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19.10.09 · 01:28 Uhr
Abgehängt - Münster nicht mehr Fahrradhauptstadt?
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 7
Greifswald beansprucht den Titel - Münsters Lokalpresse schäumt.
Die Pressestelle der Stadt Greifswald hat am Donnerstag mitgeteilt, Greifswald sei Deutschlands neue Fahrradhauptstadt. Dies sei das Ergebnis einer Erhebung, die sich an einer Untersuchungsmethode der Technischen Universität Dresden orientiert, die als bundesweiter Standard gelte.
Die genauen Zahlen sollen erst am Dienstag auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben werden. In Münster hat die Ankündigung aber schon zu harschen Reaktionen geführt.
Das Lokalblatt Hallo Münster widmet dem Thema gestern seine Titelgeschichte:
[...] Ja, potz Blitz, schäumen könnte man da. Schäumen.
Stephan Böhme vom städtischen Planungsamt und zuständig für Münsters Radverkehr, hat sich am Telefon trotzdem nichts anmerken lassen. Beifall für den Erfolg der Ostsee gab's von ihm aber keinen. Eher leise Zweifel. Und schon gar nicht will sich Böhme in Zukunft an Greifswald orientieren. "Ich gucke eher nach Groningen, Utrecht oder Kopenhagen, das Fahrradwelthauptstadt werden will und dafür Millionenbeträge investiert", sagt er.Dort gebe es sicher mehr zu lernen für das Ziel, den Radverkehrsanteil in Münster von 37,6 Prozent (November 2007) auf 40 bis 45 Prozent in den nächsten Jahren zu heben. [...]
Und die Münsterländische Volkszeitung legt noch nach:
In Münster sei nicht einfach die Radnutzung an einem Tag ermittelt worden, „hier gibt es ein komplexes, schlüssiges System, das auf den Fahrradverkehr ausgerichtet ist". Und zwar nicht nur in einem kleinen Bereich - „sondern durchgängig".
Ein Vergleich lässt Greifswald blass aussehen. Gerade mal 14 Kilometer eigenständige Radwege hat die vorpommersche Stadt, in Münster sind es 293. Außerdem gibt es hier 22 Fahrradstraßen, in Greifswald nur eine. „Experten aus aller Welt, die bislang nach Münster kamen, werden jetzt nicht plötzlich nach Greifswald fahren, um sich dort anzuschauen, wie eine Fahrradstraße funktioniert", sagt Böhme.Klar, dass es in der 54 000-Einwohner-Stadt an der Ostsee auch noch viel weniger Drahtesel gibt als in Münster. So wenige, dass Böhme keinen einzigen entdeckte, als er sich gestern Morgen im Internet durch Greifswald-Webcams klickte. Fahrradhauptstadt Greifswald? Daran glaubt man wohl nur dort . . .
(Sehr lustig sind auch die Leserbriefe zum MV-Artikel. Ein Beispiel: "Die wenigsten werden wissen, wer Greifswalds Partnerstadt im Westen ist: Osnabrück! Ein Schuft, wer Böses dabei denkt und nun vermutet, dass unsere evangelischen Friedensstadt-Rivalen ihre vorpommerschen Glaubensbrüder und Komplizen animiert haben, Münsters Glorie zu beflecken.")
Münsters Radwege-Netz ist übrigens wirklich einmalig, nicht nur wegen der Länge sondern auch wegen der (zum Teil recht komplizierten) Vorfahrtsregelungen. Mancher klagt schon über Überregulierung. Im letzten Sommer ließ eine Lokalzeitung gar darüber abstimmen, ob man Nummernschilder für Fahrräder einführen solle, das Ergebnis war aber ziemlich eindeutig.
Autor: Thilo· 7 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (7)
Wenn Greifswald wirklich nur 14km Radwege hat, dann könnte dies der Grund sein, wieso die Stadt für den Radverkehr weitaus attraktiver ist als Münster.
Das entscheidende Wort ist "eigenständige", denn hier in Greifswald gibt es an oder neben Straße auch einen Fahrradweg. Allerdings gibt es sehr wohl noch Nachholbedarf und ich würde Münster den Titel der fahrradfreundlicheren Stadt nicht absprechen. Es geht hier ja darum, dass der Anteil der Verkehrsteilnehmer, die Rad fahren größer ist. Und dass kein der Reporter keinen Radfahrer entdeckte, ist Quatsch. Er soll sich einfach nur mal einen Tag (oder eine Stunde) an die Europakreuzung stellen.
Dass Münster eine fahrradfreundliche Stadt ist, konnte ich vor einigen Jahren schon erradeln, als ich zur Bundeshauptversammlung des ADFC dort war. Sicher ein Vorbild in Deutschland und ein Ansporn für uns - hier in Greifswald, da noch viel zu tun! Um so mehr freuen wir uns über den reichlichen Alltags-Radverkehr, der uns den nötigen Rückenwind gibt, dass die Politik auch was tun muss, denn am Radfahren kommt keine Stadt vorbei, die es ernst meint mit der Verbesserung des Klimas und Verminderung des Autoverkehrs. In diesem Sinn lasst uns nicht streiten, wer besser ist, sondern freuen wir uns über die erreichten Ziele - hier wir dort!
Steffen Burkhardt - Ortsgruppensprecher in Greifswald (ADFC)
Lokalpatriotismus hat immer sowas erheiterndes...
Statt sich zu freuen, dass auch andere Städte sich um Fahrradfreundlichkeit bemühen, gönnt man den anderen nicht einmal die Reflektoren an den Pedalen. Tsts.
Das (Wissenschafts-)philosophisch Interessante an der Sache ist, dass eben auch jede streng empirische Erhebung eine Sache der Definition ist (hier des Begriffs "Fahrradhauptstadt") - und dass solche Definitionen immer Interesssens-abhängig sind.
Schwer zu sagen, Old WB ist schon in den Siebzigern Fahrrad gefahren in MS, Infrastruktur dbzgl. war immer gut, zumindest seit ca. 1970. :--)
Ansonsten sind natürlich Fahrradfahrer B-Liga, wenn man das so ausdrücken darf, der Ring und so ist doch eher was für die Motorisierten.
Dem Studi sei dringend der motorisierte Untersatz empfohlen, gerade auch, wenn ausserhalb gewohnt wird (Kinderhaus etc.). Busse nicht gut.
MFG, WB
Die einzige mir bekannte Greifswalder Webcam ist auf dem Marktplatz und dort ist im Tage Radfahrverbot ... kein Wunder daß man da keine Fahrräder gesehen hat.