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07.12.08 · 11:42 Uhr
Doping-Skandal bei Schacholympiade in Dresden
Kategorie: Medizin · Kommentare: 14
"Schach-Olympiade: Iwantschuk flüchtete bei Doping-Kontrolle" titelte Zeit-Online am Montag. Der Weltranglisten-Dritte Wassili Iwantschuk soll bei der Schacholympiade (Mannschafts-WM) den Dopingtest verweigert haben.
Was ist passiert?
Dopingproben im Schach sind vor einigen Jahren eingeführt worden, weil der Weltschachbund FIDE Schach als olympische Sportart etablieren will. (Wofür kurzfristig aber gar keine realistischen Aussichten bestehen.) Bei vielen Aktiven besteht gar kein Interesse, Schach als Sportart bei den Olympischen Spielen einzuführen. Weshalb dann auch kein wirkliches Verständnis für die aus diesem Grund eingeführten Doping-Kontrollen vorhanden ist.
Die Ukraine sah bei der Manschafts-WM bis zur letzten Runde wie ein sicherer Medaillenkandidat aus, verlor aber das letzte Spiel 0,5:3,5 und wurde dadurch nur 4. Ausgerechnet nach diesem größtmöglichen Mißerfolg wurde der Weltranglisten-3. Wassili Iwantschuk (39, Bild unten) dann auch noch von Dopingkontrolleuren angesprochen.
Ein Augenzeuge berichtet, daß Iwantschuk wutenbrannt auf eine Beton-Säule eintrat, mit der Faust auf die Tische des "Food service counter" schlug und schließlich die Dopingtester einfach stehen ließ. Was auch viel plausibler klingt als die Zeitungs-Überschrift "Iwantschuk flüchtete bei Doping-Kontrolle". (In einem Interview auf sport.ru sagt Iwantschuk: "Das scheint alles purer Wahnsinn, aber solche Spektakel passieren in unserer Welt. Ich bin einfach aus Enttäuschung über meine Niederlage gegangen und habe nicht auf einen Mann gehört, den ich das erste Mal in meinem Leben sah und dessen Namen ich bis heute nicht kenne. Sie sehen, was für eine Komödie das war.")
Inzwischen hat die FIDE entschieden, die Ukraine nicht zu disqualifizieren und ihr keine Punkte abzuziehen. (Es läuft aber ein Verfahren gegen Iwantschuk mit dem Ziel einer 2-jährigen Sperre.) Damit wird es jetzt meiner Meinung nach aber wirklich problematisch: Wenn es im Schach keine Doping-Kontrollen gäbe, würde sich wohl niemand dran stören. Wenn man aber Doping-Kontrollen durchführt und anschließend nur halbherzige Konsequenzen zieht, dann schafft man damit Präzedenzfälle, auf die Doping-Sünder anderer Sportarten sich in Zukunft womöglich berufen werden.
Es hatte letztes Jahr schon einmal einen Fall gegeben (cf. mein Aprilscherzartikel). Eine österreichische Spielerin hatte Dopingtester nicht zu einer "Trainingskontrolle" in ihr Haus gelassen. Wahrscheinlich hielt sie die Leute für eine Drückerkolonne oder Pharma-Vertreter :-) Die Strafe: 2 Jahre Sperre. Dem Vernehmen nach soll Iwantschuk jetzt ebenfalls 2 Jahre gesperrt werden, allerdings nur für offizielle FIDE-Turniere wie Weltmeisterschaften etc. Was in der Sache sinnvoll sein mag, aber natürlich wieder einen gefährlichen Präzedenz-Fall für andere Sportarten schafft.
Das vernünftigste wäre wohl, Schach eben nicht als Sport anzusehen. (Spaniens Spitzenspieler Alexej Schirow, der sich 2000 in Sydney für Schach als olympische Sportart exponiert hatte, bezeichnet dies heute als 'Fehler seines Lebens'.)
Die jetzige Lösung, wonach Schach sich zwar den im Sport üblichen Doping-Regularien unterwerfen muß, diese aber nur halbherzig umgesetzt werden, untergräbt letztlich die Autorität der Anti-Doping-Behörden auch bei den Sportarten, wo Doping wirklich eine Rolle spielt.
