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Profil

Ernst Peter Fischer studierte Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology in Pasadena, USA. Im Jahr 1987 habilitierte er in Wissenschaftsgeschichte. Heute ist er Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Universität in Konstanz. Als Autor zahlreicher Bücher wie Einstein für die Westentasche (2005) oder Die Andere Bildung (2003) will er Wissenschaft spannend für jederman präsentieren. Als Wissenschaftsautor schreibt er für die Zeitschriften GEO, Bild der Wissenschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Kommentare
08. Februar 2012

Platte Psychologie

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 9

In der Ausgabe von NEW SCIENTIST vom 28. Januar 2012 wird der "Präsident der internationalen Gesellschaft für die Psychologie der Wissenschaft", Professor Greg Feist, über seine Tätigkeit und die Ergebnisse seiner Forschungen befragt (Seite 29). Zu den wahrlich bemerkenswerten Äußerungen, die er dabei macht, zählt in meinen Augen die Feststellung, daß wissenschaftliche Gedanken nicht unbedingt mit einer Geistesstörung (mental disorder) einhergehen. Anschließend erklärt Professor Feist seinen Lesern, daß die Wissenschaft dadurch charakterisiert ist, daß sie mit ihren Methoden versucht, sich auf wiederholbare Versuche und systematische Beobachtungen zu beschränken, um möglichst wenig mit subjektiven Elementen zu tun zu haben. Spätestens an dieser Stelle fragt man sich, ob Greg Feist weiß, womit er zu tun hat. Die Wissenschaft hat vor mehr als 100 Jahren entdeckt, wie sehr subjektiv ihr Vorgehen ist. Wissenschaftliche Einsichten sind spätestens seit Albert Einstein freie Erfindungen des menschlichen Geistes, und die Geschichte kennt viele "Oddballs", die dazu beitragen konnten, weil man sie gelassen und ihre Verrücktheiten akzeptiert hat. Die Erfinder der Quantenmechanik haben davon gesprochen, daß das, was sie machen, zwar Wahnsinn sei, aber immerhin Methode habe. Hier gäbe es etwas für die Psychologie zu tun, die sich auch um Fragen der Art kümmern sollte, warum es zum einen heute immer noch haßerfüllte Gegner der Theorien von Einstein gibt und warum es zum zweiten selbst den Anhägern Einsteins immer noch so unglaublich schwer fällt, zu verstehen, was der Meister gefunden hat. Ich vermute, daß Psychologen damit überfordert sind. Was Feist erkundet, bleibt belanglos.


Autor: Ernst Peter Fischer· 08.02.12 · 10:11 Uhr· 9 Kommentare

02. Februar 2012

Provokation

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 12

In der Ausgabe von NATURE vom 26.1.2012 stellen zwei führende amerikanische Krebsforscher, Harold Varmus und Ed Harlow, "Provokative Fragen zur Krebsforschung" vor, und sie scheinen es tatsächlich in sich zu haben. Ich bin kein Kenner der Krebsforschung und höchstens ab und zu überrascht, wenn es wieder heißt, daß man in den letzten Jahren mehr gelernt hat als in den Jahrzehnten zuvor. An solchen Behauptungen herrscht kein Mangel, während etwa die Zahl der Patientinnen mit Brustkrebs steigt und steigt.
Nun also vier provokante Fragen, die ich hier in aller Kürze zusammenstelle. 1. Wie wirken erfolgreiche Medikamente gegen Krebsbildung? (Offenbar untersucht dies niemand, und man ist zufrieden mit der Wirkung selbst). 2. Offenbar werden einige Krebszellen resistent gegen Chemotherapien, was die Frage aufwirft, ob bei der Behandlung nicht eine Selektion im Sinne von Darwin durchgeführt wird, die selbstverständlich resistente Tumozellen entstehen lässt. (Offenbar haben Krebsforscher die Bedingungen der Evolution übersehen.) 3. Wie trägt Fettsucht zur Entwicklung von Tumoren bei? (Offenbar geht niemand diesem Zusammenhang nach, den Epidemiologen erkannt und etabliert haben.) 4. Was hat Krebs mit dem Alter zu tun? Warum bekommen Tiere mit kurzen Lebensspannen mehr Krebs als Tiere, die uralt werden?
Die Liste der provokativen Fragen soll verlängert werden, und die Krebsforschung hat noch viel zu tun, wie versichert wird. Das Gefühl der Hilflosigkeit nimmt bei mir totzdem massiv zu.


