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18.08.08 · 13:40 Uhr
Pikrinsäure- explosive Altlasten in Schulen
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 12
Ich stand gerade Donnerstag Abend mit Kollegen schön am Grill und genoss die Abendsonne, als wir gegen 19 Uhr zwei Explosionen kurz hintereinander weg vernahmen. Derzeit werden in NRW Altbestände aus dem Chemielabor gesprengt. Auch Apotheken sind betroffen.
Es geht um Prikrinsäure, die früher - im ersten Weltkrieg - als Füllung von Granaten verwendet wurde und deren Salze wie z.B. das Bleipikrat bis heute Anwendung in der Sprengstoffindustrie als Initialsprengstoff findet.
Jetzt trifft es sich ganz gut, dass mein Mann als ehemaliger Chemielaborant im Sprengstofflabor der Dynamit Nobel sich ein wenig damit auskennt und der riss die Augen ziemlich weit auf, als er hörte, dass an Schulen in Chemielabors Pikrinsäure gefunden wurde. Ich hatte bis dahin noch nie davon gehört. Offenbar wird es zum Mikroskopieren verwendet. Zwar lässt sich die Chemikalie in Wasser oder Alkohol auflösen und damit phlegmatisieren, aber wehe das Zeug kristallisiert aus oder kommt mit Metallen in Berührung. Dann genügen schon leichte Erschütterung für eine Explosion.
Die gefundenen Mengen waren auch nicht so klein. 20 Milligramm Gramm reichen schon aus, um jemanden zu verletzten, der arglos eine verstaubte Flasche aus dem Schrank nimmt und versucht, das verblichene Etikett zu entziffern. In einem Fall war sogar von 40 Milligramm Gramm die Rede. Das ist natürlich kein Problem, wenn man weiß, worauf man sich da einlässt und auch weiß, in welchem Zustand sich der Stoff befindet. Wenn eine dieser beiden Bedingungen nicht erfüllt ist, dann ist Vorsicht besser als Nachsicht und die Säure sollte schnellstmöglich entsorgt werden. Eine Sprengung erscheint da vielleicht etwas übertrieben, aber das ist nun mal die Standardvorgehensweise bei explosiven Materialien.
Ich bin normalerweise nicht überängstlich und hab auch bei der Geschichte mit dem Uran im Wasser mit den Augen gerollt, aber wenn jemand, der mit Sprengstoffen jahrelang tagtäglichen Umgang pflegte, einen Heidenrespekt davor hat und meint, dass Pikrinsäure an Schulen rein gar nichts verloren habe, dann lässt mich das schon aufhorchen.
P.S.: Ziemlich giftig ist das Zeug auch noch und kann heftige Kontaktallergien auslösen, wenn man es mit der bloßen Haut anfasst.
Autor: Ludmila Carone· 12 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (12)
Zumal es ja auch Schüler geben soll, die Sachen aus Laboren mitgehen lassen und damit Unsinn anstellen...
Mal dumm gefragt, kann man nicht einfach Wasser drüberschütten?
@Kil: Eigentlich gibt es keine dummen Fragen. Also keine Sorge ;-)
Das Zeug wird sicherlich nicht offen rumliegen, sonst hätte das längst *rumms* gemacht. Und jetzt frag Dich mal: Willst Du den Verschluss oder den Stopfen von etwas wegmachen, dass bei der geringsten Erschütterung explodieren kann? Das müsstest Du ja erst einmal schaffen, damit Du Wasser drüber gießen kannst. Außerdem ist Wasser wohl nicht so gut geeignet um Pikrinsäure schnell zu binden, Alkohol wäre da eher das Lösungsmittel der Wahl.
Ganz nebenbei ist Pikrinsäure auch ziemlich giftig und darf nicht mit der bloßen Hand angefasst werden. D.h. selbst wenn es nur eine kleine Menge ist, die nur eine begrenzte Verpuffung ergibt, so besteht die Gefahr, dass sich ein Teil der Säure dabei verteilt und dann kann man den gesamten Raum grundreinigen lassen, was recht teuer sein wird und den Unterricht noch mehr stört als so eine Sprengshow.
Da ist es sicherer und günstiger mit einem langen Stab reinzugehen, den geschlossenen Behälter als ganzen vorsichtig rauszutragen (Nachtrag: in Sicherheitsbehälter zu packen, vor die Stadt zu fahren) und dann in einer kontrollierten Explosion vollständig zu verbrennen. So aufwendig ist das auch nicht und gerade im Kölner Raum hat die Feuerwehr und Polizei Erfahrung mit Sprengmaterial. Es vergeht hier schließlich kein Jahr, in dem keine Fliegerbombe gefunden wird.
Fazit: Man hantiert einfach nicht mit Materialien rum, die explodieren und die Gegend kontaminieren können. Sprengen ist die sicherste Methode der Entsorgung.
...und macht auch am meisten Spaß...
*duckundweg*
:D Ich bin selber grad auf einer Schule mit so einem Vorfall und ich bin sehr gespannt was morgen los ist in der Schule :D
Ach...halb so wild. Gebt nicht der armen Pikrinsäure die Schuld, sondern der unvollständigen bis mangelhaften Ausbildung der Lehrer.