Ach so, noch zum sportlichen Ergebnis der Schacholympiade: Sieger wurde Armenien vor Israel und den USA. Wie gesagt, die Ukraine wurde nur 4. Bei den Frauen gewann Georgien vor Ukraine und USA.

"Dopingsünder" Wassili Iwantschuk (Quelle: Wikipedia)
Autor: Thilo· 14 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (14)
Welche Mittel fallen bei Schach denn eigentlich unter "Doping"? Sind ausdauerfördernde Mittel wie EPO etc auch im Schach ein Thema? Oder geht es da eher um Drogen, die die Konzentrationsfähigkeit erhöhen?
Ich weiß gar nicht, worauf eigentlich getestet wird.
Allgemein scheint es Konsens zu sein, daß Doping im Schach wenig Sinn macht, weil sowohl dämpfende als auch stimulierende Mittel mehr schaden als nutzen:
wer stimulierende Mittel nimmt, spielt zu leichtsinnig,
wer dämpfende Mittel nimmt, spielt zu vorsichtig oder zu wenig entschlußfreudig.
Doping ist im Schach also eigentlich gar kein Thema und dadurch hat man dann offensichtlich auch die geringe Akzeptanz der Doping-Kontrollen.
Was für einen Sinn hat es beim Schach eigentlich, Männer und Frauen getrennt zu werten?
@ DM:
Soweit ich weiß, ist das bei allen Kampfsportarten so üblich.
Weil es keine Bäuerinnen gibt?
Die getrennte Wertung wird als Maßnahme zur Frauenförderung verstanden. Da wesentlich weniger Frauen als Männer Schach spielen, wird argumentiert, dass man so Mädchen (die sonst in der Masse der Jungen untergehen würden) eher Erfolgserlebnisse verschafft und sie eher dazu bringt, dauerhaft Schach als Sport zu betreiben.
Überdies gibt es auch finanzielle Interessen - es werden bei der Dopplung mehr Trainerstellen finanziert (davon abgesehen, dass einige Trainer ohnehin lieber Mädchen trainieren als Jungen - über die Gründe kann man nur spekulieren, Mädchenklassen sind lt. Lehrern ja pflegeleichter, im Schach braucht man derzeit dazu auch eine geringere fachliche Qualifikation, andere Gründe mögen hinzukommen). Wettbewerbe mit jungen Frauen sind außerdem oft besser medial zu vermarkten (eine 14jährige, die angesichts der geringen Konkurrenz nationale Frauenmeisterin wird, generiert mehr Aufmerksamkeit als eine, die im gemeinsamen Wettbewerb den 10. Platz unter gleichaltrigen Jungen einnimmt).
Ob diese unterschiedliche Erfolgsmessung zur Förderung beigetragen hat, ist umstritten. Die einzige Spielerin, die je in die Männerspitze vorgedrungen ist (Judit Polgar), hat Frauenturniere konsequent ignoriert. Bei dem Rest hat sich am numerischen Verhältnis Männer/Frauen sowohl in qualitativer (Anteil in der Spitze) als auch in quantitativer Hinsicht in den letzten 20 Jahren trotz aller Fördermaßnahmen nichts geändert.
Einige Stimmen nehmen das zum Anlaß, eine noch stärkere Frauenförderung zu verlangen, andere sehen dies eher als Versagen der Instrumente an.
Von einer grundsätzlichen Diskussion dieser Frage, womöglich auch noch mit Vergleichen zu schwer haltbaren Parallelen wie z.B. Mathematik und Naturwissenschaft (wo etwa Qualitätsmessung im Gegensatz zum Schach noch weit weniger objektivierbar ist) bitte ich an dieser Stelle abzusehen, da das Thema des Threads ``Doping" ist.
Die Tests erfolgen standardisiert auf dieselben Mittel wie bei anderen Sportarten auch. Anders wäre es gar nicht möglich, da schlicht vom Sportbund vorgegeben wird, den NADA-Kodex in den jeweiligen Fachverbänden umzusetzen. Ob die entsprechenden Mittel tatsächlich zu einer Leistungssteigerung führen oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Das harte Druckmittel zur Umsetzung auch ggf. sinnloser Tests ist die Androhung des Streichens von Fördermitteln.
