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Björn Kröger ist pendelnder post-doc Paläontologe, derzeit an der Uni Lille I und am Museum für Naturkunde Berlin. Seine Arbeit führt ihn bevorzugt in die USA, nach Skandinavien und Estland. Wenn er Zuhause ist, liegt er an einem mecklenburgischen See.

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27.01.08 · 13:30 Uhr

Die Dinge beim Namen nennen

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 1

Am Samstag Nachmittag habe ich hier in Lille in einem Café gesessen, Pall Skulason's "Meditations at the Edge of Askja" gelesen, durch die Häuser in den blauen Himmel geschaut und geträumt. –  Zum Sonnenuntergang bin ich dann durch die Stadt spaziert und habe in der quirligen Rue de Bethune ein Kinoticket für den Abend gekauft: Sean Penn's Into the Wild. Das passte.

Seltsam, wie sich die Dinge manchmal fügen. Auf das Skulason Buch habe ich seit Wochen gewartet, bis ich es vor ein in paar Tagen im Briefkasten fand. Von Sean Penns Film habe ich erst am Donnerstag in der Zeit gelesen und gedacht, dass ich ihn unbedingt sehen muss. Gestern nun Beides an einem Tag im Jänner.

Vielleicht erinnert sich der/die ein oder Andere noch an mein Posting vom Rascheln im Walde. Da habe ich ein wenig meine heimatliche Naturerfahrung reflektiert und meine Verstörungen die mir zum Jahreswechsel auffielen beschrieben. Die Unberührtheit, Reinheit, Kraft und auch Geborgenheit die mir meine heimatliche Landschaft bei langen Spaziergängen zu schenken pflegt stellte sich beim letzten Besuch nicht recht ein.

Ich liebe es im Winter in den See zu hopsen, mir den kalten Wind um die Nase wehen zu lassen und mich so einem Lenz'schen Gefühl von "ins All hineinwühlen" zu ergeben. Wer mag das nicht.

Per Skulason hat dazu ein wunderbares Essay geschrieben. Er steht am Lake Askja, nachdem er gerade aus Paris zurückgekommen ist, und lässt sich von der Stärke seiner isländischen Natur überwältigen.

"I found myself in a unique and independent world, the Askja-world, a clearly-delimited whole that embraced everything and completely filled the mind, so that one had the sense of having encountered all of reality, past, present and future. Beyond the horizon lay an unknown eternity.."
Das ist es, was Chris in der Wildnis von Alaska in seinem Bus fand am Ende seines Wegs into the Wild, Wirklichkeit. Die hat er ganz offensichtlich gesucht und gebraucht, um sich selbst zu erkennen. An ihrer Unbarmherzigkeit ist er letztlich zu Grunde gegangen.Skulasons Essay und Penns Film könnten nicht besser zusammenpassen.

In unserer alltäglichen Welt, der chaotischen, schnellen Welt der Einkaufstraße der Rue de Bethune hier in Lille zum Beispiel, in unserem beinah flüssigen Alltag zwischen commuting, shopping, jogging, jobbing sehen wir kaum mehr den Himmel, die Natur verschwindet. Wir lassen die Natur täglich verschwinden, indem wir die Grenzen zwischen dem von uns Geschaffenem und der von uns unabhängigen, unbarmherzigen Welt mehr und mehr diffundieren. Es scheint beinahe kein "da draussen", keine Natur mehr zu geben.

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Skulason schreibt "Perhaps human life has become vacuous, because the relation of confidence between man and nature has broken down."

Das ist alles andere als trivial, schliesslich denken wir, weil wir uns darauf verlassen, dass es "da draussen" Dinge gibt, denen es lohnt einen Namen zu geben, weil sie morgen noch da sein werden. Und wir sprechen, indem wir die Dinge die wir (wieder) erkennen mitteilen.
Nichts anderes hat Chris erlebt, als er am Ende versucht sich seiner Lebendigkeit zu vergewissern indem er manisch durch den Wald kriecht, jedem Ding einen Namen gebend. Die Verwechslung eines Namens führt schließlich zu seinem Tod. Nach Skulason kann man Into the Wild als große Parabel sehen.

Into the Wild ist aber auch ein Film über die Liebe. Das Lenz'sche "sich ins All wühlen" ist ja etwas worin man sich absolut allein fühlt. Vielleicht das Urgefühl von Allein-sein überhaupt. Nur die Rückkehr zu Freunden und Geliebten denen wir das Erlebte mitteilen können macht unsere Erfahrungen am Edge of Askja, in den Bergen von Alaska, oder auf einem Mecklenburgischen Feld überhaupt erträglich

 

Autor: Björn Kröger· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL

Kommentare (1)

Kommentar-Direktlink Bernd· 27.01.08 · 20:15 Uhr

Das "Namen geben" war laut der Genesis Adams erste Arbeit, durch die er das All-Eine aufgelöst hat und Wissen geschaffen hat. Und ist ´Wissenschaft eigentlich etwas anderes als das Namen Geben? Das trotzdem mögliche mystische Erlebens des All-Eins-Seins, das uns nicht nur in den Texten von Meister Eckehart oder bei Spinoza begegnet, sondern auch bei Naturwissenschaftlern von Russell bis Kröger, ist wohl auch eine Form des "Erzählens" der Erinnerung vom Menschen wie er/ sie wirklich in Bezug zur Natur (seiner/ihrer und der All-Natur) IST und wenn es von einem Wissenschaftler wie dir erzählt wird, gewinnt es nur noch mehr an Wert weil du uns zeigst, dass Wissenschaft ncht immer blind für das All-Eine macht sondern Einige auch sehender. Lieber Björn, wir lesen deine Texte regelmäßig und sind dir innig verbunden, bleib gesund und melde dich mal

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