Autor: Ernst Peter Fischer· 02.02.12 · 11:53 Uhr· 12 Kommentare

31. Januar 2012

Im Halbschlaf

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 10

Ich muss schon wieder um Verständnis bitten, zum einen, weil ich erneut eine Pause gemacht habe, und zum zweiten, weil ich jetzt wieder von mir selbst rede. Der Grund liegt in meinem Aufenthalt in einem Heidelberger Schlaflabor, in dem ich eine erste Nacht mit vielen Kabeln und dann eine zweite Nacht mit gleich vielen Kabeln und einer Schlafmaske verbracht habe. Die Aufzeichnungen der ersten Nacht haben vor allem gezeigt, daß ich durch zahlreiche Apnoen und Arousals (Atemstillstände und kurzfristigem Erwachen, das man nicht bemerkt) mehr nicht schlafe als schlafe, und die Maske der zweiten Nacht hat das korrigiert und die Zahl der genannten Schlafstörungauf NULL gesenkt. Seitdem schlafe ich erstens mit einer Maske und zweitens offenbar gut. Ich habe morgens ein Gefühl, das man wohl "ausgeschlafen" nennt, das aber mit den entsprechenden Gefühlen, die mir davor heimgesucht haben, wenig zu tun hat. Mit anderen Worten, ich habe seit Jahrzehnten nicht so geschlafen, wie das ein Körper braucht, und jetzt bin ich verwirrt. Habe ich da etwa verpasst oder nur verpatzt? Wie hat mein Hirn das alles überleben können? Hat es überhaupt intakt überlebt? Wie kann ich das wissen? "Ich bin mein Erinnern", heißt es bei einem Kirchenvater. Aber was ist in den Nächten aus diesem Ich geworden? Ich erlebe jetzt die Tage auch anders. Mein zweites Leben kommt in Gang. Mal sehen, was so mit ihm kommt. Ich muss bei aller Aufregung ans Schlafen denken.


Autor: Ernst Peter Fischer· 31.01.12 · 17:56 Uhr· 10 Kommentare

23. Januar 2012

Herz und Hirn

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 43

In ihrer online Ausgabe vom 23.01.12 berichtet die SÜDDEUTSCHE über das Problem, die Evolutionstheorie zu vermitteln und zu verstehen ("Mit Bauchgefühl gegen die Evolutionstheorie"). Wie nicht anders zu erwarten, trifft die Idee weit daneben, daß Menschen Darwins Gedanken akzeptieren, wenn sie nur verstehen, was damit gemeint ist und wie er wirksam wird. Akzeptanz hat mehr mit Intuition und damit zu tun, daß sich in einer Person das Gefühl einstellt, das Gehörte sei wohl so und auf diese Weise auch zufriedenstellend.
Das Problem ist nicht neu und zum Beispiel von den großen Physiker Werner Heisenberg in seiner Autobiographie "Der Teil und das Ganze" von 1969 angesprochen worden, als er sich fragte, ob er Einsteins Relativitätstheorie wirklich versteht. Natürlich hat Heisenberg keine Probleme, mit seinem Hirn das mathematische Gerüst aufzustellen und damit alle Experimente zu erklären, aber das ändert - so sagt er - nichts an der Tatsache, daß sich sein Herz irgendwie betrogen fühlt, wenn es von der Relativität von Raum und Zeit und all den anderen wahren Unbegreiflichkeiten aus Einsteins Theorien hört oder liest. Tatsächlich - große Ideen der Naturwissenschaft überzeugen die Menschen nicht durch korrekte Prognosen über Experimente, sondern durch ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Ich denke, daß die Vermittlung der Wissenschaft noch einmal ganz von vorne beginnen muss. Grinsende Moderatoren, die nachplappern, was Redakteure irgendwo abgeschrieben haben und ihnen hinlegen, versperren zusätzlich den Weg zu einem Public Understanding of Science. Bei ihnen sagt einem das Gefühl nämlich sofort, daß sie keine Ahnung haben - wie man selbst. Zurück auf Los, ohne dafür etwas einzustecken.


