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11.08.09 · 18:30 Uhr
Scheinheilige Logos
Kategorie: Kultur · Kommentare: 21
Bundesministerin Aigner hat ein Logo vorgestellt, das künftig Lebensmittel "ohne Gentechnik" kennzeichnen soll. Das könnte der Einstieg in einen neuen bunten Strauß von Logos sein.
Es gibt einige gute Gründe gegen die "grüne Gentechnik". Sie beschleunigt die Industrialisierung und Normierung der Landwirtschaft. Sie steigert das Risiko für Bauern, von einer kleinen Gruppe multinationaler Saatgutkonzerne abhängig zu werden. Sie verspricht fälschlich technische Lösungen für politische Probleme, etwa den Welthunger.
Begründete gesundheitliche Bedenken gegen gentechnisch veränderte Pflanzen, die gibt es aber nach heutigem Wissensstand kaum. Und trotzdem wird mit dieser weit verbreiteten Furcht gespielt. Seit gestern offenbar auch vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Denn wenn nicht zur Entwarnung vor einer Art "Schadstoff" - wozu soll dann ein Logo gut sein, das eine Produktion "ohne Gentechnik" verspricht?
"Ohne Gentechnik" - das erinnert stark an Formulierungen wie "ohne Farbstoffe" oder "ohne Konservierungsstoffe". Geradezu absurd wird es aber erst dadurch, dass ein deutsches Ministerium offiziell Bedenken gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel schürt, während ein anderes deutsches Ministerium die grüne Gentechnik als Zukunftstechnologie mit staatlichen Mitteln fördert.
Wer bisher der grünen Gentechnik aus dem Weg gehen will, der greift zu Bio-Produkten. Auf ein einheitliches Bio-Siegel und europaweite Anbau-Kriterien haben sich die Produzenten nach langem Streit vor Jahren endlich einigen können. Mit dem neuen Logo wird dieser Standard aufgeweicht. Es wird eine Art "kleines Bio-Siegel" geschaffen, mit dem sich konventionelle Hersteller ein grünes Mäntelchen umhängen können.
In Schweden ist man auf vergleichbarem Weg schon einen Schritt weiter. Dort wird über die Kennzeichnung von "klimafreundlichen" Nahrungsmitteln nachgedacht. Produzenten, die ihren Ausstoß an Treibhausgasen senken - irgendwo zwischen 5 und 80 Prozent - dürften sich demnach mit einem gesonderten Klima-Logo schmücken.
Das wäre doch bestimmt auch was für Frau Aigner, oder?
Autor: Stefan Jacobasch· 21 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
Gentechnik· Lebensmittelindustrie· Lebensmittelsicherheit· Politik
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Kommentare (21)
Das ist nicht absurd, das ist demokratische Politik. Früher hätten Biospinner und Allesesser einander im Kampf um die einzig wahre korrekte Lösung die Köpfe eingeschlagen. Heute aber vollbringt der Staatsapparat die Integrationsleistung, beiden Seiten so weit entgegenzukommen, dass alle friedlich bleiben. Ein gewaltiger Fortschritt, welcher nur jenen ein Dorn im Auge sein kann, die immer noch an die seligmachende Wirkung der einen wahren Lösung glauben.
Tobias·
11.08.09 · 20:56 Uhr
Belege?Vielleicht kannst du auch direkt auf diese drei Aussagen eingehen:
1. Die moderne Landwirtschaft ist ohnehin eine Industrie, die unabhängig von Gentechnik Normen zur Qualitätssicherung einhalten muss
2. Eine Unterstützung der Forschung an öffentlichen Einrichtungen an gentechnisch verändertem Saatgut führt zu einer Aufweichung von Monopolstellungen, nicht jedoch das Verbot der Forschung.
3. Die Züchtung von dürre- und salzresistenten Arten ermöglicht die Bewirtschaftung von Feldern in Regionen, in denen momentan kein Anbau entsprechender Nutzpflanzen möglich ist. Menschen in betroffenen Regionen sind so weniger stark von Nahrungsmittelimporten abhängig und können nachhaltig für die eigene Ernährung sorgen.
Was die grüne Biotechnologie angeht, stehen wir ja in recht unterschiedlichen Ecken. Was die Logos angeht, sehe ich das aber genauso: Außer den primitiven und unbelegten Ängsten schüren die gar nichts.
