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10.08.08 · 16:49 Uhr
Millionen für ein Stück Schwimmhaut
Kategorie: Naturwissenschaften·Technik·Themenwoche · Kommentare: 4
Scienceblogs Neurons berichtete bereits. Im Schwimmsport spielen Schwimmanzüge eine große Rolle.

Während Michael Groß noch vor 20 Jahren in einer schnöden Badehose antrat, zwängen sich Sportler heutzutage eher in Ganzkörper-Kondome.
Tatsächlich war die Wahl der Schwimmanzüge für die deutsche Schwimm-Olympiamannschaft ein Diskussionsthema, wie "Swim &more", das offizielle Organ des Deutschen Schwimmverbandes, offen berichtete:
Als zwischen Februar und April die überwiegende Mehrzahl der bis dahin 41 Weltrekorde in diesem Jahr im "LZR Racer" des australischen Herstellers Speedo erzielte wurde, führte dies (zwangsläufig) zu Diskussionen um die neuen Olympia-Modelle aller anderen Ausrüster. Auch der Anzug des DSV-Sponsor Adidas kam nochmals auf den Prüfstand.(...)
Nach eingehenden Tests und einigen Verbesserungen konnte das Unternehmen (...) seinen "Upgrade" vorstellen und mit dem DSV-Olympiateam einem weiteren Probelauf unterziehen.
Millionen werden in Forschung und Entwicklung gesteckt, in der diffusen Hoffnung durch ein paar Quadratmeter Stoff eine Hundertstel Sekunde mehr herauszuholen. Dabei bedient man sich gerne aus dem Labor, das seit Jahrmillionen die Fortbewegung Im Medium Wasser optimiert - aus der Natur. Bei den Haien scheint die Sandpapierstruktur der Haut für eine sehr effiziente Gleitbewegung zu sorgen.
Das mit dem Wasserwiderstand verstehe ich ja noch irgendwie, aber als ich die Werbung für den LZR Racer sah und da insbesondere die angepriesenen "5% better oxygen efficiency", verleitete mich das spontan zur Frage, ob Speedo den Schwimmanzug für Frösche entwickelt hat. Soweit ich weiß, ist die Sauerstoffaufnahme des Menschen über die Haut vernachlässigbar und Kiemen besitzen selbst Schwimmsportler nicht. (Aber was nicht ist, kann ja vielleicht noch werden ;-))
Um die Schwimmbrillen (Speedo Sidewinder) und die Badekappen (Speedo Aqua V Kappe) wird ein ähnliches Bohei veranstaltet. Ausgefeilte Simulationen werden durchgeführt, um Produkte zu entwickeln, die angeblich dem Wasser weniger Widerstand entgegen setzen. Jeweils 5% weniger. 5% scheint hier eine magische Zahl zu sein. Spätestens jetzt sollte man etwas misstrauisch werden. Der Anzug, die Brille und auch die Schwimmkappe bringen alle 5% weniger Wasserwiderstand gegenüber den Vorgängermodellen? Naja, Placebos sind am besten teuer. Das gilt auch für den Schwimmsport.
Apropos, Placebos...
Dann gibt es natürlich diverse mehr oder weniger seriöse Präparate, die angeblich der Leistungssteigerung dienen - ohne Doping zu sein.
Aus einer Anzeige in der Swim& More 6/2008:
Seit kurzem gibt es ein Präparat in der Apotheke (****), das speziell für die Bedürfnisse von Sportlern entwickelt wurde. Es enthält die acht essentiellen und sowie fünf semiessentiellen Aminosäuren, die überwiegend aus pflanzlichen Quellen gewonnen werden. Damit liegt der Wirkungsgrad bei eindrucksvollen 99%. Abbauverluste und Harnstoffproduktion praktisch Null.
Eine Salbe verspricht ein paar Seiten weiter: Seit es die T****-Salbe gibt, ist höhere Leistungsfähigkeit die Folge. Schulter-, Nacken- und Knieregion haben davon den größten Nutzen.
Na ja, immer noch besser als wirksame Präparate, die a) verboten und b) gesundheitsschädlich sind.
Der Markt der Hilfsmittel und Wässerchen und Präparate im Sport ist eben sehr lukrativ: Nicht umsonst versucht eine namhafte Brauerei seit ein paar Jahren mit ihrem - natürlich alkoholfreien - Weizenbier, auf dem Markt der Sportgetränke Fuß zu fassen und sponsort vermehrt auch Schwimmwettkämpfe. Was dann wiederum Diskussionen auslöst, ob man gerade im Sportbereich unbedingt den Bierkonsum noch fördern muss.
Rational ist das alles schon lange nicht mehr. Gerade im Leistungssport ist es sehr schwierig geworden, zwischen Quacksalberei und wirksamen Methoden und Maßnahmen zu unterscheiden. Im Zweifel probiert man alles einmal aus. Tatsächlich findet alle vier Jahre genau zwei Jahre vor den nächsten olympischen Spielen das "INTERNATIONAL SYMPOSIUM in Biomechanics in Swimming and Medicine" statt. Im Jahr 2006 war Porto der Tagungsort. Es war laut eigenen Angaben: A coach-friendly scientific congress on the road to Beijing 2008 also ein trainerfreundlicher wissenschaftlicher Kongress auf dem Weg nach Peking 2008. Das nennt man dann wohl Forschung ganz nah am Kunden ;-)
Tja und jetzt sind wir in Peking und was bleibt von dieser technisch-wissenschaftlichen Materialschlacht?
