Blog durchsuchen
Profil

Michael Pusler ist Markt- und Medienforscher in leitender Funktion. Er beschäftigt sich primär mit grundlegenden Fragen zum Mediennutzungs- und Verbraucherverhalten sowie zur Markenführung von Medienmarken. Zunehmend spielen dabei auch neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften sowie der Sozialforschung eine wichtige Rolle.

« vorheriger Beitrag  · nächster Beitrag »

25.06.09 · 14:40 Uhr

Malcolm Gladwell: Überflieger

Kategorie: Themenwoche

Gladwell_Überflieger.jpg
Wer will nicht erfolgreich, klug und begehrt sein?! Die Suche nach dem Geheimnis des Erfolges - oder wie im Untertitel formuliert „warum manche Menschen erfolgreich sind - und andere nicht" beschert Gladwell gegenwärtig einen weiteren Bestseller. Er macht deutlich, dass nicht die ´guten Gene´ oder etwa Zauberei den Erfolg als „Überflieger" erklären, sondern das Auftreten einer in den verschiedensten Lebensbereichen bzw. Berufssparten jeweils unterschiedlichen Erfolgs-Kombination aus relevanten individuellen Voraussetzungen (=Talent) und genutzten Chancen im zeitlich-gesellschaftlichen Kontext.

Der zitierte Soziologe Robert Merton nennt es den „Matthäus-Effekt" („denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird in Fülle haben, wer aber nicht hat, dem wird auch was er hat genommen werden" nach dem Vers im Matthäus-Evangelium), wenn z. B. junge kanadische Nachwuchs-Eishockeyspieler signifikant häufiger zu sportlichen Ehren in ihren Altersklassen kommen, wenn sie in den ersten Monaten eines Jahres geboren wurden. In den nachwuchsklassen des Sports ist nun einmal überwiegend der Stichtag zu einer Alters- bzw. Leistungsklasse der 1. Januar eines Jahres, und wer in jungen Jahren nahe an diesem Tag Geburtstag hat, ist in körperlicher, insbesondere motorischer Hinsicht eben häufig weiter entwickelt als der Konkurrent aus demselben Altersjahrgang, der aber erst im November Geburtstag hat. Wer aber bereits hier vom körperlichen Vorteil profitiert, wird dann auch häufiger in Leistungskadern gefördert und bringt es dementsprechend häufiger ganz an die Spitze in der Sportart. Ähnliches wird auch aus dem Fussballsport vorgestellt.
Da man sein Geburtsdatum nicht selbst wählt, gehört dementsprechend schon einmal viel Glück dazu, später erfolgreich sein zu können. Aber Glück allein genügt selbstverständlich nicht: nur Übung macht den Meister (was freilich nicht neu ist). Und da postuliert Gladwell die „10.000-Stunden-Regel", wonach der Überflieger sich sein Höchstmass an Expertise auch erst hart erarbeiten muss. Da das häufig schnell, in sehr kurzen Zeiträumen passieren muss (zum Spitzensportler, der mal Profi werden will, hat man nur wenige Jahre Zeit), grenzt der Trainingsumfang ja dann bereits an Besessenheit. Und tatsächlich bleibt hierbei dann auch fast keine Zeit mehr, übrige Dinge intensiv weiter zu verfolgen. So hat z. B. der junge Bill Gates sein Studium an der Universität aufgegeben, um sich ganz dem Programmieren zu widmen und sehr schnell und dann auch sehr erfolgreich eine hohe Expertise im Bereich Computersoftware aufzubaueni (nteressanterweise aber gerade im schulischen bzw. universitären Bereich wichtige Übungsmöglichkeiten vorgefunden). Aber gerade sein fall macht auch deutlich, dass neben Glück und Besessenheit ein weiter wichtiger Faktor hinzukommen muss, um später einmal als Überflieger bezeichnet werden zu können: das „demografische Glück". Bill Gates ist Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts geboren und hat sich zu einer Zeit mit dem Thema Computersoftware beschäftigt, als der Markt noch von IBM und Großrechnern dominiert wurde. Er hatte folglich das Glück, seine Expertise in einer Zeit aufzubauen, in der es hierfür zwar noch keinen Massenmarkt, aber eben auch keine massenhafte Konkurrenz gab. Seine Einzigartigkeit, gepaart mit einem sich entwickelnden Markt, sind wichtige Größen zur Erklärung seines Erfolges (und im Übrigen auch dem seiner späteren Mitgesellschafter bei Microsoft oder vergleichbaren Koriphäen wie Steve Jobs von Apple).
Dasselbe Schema wird mit Beispielen aus dem Investmentbanking illustriert und auch die Biografie des Autors selbst findet hiernach aufgeschlüsselt: Eltern, die in ihrem sozialen Umfeld besondere Entwicklungschancen geboten bekommen haben, diese genutzt haben und dem Sohn - ob bewusst oder unbewusst - durch diese Lebenserfahrungen einen Sozialisationsvorteil mit auf den weg gegeben haben.

