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Alexander Gerber ist Informationswissenschaftler und Geschäftsführer des innokomm Forschungs-zentrums für Wissenschafts- und Innovationskommu-nikation (GmbH). Sieben Jahre war er bei Fraunhofer verantwortlich für die Kommunikation des IuK-Verbunds sowie Chefredakteur von InnoVisions. Von Hause aus Journalist, ist Alexander Gerber Fachbeirat Wissenschaft des DFJV und des HPC, Vize der TELI in Berlin, WPK-Mitglied und Vertreter in der Euroscience Working Group "Science Communication". Er ist Moderator des "Forums Ideen- und Innovationsmanagement" und Initiator der "Trendstudie Wissenschaftskommunikation".
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22.10.11 · 11:51 Uhr
Krise im Technikjournalismus?
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·ScienceBlogs Kategorien · Kommentare: 2
Den Technikjournalismus zu fördern ist eigentlich Ziel des von der Akademie der Technikwissenschaften (acatech) vor wenigen Tagen wieder verliehenen Journalistenpreises PUNKT. Dieser verzeichnete einerseits nach Angaben von acatech so hohe Bewerberzahlen wie noch nie (laut Pressemitteilung 30% mehr, insgesamt 124), allerdings scheint nicht wirklich Masse gleich Klasse zu sein. Denn andererseits wurde dieses Jahr (ebenfalls erstmals) kein Preis vergeben für die Sparte „Tageszeitung" (im letzten Jahr war das zum Beispiel Hannah Schneider mit ihrer Serie „Ab an die Steckdose" im Kölner Stadt Anzeiger). Dazu erklärte Jurymitglied Dr. Norbert Lossau (Ressortleiter Wissenschaft bei der WELT) anlässlich der Preisverleihung, dass den Juroren keiner der eingereichten Zeitungsbeiträge als preiswürdig erschien:
Die Jury wertet dies zugleich als deutliches Indiz dafür, dass der Technikjournalismus in den Tageszeitungen einen besonders schweren Stand hat. (Laudatio im Volltext)
Bemerkenswert finde ich die Bewertungsmethode, denn die Journalisten-Jury beginnt offenbar erst dann mit der Beurteilung, wenn die Bewerbungen bereits durch „Vertreter aus Wissenschaftseinrichtungen Technologieunternehmen" vorselektiert wurden. Auch Wissenschafts-Reporter Manfred Ronzheimer aus Berlin berichtet kritisch von der Preisverleihung:
acatech-Präsident Reinhard F. Hüttl sympathisiert mit dem britischen Modell der Kooperation von Wissenschaft und Presse. In seiner Rede auf der Festversammlung der Technikakademie am Dienstag in Berlin verwies Hüttl auf den „Abstimmungsprozess mit wichtigen Medien, den die Royal Society bei entsprechenden Beiträgen inzwischen praktiziert". Die Verabredung dort sei, dass die Mitglieder der britischen Wissenschaftsakademie „vor der Veröffentlichung bestimmte Beiträge kommentieren". Die Medien seien frei, auf diese Kommentierungen zu reagieren oder nicht. Auf jeden Fall seien dann „diese wissenschaftlichen Kommentare in der Welt und entfalten natürlich ihre Wirkung", so Hüttls Einschätzung. Auf die Nachfrage, ob dieses Gegenlesen vor Veröffentlichung nicht zu sehr an „Vorzensur" erinnere, erwiderte der acatech-Präsident, es gehe allein um „Qualitätssicherung". Diesen Anspruch, der in der Wissenschaftswelt selbstverständlich sei, dürfe man ruhig auch an die Journalisten herantragen dürfen.
Siehe dazu auch meinen eigenen Beitrag „Forscher bieten dem Boulevard die Stirn".