Pamela Ronald, Autorin von Tomorrow's Table (von dem in den nächsten Tagen noch eine Rezension bei mir ansteht) hat das Thema in einem Kapitel auch angesprochen. Der Text ist auch online im gleichnamigen Blog zu finden, und lohnt zu lesen! Sie geht darin auch auf die Möglichkeit ein, ausführlichere Warnungen auf die Produkte zu schreiben, schlägt aber ähnliche Warnhinweise vor, die dann auch auf Öko-Produkte drauf müssten, etwa hier bei einer Sorte Zuckermais:
Wer würde dieses Produkt noch kaufen?
Ich finde es EXTREM bedenklich, dass die deutschenk Politiker (pünktlich zur Wahl?) immer mehr auf Angstmacherei zurückgreifen, statt die Thematik sachlich aufzubereiten. Wissen die es selbst wirklich nicht besser oder ist das gezielte Volksverdummung zum Zwecke der Macht?
Ich bin gerade in den USA und sehe hier "live", wohin so eine Emotionalisierung führen kann. Das Volk ist wegen der Gesundheitsreform aufgebracht und schiebt Panik (s. "Obamas Todeskomitee"), Politiker beschimpfen sich gegenseitig, an eine sachliche Debatte ist nicht mehr zu denken und das Land ist wie gelähmt... Warum lernen wir nicht daraus und klären unsere Bürger auf anstatt ihre Ängste auszunutzen?? Also sowas macht mich echt wütend :|
ich warte auf die logos »frei von atomen« und »ohne strahlen produziert«
@radichio- na wir wissen doch dass Technik was ganz Übles ist- wie wärs daher mit genfreien Lebensmitteln? Mahlzeit
@Tobias:
"1. Die moderne Landwirtschaft ist ohnehin eine Industrie, die unabhängig von Gentechnik Normen zur Qualitätssicherung einhalten muss"
Wieso muss moderne Landwirtschaft "ohnehin eine Industrie" sein? Es handelt sich hier um keine zwangsläufige, gar schicksalhafte Entwicklung, sondern eine bewusste politische Entscheidung. Die Weichen zur Industrialisierung sind auf EU-Ebene gestellt worden. Unsere Gesellschaft könnte auch andere, kleinere Strukturen fördern, wenn sie wollte. Und was die Entwicklungsländer betrifft, so empfiehlt die FAO mittlerweile genau das: kleine, regionale Strukturen sollen bevorzugt gefördert werden.
"2. Eine Unterstützung der Forschung an öffentlichen Einrichtungen an gentechnisch verändertem Saatgut führt zu einer Aufweichung von Monopolstellungen, nicht jedoch das Verbot der Forschung."
Schöne These. Hier wäre es jetzt aber an Dir, Belege für die angebliche Aufweichung von Monopolstellungen zu nennen. Wie erklärt Dein Ansatz, dass ein einzelner Konzern (Monsanto) momentan rund 90 Prozent des Marktes für Gentech-Saatgut dominiert? Es sind die kleinen Strukturen, die biologische Vielfalt begünstigen.
"3. Die Züchtung von dürre- und salzresistenten Arten ermöglicht die Bewirtschaftung von Feldern in Regionen, in denen momentan kein Anbau entsprechender Nutzpflanzen möglich ist. Menschen in betroffenen Regionen sind so weniger stark von Nahrungsmittelimporten abhängig und können nachhaltig für die eigene Ernährung sorgen."
In den meisten Schwellen- und Entwicklungsländern wird keine moderne Technik, sondern einfachste Infrastruktur benötigt, wie Straßen, Brunnen, Wasserleitungen. In Indien konnte z.B. mit Hilfe billigster Pumpen die Ernte verdreifacht werden. In Afrika werden gerade mal fünf Prozent der potenziellen Ackerflächen professionell bewässert, der Rest der Bauern ist vom Regen abhängig! Und dieses Problem willst Du gentechnisch lösen?
Deutsche Politiker sind Volksvertreter, keine Volksersetzer oder Volksbelehrer, oder zumindest sollten sie das sein. Politiker sind ihrem Volk verpflichtet, nicht umgekehrt. Es ist gerade ihre Aufgabe, alle in nennenswertem Umfang existierenden Ansichten stellvertretend zu artikulieren, auch die blöden, die irrationalen und die falschen. Nicht die Aufgabe der Politiker ist es hingegen, solche Ansichten zu unterdrücken oder zu korrigieren.
