Blog durchsuchen
Profil
Hier bloggt die ScienceBlogs-Redaktion aus München.
Letzte Einträge
- Internationales Reblaus-Symposium in Wien: Startschuss für Reblaus-Genom-Projekt6 Kommentare· 17.09.10
- Bürgerkonferenz "Energienutzung der Zukunft": Jetzt am 21. Tisch mitdiskutieren!0 Kommentare· 07.09.10
- Tatsache Evolution: Basiswissen zur Evolution bei youtube31 Kommentare· 09.08.10
- SciCom 2010: Risikodiskurse und die Wissenschaft0 Kommentare· 21.07.10
- Wissenschaftsblog-Ranking Juni 20100 Kommentare· 04.07.10
Kommentare
- Fugenmörtel · 25.01.12 · 16:42 Uhr Mucki Maus - Muskeln dank Pillen
- André Zeiger · 19.01.12 · 16:13 Uhr Wie die Antibabypille den Hormonhaushalt nachhaltig verändert
- julia · 08.11.11 · 19:54 Uhr Eric Kandel: Freud ist tot
- Andreas · 13.09.11 · 17:44 Uhr Gehirn-Doping für die Wissenschaft
- Andreas · 02.09.11 · 14:19 Uhr Betablocker und Antidepressiva - die ungewöhnlichen Dopingmittel der Schützen und Skifahrer
Kategorien
Archiv
- September 2010
- August 2010
- Juli 2010
- Juni 2010
- Mai 2010
- April 2010
- Februar 2010
- Dezember 2009
- November 2009
- Oktober 2009
- September 2009
- August 2009
- Juni 2009
- Mai 2009
- April 2009
- März 2009
- Februar 2009
- Januar 2009
- Dezember 2008
- Oktober 2008
- September 2008
- August 2008
- Juli 2008
- Juni 2008
- Mai 2008
- April 2008
- März 2008
- Februar 2008
- Januar 2008
- Dezember 2007
- November 2007
- Oktober 2007
- September 2007
« vorheriger Beitrag · nächster Beitrag »
14.08.08 · 06:15 Uhr
Die Pille, der Geruch und die Partnerwahl: Über die Verführungskraft frecher Schlagzeilen
Kategorie: Medizin · Kommentare: 6
Wenn sich Studienergebnisse mit der eigenen Erwartungshaltung decken, dann ist das wunderbar. Noch besser ist es, wenn sich auf dieser Basis freche Schlagzeilen basteln lassen. Dumm ist es allerdings - wie ein aktueller Fall zeigt -, wenn man die Studie nur halb gelesen oder nicht verstanden hat.
Der deutsche Wissenschaftsjournalismus illustriert erneut, daß er viel zu häufig leichtgläubig am Agenturtropf hängt und zu bequem für eigene Recherchen ist...
Wenn sich zwei Menschen besonders "gut riechen" können

Menschen, die sich mögen, können sich "gut riechen". Diese Redewendung verrät mehr über die Art und Weise, wie wir unsere Sympathien verteilen, als wir üblicherweise ahnen.
Denn die Gerüche unserer Mitmenschen, die feinen olfaktorischen Nuancen, bestimmen auf subtile Weise, mit welchen Menschen wir uns gut und mit welchen wir uns weniger verstehen. Klar, daß die olfaktorische Komponente auch bei der Partnerwahl (wenn sich potentielle Liebespartner "beschnuppern") ins Spiel kommt.
Fremde Düfte sind attraktiv
Dieser Zusammenhang ist altbekannt. Denn über den Geruch können wir offensichtlich unbewußt feststellen, ob das genetische Profil des künftigen Partners "günstig" ist. Und günstig heißt schlicht: anders. Wenn die genetische Ausstattung der Eltern eine größere Variation aufweist, dann ist das - so die gängige Lehrmeinung - ein evolutionärer Vorteil.
