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06.07.08 · 12:10 Uhr
Ethik in der Wissenschaft
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 3
Lyssenkoismus, Bogdanow, die Katholische Univesität Eichstätt und die Ecoli-Bakterien.
Trotz der reißerischen Überschrift soll es in diesem Beitrag weder um Plagiate noch um böse Profs gehen, sondern um ein wesentlich ernsteres Thema: um immer wiederkehrende Versuche, Wissenschaft durch ethisch-weltanschaulich-politische Debatten zu ersetzen.
Zunächst ein Ausflug in die Geschichte.
Allgemein bekannt sind sicher der Kampf der "Deutschen Physik" gegen die Relativitätstheorie oder der Kampf des Lyssenkoismus gegen die Genetik. (Aus der Wikipedia: "Zwischen 1934 und 1940 wurden unter Lyssenkos Aufsicht und mit Stalins Genehmigung viele Genetiker hingerichtet oder in den Gulag geschickt. Der bekannteste Genetiker der Sowjetunion, Nikolai Wawilow, wurde 1940 verhaftet und starb drei Jahre später im Gefängnis. Genetik wurde als eine „faschistische und bourgeoise Wissenschaft" bezeichnet. Hier zeichnet sich eine Parallele zu der unter den Nationalsozialisten als „jüdisch" verfolgten Relativitätstheorie ab, die durch eine „Deutsche Physik" ersetzt werden sollte. 1948 wurde die Genetik schließlich offiziell zur „bourgeoisen Pseudowissenschaft" erklärt - daraufhin wurden alle Genetiker entlassen (oder eingesperrt). Noch Chruschtschow schätzte Lyssenko anfangs als einen großen Wissenschaftler, und auf der Genetik lag lange ein Tabu. Erst in der Mitte der 1960er Jahre wurde die offizielle Position zur Genetik widerrufen und die Genetiker rehabilitiert. Der Lyssenkoismus hielt sich in der Volksrepublik China, wo er teilweise bis in die unmittelbare Gegenwart verfochten wird.")
Weniger bekannt, aber trotz des tragischen Endes fast schon wieder komisch, ist die Geschichte von A.A.Bogdanow. Dieser war ausgebildeter Arzt, im Hauptberuf aber ein wichtiger Theoretiker der Bolschewiki. Nach der Oktoberrevolution wurde er zunächst Professor für politische Ökonomie, später Direktor des Instituts für Bluttransfusionen (schließlich hatte er ja mal Medizin studiert). Das Thema Bluttransfusionen wurde damals auf eine heute schwer nachvollziehbare Weise mit weltanschaulicher Bedeutung aufgeladen. Bogdanow selbst kam 1928 bei einem Selbstversuch mit Bluttransfusionen ums Leben. (Ein Vergleich drängt sich auf: so wie heute niemand mehr Bluttransfusionen philosophisch diskutieren würde, wird vielleicht in ferner Zukunft niemand verstehen, warum gerade ein Spezialgebiet der Theoretischen Biologie wie die Evolutionsforschung mal zu weltanschaulichen Debatten geführt hat.)
Zurück in die Gegenwart gibt es zwei aktuelle Anlässe für diesen Artikel.
Der erste sind die aktuellen Entwicklungen an der Katholischen Universität Eichstätt. Ich weiß darüber natürlich nur, was in der Zeitung steht. Aber das finde ich beunruhigend genug.
Ich hätte durchaus Verständnis, daß die Kirche einschreiten könnte, wenn die Uni Eichstätt beispielsweise vorhaben würde einen Dr.h.c. an Richard Dawkins (der ja wohl ebenfalls Naturwissenschaft stark mit weltanschaulichen Debatten vermischt) zu verleihen. Dem Vernehmen nach ist aber nichts derartiges vorgefallen.
Im zweiten aktuellen Beispiel geht es um Ecoli-Bakterien, und dafür muß ich etwas weiter ausholen.