Autor: Ernst Peter Fischer· 23.01.12 · 18:35 Uhr· 43 Kommentare

19. Januar 2012

Mein zweites Leben - langsam

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 8

Ich habe gestern knapp geschildert, wieso ich von einem zweiten Leben sprechen kann, das mir geschenkt worden ist und das ich führen darf, und dieses zweite Leben kann im Vergleich zu meinem ersten nur entschleunigt vonstatten gehen. "Du musst dein Leben ändern", wie Rainer Maria Rilke im Anblick eines großen Kunstwerks erfahren hat, wie aber auch anders entschieden werden kann. Ich muss mein Leben ganz konkret ändern, und ich habe mir fest vorgenommen, vieles langsamer zu machen und mehr Rücksichten zu nehmen. Das heißt in diesem Rahmen auch, daß ich mir vorgenommen habe, die Kommentare zu meinen Einlassungen zu lesen, und ich möchte an dieser Stelle betonen, wie sehr mich die freundlichen Aufmunterungen zu meiner gestrigen Ankündigung gefreut haben. Wirklich gefreut. Es ist schön, von Lesern zu lesen. Danke euch allen.


Autor: Ernst Peter Fischer· 19.01.12 · 14:43 Uhr· 8 Kommentare

18. Januar 2012

Mein zweites Leben

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 19

Wie mir der Computer mitteilt, habe ich meinen letzten Blog am 14.09.2011 geschrieben. Eine Woche später, am 21.09.2011, ist meine Aorta in fast voller Länge gerissen, was eine Notoperation nötig machte, die ich gegen jede medizinische Prognose überlebt habe - wenn auch etwas ramponiert. Nach mühevollen Wochen auf Intensivstationen und in Reha-Kliniken lerne ich jetzt langsam wieder, mein zweites mir geschenktes Leben ganz normal zu führen, was heisst, daß ich noch viele lästige Behinderungen spüre, über die ich aber nicht klagen will und bei denen man auf Besserung hoffen kann. Ich kann heute meinen ersten Geburtstag in meinem zweiten Leben feiern. Es ist der 65ste, und ich nehme diesen Übertritt ins Rentenalter zum Anlass, wieder mit der Arbeit zu beginnen. Mal sehen, was kommt. Ich grüße alle Leser und wünsche ihnen die Gesundheit, die sie brauchen. Ich weiß dabei, wovon ich spreche.


Autor: Ernst Peter Fischer· 18.01.12 · 13:55 Uhr· 19 Kommentare

14. September 2011

Der Tod des Kybernetikers

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 4

Valentin Braitenberg ist am 11.9.11 im Alter von 85 Jahren gestorben, und es wird hier behauptet, daß mit ihm auch ein groß gemeinter wissenschaftlicher Ansatz von uns geht. Der aus Südtirol stammende Braitenberg war Direktor am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik, und wenn sich viele auch nicht mehr daran erinnern, aber mit der Kybernetik ist eine nach dem Zweiten Weltkrieg hoch in Ansehen stehende Disziplin gemeint, die Steuervorgänge in Mensch und Maschine untersuchen und nutzen wollte. Der Grundgedanke und das Wort stammen aus dem 19. Jahrhundert, und durchgesetzt hat sich die Idee über Raketen, die über Rückmeldungen besser ins Ziel finden, und Thermostaten, die für eine gewünschte Raumtemperatur sorgen, die sie registrieren. Kybernetiker versuchten dann zum Beispiel die Funktionsweisen von Gehirnen zu erfassen, ohne primär auf die konkreten Mechanismen zu achten, die Zellen und Synapsen ausmachen und einsetzen, wenn sie operieren. So konnte man tatsächlich perfekt simulieren, was alles berechnet und erfasst werden muss, damit eine Fliege hinter einer anderen Fliege herflliegen kann. Kybernetiker zogen in der Überzeugung ins Feld der Forschung, zuletzt alles wie ein Kybernos, ein Steuermann, steuern zu können. Sie haben es zudem geschafft, Worte in die Populärkultur einzuschleusen - die Black Box und der Feedback zum Beispiel -, aber irgendwann geriet der Ansatz ins Stocken, und das Völkchen der Kybernetiker wurde bescheidener. Heute will man in Tübingen nichts mehr steuern, sondern erst einmal verstehen, wie ein Gehirn es überhaupt schafft, aus den vielen Informationen der Sinne das eine Bild eines Gegenstandes zu erschaffen, das wir im Kopf haben. Das wollte schon Aristoteles. Braitenberg hat das sicher gewusst. Schade, daß er uns nicht mehr "Das Bild der Welt im Kopf" schildern kann, wie er es sah. Wir können es aber noch lesen. Sein Buch klingt wie ein schönes Versprechen, und darauf lassen wir uns gerne ein.


Autor: Ernst Peter Fischer· 14.09.11 · 16:47 Uhr· 4 Kommentare

22. August 2011

"Glaube oder Gene?"