@Stefan: Du hast natürlich recht, dass die meisten Probleme wahrscheinlich gut ohne Gentechnik gelöst werden können. Es scheint so, dass du generell gegen Gentechnik bist, egal in welcher Ausprägung... oder liege ich hier falsch? Gäbe es die von dir beschriebene Situation des Saatgutmonopols nicht, würde dies deine Meinung ändern oder hast du prinzipielle Vorbehalte gegen (wie auch immer geartete) Gentechnik?
Meiner Meinung nach ist Gentechnik letzten Endes nur eine andere Form von Züchtung. Zufällige Mutationen werden durch gezielte Mutationen ersetzt. Selbst wenn wir da noch nicht alles verstehen... der Zufall beim klassischen Züchten ist glaube ich nicht wirklich besser.
Stefan,
ich behaupte ja nicht, die Gentechnik alleine löst alle Hungerprobleme der Welt. Ich appeliere nur für eine unvoreingenommene Prüfung der Möglichkeiten, auch jene, die die grüne Gentechnik bietet.
Kleine Strukturen sind gut, und ein grosser Teil des (politisch geförderten) Ökolandbaus entspricht dem ja. Die Landwirtschaft war nun aber auch schon vor der Erfindung der EU-Richtlinien eine Industrie. Ohne diese Strukturen wären die Lebensmittelpreis höher und ich weiss nicht, ob ohne industrielle Landwirtschaft die Versorgung gesichert wäre.
Belege für die Aufweichung der Monopolstellung einiger GM-Saatgutriesen kann ich dir keine geben. Der Anbau der Pflanzen wird ja verboten und so verhindert, dass sich die Forschung frei entwickeln kann und entsprechende Produkte zur Marktreife gelangen. Das einzige was mir dazu einfällt ist der "Golden Rice".
Die Belege für deine Behauptungen stehen auch noch aus. Zur Erinnerung:
@Arnd: Ich bin nicht grundsätzlich gegen gentechnische Forschung an Pflanzen. Ich sehe aber in der bisherigen praktischen Umsetzung mehr Nachteile als Vorteile. Wenn man die Entwicklung über zehn, zwanzig Jahre hinweg betrachtet, deutet doch alles auf eine Konzentration zugunsten weniger Saatgut-Produzenten hin. Das kann weder im Interesse der Bauern, noch in unserem, der Konsumenten, sein.
@Tobias: "Die Belege für deine Behauptungen stehen auch noch aus."
Okay, ich muss dazu dann aber etwas weiter ausholen und einen längeren Text nachschieben. Ich bitte um Geduld, Fortsetzung folgt :-)
"Belege für die Aufweichung der Monopolstellung einiger GM-Saatgutriesen kann ich dir keine geben."
Das ist doch mal eine klare Aussage. ;-)
»Es ist gerade ihre Aufgabe, alle in nennenswertem Umfang existierenden Ansichten stellvertretend zu artikulieren, auch die blöden, die irrationalen und die falschen.«
ganz sicher nicht. das wäre eine freibier-politik.
Ich sehe das Logo nicht als so scheinheilig an. Es kommt zunächst einem Informationsbedürfnis der Menschen entgegen. Gleichzeitig wird sich zeigen, ob die Konsumenten tatsächlich in relevantem Umfang mehr Produkte mit dem Logo kaufen, ob also die Menschen überhaupt ein Problem mit Gentechnik haben, sobald sie am Lebensmittel-Regal stehen.
Tobias·
12.08.09 · 16:37 Uhr
Es ist jedoch eine trivialste ökonomische Erkenntnis, dass gesunde Konkurrenz Monopole verhindert. Durch Verbote kann Konkurrenz gar nicht erst entstehen.@Tobias: Entschuldige, wenn ich etwas polemisch werde, aber es wurmt mich, dass Du als harter Belege-Forderer hier steile Thesen aufstellst, ohne den Anflug eines Beleges zu liefern. Du kannst nicht ernsthaft behaupten, die schlechten Forschungsbedingungen in Deutschland seien verantwortlich für die Entstehung globaler Monopole. Die Gentech-Firmen verkaufen ihr Saatgut mittlerweile auf nahezu allen Kontinenten der Erde; Markt und Forschung sind global. Da müssten sich doch irgendwo Beispiele finden lassen, dass es zu "einer Aufweichung von Monopolstellungen" gekommen ist, wenn es denn dazu gekommen wäre. Aber nein, Deine "trivialste ökonomische Erkenntnis" ist eben nur eins: trivial.
