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23.11.11 · 12:51 Uhr
Viel hilft viel - Deutsche Wissenschaft im internationalen Vergleich
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Naturwissenschaften·Politik · Kommentare: 9
Vor ein paar Wochen habe ich eine Statistik zu Publikationszahlen genutzt und zu zeigen, welche Wissenschaftsdisziplinen in Deutschland über durchschnittlich gut (Astronomie, Physik) und unterdurchschnittlich schlecht publizieren (Sozialwissenschaften). Trotz der Erklärungsversuche in den Kommentaren sind die Gründe dafür immer noch nicht klar identifiziert.
Die Analyse geht weiter. Hier verwende ich andere Publikatioszahlen von Thomson Reuters für einen internationalen Vergleich der wissenschaftlichen Produktivität der letzten zehn Jahre. Die Analyse ist beschränkt auf die zwanzig Länder mit den meisten Publikationen, zusätzliche Daten wären kostenpflichtig gewesen.
Abbildung 1 macht deutlich: Die USA liegen mit 2.97 Millionen Publikationen in den letzten 10 Jahren unangefochten and er Spitze des Rankings. Deutschland folgt hinter Japan auf Platz drei mit rund 763 000 publizierten Artikeln. Wie schon im letzten Blogpost geklärt: Es werden auch nationale Wissenschaftsmagazine in das Ranking mit einbezogen, aktuell also rund 750 deutschsprachige Journals. Die Summe der Publikationen der neun in der Top-zwanzig gelisteten EU-Staaten ist übrigens um 16% höher als die Anzahl der Papers aus den USA - die EU ist also ein kompetitiver Wissenschaftsraum. Klick auf die Abbildung öffnet das Diagramm grösser und in einem extra Fenster.
Eine Analyse der Publikationszahlen gewichtet nach der Einwohnerzahl der berücksichtigten Länder ergibt eine interessante Schlussfolgerung (Abbildung 2): Die durchschnittliche Anzahl der Zitierungen, die Publikationen eines Landes erfahren, also die Qualität der Papers, wenn man so möchte, korreliert deutlich (Pearson: 0.88) mit den nach Einwohnern gewichteten Publikationszahlen. Im direkten Vergleich mit den USA (grüner Punkt) schneidet Deutschland (roter Punkt) hier trotzdem schlechter ab. Bei etwa gleichem relativen wissenschaftlichen Output (9.3 und 9.5 Papers pro 1000 Einwohner über die letzten 10 Jahre) werden Papers aus den USA im Durchschnitt 20% häufiger zitiert. Die Schweiz ist hier übrigens in beiden Sparten weltweit Spitzenreiter.
Viel hilft also viel, oder wenn ein Staat einen hohen wissenschaftlichen Output hat steigt gleichermassen der Impact der Veröffentlichungen. Warum diese Korrelation zwischen Quantität und Qualität besteht kann hier gerne diskutiert werden. Klar ist jedoch: Der Staat kann also bei Investitionen in Wissenschaft und Forschung eigentlich gar nichts falsch machen.
Die Originaldaten sind hier online und hier als google Spreadsheet inklusive der Bevölkerungszahlen (von Wikipedia) zugänglich.
Autor: WeiterGen· 9 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (9)
Sehr interessanter Beitrag! Danke.
Der Staat kann mit Investitionen in Wissenschaft und Forschung nichts falsch machen? Gut, nehmen wir an, daß der Output von Forschungseinrichtungen in Form von Veröffentlichung einem hehren Ziel dient und der Staat eine zumindest hohe Priorität der Forschung einräumen sollte.
Dann indiziert ja zumindest der zweite Graph, daß keine 100%ige Korrelation zwischen Zahl und Qualität der Veröffentlichungen (gemessen in Zitierungen) liegt. Ich behaupte: Die Korrelation zwischen GDP pro Kopf und Zitierungen pro Paper ist ebenfalls nicht 1, sondern 0.74 (Pearscher Korrelationskoeffizient für die ersten zehn Länder - nach http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_GDP_%28PPP%29_per_capita , die Weltbankdatenreihe - für mehr war ich zu faul) Nun gut, dass sagt nicht aus, wieviel tatsächlich in die Forschung gesteckt wird - und das ist die eigentlich interessante Frage - aber ich halte es mal für ein Indiz dafür, daß zumindest einige Staaten bei der Forschungsförderung nicht so gut machen wie andere. Oder anders gesagt: Damit die Gießkanne hilft, braucht es auch die richtige Struktur - womit wir bei einem leidigerem Thema wären ;-).
CM,
danke, habe eben die PPP der Worldbank-Reihe in das Google Spreadsheet nachgetragen.
0.85 Korrelation von Papers pro 1000 Einwohner mit gewichtetem GDP
0.91 Korrelation von Durchschnittlichem Impact mit gewichtetem GDP
Hm, OK, da war ich zu vorschnell und die Zahlen bestätigen Deine These. Alldieweil der Umstand, daß nicht nur China (was mir wohl bei den ersten 10 Ländern die Korrelation nach unten zog), sondern auch andere Lände abweichen, schon vermuten läßt, daß sie, die These das die "Forschungsgießkanne" ankommt, nicht überall stimmt. SCNR.
Dr. Webbaer·
24.11.11 · 16:49 Uhr
Bemerkenswert einfach gestrickt diese Logik a la "Viel hilft viel", chapeau!Tja, es ist eben eine einfache, lineare Korrelation zu sehen zwischen der relativen Anzahl der veröffentlichten Papers (Folge von Investitionen in Forschung) und deren Qualität (gemessen an der durchschnittlichen Zahl der Zitierungen).
Hi, der Webbaer wollte noch sowas hier schreiben,
, hat's aber gelöscht. Ihre publizistische Arbeit hier ist ja vorbildlich. Hmm, wir kommen wahrscheinlich ohne Dissens aus der Sache nicht mehr raus, gell?!MFG
Wb
Nichts gegen Dissens.
Und nein, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Nutzen ist hier nicht impliziert und eine direkte Kausalität wahrscheinlich schwer herstellbar. Obschon das BIP pro Kopf, wie CM oben angemerkt hat, gut mit beidem, Anzahl und Qualität der Papers korreliert.
Dr. Webbaer·
24.11.11 · 18:54 Uhr
Moderne Gesellschaften, gar verständige Gesellschaften, fast hätte Dr. W hier Israel erwähnt, liefern eben auch wissenschaftlich und haben dafür ein angemessenes Budget vorgesehen. - Ist sicherlich ein wenig "Henne-Ei" oder "First come, first serve", und schwierig i.p. Kausalität zu ergründen.MFG + weiterhin viel Erfolg!
Wb
...ich muss sagen, manches ist erstaunlich, anderes wiederum nicht.
In Deutschland wäre eine solche Umfrage durchaus auch angebracht!
http://the-scientist.com/wordpress/wp-content/uploads/2011/12/2011_SalarySurvey.pdf