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 21

"Glaube ode Gene?" a) Wo findet sich eine solche Überschrift? In einem Text aus dem Vatikan zu Frage der Menschwerdung? b) In einem Beitrag der FAZ zur Frage nach dem, was den klugen Kopf ihrer Leser ausmacht? c) In einem Buch über den Überlebenswillen von Menschen in extremen Katastrophensituationen? d) Oder in einer Lokalzeitung, die von einem Fußballspiel berichtet, das die Ortsmannschaft auswärts gewonnen hat?

Die richtige Antwort lautet d) - es handelt sich um die Rhein-Neckar-Zeitung, die das Spiel von Hoffenheim 1899 beim FC Augsburg am 22.8.11 unter der Überschrift "Glaube oder Gene?" beschreibt und dabei unentwegt den lieben Gott bemüht, der offenbar den einen oder anderen Ball an den Pfosten oder ins Tor gelenkt hat. Die Gene können dies auf keinen Fall bewerkstelligt haben, da sie keine Füße haben und zu klein sind. Dann also nicht eines Menschen niedere Gene, sondern Gottes höhere Gerechtigkeit, die den Sieg des Geldes garantiert, was einen zwar wundern kann, was aber noch übertroffen wird durch den Ernst des Berichtes. Der Zeitung und ihrem Berichterstatter scheint die Alternative tatsächlich relevant, um ein Fußballspiel erfassen zu können, was die Frage mit sich bringt, ob man sich darüber freuen soll oder ärgern muss.

Das heißt, diese Frage stellt sich einem Zuschauer. Den Verantwortlichen in den Vereinen stellt sich die Frage, wen sie leichter finanzieren können, die Gene oder den Glauben. Ich würde auf den Glauben tippen. Vielleicht kennt man in Rom den Preis.


Autor: Ernst Peter Fischer· 22.08.11 · 14:19 Uhr· 21 Kommentare

16. August 2011

Die größte Gefahr

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 6

Ich bin gebeten worden, über Gefahren in der Wissenschaft für Forscher zu schreiben. Beispiele aus Vergangenheit sind bekannt - frühe "Elektriker", die ihr Leben durch Blitze verloren, Newton, der sich mit Quecksilber vergiftete, Chemiker, die Augen verloren haben, Marie Curie, die an einer strahlenbedingten Anämie gestorben ist, und leider einige Beispiele mehr. Und wie sieht es heute in den Laboratorien aus?
Die Antwort der verantwortlichen Experten fällt eindeutig aus - die größte Gefahr droht einem Wissenschaftler, bevor er sein Labor betritt oder nachdem er es verlassen hat. Mit anderen Worten, es ist der Weg von und zur Arbeit, der gefährlich ist. Nicht die Arbeit selbst.
Ist die Wissenschaft damit - abgesehen von Murphys Law - ungefährlich? Als Antwort zitiere ich einen Spruch, den ich neulich in einem Physikgebäude gelesen habe: "Vorsicht, Physik könnte ihren gesunden Menschenverstand beleidigen." Der Gefahr müssen wir uns wohl weiter aussetzen.


Autor: Ernst Peter Fischer· 16.08.11 · 15:42 Uhr· 6 Kommentare

Metaphern

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 11

Es gehört zu den irrigen Grundannahmen von Wissenschaftlern, selbst beim Sprechen noch objektiv zu sein und die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind. Wir sehen sie, wie wir sind, nämlich durch die Worte und Begriffe, die uns gefallen und zusagen.
Wenn das Immunsystem arbeitet, dann findet doch nur deshalb ein Krieg im Körper statt, weil die Biologen und Mediziner, die als erste von dem Körperschutz Kenntnis bekommen haben, die Sprechweise der damals im 19. Jahrhundert geführten Nationalkriege übernommen haben. Wenn heute das Immunsystem ohne Vorkenntnis erkundet würde, machten wahrscheinlich ökologische Metaphern die Runde, die davon erzählten, daß sich die Zellen und Moleküle um ein Gleichgewicht oder ein Miteinander bemühten.
In diesen Tagen erscheint das Buch von Brendon Larson, das über "Metaphors for Environmental Sustainability" berichtet (Yale University Press, 2011) . Wir brauchen tatsächlich bessere Metaphern, um die Notwendigkeit der Nachhaltigkeit erklären zu können. Hoffentlich hilft mir das Buch, sie zu finden.


