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Ludmila Carone ist Planetologin an der Universität zu Köln in der Abteilung Planetenforschung des Rheinischen Instituts für Umweltforschung.
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17.07.08 · 16:47 Uhr
Peer Review: Die Türsteher vor dem Club "Wissenschaft"
Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften · Kommentare: 1
In der Gesellschaft und auch hier auf den Scienceblogs wird so manche wissenschaftliche Fragestellung heiß diskutiert.
Da werden Argumente gegeneinander geworfen und es ist für einen Laien schwierig bis unmöglich festzustellen, welche Argumente besser sind als andere. Je nachdem wie viel Spezialwissen eine Fragestellung erfordert, kann auch nur eine begrenzte Anzahl von Leuten erkennen, ob bestimmte Argumente überhaupt in sich stimmig sind, bereits widerlegt wurden oder aber schlicht irrelevant sind. Und leider Gottes, das wird jeder bestätigen, der das zweifelhafte Vergnügen hatte, der Eskalation in einem unmoderierten Forum beizuwohnen, schreien die größten Idioten am lautesten und am ausdauerndsten.
Dementsprechend ist in der Welt der Wissenschaft eine gewisse Moderation nützlich und auch nötig. Die sogenannte Peer Review.
Doch muss ich zunächst erläutern, wie Wissenschaft und hier insbesondere der wissenschaftliche Diskurs funktioniert.
Wissenschaft ist zuallerst eine Art zu Denken und eine Art die Welt zu erklären. Mit Sinn und mit Verstand.
Ihr könnt so viele Daten, so viele Computer einsetzen, so viele Experimente anstellen, so viele mathematische Symbole aneinander reihen, wie Ihr wollt... Wenn Ihr nicht vorurteilsfrei, logisch und stringent an einen bestimmten Sachverhalt herangeht, dann kommt schon mal 3+1 = 5 heraus.
Wenn also einige Leute das "Ende der Wissenschaft"
ausrufen, weil diese meinen, dass sich Wissenschaft darin erschöpft, Daten zu durchsieben, dann kann ich nur eins dazu sagen: Idioten.
Tatsächlich findet der allergrößte Teil unserer Arbeit in unserem Kopf statt und im Gedankenaustausch mit Kollegen, was natürlich für Kamerateams und Fotografen ziemlich frustrierend ist: "Zeigen Sie doch mal, wie Sie arbeiten", heißt es dann. Zu sehen bekommen sie dann wildes Getippe auf der Tastatur, einige wirre Tafelbilder, Leute, die im Gespräch mit seltsamen Worten um sich schmeißen, und wildes Gekritzel auf Schmierpapier. Mit etwas Glück kann man den Journalisten dann schöne bunte Bildchen als Ergebnis des Denkprozesses zeigen. Der Denkprozess selbst und damit die Quintessenz wissenschaftlichen Arbeitens lässt sich nur schwer in Bilder fassen.
Wissenschaft bedeutet daher auch, dass ein unverzichtbarer Teil unserer Arbeit aus Veröffentlichungen bestehen, die eigentlich nichts anderes darstellen als die auf Papier fixierten Gedanken und Schlussfolgerungen zu einem bestimmten Aspekt der Natur.
Die Vorteile dieses Vorgehens sollten eigentlich jedem einleuchten: Es dient der Dokumentation, der Überprüfung und als Lehrmaterial für zukünftige Generationen. Warum wissen wir über Keplers Gesetze Bescheid? Weil er es aufgeschrieben hat. Gute Veröffentlichungen dienen noch in 100, 200, 300 Jahren einem Wissenschaftler als Basis seiner Arbeit und fließen in Lehrbücher ein. Wir stehen auf den Schultern von Giganten und einer großen Schar fleißiger Vorgänger, die sich alle darum verdient gemacht haben, das Wissen der Menschheit zu vergrößern. Sie alle haben ihr Wissen in schriftlicher Form fixiert und es dann zur Diskussion unter Fachkollegen freigegeben.
Zu Keplers Zeiten drehte sich die Welt allerdings langsamer als heute. Ohne Computer benötigte er Jahre für seine Berechnungen, zudem waren Druckerzeugnisse damals immer noch Luxusware. Werke wie die "Astronomia Nova", die zudem in Latein - der damaligen Sprache der Gelehrten - verfasst wurden, verbreiteten sich recht langsam und in kleinen Auflagen innerhalb der Wissenschaftlergemeinde. Ganz abgesehen davon, dass damals der allergrößte Teil der Menschheit schlicht keine Zeit für so etwas hatte, sondern vollauf damit beschäftigt war zu überleben. Wissenschaft, genau wie die Kunst, war ein Zeitvertreib für reiche Männer und gelegentlich auch Frauen - wenn sie Glück hatten. Kepler verfasste z.B. Horoskope für habsburgische Kaiser und ließ sich so seine wissenschaftliche Arbeit sponsern.
Heutzutage hat sich der wissenschaftliche Betrieb deutlich beschleunigt. Nicht zuletzt deswegen, weil das humboldtsche Bildungsideal vorsieht, dass unser Hochschulsystem grundsätzlich jedem offen stehen sollte. Und es ist ein höchst erfolgreiches Ideal: Noch nie gab es so viele forschende Wissenschaftler auf der Erde und noch nie vervielfältigte sich unser Wissen in einer solchen Geschwindigkeit. Das bedeutet aber wiederum, dass die Zeit der großen Universalgenies endgültig vorbei ist. Kein Mensch ist heutzutage in der Lage, das ganze Wissen der Menschheit umfassend zu begreifen. Es ist einfach zuviel.