Eine aktuelle Studie, die von Wissenschaftlern der Universität Liverpool durchgeführt wurde, ist nun der Frage nachgegangen, ob die Einnahme der Anti-Babypille dieses olfaktorische Partnerwahlsensorium beeinflusst. Und wenn man all den Artikeln in der Tages- und Onlinepresse glauben darf, dann krempelt die Pille die Geruchsvorlieben der partnersuchenden Frauen gehörig um.
Bei SpiegelOnline konnte man gestern lesen: "Pille lässt Frauen auf falsche Männer fliegen" und Welt-Online titelte zwar noch zurückhaltend mit: "Antibabypille beeinflusst die Partnerwahl" klärt die neugierigen Leser und Leserinnen dann aber folgendermaßen auf:
Doch durch die Pille suche sich eine Frau eher genetisch ähnliche Partner aus, berichteten britische Forscher in Studie der Universität Liverpool. Diese „Störung" der instinktiven Partnerwahl könne zu einem höheren Risiko von Fehlgeburten, Empfängnisproblemen und längeren Abständen zwischen Schwangerschaften führen.
Und auch das Immunsystem des Nachwuchses sei möglicherweise durch die Pille beeinträchtigt.
Das Problem: die Studie lässt solche Schlußfolgerungen strenggenommen gar nicht zu! Und von wegen "Die Pille lässt Frauen auf falsche Männer fliegen"... - der Fall illustriert allenfalls, daß auch in der Sommerpause höchst schlampig recherchiert wird und man es scheut, den Originalartikel in die Hand zu nehmen.
Wie Christoph Larssen bereits notiert hat, ist Nina Bublitz mit ihrem Text bei stern-online eine löbliche Ausnahme. Sie schreibt:
In der zugehörigen Studie, auf die sich die steile These stützt, fehlt der Beweis dafür.
Und Nina Bublitz liegt mit ihrer Bemerkung ganz richtig. Denn die Ergebnisse von Craig Roberts und seinem Team sind eher ernüchternd. Die Forscher hatten rund hundert Frauen vor und nach der Einnahme der Pille zum Schnuppertest gebeten.
Zweimal zum Schnuppertest
Die Probandinnen sollten an sechs T-Shirts von unterschiedlichen Männern riechen. Darunter waren jeweils drei Männer mit einem ähnlichen und drei Männer mit einem möglichst von der schnuppernden Kandidatin unterschiedlichen Genprofil. Gradmesser war dabei der „Major Histocompatibility Complex (MHC)". Ein Proteinkomplex, der innerhalb des Immunsystems eine Rolle spielt, über Hautbakterien aber auch für die Duftnote mitverantwortlich ist.
Die Frauen sollten bewerten, welcher Geruch ihnen angenehm oder unangenehm ist. Doch nach dem ersten Schnupperdurchgang waren die Ergebnisse mehr als ernüchternd. Weder die Düfte der ähnlichen, noch der genetisch unähnlichen Mannsbilder wurden meßbar bevorzugt.
In der Originalstudie kann man lesen:
Although several studies have reported significant effects of MHC dissimilarity on women's preferences for male body odour, we were unable to replicate this on our main sample of women...
Erstaunlich, denn in unzähligen Meldungen vom gestrigen Tag liest sich das deutlich anders. Und die Forscher beichten keineswegs nur an einer Stelle, daß ihre Ergebnisse nicht sehr eindeutig sind - sie notieren weiter:
To our surprise, we found no significant effect of MHC dissimilarity on odour pleasantness or desirability scores in session 1, where no women were using the pill [...] Across all ratings, there was no correlation between allele sharing and either odour
pleasantness, partner desirability or intensity.
In session 2, where some women were using the pill, we again found no significant differences in any comparison...
Zusammengefasst: Weder vor noch nach der Pilleneinnahme ließen sich konsistente Präferenzen für bestimmte Gerüche (und damit korrelierte Genprofile) feststellen!
Die Thesen von Spiegel, Welt und Co. sind schlicht Blödsinn
Die knackigen Thesen, daß die Pille darüber entscheide, welcher "Typ" Mann bevorzugt wird, sind also vollkommener Blödsinn!
