig sind, was die Interpretation von Chancen und Risiken einer Therapie - oder nur die Interpretation von Untersuchungsergebnissen angeht...

Diese Mündigkeit - oder um den Begriff hier zu bemühen "risk literacy" - täte uns daher durchaus gut, um dann - FALLS wir zum Patienten werden - ein wörtchen mitreden zu können, bzw. die richtigen Fragen zu stellen, bevor wir uns unters Messer legen...

@Microfilosof
Ich glaube Du interpretierst hier die "Mündigkeit" falsch - es geht hier keineswegs darum, dass zu wenige Menschen zu Vorsorgeuntersuchungen gehen - oder gar dass sie das tun sollten... eher im Gegenteil!
Das beste Beispiel ist mein rauchender, Lotto-spielender Kollege, der beim Rauchen denkt: Krebs? Chance 1:1000 - wird schon nicht mich treffen... und beim Tippschein ausfüllen: Lotto-Millionär? Chance 1:14000000 - vielleicht trifft's schon morgen mich!!!

Wie gesagt - die Mündigkeit, mit Risiko-Wahrscheinlichkeiten umzugehen sollten wir im eigenen Interesse erwerben - noch bevor wir zum Patienten werden....
Und eine gewisse "Wurschtigkeit" gegenüber einigen manchmal überzeichneten Risiken ist sicherlich auch nicht verkehrt. Wer will denn schon ewig leben???
Oder wie Erich Kästner es einmal ausgedrückt hat: "Leben ist immer lebensgefährlich!"

Kommentar-Direktlink Webbär· 13.08.09 · 11:54 Uhr

... ob wir Patienten kompetent sind, den Nutzen von Krebsvorsorgeuntersuchungen einschätzenzu können. Herausgekommen ist, daß wir das nicht sind. Wir überschätzen den Nutzen offenbar - ohne daß die Autoren der Studie erklären, warum dann so wenig zur Vorsorge gehen.

Das passt schon zusammen, der Patient ist inkompetent und geht nicht zu Voruntersuchungen.

Ein Ausbau der Voruntersuchungen würde vielleicht dem einen oder anderen ein paar Lebensjahre mehr bringen (wir sind jetzt schon über 80, und da sind die Fürhableber mit eingerechnet), aber das macht - wenn wir ehrlich sind - den Braten nicht mehr fett.

Kommentar-Direktlink radicchio· 13.08.09 · 15:41 Uhr

übrigens reden wir nicht von vorsorge, sondern von früherkennung.

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