@Sven Türpe:
Deutsche Politiker sind Volksvertreter, keine Volksersetzer oder Volksbelehrer, oder zumindest sollten sie das sein.
Ich sehe hier das Gros der intelligenten, gebildeten Menschen einfach ignoriert. Es ist hier ja nicht einmal eine ethische Diskussion im Vordergrung, sondern es werden nur irrationale Ängste geschürt, um in BILD-Manier leichtgläubige Menschenmassen zur "Meinungsbildung" zu bewegen.
Idealerweise funktioniert Demokratie doch nur, wenn das Volk informiert ist und weiß, "worum es geht". Deshalb gibt es ja auch z.B. das Informationsmaterial der Bundeszehtrale für Politische Bildung - gibt es sowas eigentlich auch für Forschung und Wissenschaft?
Im Gegenteil, die intelligenten, gebildeten Menschen sind gefordert, sich selbst zu informieren und eine Meinung zu bilden. Ignorieren würde sie ein Staat, der sie solange "informiert", bis sie das einzig Richtige denken und tun -- und der in der Praxis dann gerne pampig wird, wenn sich einzelne Bürger angesichts des großzügigen Informationsgeschenks undankbar zeigen.
Kaum etwas ist heute leichter zugänglich als Informationen über alles und jedes, und wo es Ungleichheit in den Zugangsmöglichkeiten gibt, soll der Staat gerne eingreifen. Die Auswahl und Bewertung aber muss schon den Bürgern überlassen bleiben, was das Recht auf Irrsinn einschließt wie das auf Ignoranz. Es ist nicht Aufgabe des Staates, Ansichten vorzugeben.
Ignorieren würde sie ein Staat, der sie solange "informiert", bis sie das einzig Richtige denken und tun
Genau das passiert doch jetzt gerade (wenn auch auf eine recht subtile Art): Logos wie dieses suggerieren, dass Gentechnik-freie Lebensmittel auf irgendeine Art "gesünder" oder "ökologischer" sind als konventionelle. Nach dem Motto: Wenn schon der Staat durch eine Auszeichnung bestätigt, dass "Gentechnikfreiheit" ein frün-freundliches Logo verdient, dann muss Gentechnik böse und irgendwie schädlich sein.
Anderes Beispiel: Wenn Politiker, um in "immigrantenfeindlichen" Gebieten Stimmen zu sammeln, darüber diskutieren, Areitsplätzen bevorzugt an Einheimischen zu vergeben - dann würde im Rest des Landes ein Sturm der Entrüstung folgen. Warum? Sie folgen doch nur der Stimmung im Lande, oder?
Vielleicht rege ich mich auch nur so wegen der Neuen Technikfeindlichkeit so doll auf, weil ich zunehmend ratlos bin, was ich bald wählen soll. So informiert und gebildet, fühle ich mich nämlich nicht mehr vertreten.
»Es ist gerade ihre Aufgabe, alle in nennenswertem Umfang existierenden Ansichten stellvertretend zu artikulieren, auch die blöden, die irrationalen und die falschen.«
Also bitte! Die machen Gesetze, an die sich jeder zu halten hat, auch du und ich.
Keineswegs. Das Logo liefert eine Information, deren Bedeutung die Adressaten nach Gutdünken beurteilen dürfen und sollen. Ein scheinbares Problem wird daraus erst in dem Moment, wo jemand heimlich davon träumt, die Ansichten und Entscheidungen anderer beeinflussen zu können, weil ihm deren irrige Ansichten ein Dorn im Auge sind.
Eben. Diese Aufgabe können sie nicht mehr erfüllen, wenn sie offen einseitig agieren und damit die Akzeptanz eines beachtlichen Teiles der Gesetznehmer verspielen.
(Dass man sich an Gesetze "zu halten habe" ist übrigens eine autoritäre Vorstellung. Tatsächlich regeln Gesetze lediglich den Umgang mit Angelegenheiten. Was in Verbiondung mit ihrer praktizierten Handhabung unter anderem zur Folge hat, dass Gesetze oft explizit die Möglichkeit der Übertretung offen lassen, indem sie die Rechtsfolgen begrenzen. Ich darf nicht bei Rot über die Straße laufen, aber ich kann es jederzeit tun, ohne mich vor etwas anderem als einem Unfall ernsthaft fürchten zu müssen.)