Autor: Ernst Peter Fischer· 16.08.11 · 15:27 Uhr· 11 Kommentare

10. August 2011

Irrational

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 6

Ich weiß, es gibt Schlimmeres - die Unruhen in London öffentlich gesehen und der Beinbruch meiner Frau im privaten Bereich -, aber trotzdem ärgert mich die unverdrossen zur Schau gestellte Dummheit von Wissenschaftstheoretikern, die meinen, Rationalität sei das Maß aller Wissenschaft. In diesen Tagen (10.8.11, S. N4) berichtet die FAZ von einer rationalen Kritik an einer rationalen Theorie und meint damit, etwas über den Verlauf von Wissenschaft gesagt zu haben. Warum nehmen die rationalen Wissenschaftstheoretiker nicht endlich einmal zur Kenntnis, daß die Praxis höchst irrational ist. Man findet dies in zahlreichen Texten von Einstein, Pauli, Planck, Maxwell, Heisenberg und vielen anderen. Da wird mit einer spezifischen Kristallstruktur als Mandala meditiert, da werden Träume gedeutet und archetypische Gegebenheiten beachtet, da werden freie Erfindungen aus ästhetischen Quellen gemacht, da werden innere Stimmen zitert, die Formel flüstern, und die Wissenschaftstheoretiker nehmen das alles nicht zur Kenntnis und trompeten ihre rationale Bedürftigkeit weiter in die Welt hinaus. Das sollte niemanden mehr interessieren, wie zum Beispiel Wolfgang Pauli bereits in den 1950er Jahren geschrieben hat, der auf die irrationalen Quellen von Weltbildern eindringlich verwiesen hat (wie man in meinem Büchlein über ihn - Brücken zum Kosmos - nachlesen kann). Es ist eben so, Erkenntnistheoretiker haben so viele Erkenntnisse wie der Papst Sex. Der redet wenigstens nicht so viel darüber, oder wenn, dann nur behutsam.


Autor: Ernst Peter Fischer· 10.08.11 · 10:37 Uhr· 6 Kommentare

19. Juli 2011

Wieder am Anfang

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 64

Der als Wissenschaftler zu Millionen gekommene Atheist Harry Lonsdale aus Oregon hat ein Preisgeld von $ 50.000 gestiftet für den Nachweis, daß der Ursprung des Lebens vollständig durch physikalische und chemische Prozesse und ohne Anrufung eines Schöpfergottes erklärt werden kann. (Übrigens - warum heißt es nicht "durch physische und chemikalische Prozesse"?) Über den Preis informiert eine Meldung, die in dem amerikanischen Fachblatt Science in diesen Tagen zu lesen ist (Band 333, Ausgabe vom 8.7.2011, Seite 141 und http://scim.ag/Lonsdale_prize). Es geht um die ganze Geschichte von den Anfängen des Lebens - "how life first arose" - bis zum heutigen Ende des Lebens mit seinem genetischen Material und dem Stoffwechsel. Wer das wörtlich nimmt, soll also - in Gedanken - Leben entstehen lassen, das zunächst anders ist als das Leben, das wir heute kennen, in dem es aber schon die Chemie gibt, die wir heute nutzen. EIne merkwürdige Aufgabe, die nicht leichter wird durch die Feststellung, daß zwar niemand bezweifelt, daß sich in den Zellen des modernen Lebens sämtliche Abläufe an die Gesetze von Physik und Chemie halten, daß man dadurch aber das Leben nicht erklärt hat. In den 1920er Jahren haben Biologen wie John Haldane schon ihrer Zunft den Vorschlag gemacht, sich von den anderen Wissenschaft abzuheben und das "Leben als fundamentales Axiom der Biologie" anzusehen, als etwas, das einfach da ist und von dessen Existenz wir ausgehen können. Haldane hätte keine Chance, den Lonsdale Preis zu gewinnen. Aber er hat die Chance, mit seinen Texten Ruhm zu ernten und länger zu überleben als die Vorschläge, die demnächst Geld bekommen.