Wer sonst noch in der Textjury saß:
Lilo Berg, Leitende Redakteurin, Berliner Zeitung
Heidi Blattmann, Wisenschaftspublizistin und ehemalige Ressortleiterin Wissenschaft,
Neue Zürcher Zeitung
Prof. D. Utz-Hellmuth Felcht, Aufsichtsratsvorsitzender Deutsche Bahn AG und Mitglied des acatechPräsidiums
Dr. Patrick Illinger, Ressortleiter Wissen, Süddeutsche Zeitung
Prof. Dr. Andreas Kablitz, Institutsdirektor Romanisches Seminar, Universität zu Köln
Prof. Dr. Klaus Kornwachs, Lehrstuhlinhaber Technikphilosophie, TU Cottbus
Helmut Markwort, Herausgeber, Focus
Joachim Müller-Jung, Ressortleiter Natur und Wissenschaft, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Prof. Dr.-Ing. Günther Schuh, Prorektor für Wirtschaft und Industrie, RWTH Aachen
Die weiteren PUNKT-Preise:
Ausgezeichnet wurde Susanne Donner für ihren in der WirtschaftsWoche erschienen Artikel „Steine fressen" über Bakterien, die wertvolle Metalle aus Gestein lösen können. In der Kategorie Foto überzeugten Rafael Krötz mit seiner Fotoserie „Zettels Traum" (Süddeutsche Zeitung Magazin) und Stefan Thomas Kröger mit seinem Einzelfoto „3D-Raum" (bild der wissenschaft). Zudem vergibt die Akademie ein Fotostipendium an Thomas Imkamp. Er wird in den kommenden Monaten Spuren und Landmarken des Aufbruchs ins neue Energiezeitalter in klassischen Landschaftsfotografien dokumentieren.
Der PUNKT wird seit 2005 jährlich verliehen und ist für jede Sparte mit 5.000 Euro dotiert.
Disclaimer:
Ich selbst konnte aus Termingründen nicht bei der Preisverleihung dabei sein und habe insofern auf Basis der veröffentlichten Mitteilungen und Reden recherchiert sowie mit Kollegen gesprochen, die vor Ort dabei waren.
Autor: Alexander Gerber· 2 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (2)
Haben wir eine Krise im Technikjournalismus? Die von Alex aufgeworfene Frage lässt sich ganz unterschiedlich diskutieren. Da wir uns in dem Beitrag gleich mehrfach angesprochen fühlen dürfen, einige Hinweise und Anmerkungen dazu aus unserer Sicht. Zunächst ein ganz entschiedener Hinweis: Mit dem Preis für Technikjournalismus und Technikfotografie will die Akademie nicht nur „eigentlich“ den Technikjournalismus fördern, sondern tatsächlich. Um nichts anderes geht es. Die Entscheidung über die Preisträger trifft am Ende aber eine Jury, die in ihrem Urteil frei ist – so frei übrigens, dass acatech Henning Präsident Henning Kagermann den beiden Jurys nur beratend, nicht aber mit Stimmrecht zur Seite steht. Wenn die Jury dann der Meinung ist, in diesem Jahr unter den Beiträgen in der Kategorie Tageszeitung keinen preiswürdigen Artikel zu finden, dann ist das eben so, und dem entsprechend steht es unserem Jurymitglied Norbert Lossau auch frei, daraus Rückschlüsse zu ziehen. Dass im Übrigen ein gutes Umfeld für qualifizierten Journalismus in Deutschland derzeit deswegen besonders gelobt werden muss, weil das ganz und gar nicht selbstverständlich ist, war auch die Meinung der Preisträgerin der Kategorie Magazine.
http://www.acatech.de/fileadmin/user_upload/Baumstruktur_nach_Website/Acatech/root/de/Material_fuer_Sonderseiten/Festveranstaltung_01/Festveranstaltung11/Dankesrede_Susanne_Donner.pdf