Die einzige Erklärung (nicht Entschuldigung!) für das vorschnelle Geplapper des etablierten Journalismus, der der Pille auch noch gleich das Etikett des "Beziehungskillers" verpasst, liegt übrigens in einem kleinen Taschenspielertrick der Studienautoren.
Da sich (wie oben gesagt) anhand der Grundgesamtheit keine signifikanten Effekte ableiten ließen, strich man kurzerhand rund 25% der Teilnehmerinnen aus der Stichprobe. Unter dieser Einschränkung ließen sich dann gewisse, statistisch auch haltbare Korrelationen zeigen.
Doch auch nach diesen "Tricks" kommen die Forscher zum Schluß:
We do not know whether the change in preferences related to pill use is sufficiently strong to influence partner choice, but it could do so if odour plays a significant role in actual human mate choice.
Sie wissen es also nicht, ob die bevorzugten Gerüche sich tatsächlich durch die Einnahme der Pille verschieben. Das ist immerhin ehrlich - allerdings lassen sich mit einem solchen "Vielleicht, vielleicht auch nicht..." keine guten Schlagzeilen machen.
Das können dann die Journalisten von Spiegel, Welt oder Süddeutscher Zeitung doch besser... und wenn es um Partnerwahl oder Sex geht, dann gibt es im Sommerloch ohnehin kein Halten.
Lesenswert:
- Bublitz, Nina: Der Unsinn mit der Pille und dem Schweiß, stern.de, 13.8.2008
Und hier die Originalstudie:
- S. Craig Roberts et.al.: MHC-correlated odour preferences in humans and the use of oral contraceptives, in: Proceedings of The Royal Society B, DOI 10.1098/rspb.2008.0825
Autor: Marc Scheloske· 6 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
Trackbacks (2)
Die Pille: Ein in Hormonen verpackter Beziehungskiller? · ScienceBlogs · 14.08.08 · 06:40 Uhr
Die Pille für das Sommerloch · Sollzustand · 14.08.08 · 12:38 Uhr
Kommentar schreiben
Top5
- Franz Hörmann und die Gaskammern: vom Wissen und vom GlaubenKritisch gedacht· 27.01.2012
- "2012 - Keine Panik" - Das Buch zum WeltuntergangAstrodicticum Simplex· 30.01.2012
- Die Praxis der "Alternativmedizin": Ein Insider berichtetKritisch gedacht· 08.02.2012
- Kein Platz für junge Wissenschaftler - Das Problem der fehlenden JuniorpositionenAstrodicticum Simplex· 31.01.2012
- Wie ich Wissenschaftler wurde und warum ich heute keiner mehr binAstrodicticum Simplex· 01.02.2012
Top5
- Franz Hörmann und die Gaskammern: vom Wissen und vom GlaubenKritisch gedacht· 27.01.2012
- "2012 - Keine Panik" - Das Buch zum WeltuntergangAstrodicticum Simplex· 30.01.2012
- Sonderrechte für Religiöse?blooDNAcid· 01.02.2012
- Vahrenholts kalte Sonne, Svensmarks kosmische Strahlen und der KlimawandelAstrodicticum Simplex· 10.02.2012
- World Skeptics Congress 2012 in BerlinKritisch gedacht· 06.02.2012
ScienceBlogs.com
- Great Plains Emerging Diseases ConferenceI ...Aetiology· 10.02.2012 · 14:25 Uhr
- Awful House transportation bill forgets that transit benefits drivers, tooThe House of Representatives Natural Resources Committee has approved what ...The Pump Handle· 10.02.2012 · 11:16 Uhr
- Independence Days Challenge Update #1I won't usually publish ID updates here but I did ...Casaubon's Book· 10.02.2012 · 11:02 Uhr
- Just in Time for Valentine's Day: The Science Behind the KissBy Larry Bock Founder and organizer USA Science Engineering Festival ...USA Science and Engineering Festival: The Blog· 10.02.2012 · 10:00 Uhr