Und dieses ganze Polizeigetue mit "kontrollierten Sprengungen" etc. ist meiner Meinung auch völlig überzogen. Die von dem Stoff ausgehende Gefahr ist keineswegs mit den aufkommenden Kosten zu vergleichen!
Immer auf die arme Chemie. :P
@Boson: Aber wehe einem 17jährigen fliegt bei so einer Verpuffung durch Pikrinsäure eine Glasscherbe in die Augen. Dann ist aber das Geschrei groß. Es gibt eben für solche Stoffe nicht umsonst Vorschriften und die sehen nun mal die Entsorgung durch Sprengung durch. Das passierte bei der Dynamit Nobel in Troisdorf, als da noch richtig mit Sprengstoffen gearbeitet wurde, fast jede Woche. Dann konnte man die dumpfen Explosionen im Ort spüren - vor allem in den nahe gelegenen Werkswohnungen. Mich lässt sowas ehrlich gesagt ziemlich kalt :-P
Wenn die Lehrer keine Ahnung haben, womit sie da hantieren, dann sollte man erst recht nicht solche Stoffe anschaffen. Nachher kommen die auf die sagenhafte Idee mal alle Reste zusammenzuschütten und sprengen aus Versehen den Chemieraum.
Und plötzlich sind alle Experten für Pikrinsäure!
Es muss natürlich GRAMM heißen und nicht MILLIGRAMM. Die Funde an den Schulen liegen zwischen wenigen GRMM und 250 Gram. Das kann schon einen ordentlichen Rums geben.
Der ganze Artikel und der Nachtrag ist gespickt mit Halbwahrheiten und Blödsinn.
@Gerd: Ok. da habe ich mich tatsächlich bei der Mengenangabe verlesen. Danke für den Hinweis. Und wenn Du mir jetzt auch noch verraten könntest, wo Deiner Meinung nach noch Blödsinn steht, dann könnten wir vielleicht sogar noch etwas aus Deinem Wissen lernen.
Auch wenn das jetzt nicht mein Gebiet ist, so stütz ich mich da auf Angaben eines Chemielaboranten im Bereich Sprengstoff. Die Mengenverwechslung war aber ein Flüchtigkeitsfehler von mir.
Aus den Reihen der "Gesellschaft deutscher Chemiker" heißt es inzwischen, die Prikinsäure wäre praktisch vollkommen harmlos. Aus dem SPIEGEL: "Streitfall Prikin - Chemieprofessor warnt vor Hysterie"
Quelle: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,573111,00.html
Wobei ich meine Schwierigkeiten damit habe mir vorzustellen, dass denn der Kampfmittelräumdienst denn tatsächlich ausrücken würde, wenn es sich um eine so betont harmlose Substanz handelt...
Unsere Oma"s nahmen es zum backen -> Weltersches Bitter
Unsere Opa"s nahmen es um Stoffe zu färben
Im 1. WK kam es in Granaten -> Mellinit
Zu Pkt. 1+2 Es gibt uns ! Omi+Opi haben sich nicht in die Luft gesprengt!!!
Pkt.3 traurig
Wie wäre es - selber denken - nicht allen Stuss von vornherein Glauben schenken -
und Hergott der Kampfmittelräumdienst ( muß ja seinen Status auch beweisen ) außerdem seit dem 11.09. / was wäre wenn es Giftgas gewesen wäre ? Würde sich noch jemand für Sprengstoff interessieren????
@Wer auch immer Du da bist:
1. Leseverständnis bitte! Wenn man weiß, was man da in der Hand hat und mit geringen Mengen hantiert, dann ist das kein Problem. Hab ich auch oben beschrieben, also lass mal Deinen Vorwurf stecken.
2. Ja, Pikrinsäure steckte in Handgranaten und jetzt informier Dich bitte mal bei einem Experten, warum das Zeug u.a. rausgenommen wurde. Weil es dummerweise auch oft genug einfach so hochging. Dein Opa hatte einfach Glück. Gut für Dich. Genügend andere hatten das Glück nicht. Und auch hier gilt. Anekdoten sind keine Daten.
3. Zu Deinem Vorwurf des Kampfmittelräumdienstes. Hier im schönen Kölle graben sie jedes Jahr einen Blindgänger aus. Die brauchen so einen Stuss, den Du denen hier vorwirfst nicht, um ihre Existenz zu rechtfertigen. Im Übrigen riskieren die Leute jedes Mal bei solchen Einsätzen Leben und Gesundheit. Der damalige Beamte mit dem mein Mann als ehemaliger Laborant für Sprengstoffe mal auf einer Schulung geredet hat, ist ein paar Jahre später im Einsatz um's Leben gekommen. Angesichts dessen möchte ich Dich mal fragen: Hast Du eigentlich noch alle Steine auf der Schleuder?
Solche Vorwürfe dem Kampfmittelräumdienst sind haltlos, menschenverachtend und völlig daneben. Da kannst Du gleich der Feuerwehr vorwerfen, dass die auch nur die Gefährlichkeit von Bränden übertreiben, um ihre Existenz nicht zu gefährden.
Mann, Mann, Mann.