Diese Argumentation könnte sich allerdings als Bumerang erweisen, da ohnehin das Bundesinnenministerium dem Schach (wegen "fehlender motorischer Aktivität") die Gelder streichen will. Ansonsten wäre einmal nachzurechnen, ob nicht der Sportbund durch die Abgaben der Mitgliedsbeiträge von immerhin 100.000 organisierten Schachspielern mehr profitiert als die eher spärlichen Mittel, die zurückfließen. Wenn sich aus eher formalen Gründen eine Abtrennung der Schachspieler vom DOSB als sinnvoll erweist, würde dies letztlich vor allem der Verwurzelung des Sports in der Breite schaden. Ohnehin läuft die gegenwärtige Entwicklung m.E. darauf hinaus, dass der DOSB nur noch die olympischen Sportarten glaubwürdig vertritt und nicht mehr für den Sport als Ganzes sprechen kann.
Ja, eben. In Anbetracht der Unterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Durchschnitt hat das ja auch einen Sinn. Aber beim Schach?
Das klingt schon logischer. Danke!
Die Doping-Kommission des Weltschachbundes hat Iwantschuk heute einstimmig freigesprochen. Die Begründung ist so originell, daß ich sie hier im Wortlaut wiedergeben möchte:
"Drug testing is still relatively rare in chess. However, it does occur in various official events and was carried out during the course of the Dresden Olympiad. Unfortunately, a high proportion of the tests were scheduled during the last round and there was a lack of personnel, which lead to a procedural error: there was not a designated Doping Control Officer present at this match (USA v Ukraine).
After losing a crucial game for his country, Mr Ivanchuk was distraught. The Hearing Panel concludes that although the arbiter attempted to inform Mr Ivanchuk in English that he should accompany him for a doping test, Mr Ivanchuk apparently failed to understand the instructions, especially since English is not Mr Ivanchuk’s first language. If there had been a Doping Control Officer present, he would have immediately gone to Mr Ivanchuk’s board and there would have been communication between him and Mr Ivanchuk. In that case the outcome might have been different. Because there was no notification by the Doping Control officer, there was no refusal in the sense of the regulations.
The Conclusion:
The procedural error allied with Mr Ivanchuk’s state of mind led him unintentionally to miss the test. The Hearing Panel therefore concludes unanimously that there should be no penalty."
Besonders pikant ist, dass m.W. organisatorisch die Dopingkontrolleure per se vom Spielbereich ausgeschlossen waren und es gerade die Aufgabe des Schiedsrichters war, den ausgelosten Spieler zu ihnen zu führen.
Folgt man der Urteilsbegründung, wäre ein gültiger Test gar nicht möglich gewesen.
"The Hearing Panel concludes that although the arbiter attempted to inform Mr Ivanchuk in English that he should accompany him for a doping test, Mr Ivanchuk apparently failed to understand the instructions, especially since English is not Mr Ivanchuk’s first language."
Nimmt man die Urteilsbegründung ernst, dann ist ein gültiger Test nur möglich bei Sportlern, die als Muttersprache Englisch haben :-)
(Und von denen gibt es nicht allzuviele, denn auch bei den erfolgreichen Teams aus USA oder Israel dürfte die Muttersprache der meisten Spieler wohl Russisch sein.)
Unn wenn sick een Dopingkontroller in Gripswold blicken lött, dunn möt he plattdütsch snacken, süs' versteit em keen Späler nich!
Wenn ich mich dunkel an meine aktive Schachzeit erinnere, dann gab es sehr feine Unterschiede in den Definitonen. Es gibt "Olympische Sportarten", die werden bei den Olypmischen Spielen auch ausgetragen und es gibt "vom Olypmischen Komitee anerkannte Sportarten" u.a. Schach. Nur die "vom Olypmischen Komitee anerkannten Sportarten" kommen überhaupt für die Aufnahme in die erste gruppe in Frage, aber noch viel wichtiger: auch diese Sportarten kommen grundsätzlich in den Genuß (national-)staatlicher Olympiaförderungsmaßnahmen. Es gab zumindest zu meiner Zeit Olympiastützpunkte für Schach, die aus Lotto-Geldern finanziert wurden. Das war die originäre Motivation, sich allen Regularien des IOCs zu unterwerfen selbst wenn die in diesem Fall wenig Sinn machen.
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