In dem Beitrag angesprochen wird auch die Bewertungsmethode des Preises. Auch dazu einige Hinweise. Tatsächlich ist es so, dass der Journalistenpreis vom Kommunikationskreis der Akademie getragen wird, und das im doppelten Sinne. Zum einen dadurch, dass aus der Mitte dieses Kreises das Preisgeld aufgebracht wird, zum anderen dadurch, dass in der Tat Mitglieder des Kommunikationskreises in einer Vorjury zusammen kommen, um die Jury bei der Auswahl zu unterstützen. Im Kommunikationskreis sitzen die von den im Senat organisierten Unternehmen und Institutionen entsendeten Kommunikationskollegen. Die Mitwirkung in der Vorjury ist unabhängig von Spenden für den Preis. Das unterscheidet den Preis von vielen anderen, bei denen der Geldgeber häufig schon durch die Verbindung im Namen Ansprüche anmeldet. Das ist beim „PUNKT“ anders. Die mittlerweile hohe Resonanz auf den Preis, so erfreulich sie ist, hat allerdings auch zur Folge, dass im Auswahlprozess eine Vorauswahl geboten erscheint, um die Hochrangigkeit der finalen Jury zu erhalten. Denn die Mitwirkung in der Jury ist ein ehrenamtliches Engagement, das auch dazu beiträgt, beispielhaften Technikjournalismus zu fördern. Ist dieser Auswahlprozess nun „bemerkenswert“, wie es in dem Beitrag heißt – oder ist damit „bedenklich“ gemeint? Journalistenpreise haben immer auch mit Vertrauen zu tun – Vertrauen in die Kompetenz und Unabhängigkeit der Jury ebenso wie Vertrauen in die Struktur des Preises. In der Rückschau auf die bisherigen Jahre habe ich den Eindruck, dass nach diesem Auswahlprozess sehr durchgehend überaus preiswürdige Arbeiten ausgezeichnet worden sind – und das in einem breiten Spektrum. Kann man darüber diskutieren? Klar kann man das. So ein Preis soll ja auch leben, sich verändern und hoffentlich verbessern. Einige Veränderungen stehen im Übrigen demnächst an. Ohne dem vorweggreifen zu wollen, lässt sich sagen: Der PUNKT soll in Zukunft besser den Veränderungen im Mediensystem entsprechen, gerade auch, was technische Formen des Technikjournalismus entspricht. Verändert hat sich der PUNKT aber auch zuvor schon. Vor einiger Zeit hinzu gekommen ist eine freundliche Kooperation mit dem Ernst-Schneider-Preis, der uns wunderbar ergänzt. Der PUNKT hat, weil das die Jury für sinnvoll hielt, im vorigen Jahr einen von der Akademie gänzlich unabhängigen Auftritt erhalten, erstmals wurde in diesem Jahr ein Fotostipendium ausgeschrieben usw.
Nach meinem Eindruck nicht damit im Zusammenhang stehen indes die im Beitrag direkt anschließend zitierten Zeilen von Manfred Ronzheimer, was keineswegs heißen soll, dass man die von Herrn Ronzheimer als Gast der Festveranstaltung mit besonderem Interesse verfolgten Überlegungen unseres zweiten Präsidenten nicht kontrovers diskutierten kann und soll. Sie haben nur mit dem Journalistenpreis nichts zu tun. Sehr wohl aber mit dem Thema Qualität im Journalismus. Das ist ein sensibles Thema. Ob Wissenschaftler durch Übertragung ihrer Qualitätssicherungssysteme hier wirklich einen konstruktiven Beitrag leisten können, wird ja auch in dem weiteren Beitrag von Alex kritisch thematisiert. Sollte der Eindruck entstanden sein, die Akademie habe in dieser Hinsicht bereits irgendwelche Präferenzen, so ist das nach meinem Eindruck nicht der Fall. Qualitätssicherung gerade auch in einem Journalismus, der sich mit technikwissenschaftlichen Themen beschäftigt, sei es nun auf Wissenschaftsseiten oder in anderen Ressorts, ist ein Thema, das die Wissenschaft derzeit tatsächlich beschäftigt, und das nicht nur in Großbritannien.
Danke für den ausführlichen Kommentar an den Kollegen Jann Gerrit Ohlendorf von acatech. Die Ergänzungen verdeutlichen, dass die Preisvergabe (oder eben auch Nicht-Preisvergabe) der Anlass für diesen Beitrag hier war und die Frage der Qualitätssicherung (oder eher -steigerung?) das eigentliche Thema.