- An uncomfortable questionWork called last night It happens Basically I had two ...Respectful Insolence· 10.02.2012 · 08:00 Uhr

Kommentare (6)
schöne Auflösung! :-)
Verflixt, ich habe auch erst einmal SPON vertraut und sogar kurz mit dem Gedanken gespielt, zu gucken, ob es passende (Längsschnitt-)Daten gibt, die sowohl Angaben zur Trennung als auch hormonellen Kontrazeption enthalten. Also, Danke, dass ich mir die Mühe sparen konnte :-)
Eine terminologische Frage hätte ich allerdings, Du schreibst: "Da sich (wie oben gesagt) anhand der Grundgesamtheit keine signifikanten Effekte ableiten ließen, strich man kurzerhand rund 25% der Teilnehmerinnen aus der Stichprobe" (Herv. von BW). Grundgesamtheit? Es geht doch nur um eine Stichprobe, die noch ein bißchen verkleinert wird, oder? (Allerdings haben Inferenz und Grundgesamtheit schon irgendwie etwas miteinander zu tun, das ist korrekt :-)
@Bernd Weiss:
Ja, natürlich. Ich sollte meine Texte besser nicht mehr mitten in der Nacht schreiben. Die ursprüngliche Stichprobe umfasste 109 Probandinnen (die also möglicherweise für die Grundgesamtheit als repräsentativ anzusehen wären), davon wurde fast ein Viertel aussortiert.
Stamme nicht aus dem deutschsprachigen Raum.
Und habe nicht Zeit genug um den originellen Artikel zu lesen.
Trotzdem wage ich den Versuch folgendes mitzuteilen:
das Ausschalten einen Teil der Untersuchungsgruppe ist nicht etwas auserordenliches weder etwas ordnungswidriges, wenn es explizit erklaert wird und geklaert ist warum das angebracht sein mag.
Z.B.: personelles, d.h. psychologisches und soziales Profil der Untersuchungspersonen koennte diese beinflussen, bewusst oder nicht ihre autentische Rezeption entstellt zu berichten und dieses Verfahren darf man - falls bewusst ueber die Verminderung von Vertrauenswuerdigkeit und nachdem alle moegliche Pruefungen der Berechtigung fuer die zusaetzliche Teilung der sowieso kleineren Untersuchungsgruppe in Untergruppen - als Grund nehmen, um diese Frauen als ungeeignet fuer den Test betrachten.
Ich vermute, das der Gentest teuer war und deshalb auch nur 109 Frauen untersucht wurden. Das wir, Frauen, in verwickelten Beziehungen zu der Wirklichkeit stehen, ist auch etwas, was nicht leicht bei einem Test auf einem Gebiet, wo auch die aufrichtigen Maenner nicht so aufrichtig berichten wuerden - und ich meine nicht das Gegengeschlechtgeschaeft im sinnlichen Sinne, sondern die darausfolgenden Verwicklungen, - zu vermeiden. Deshalb wurden nicht im Voraus die Untersuchungspersonen differenziert. Erst nach den aussageschwaechlichen Resultaten koennte man vermuten, das - vielleicht! - ein Teil der Frauen nicht im Stande war sich auf Aufrichtigkeit zu disziplinieren. Und unter Vorbehalt zu versuchen, diese Frauen auszusuchen und aus der Grundgruppe zu eliminieren. Ja, gerade nach dem Test.
Danach bleibt es nur zuzugeben, das solche Teste unangebracht sind.
Was letztendlich auch ein Resultat ist.
Uebrigens, vielleicht ist es hoechste Zeit, eine echt umfaengliche Studie zu unternehmen ueber allerhand Seiteneffekte der Pille. Auch auf dem Nachwuchs.
Es gibt viele verschiedene Faktoren, die bei der Partnerwahl eine Rolle spielen. Die meisten davon sind uns völlig unbewusst. Ich habe einen längeren Blog-Artikel darüber geschrieben: http://tinyurl.com/4ueldj
Vielen Dank für die Recherchearbeit! Ich hab einige Artikel dazu gelesen und glaubte augenscheinlich renomierten Quellen wie Spiegel & Co.