In der heutigen Welt mit unseren schnellen Kommunikationskanälen ist es daher auch notwendig geworden, Kanäle zu finden, um das neu geschaffene Wissen zu bündeln. Sonst würden wir in einem Haufen von Heftchen ertrinken oder würden gar nicht mitkriegen, wenn ein Kollege in Italien etwas Spektakuläres auf dem eigenen Fachgebiet findet. Dafür gibt es inzwischen Fachzeitschriften, die sozusagen als gemeinsame Plattform dienen. "Nature" und "Science" kommen z.B. einmal die Woche heraus und geben einen groben Überblick an wichtiger neuer Forschung.
Wissenschaftliche Veröffentlichungen und die Fachzeitschriften stellen sozusagen die Clubszene der Wissenschaft dar. Es sind mehr als Verlautbarungsorgane, es sind Diskussionsforen.
Kritik wird in diesem Fall nicht nur einfach in Kauf genommen, sie wird regelrecht gesucht und gefördert, sofern sie sachlich, konstruktiv und nachvollziehbar ist. Denn nichts ist spannender für einen Forscher, als auf einen Widerspruch zu stoßen oder auf etwas noch nie Dagewesenes. Natürlich werden diese Einsichten schnellstmöglich publiziert und das wiederum zieht weitere Publikationen nach sich, die sich auf diese Arbeit beziehen. Entweder weil die Ergebnisse für gut befunden wurden und als Grundlage für neue Arbeiten dienen oder aber weil jemand erneut einen Widerspruch oder einen Denkfehler findet. Sachliche Kritik ist Schmieröl und Futter zugleich in der Maschinerie der wissenschaftlichen Veröffentlichungen.
Das mag alles für einen Außenstehenden unübersichtlich erscheinen, aber das ist der Vorgang des altertümlichen Strohdreschens auch. Vor lauter Stroh sieht man zunächst gar nichts, aber nach und nach wird das Stroh vom Wind verweht, der Blick wird immer klarer und zum Vorschein kommt das Korn, mit dem man schließlich Brot backen kann. Genauso verbleiben am Ende einer wissenschaftlichen Kontroverse - selbst wenn es Jahrzehnte dauert - jene Gedankengänge und Experimente, welche den Sturm der Kritik überstanden haben, weil sie Gewicht hatten. Weil sie logisch und in sich stimmig sind, mit dem bisherigen gesicherten Wissen übereinstimmen und die vor allem den Abgleich mit der Realität aushalten. Dann lässt sich mit diesem Wissen z.B. so etwas Nützliches wie ein Laser bauen.
Aber wenn sachliche Kritik das Schmieröl des Wissenschaftbetriebes ist, so sind
unsachliche Kritik, persönliche Angriffe, politische und ideologische Auseinandersetzungen und arrogante Unwissenheit die Sandkörner, die das Ganze sehr schnell lahmlegen können. Damit der Wissenschaftsbetrieb also weiterhin so produktiv bleibt, ist es daher leider notwendig geworden direkt im Vorfeld die Sandkörner auszusieben.
Dafür ist die Peer Review da: um die sachliche Kritik von der unsachlichen zu trennen, um zu ve
Autor: Ludmila Carone· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (1)
"Wenn also einige Leute das "Ende der Wissenschaft"
ausrufen, weil diese meinen, dass sich Wissenschaft darin erschöpft, Daten zu durchsieben, dann kann ich nur eins dazu sagen: Idioten."
Hört, hört!
Stimme Dir voll zu. Zwar stimmt es, dass die Datenflut zugenommen hat - in der Biologie beispielsweise werden große Mengen DNA-Sequenz- oder Expressionsdaten generiert, die größtenteils in öffentlichen Datenbanken gespeichert werden. Aber für sich allein genommen, ohne eine Fragestellung oder eine zu überprüfende Hypothese, sind diese Daten wertlos. Sinnvolle Hypothesen zu entwerfen, ist immer noch die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, auch wenn manche offenbar Schwierigkeiten damit haben, das zu begreifen.
"Natürlich ist der Prozess der Peer Review nicht unumstritten. Insbesondere jene, die an den wissenschaftlichen Türstehern scheitern, schreien Dogma und Verschwörung."
So was gibt's? ;)
" Daher akzeptieren die meisten Wissenschaftler, dass das System der Veröffentlichungen in Fachzeitschriften mit Peer Review im Großen und Ganzen funktioniert. Natürlich ist es nicht perfekt, was ist schon perfekt? Aber ich sehe nicht, was man stattdessen sinnvollerweise als System verwenden könnte."
Vielleicht ist auch erwähnenswert, dass die Qualitätskontrolle mit der Peer review erst anfängt bzw. die eigentliche Peer review erst nach der Veröffentlichung stattfindet: dann nämlich, wenn weltweit Wissenschaftler sich die Artikel durchlesen, Aspekte davon in ihre Versuche und Fragestellungen einbeziehen und damit überprüfen (und in ihrer nächsten Veröffentlichung den jeweiligen Artikel dann entweder wohlwollend oder kritisch zitieren).