Was ich - aus zuletzt leider sehr aktuellem Anlass - auch noch mit großem Interesse gelesen habe, ist der Zusammenhang mit Flugzeugabstürzen und kultureller Sozialisation. Es kennzeichnet zwar sicher nicht einen Überflieger in seinem Metier, wenn ein Flugzeugkapitän bei schwierigem Wetter sein Fluggerät sicher landet, es zeigt aber, wie sehr dieser - um später gegebenenfalls als Held gefeiert zu werden - auf die Mithilfe seines Co-Piloten angewiesen ist. Und hier wird ein - bereits länger zurückliegender - Flugzeigabsturz einer koreanischen Airline analysiert, bei der das submissive, unterwürfige Verhalten eines in der asiatischen Kultur sozialisierten Assistenten gegenüber seinem Vorgesetzten erst zum Fehlverhalten des Piloten und dann zum Absturz geführt hat. Menschen, die wichtige Positionen ausfüllen, sich aber nicht trauen, bei erkennbarem (und auch gar nicht beabsichtigtem) Fehlverhalten - gegenüber Höhergestellten - zu intervenieren, begünstigen die Katastrophe. Sicher mögen hier dem Einen oder Anderem spontan Beispiele aus dem eigenen Lebensbereich einfallen, ob im Privaten oder im Job. Vorraussetzung für die Erfolge eines Überfliegers ist folglich auch, eine Aura oder ein von Offenheit geprägtes Umfeld zu schaffen und zu nutzen. Im Übrigen hat die betroffene Airline diesen Unglücksfall auch genutzt, dies aktiv ins (personal skills -) Pilotentraining zu integrieren. Bis dato wurde kein entsprechender Vorfall mehr berichtet.

Ich hatte beim Lesen zwar häufig den Eindruck, das Gelesene vielfach bereits zu kennen. Aber es gelingt Gladwell hervorragend, die Erkenntnisse spannend, leicht verständlich und in gekonnter Dramaturgie kurzweilig zu präsentieren. Ich zumindest habe das Werk in kurzer Zeit verschlungen und die Lektüre durchaus als persönlichen Gewinn empfunden. Am Ende war ich auch sichtlich erleichtert, hier nicht (wie anfangs kurz befürchtet) wieder die zigste Anweisung „wie werde ich zum Überflieger" vorgefunden zu haben, sondern vielmehr eine Bestätigung dafür, nur durch Leidenschaft und harte Arbeit - bei hoffentlich auch etwas Glück in den Umständen - zum Erfolg zu kommen. Und was, wenn´s trotzdem nicht klappt? Nun, es gibt wohl auch keine Formel, nach der Erfolg vorhersagbar wäre. Ach hier finden sich "nur" ex-post-Erklärungen mit statistisch relevanten Effektgrößen aber eben keine kausalen Aussagen. Und das ist, wie ich finde, auch gut so. Das Leben ist - und bleibt - nun einmal ein Geheimnis...

 

Autor: Michael Pusler· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Tags: · · · ·

Kommentar schreiben

Netiquette·AGB

 

ScienceBlogs.com

mehr auf www.scienceblogs.com »