Ausgerechnet Michael Phelps, der für Speedo auch Werbung macht, startete "oben ohne" und damit ohne den super-duper-Hightech-LZR Racer auf den 400 Meter Lagen und holte natürlich Gold. Aber Herr Phelps könnte wahrscheinlich sogar völlig nackt starten und würde immer noch der Konkurrenz davon schwimmen. Er ist derzeit nur eine Medaille davon entfernt, der bei den olympischen Spielen erfolgreichste Sportler aller Zeiten zu werden. Wenn er sich jetzt nicht verletzt, wird es das auch locker werden.
Wie sagte die Kommentatorin heute morgen so schön? Er sei so oft auf alles Mögliche getestet worden und dennoch wisse keiner so genau, warum Michael Phelps so erfolgreich ist.
Genetische Disposition + Disziplin+ Training? Oder doch die illegale Einnahme des Wachstumhormons Somatotropin? Andererseits, soviel größer ist er auch wieder nicht. Außerdem zeigte die Karriere der Franziska van Almsick, dass Talent, genetische Disposition oder was auch immer schön und gut ist, aber wenn die Nerven im entscheidenden Augenblick versagen, dann hilft es einem trotzdem nicht.
Gerade der Fall Phelps zeigt: Da können die Sportausrüster und Verbände noch so viele Millionen in die Ausrüstung stecken - gegen Ausnahmetalente wie Michael Phelps oder bis vor einigen Jahren, den "Torpedo", Ian Thorpe (1) verpuffen diese Maßnahmen einfach. Was irgendwie schon wieder tröstlich ist.
Nachtrag:
Ich schreibe deswegen über den Schwimmsport, weil mein Mann und ich selbst im Schwimmverein als Kampfrichter aktiv sind und uns daher auf dem Gebiet besonders gut auskennen.
-------------
(1) Über Herrn Thorpe, den bis heute erfolgreichsten australischen Athleten, wurde gewitzelt, dass er statt Füßen Schwimmflossen hätte. Auch hier wurde der Verdacht auf einen unerlaubten Einsatz von Wachstumshormonen geäußert: Extrem große Extremitäten gelten als Verdachtsmomente. Im August 2007 wurde Ian Thorpe von der australischen Anti-Doping-Agentur ASADA vom Dopingverdacht freigesprochen.
Autor: Ludmila Carone· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (4)
Argent23·
10.08.08 · 20:50 Uhr
Natürlich wird auf dem Markt extrem viel Schindluder getrieben, wenn es um kleinste sportliche Vorteile geht schaltet sich wohl auch bei vielen Hobbysportlern oft das Großhirn ab. In dem Fall mit der oxygen efficiency meint der Hersteller aber wahrscheinlich was anderes als die Sauerstoffaufnahme über die Haut. Weil der Anzug sehr eng an der Haut anliegt soll er angeblich den Muskeltonus verbessern. Das könnte dann den Umsatz der Muskeln verbessern, wodurch die Sauerstoffeffizienz verbessert werden könnte. Das waren jetzt aber auch bei mir viele vielleichts und könntes, und das mit den 5% kommt mir auch recht viel vor. Deshalb: Im Grundgedanke kann das sicher stimmen, aber die Menge machts! Aber das ist ja nichts neues, auch Hersteller von mit Sauerstoff angereichertem Wasser lügen erst mal nicht, wenn sie behaupten dass der Sauerstoff über den Darm aufgenommen werden kann. Dummerweise auch hier - genau, die Menge machts.Apropos Bier: Ich weiß nicht, wer die Studie in Auftrag gegeben hat (Herr Anhäuser, bitte übernehmen Sie ;-), aber alkoholfreiem Bier wird tatsächlich nachgesagt in puncto Ausdauer und Regeneration ähnlich wie ein gutes Elektrolytgetränk zu wirken. Teilweise wird bei Marathons sogar auf den letzten fünf Kilometern Bier ausgeschenkt.
Ich habe das bislang allerdings nicht ausprobiert. Nach 35 Kilometern mit trockenem Mund und hohem Puls im Laufen ein klebriges Weißbier zu trinken, das erfordert wahrscheinlich viele Jahre Training.
Phelps schwamm ohne, damit keiner sagt, es hätte am Schwimmanzug gelegen.
Habe letzte Woche gelesen, dass Nike den von ihnen gesponserten Sportlern erlaubt hat, auch LZR-Anzüge anzuziehen: weil sie es nicht fertiggebracht haben, ihren eigenen Sportlern etwas Ähnliches zu bieten und sie nicht benachteiligt wissen wollten.
Prinzipiell: Werden wir in Zukunft einer Kombination aus Ausstatter und Sportler Medaillen verleihen, so wie es in der Formel 1 eine Konstrukteurswertung gibt? Ist das technisches Doping, bei der Sportler benachteiligt sind, die sich das nicht leisten können?
Oder ist das bloß technische Homöopathie?
@jge: Da sprichst Du einen interessanten Punkt an. Um Sportschuhe wird ja ein ähnlicher Aufwand betrieben und die Frage ist da natürlich auch: Wer gewinnt? Sportler oder Schuh?
Aber wenn ich sehe, wie stark die Leistungen der einzelnen Schwimmer streuen. Da können schon mal bei einunddemselben Schwimmer Zehntel-Sekunden zwischen den Zeiten liegen: Je nach Tagesform, was der Schwimmer gegessen hat, ob er heute schon Sex hatte etc. pp
Wenn ich dann die Anzüge sehe, die bestenfalls Hunderstel Sekunde mehr bringen. Naja...Ich glaub der technische Vorteil der Anzüge geht einfach im Rauschen unter. Letztendlich ist es wohl tatsächlich effektiver, an der Biologie zu schrauben.