Es gibt seit einiger Zeit ein Gegenprojekt zur "Wikipedia", die "Conservapedia".
Der Name würde ja eigentlich nahelegen, daß mit diesem Projekt konservative politische Standpunkte transportiert werden sollen. Dies ist aber offensichtlich nicht das zentrale Anliegen der Macher. Vielmehr ist das Projekt eine absurde Zusammenstellung aller möglicher aus dem Zusammenhang gerissener Fakten, die irgendwelche Erkenntnisse der heutigen Wissenschaft in Frage stelle sollen.
Ein Beispiel aus meinem Gebiet, der Mathematik: im Artikel über Fermat wird behauptet: "Fermat's most famous conjecture is Fermat's Last Theorem, which was not proven until mathematician Andrew Wiles relied on the controversial Axiom of Choice and hyperbolic geometry to publish an abstract proof, in conjunction with others, in 1995." und an anderer Stelle zum selben Thema: "However, criticism does continue on the internet.". (Was das jetzt mit "konservativ" zu tun hat, weiß wohl niemand.)
Und nun zum aktuellen Fall: vor einiger Zeit hatten die Macher von "Conservapedia" offenbar aufgeschnappt, daß die Arbeiten des Biologen Lenski über Mutation von Bakterien auch von evolutionstheoretischem Interesse sein könnten. Der Chef des Projekts schrieb darauf einen geharnischten Brief an Lenski, in dem er seine Ergebnisse bezweifelte und ihn aufforderte, seine Daten offenzulegen. Lenski, der das ganze offenbar für ein Mißverständnis hielt, schrieb eine höfliche Antwort, in dem er die fraglichen Punkte geduldig erläuterte. (Den ganzen Briefwechsel findet man hier bei Conservapedia.) Daraufhin kam ein weiterer Brief: "Dear Prof. Lenski, This is my second request for your data underlying your recent paper [...] Your work was taxpayer-funded, and PNAS represents that its authors will make underlying data available. I'd like to review the data myself and ensure availability for others, including experts and my students. Others have expressed interest in access to the data in addition to myself, and your website seems well-suited for public release of these data. [...]". Lenski, nun offensichtlich wirlich wütend, schrieb eine zweite Antwort (ebenfalls auf der Conservapedia-Seite). Einige Auszüge:
"[...]
Finally, let me now turn to our data. As I said before, the relevant methods and data about the evolution of the citrate-using bacteria are in our paper. In three places in our paper, we did say "data not shown", which is common in scientific papers owing to limitations in page length, especially for secondary or minor points. None of the places where we made such references concern the existence of the citrate-using bacteria; they concern only certain secondary properties of those bacteria. We will gladly post those additional data on my website.
It is my impression that you seem to think we have only paper and electronic records of having seen some unusual E. coli. If we made serious errors or misrepresentations, you would surely like to find them in those records. If we did not, then - as some of your acolytes have suggested - you might assert that our records are themselves untrustworthy because, well, because you said so, I guess. But perhaps because you did not bother even to read our paper, or perhaps because you aren't very bright, you seem not to understand that we have the actual, living bacteria that exhibit the properties reported in our paper, including both the ancestral strain used to start this long-term experiment and its evolved citrate-using descendants. In other words, it's not that we claim to have glimpsed "a unicorn in the garden" - we have a whole population of them living in my lab! [ http://en.wikipedia.org/wiki/The_Unicorn_in_the_Garden] And lest you accuse me further of fraud, I do not literally mean that we have unicorns in the lab. Rather, I am making a literary allusion. [ http://en.wikipedia.org/wiki/Allusion]
[...]
