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Stefan Jacobasch arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist in Berlin und betreibt u.a. Scienceticker.info
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14.10.08 · 13:13 Uhr
Berufsbedingte Betroffenheit
Kategorie: Kultur·Politik · Kommentare: 6
Die Welthungerhilfe erinnert mal wieder an das Leid der Hungernden. Aber an wen richtet sich ihre Klage eigentlich?
Ingeborg Schäuble, die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe, sagte heute anlässlich der Vorstellung des Welthunger-Index 2008 (hier als PDF): "Fast eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit. Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere."
Das mag sein. Aber im Gegensatz zu den Banken betrifft ihre Misere ja auch nicht unser persönliches Konto. Deshalb nicken wir bestenfalls betroffen und surfen dann weiter zu den aktuellen Börsenkursen.
Die primäre Aufgabe von Frau Schäuble ist es, Geld für die Welthungerhilfe einzusammeln. Das mag legitim sein. Wollte sie politisch wirken, könnte sie sich vielleicht die Presseauftritte sparen und ein paar ernste Worte an ihren Mann, den Bundesinnenminister richten. Der ist immerhin an einer Regierung beteiligt, die mit hohen Agrarsubventionen die Überproduktion der europäischen Landwirtschaft gefördert hat und dazu beitrug, auf dem Weltmarkt die Lebensmittelpreise zu ruinieren. Unsere Politik ist deshalb in hohem Maße mitverantwortlich für den Hunger in der Welt.
Frau Schäuble fordert jetzt "eine Erhöhung der Mittel für die Entwicklung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern von jährlich mindestens zehn Milliarden Euro sowie die Schaffung fairer Handelsbedingungen." Das sind nette Ideen. Zehn Milliarden sind nicht einmal ein Viertel dessen, was wir europäischen Steuerzahler jährlich den europäischen Bauern zukommen lassen. Und wenn wir sehen, wieviel Geld die Regierungen der Industriestaaten auf die Schnelle in das Bankensystem pumpen können, dann sind zehn Milliarden ja auch nur eine bescheidene Forderung. Geradezu Peanuts, wie man unter Bankern sagt.
Aber die Wahrheit ist doch, dass "wir" im Grunde kein Interesse daran haben, dass die Entwicklungsländer blühen und gedeihen und eines Tages gar auf Augenhöhe mit "uns" konkurrieren. Allerdings werden wir wohl vergeblich darauf warten, dass die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe diesen Zustand offen anspricht. Stattdessen verschickt ihre Organisation wie viele ihr verwandte Organisationen in den kommenden Wochen - Weihnachten naht! - wieder ihre Spendenbettelbriefchen an die deutschen Haushalte. Damit wir anlässlich des christlichen Festes unser schlechtes Gewissen etwas beruhigen können.
Mit einem guten Gewissen wird sich Frau Schäuble übrigens im nächsten Monat von ihrem Posten zurückziehen. "Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, und ich möchte mich jetzt wieder mehr meiner großen Familie und meinen Freunden widmen", erklärt Schäuble ihre Entscheidung.
Autor: Stefan Jacobasch· 6 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Von Armut und Big Macs · zoon politikon · 15.10.08 · 11:03 Uhr
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Kommentare (6)
"Wir" sollten unbedingt Interesse daran haben, dass die Entwicklungsländer blühen und gedeihen. Und zwar nicht nur aus moralischen Gründen.
In der Vergangenheit war es auch für uns immer ein großer Vorteil, wenn andere Länder (beispielsweise USA oder Japan) auf uns aufgeschlossen.
Ist nicht morgen erst der Blog Action Day mit dem Thema Armut?
@Tobias:
Du hast natürlich Recht - wobei: sollte nicht jeder Tag ein (potentieller) Blog-Action-Day sein, an dem man sich auch solcher Themen annimmt?
@ Tobias: Danke für den Hinweis. Die Initiative und das Datum waren mir bisher ehrlich gesagt nicht bekannt. (schäm...)
@Marc: Jeden Tag eine gute Tat.
@Stefan: Mir bis gestern auch nicht.
Sämtliche Subventionen und Importbeschränkungen gehören ersatzlos gestrichen.