Autor: Ernst Peter Fischer· 19.07.11 · 13:09 Uhr· 64 Kommentare

14. Juli 2011

Bücher und Rezensionen

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften

Unter Leuten, die Bücher rezensieren, kursiert der Spruch, daß die Lektüre des Buches nicht schadet, das man besprechen soll. Natürlich kann ein Rezensent auch anders einen Autor mißverstehen, und das bringt demjenigen Probleme, der die Lektüre eines Buches vortäuscht, während er nur eine Rezension gelesen hat. Dies hat der Autor dieser Zeilen fertig gebracht, der in seinen Anmerkungen zu einer atomistischen Moral behauptet hat, der Autor der Buches "Moralische Integrität", Hans Bernard Schmid, habe diesen Ausdruck benutzt. Dies war nur ein Rezensent, wie ich jetzt nach der Lektüre des genannten Buches feststellen muss, was peinlich ist und wofür ich alle, die betroffen sind oder sich so fühlen, um Nachsicht und Entschuldigung bitte. Schmid benutzt das Wort von der "atomistischen Moral" gerade nicht, und er verwendet "integer" nur für Personen und nicht für das von ihm kritisierte Milgram-Experiment, wie es mein Beitrag suggeriert. "Es gibt nicht Gutes, außer man tut es", so dichtet Erich Kästner unter der Überschrift "Moral". Mehr kann ich in dieser Sache nicht tun.
Vielleicht doch - Schmid geht es darum, die Moral von Einzelnen in einer Gemeinschaft zu erkunden. Individuelle Moral könnte dann vielleicht sogar tatsächlich atomistisch genannt werden, wenn man den neuen Atombegriff aus der Physik zugrunde legt, in der Atome als verschränkte (kontextuellen) Gebilden angesehen werden, deren Existenz erst durch Wechselwirkung zustande kommt. Aber vielleicht sollte ich es lassen, von Atomen und Menschen zugleich zu sprechen.


Autor: Ernst Peter Fischer· 14.07.11 · 10:56 Uhr· 0 Kommentare

Physik mit Cola Dosen

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 6

"Blechdosen überwinden Naturgesetz" - wie spektrumdirekt am 13.7.2011 meldet (www.wissenschaft-online.de/artikel/1116336). Es geht genauer um ein Quadrat aus 49 Cola Dosen, mit denen "Schallwellen stärker gebündelt" werden konnten, "als dies wegen der so genannten Beugungsgrenze normalerweise möglich ist".
Ein schönes Experiment, das Geoffrey Lerosey und seinem Team am Institut Langevin in Paris gelungen ist und in denen "evaneszente" Wellen ihre Wirkung zeigen, die von der Lehrmeinung nicht unbedingt vorgesehen sind. Wie gesagt, ein schönes Experiment, aber es gibt halt kein Gesetz, daß es verbietet, ein Naturgesetz zu verletzen, und die Tatsache, daß etwas außerhalb der Naturgesetze stattfindet, bedeutet nicht, daß das irgendeine Magie oder höhere Ordnungen im Spiel sind. Es gilt einfach zu verstehen, daß Naturgesetze Erfindungen von Menschen sind. Wir finden die Gesetze nicht in der Natur, wie Immanuel Kant geschrieben, wie schreiben sie ihr vor. Und dabei kann es passieren, daß wir zu wenig ausholen und einfangen. Darin besteht doch Wissenschaft, die Naturgesetze zu überwinden. Schön, daß es mit Cola Dosen wieder einmal gelungen ist.


Autor: Ernst Peter Fischer· 14.07.11 · 10:34 Uhr· 6 Kommentare

03. Juli 2011

Atomistische Moral

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 5

In den 1960er Jahren hat es das berühmte Milgram-Experiment gegegen, das unter der Rubrik "Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritäten" zu finden ist und zeigt, daß Menschen dazu verführt werden können, böse zu handeln. Seitdem weiß man, wo sich Wärter für Konzentrationslager finden lassen - überall. Man weiß das vor allem, nachdem das Experiment vielfach mit dem gleichen Ergebnis wiederholt werden konnte.
Nun gibt es eine Kritik des Konstrukts, nämlich in dem Buch "Moralische Integrität" von Hans Bernhard Schmid (Suhrkamp 2011), der den Spieß umdreht und erklärt, nicht den Versuchspersonen fehle es an moralischer Integrität, sondern das Experiment sei nicht integer.
In einem kleinen Text kann man so eine starke These kaum angreifen, selbst wenn sie auf schwachen Füßen steht. Mich stört vor allem, was dem Autor eine Herzensangelegenheit zu sein scheint, nämlich von atomistischen Annahmen und einer atomistischen Moral zu sprechen, die für Normalmenschen nichts bedeuten, da sie sich "in holistischen Strukturen" bewegen, was immer dass ein mag. Es gibt keine atomistische Moral, meint der Verfasser, und ich frage mich, wer das Gegenteil behauptet hat. Was soll das überhaupt sein, eine atomistische Moral?
Das ist ein mistiges Wort, das ohne Kenntnis von Atomen geprägt ist. Atome sind gerade nur als Kontext zu verstehen, wie die Physik spätestens seit Einstein weiß, auch wenn es manchen schwerfällt. Wer von Atomen spricht, sollte wissen, daß er sie herstellt. Eine atomistische Moral entsteht durch die Umstände - genau wie Milgram es gezeigt hat.