P.P.S. I hope that some readers might get a chuckle out of this story. The same Sunday (15 June 2008) that you and some of your acolytes were posting and promoting scurrilous attacks on me and our research (wasn't that a bit disrespectful of the Sabbath?), I was in a church attending a wedding. And do you know what Old Testament lesson was read? It was Genesis 1:27-28, in which God created Man and Woman. It's a very simple and lovely story, and I did not ask any questions, storm out, or demand the evidence that it happened as written at a time when science did not yet exist. I was there in the realm of spirituality and mutual respect, not confusing a house of religion for a science class or laboratory. And it was a beautiful wedding, too.
[...]"
Dem ist wohl nichts hinzufügen.
Autor: Thilo· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (3)
Einen interessanten Artikel zum Thema "Einflussnahme auf die Wissenschaft" gab es vor zwei Jahren in der ZEIT, die das Beispiel der Templeton-Stiftung analysierten:
http://www.zeit.de/2006/19/templeton1_xml?page=all
Man kann sich gut vorstellen, welche Auswirkungen es auf die Ausrichtung von Wissenschaft hat, wenn eine betont fundamentalistisch ausgerichtete christliche Stiftung mit 800 Millionen Dollar Einfluß auf die Forschung nimmt - in Zeiten, in denen weithin die "Einwerbung von Drittmitteln" als der praktisch wichtigster Indikator wissenschaftlicher Leistung gewertet wird.
Einige unangenehme Auswirkungen bekommt übrigens seit einiger Zeit die Humboldt-Universität in Berlin zu spüren. Der derzeitige Präsident Christoph M. - ein Theologe, der seinerzeit erstaunlicherweise als einziger Kandidat übrigblieb, nachdem eine recht Theologen-lastige Findungskommission die anderen Mitbewerber überraschend als unzureichend qualifiziert befand - gehört zu den von Templeton z.B. im Rahmen der "Templeton Research Lectures" geförderten Wissenschaftlern. Über die Schiene "Medizinethik" (fraglos ein wichtiges Thema) wird versucht, eine zentral einflussnehmende Rolle der theologischen Fakultät zu zementieren - was sich auch auf die Schwerpunktsetzungen im Exzellenzwettbewerb ausgewirkt hat, in dem deutlich profiliertere Teile der HU nur am Rande vertreten waren. Bekanntlich scheiterte die (zum Gutteil in präsidialen Hinterzimmern gestrickte) Bewerbung dann auch jämmerlich. Das Verhältnis zu den meisten Naturwissenschaftlern ist seither auf dem Gefrierpunkt, zumal das durchgefallene "Exzellenzkonzept" trotzdem umgesetzt werden soll - per order von oben, ohne klare Finanzierung und voraussichtlich auf Kosten wirklich exzellenter Bereiche der HU. Ein typisches Indiz für die Folgen ist die seither stark erhöhte Fluktuation im Präsidium (so hat man den Forschungs-Vize Hans Jürgen Prömel, einen ganz wichtigen Mann, nach Darmstadt verloren).
Noch ein aktuelles Beispiel, bei dem es um die "Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis" geht:
Eklat um Vortrag des Göttinger Sporthistorikers Arnd Krüger zum Attentat während der Olympischen Spiele 1972 in München
http://www.sportwissenschaft.de/index.php?id=994
Olympia-Eklat. Göttinger Sportprofessor zieht Thesen zurück
http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,563614,00.html
Sehr schöner Artikel.
Du schreibst: "Ich hätte durchaus Verständnis, daß die Kirche einschreiten könnte, wenn die Uni Eichstätt beispielsweise vorhaben würde einen Dr.h.c. an Richard Dawkins (der ja wohl ebenfalls Naturwissenschaft stark mit weltanschaulichen Debatten vermischt) zu verleihen. Dem Vernehmen nach ist aber nichts derartiges vorgefallen. "
Ich bin aber nicht der Meinung dass man Wissenschaft und Weltanschauung strikt trennen sollte, das führt dann nämlich zu allen möglichen (bekannten) Auswüchsen. Natürlich sind Weltanschauungen nicht gleich Wissenschaft, aber jede Weltanschauung sollte doch zumindest unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse respektieren.