sind ja eigentlich „Pressesprecher“, die offiziell dafür bezahlt werden, die Interessen ihrer Unternehmen und Institutionen zu vertreten, die wiederum zumindest zum Teil identisch sind mit den Sponsoren / Unterstützern des Preises. Ihnen eine bewusste Parteilichkeit (etwa für die eigenen Themen und Technologien) vorzuwerfen, entbehrt natürlich aktueller jeder Grundlage. Aber unbewusst vielleicht? Im Rückblick auf meine eigenen sieben Jahre als institutioneller Forschungskommunikator muss ich schon sagen, dass ich meinen Job selbstverständlich mit grundlegenden Überzeugungen betrieben habe, etwa was das Engagement für mehr Veränderungs- und Risikobereitschaft in der Gesellschaft gegenüber Technik, Innovation und Forschung anbelangt. Überzeugungen wie diese können sich bis zum Dogma steigern, wie etwa bei den Münchner Journalistenkollegen Dirk Maxeiner und Michael Miersch, deren herrlich kompromisslose Streitschrift „Die Zukunft und ihre Feinde – Wie Fortschrittspessimisten unsere Gesellschaft lähmen“ in keinem Bücherregal fehlen sollte. So sehr man also auch persönlich versuchen mag, die eigenen Überzeugungen zu reflektieren, geschieht dies doch immer im Schatten des institutionellen Mandats oder zumindest der persönlichen Überzeugung (was vielleicht ehrbarer ist, aber zum selben Ergebnis führt). Ganz ähnlich übrigens wie die aktuell von der Wissenschaftspressekonferenz angestoßene Debatte dazu, dass eine „gute Sache“ noch lange kein Garant für die „richtige Sache“, geschweige denn für die objetiv „wahre Sache“ ist.Diese „Qualitäts-Krise“ schillert inzwischen leider in ganz vielen bunten Farben, von denen sowohl das miserable Honorarniveau für freie Technik- und Wissenschaftsjournalisten als auch der (übrigens auch aus Sicht des besagten Jury-Vorsitzenden) dramatische Rückgang redaktioneller Formate, Ressourcen und Gestaltungspielräume zu Forschungs- und Technik-Themen in den Tages- und Regionalzeitungen nur eine ist. Blenden wir für einen Moment mal den Pathos des verklären journalistischen Berufsethos aus, stellt sich der Mehrzahl der (zumindest freien) Technik- und Wissenschaftsjournalisten heute die ganz banale Frage, wie sie mit 200 Euro für einen rechercheaufwändigen Vierspalter in einer überregionalen Tageszeitung noch über den Monat kommen sollen. Die Kolleginnen und Kollegen werden zwangsläufig zu Virtuosen der n-fach-Verwertung und überlegen spätestens wenn der Dispo mal wieder dräut dreimal, ob sie eine Geschichte nicht doch lieber einem Corporate-Publishing-Titel verkaufen sollen, der oft fünfmal so viel zahlt für dieselbe Arbeit. Von Auftragsarbeiten für Agenturen in Form von Ghostwriting für Expertenbeiträge in vermeintlich unabhängigen Fachmagazinen ganz zu schweigen. Diese Realitäten sind es meiner Meinung nach, die jede abstrakte Qualitätsdiskussion zurück auf den harten Boden der Tatsachen holt.
Journalisten-Preise können theoretisch daran etwas ändern, wobei es inzwischen weit mehr lobbygetriebene Nischenpreise gibt als unabhängige Wettbewerbe für echten Qualitätsjournalimus. Einerseits ist der PUNKT hierbei ganz ohne Zweifel eine rühmliche Ausnahme, eine wichtige und ehrenwerte Initiative, erst Recht wenn man die von Jann Gerrit erwähnten Maßnahmen in Richtung Unabhängigkeit berücksichtigt. Andererseits halte ich aber gerade wegen der Frage der Unabhängigkeit eine transparente Diskussion über den Ablauf von Journalistenpreisen für unverzichtbar, denn nur so ließen sich die interessengeleiteten Pseudopreise von den wirklich relevanten abgrenzen. Mit ganz wenigen Ausnahmen wie etwa dem investigativen Medienmagazin zapp findet diese Diskussion hierzulande nahezu überhaupt nicht statt (was vermutlich systemimmanent ist).
Die Vorauswahl im Falle des „PUNKT“ ist einerseits natürlich ein notwendiges Übel, weil unmöglich die in der eigentlichen Jury vertretenen Ressortleiter etc. Dutzende von Beiträgen bewerten können, noch dazu ehrenamtlich. Der Prozess dieser Vorauswahl jedoch sollte andererseits kontinuierlich hinterfragt werden, denn die
Insofern finde ich den oben diskutierten Auswahlprozess nicht wirklich „bedenklich“ (bzgl. der Frage von J.G. Ohlendorf), sondern nicht mehr und nicht weniger im reinen Wortsinne „bemerkenswert“ – nämlich dass man weiterhin transparent diskutieren sollte, wie derlei Prozesse sich verbessern lassen. Der PUNKT selbst darf hierbei nicht mehr als der Anlass für diesen Diskurs sein, denn viele andere Journalistenpreise sind wie gesagt weitaus fragwürdiger als es der acatech-Preis je war. Nur ist es manchmal ja am einfachsten, man stärkt die Stärken der Vorreiter, um dadurch die Schwächen der Trittbrettfahrer offen zu legen.
;-)