Autor: Ernst Peter Fischer· 03.07.11 · 08:46 Uhr· 5 Kommentare

30. Juni 2011

Kernschmelze

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 3

Der Banker und der Soziologe - Josef Ackermann und Ulrich Beck - sorgen sich um die Kernschmelze. Der Reiche - aus Frankfurt - meint, wenn die Staaten nicht weiter Geld in den Markt pumpen und die Banken von ihrem Riesengewinn nicht ein Bitzele zurüch reichen, gebe es eine Kernschmelze. Und der Denker - aus München oder so - meint, daß es die Atome selbst sind, die bei einer Kernschmelze dran glauben müssen - und nicht nur der Reaktor, von dem die Techniker sprechen.
Es ist offensichtlich - zwei gern gefragte und viel gehörte Herren reden metaphorisch über Dinge und verstehen weder die Sachlage noch die Bilder, die sie benutzen. Und trotzdem hört die Gesellschaft hin, zeigt das Zeug im Fernsehen, druckt es in Zeitungen für kluge Leser und sicher auch sonstwo.
Ich weiß jetzt, wo die Debatte über Bildung anfangen muss. Nicht unten in den Schulen, sondern oben in den Chefetagen undauf den Lehrstühlen. Wie wäre es mit einer simplen Klassenarbeit für Ackermann und Beck. Einfache Grundfragen des Lebens - zum Beispiel wie man Energie messen und speichern kann und wie man sicher weiß, daß Atome existieren und einen Kern haben. Ich wette, da hätte die Gesellschaft eine Menge Spaß, wenn sie das Abgegebene durchsieht.


Autor: Ernst Peter Fischer· 30.06.11 · 08:56 Uhr· 3 Kommentare

29. Juni 2011

Eine neue Welt

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 21

Ich möchte das ja gerne verstehen, "wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben und wie wir Kontrolle darüber zurückerlangen" können. Deshalb habe ich mir ja das Buch "Die Datenfresser" von Constanze Kurz und Frank Rieger gekauft, die beiden zum Chaos Computer Club gehören und in der FAZ schreiben. Was kann jetzt noch schief gehen, dachte ich. Lies das Buch und dann kennst du dich aus.
Denkste. Da wird offenbar eine neue Welt beschrieben, die sich mir entzieht. Ich lese und lese und verstehe nichts. Ein Beispiel: Die Autoren denken sich ein fiktives Jungunternehmen aus, das sie "MyBelovedPet.com" nennen und dessen Betreiber versuchen, die Marktführerschaft im Bereich der Haustier-Portale zu erringen.
Schon das verstehe ich nicht. Ich kann mir vorstellen, einen Laden für Tierfreunde zu gründen, aber ein Portal? Irgendetwas verschweigen die Autoren.
Dann geht es weiter, das heißt, es soll eine Nutzerprofilierung erstellt werden, deren technische Grundlage durch den Hinweis erläutert wird, daß es in einem ersten Schritt um die Verwendung kleiner Dateien im Browser des Plattform-Benutzers geht, die Cookies genannt werden.
An dieser Stelle verliere ich die Lust zu lesen. Wenn es so schwierig ist und keine einfache Sprache gibt, mir zu helfen, die Kontrolle über meine Daten zu bekommen, dann muss ich mich wohl vom Internet fern halten. Oder?
Oder ich halte mich an den Witz, in dem jemand sagt, "Ich habe von den Gefahren es Rauchens gelesen und dofort aufgehört - zu lesen".


