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Michael Pusler ist Markt- und Medienforscher in leitender Funktion. Er beschäftigt sich primär mit grundlegenden Fragen zum Mediennutzungs- und Verbraucherverhalten sowie zur Markenführung von Medienmarken. Zunehmend spielen dabei auch neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften sowie der Sozialforschung eine wichtige Rolle.

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24.03.10 · 19:20 Uhr

Quo Vadis Umfrageforschung?

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·ScienceBlogs Kategorien  ·  Kommentare: 1

verlaufskurve.jpg  Das Internet, insbesondere das Web2.0 mit seinen vielfältigen Möglichkeiten auch zur Sozialforschung, etwa im Bereich sozialer Netzwerke, schickt sich an, die Befragung als den Königsweg der empirischen Forschung mittels technologiebasierter weblog-screenings oder moderierter Foren am Point of communication abzulösen. Vielfach wird angeführt, nur so „am Puls" der interessierenden Personengruppen sein zu können, um letztlich validere Ergebnisse zu erhalten, als dies inbesondere standardisierte Befragungsbatterien liefern können.

Die Frage, die sich hier nur stellt ist, kann das Internet mit diesen Möglichkeiten in absehbarer Zeit wirklich die Umfrageforschung in der bisher gekannten Form (persönlich oder am Telefon) ablösen oder bleibt diese eine, wenngleich wichtige Ergänzung hierzu? Sicher wird man viel Neues gewahr, etwa wenn ein Markenartikler die Akzeptanz eines neuen Produktes in entsprechenden Foren direkt und unmittelbar eruiert. Aber welche Relevanz haben diese Meinungsäußerungen, welche Bedeutung darf Ihnen zukommen etwa im Hinblick auf ein Urteil über die Gesamtheit aller Marken- oder Produktverwender? Sicher kann so nur ein Ausschnitt beleuchtet werden, von dem man leider auch nicht weiß, wie groß, wie bedeutsam er im Hinblick auf das Gesamt ist. Und da müssen alte, aber längst nicht veraltete Kriterien wieder bemüht werden. Noch erfreut sich die Umfrageforschung einer ausreichenden Zustimmung in der Bevölkerung, so dass repräsentative Stichproben auch Aussagen über die Relevanz verschiedener Positionen einer Menge von Personen erlaubt. Denn nur durch Repräsentativbefragungen ist gewährleistet, das etwa die Parteispitzen in den Berliner Polit-Hauptquartieren allwöchentlich darauf bauen können, dass Verschiebungen in der Parteienpräferenz oder der Sonntagsfrage auch tatsächlich in der gemessenen Größe auftreten. Würde man hier das aktuelle Stimmungsbild aus Onlineforen ableiten wollen, so kämen wohl wenig belastbare Ergebnisse zum Vorschein.

Nehmen wir das Beispiel Politbarometer zur Evaluation der parteipolitischen Stimmungslage in Deutschland. Der Anspruch guter Sozialforschung ist die Sicherung einer hohen Stichprobengüte über die Zeit (eine angemessene Fallzahl vorrausgesetzt), so dass Veränderungen der Parteienpräferenz wirkliche inhaltliche Entwicklungen aufzeigen und eben beispielsweise nicht auf eine schwankende Stichprobenqualität zurückgeführt werden müssen.

Neben einer möglichst hohen Ausschöpfung ist eine Kontrolle, möglichst ein Konstanthalten, neutraler Ausfälle unabdingbar. Die Forderung nach hoher Sorgfalt bei der Kontrolle von Ausfällen ist zentral. Mögliche Folgen einer sicher nicht leichter werdenden Befragungspraxis seitens der Anbieter von Umfrageforschung, etwa systematische Ausfälle als neutrale zu deklarieren, weil z. B. Ausschöpfungsanforderungen nicht wirtschaftlich zu realisieren sind, sind hinsichtlich des genannten Anspruchs nicht akzeptabel. Eine wichtige Forderung der Abnehmer von Befragungsdaten besteht daher im Eingrenzen der Anzahl neutraler Ausfälle auf eine realistische Größenordnung innerhalb einer definierten Feldzeit. Die wiederum darf natürlich nicht zu knapp bemessen sein, um die geforderte Ausschöpfungsrate auch erreichen zu können.

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Die entscheidende Frage für gute, für valide Umfrageforschung wird in Zukunft sicher die nach der Bezahlbarkeit hierfür sein. Bereits heute hat man vielfach die Diskussion, daß für empirische Sozialforschung häufig immer weniger Geld zur Verfügung steht (offensichtlich nicht bei den Parteien oder den Auftraggebern des Politbarometers). Deshalb, und nicht etwa aus einem Unverständnis relevanter Güteparameter, wird häufig bei Befragungen nach dem Prinzip „cheap and easy" verfahren. Eine Entwicklung, unter der letztlich die Relevanz von Forschungsergebnissen nur verlieren kann, zumal unsachgemäß generierte Daten schliesslich - nicht zuletzt aufgrund großer Schwankungen bei Wiederholungsbefragungen - von hoher Unzuverlässigkeit gekennzeichnet sein werden.

 

Autor: Michael Pusler· 1 Kommentar· Permalink· Trackback-URL

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