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10.12.07 · 17:15 Uhr
Beschleunigte Geldvernichtung
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 5
Ich kann gut verstehen, dass der LHC-Beschleuniger Teilchenphysiker und Wissenschaftsjournalisten gleichermaßen fasziniert: Aufregend ist der Vorstoß in den Aufbau der Materie, faszinierend die Technik, großartig schon die doppelseitigen Fotos der gigantischen Experimentiermaschine: Endlich mal wieder richtige Grundlagenforschung! Ich möchte dennoch eine ketzerische Frage stellen: Was sind eigentlich die Opportunitätskosten dieses Experiments?
Über drei Milliarden Euro verschlingt dieses teuerste Messinstrument in der Geschichte der Menschheit, womit sich die ursprünglich erwarteten Kosten - wie üblich bei solchen Großprojekten – in etwa verdoppelt haben. Das ist eine ganze Menge Geld. Zum Vergleich: Der letzte DFG-Förderbericht weist für den Zeitraum von 2002 bis 2004 nur 351 Millionen Euro Fördermittel für die gesamte deutsche Physik aus. Liege ich falsch in der Annahme, dass unzählige andere interessante Forschungsvorhaben in der Physik derzeit scheitern, weil das Geld an den LHC abfließt? Deutschland ist immerhin mit etwa 20 % an den Kosten von CERN beteiligt.
Schon eher nachvollziehbar ist es, wenn solche Summen etwa an Projekte wie den Fusionsreaktor ITER gehen. Wird er zum Erfolg, dann ist immerhin ein großes Problem der Menschheit gelöst. Aber Milliarden für den Nachweis des Higgs-Teilchens?
Komisch, dass solche Fragen auch unter Wissenschaftsjournalisten so wenig diskutiert werden. Die Feuilletons haben mittlerweile mitbekommen, dass Opernhäuser auch finanziert werden müssen.
Autor: Christian Weber· 5 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (5)
Das Geld ist bei ITER nicht besser aufgehoben. Falls Fusion jemals als Energiequelle nutzbar ist, dann müssen wir bis dahin sowieso schon eine Lösung für die Energieproblematik gefunden haben.
Interessant könnte das ganze vielleicht für Raumfahrt im großen Stil werden - aber das Higgs-Boson vielleicht auch. Forschung darf nicht nur an Maßstäben der Verwertbarkeit ausgerichtet sein!
Leider ist es nicht so, dass wenn man LHC nicht gebaut haette, die gesparten Baukosten automatisch in andere Forschungsvorhaben fliessen wuerden.--
Als in den USA ein aehnliches Projekt, der 'Superconducting Super Collider' ca. 1993 gestoppt wurde, gab es danach keine zusaetzlichen Gelder fuer andere oder aehnliche Forschung.
(Aber der US-Kongess bewilligte den Bau eines zusaetzlichen Flugzeugtraegers.)--
Ueber die genauen Kosten von LHC und den Anteil Deutschlands daran kann hoffentlich jemand von dort posten (20% von 3 Mrd.
~600 Mio Euro, ueber wieviele Jahre?)--
Was praktische Konsequenzen solcher Projekte angeht: Der Bau des Tevatrons hier in den USA fuehrte zum Aufbau einer Industriekapazitaet in superleitenden Magneten; das LHC wird aehnliches in Europa ermoeglichen.
In Sachen nicht zwingender Verwertbarkeit stimme ich voll und ganz Matthias zu.
Ist Teilchenphysik nicht ein Gebiet das sich den grundlegende Fragen unserer Existenz anzunähern versucht? Ausserdem muss man als Wisschenschaftler froh sein, dass etwas so theoretisches anscheinend in der Öffentlichkeit als 'sexy' ankommt.
Es
geht meines Wissens auch um mehr als nur den Nachweis des Higgs Teilchens.
P.S.: Aus Gründen der Transparenz muss ich wohl anfügen dass ich in Genf lebe aber keine andere Verbindung mit dem CERN habe.
Ich glaube auch nicht, dass die Milliarden - würde der LHC nicht gebaut - einfach eins zu eins in die universitäre Grundlagenforschung fließen würden. Leider.
Oft werden solche Großprojekte ja eher unter dem Aspekt der Wirtschaftsförderung finanziert. Zumindest in der Raumfahrt ist es so, dass Deutschland, wenn es z.B. 41 Prozent der Baukosten der ISS aufbringt, auch darauf besteht, dass 41 Prozent des Auftrags an deutsche Firmen vergeben wird.
Die 20% von 3 Milliarden Euro muss man aber auch ueber circa 20 Jahre verteilen. Das sind dann 30 Millionen Euro pro Jahr ... Nicht arg viel. Dafuer sind die Fortschritte aufgrund des LHCs in Kaeltetechnik, Halbleitertechnik (Detektoren) etc gewaltig. Fuer jeden der Detektoren wurde sehr viel Technik selbst entwickelt, um den Anforderungen am LHC zu genuegen. Nicht zuletzt wurde 1989 am Cern das WWW entwickelt, um der zu erwartenden Dokumentenflut von LEP und nicht zuletzt LHC Herr zu werden. Das jetzt entwickelte und sich im Aufbau befindende Grid zur LHC-Datenanalyse koennte in ein paar Jahren eine weitere Revolution im Internet ausloesen.