Autor: Ernst Peter Fischer· 29.06.11 · 16:39 Uhr· 21 Kommentare

19. Juni 2011

Stuss aus Starnberg

Kategorie: Politik  ·  Kommentare: 19

Es geht doch. Die FAZ, die sonst jeden Huster von Jürgen Haberman als bedeutenden Beitrag zum Verständnis des Abendlandes bewertet, hat sich erlaubt, das Gestammel des Philosophen aus Starnberg - wo die Schönen und Reichen wohnen - einmal zu kritisieren (FAZ vom 18.6.2011, S. 35). Vor vollem Auditorium Maximum hat JH in Berlin eine "europäische staatsbürgerliche Solidarität", eine "Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse" gefordert, und er hat kritisiert, daß Dinge hinter verschlossenen Türen entschieden werden. Also: Alle sollen am Starnberger See wohnen - im Garten des Philosophen am besten - und über Agrarfragen, Gentechnikeingaben, den Hindukusch, die Finanzkrise und mehr entscheiden. JH selbst hat zugegeben, von dem zuletzt genannten Thema nichts zu verstehen, was sofort die Unsinnigkeit des ganzen sich demokratisch gebenden Plans verdeutlicht. Blödsinn dieser Art stand und steht schon bei Friedrich Dürrenmatt, der jemanden in seinen "Physikern" sagen läßt, "Was alle angeht, müssen alle entscheiden." Nichts Neues also bei JH, außer daß er nicht bemerkt, was an dem Satz von FD fehlt. Er müsste heißen, "Was alle angeht, müssen alle verstehen, um darüber entscheiden zu können." JH hätte also einen Beitrag zur Lage liefern können, wenn er erklärend über Kernkraft, Energie und dergleichen Wissenschaftliches geredet hätte. Dann wären aber die Zuhörer weg geblieben und das Audimax leer. Das ist unser Problem - neben dem hilf- und nutzlosen Stuss aus Starnberg. Wir wollen entscheiden, ohne die Mühe des Verstehens auf uns zu nehmen. Wir wollen verändern, ohne zu verstehen. Dieses Übel hat bereits Marx propagiert. Wir müssen es nicht erneut als der Weisheit letzten Schluss vorgesetzt bekommen.


Autor: Ernst Peter Fischer· 19.06.11 · 18:18 Uhr· 19 Kommentare

17. Juni 2011

April im Sommer

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 6

Irgendwie ist es zu schwül für April, aber was heute (17.6.11) im Netz steht, klingt nach einem Aprilscherz der besonderen Art. Die Nachricht handelt von Craig Venter, dem Genmaverick, der der US-amerikanischen Defense Advanced Research Project Agency DARPA vorgeschlagen hat, "fragmented human genomes" in Richtung der Sterne zu schicken, wo sie "upon arrival" rekonstruiert werden könnten, was zu der ersten interstellaren Ziviligesellschaft führen könnte.
Venter ist ja nur nett. Er will den neuen Sternenbürgern die Probleme abnehmen, die mit den großen Entfernungen im Kosmos und damit mit den langen Reisezeiten auftauchen. Es dauert eben Jahrzehnte wenn nicht Jahrhunderte, um Lichtjahre mit normaler Geschwindigkeit zu überwinden, aber der DNA machen solche Zeiträume sicher nichts aus. Wie Venter die Rekonstrukteure des Lebens ebenfalls dorthin bekommen will, erfahren wir aus der Meldung nicht. Aber das muss ihn nicht weiter bekümmern. Denn wenn seine Fragmente wo immer auch ankommen, wir er selbst längst über alle Berge sein. Man sieht erneut - alte Männer sind gefährlich, das sie keine Zukunft mehr haben.
Übrigens - wenn es eben "seine Fragmente" hieß, dann ist das so gemeint. Venter wird sicher dafür sorgen, daß die Fragmente seine eigene DNA enthalten. Alles andere spielt für ihn keine Rolle.


Autor: Ernst Peter Fischer· 17.06.11 · 18:37 Uhr· 6 Kommentare

09. Juni 2011

Offenbares Geheimnis

Kategorie: Kultur  ·  Kommentare: 4

Da habe ich ein ganzes Buch über Irrtümer und Legenden in der Wissenschaft geschrieben - WARUM SPINAT NUR POPEYE STARK MACHT - und den schönen Satz von Goethe übersehen, der in seinen Maximen (Nr. 551) zu finden ist. Goethe schreibt ihn. nachdem er sich mit den Bewegungen der Wissenschaft beschäftigt hat und es ihn nach einer Betrachtung drängt. Sie fällt kurz aus: "Eines nur sei hier ausgesprochen: daß wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht loswerden. Die Ursache hiervon ist ein offenbares Geheimnis." Immerhin ist irren menschlich, wie die WIssenschaft selbst. Und so menschelt es in ihr eben durchgängig und hartnäckig. Gut zu wissen.


Autor: Ernst Peter Fischer· 09.06.11 · 14:48 Uhr· 4 Kommentare

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