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Ulrich Berger, Mathematiker und Wirtschaftswissenschaft- ler, ist als ao. Univ.-Prof. an der Wirtschaftsuniversität Wien tätig. Er ist Mitglied im Wissenschaftsrat und im Vorstand der GWUP und bloggt hier über Pseudowissenschaft und verwandte Themen. Seine heimliche Liebe ist die Physik, weswegen der Ausdruck Quantenmedizin ihm Magenkrämpfe bereitet. Bloggende Unterstützung erhält er hin und wieder von Erich Eder.


gwup | die skeptiker

SKEPTIKER - Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken

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01.08.09 · 00:42 Uhr

John F. Nash über katholische Wunder

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften  ·  Kommentare: 8

Nash.jpgAls ich 1994 an meiner Diplomarbeit über Spieltheorie schrieb, hatte auch unter den wissenschaftlich interessierten Zeitgenossen kaum jemand das Wort "Spieltheorie" jemals gehört. Dann kam der Herbst 1994 und der Wirtschafts-Nobelpreis ging an drei Spieltheoretiker. Einer davon war der amerikanische Mathematiker John F. Nash, nach dem das Herzstück der Spieltheorie, das Nash-Gleichgewicht, benannt ist. (Das Bild links habe ich beim Spieltheorie-Weltkongress 2004 aufgenommen.) Was dabei für mich genauso wie für viele Kollegen am überraschendsten war, war zu erfahren, dass Nash noch lebt. Seit den 1950er Jahren hatte er nichts mehr veröffentlicht und viele gingen davon aus, dass er schon lange verstorben war.


beautiful_mind.jpg Das war glücklicherweise nicht der Fall, aber Nash hatte sich drei Jahrzehnte lang quasi von dieser Welt zurückgezogen. Ende der 1950er Jahre erkrankte er 30jährig an Schizophrenie und erst seine schleichende Genesung Anfang der 1990er brachte ihn und seine Geschichte zurück ans Tageslicht. Die tragische Lebensgeschichte des zwischen "Genie und Wahnsinn" schwankenden Mathematikers wurde durch die packende Biographie von Sylvia Nasar einem breiteren Publikum bekannt gemacht und erreichte die Massen durch die einigermaßen hollywoodeske und mehrfach Oscar-gekrönte Verfilmung unter dem gleichnamigen Titel "A beautiful mind" mit Russell Crowe als John Nash.

Und weil auf den ScienceBlogs kürzlich heftig über die Zulässigkeit von Religionskritik diskutiert wurde, lasse ich jetzt einfach John Nash sprechen, der im Interview mit dem Tagesspiegel über den Unterschied zwischen normal und verrückt gestern folgendes verriet:

Allerdings hängt es auch immer von gesellschaftlichen Übereinkünften ab, was als verrückt gilt und was nicht. Schauen Sie sich doch nur die katholische Kirche und ihre Wunder an. Man kann offen sagen, dass man daran glaubt, und dennoch ernst genommen werden. Was ich sagen will, ist, dass allgemein akzeptiertes Denken nicht unbedingt etwas mit Rationalität zu tun haben muss. Die Realität ist immer eine Art von Fiktion, der alle zustimmen.

 

Autor: Ulrich Berger· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Trackbacks (1)

Zitat des Tages (16) · Ja gut, aber … · 01.08.09 · 12:02 Uhr

Heute von John Forbes Nash Jr., aus einem Interview mit ihm im Tagesspiegel: Die Realität ist immer eine Art von Fiktion, der alle zustimmen. (via Kritisch gedacht) ... ...mehr



Kommentare (8)

Kommentar-Direktlink Geoman· 01.08.09 · 12:03 Uhr

Das bewegende Buch über John Nash von Sylvia Nasar habe ich vor einigen Jahren auch gelesen. Beeindruckt haben mich (in der Erinnerung), dass trotz seiner schweren Krankheit zumindest zeitweise ein Schattenleben auf dem Campus möglich war und dass die zuständige Nobelpreiskommission sich tasächlich seiner Leistungen erinnert hat.

Mit dem Zitat sprechen Sie ein ganz heißes Eisen an, denn "Realitäten" werden ja hier fast durchweg mit "Fakten" oder "Beobachtungen" und nicht etwa mit gesellschaftlichen Übereinkünften oder vorherrschenden Überzeugungen in Verbindung gebracht.

Kommentar-Direktlink Philippe Leick· 01.08.09 · 20:10 Uhr

Sehr interessantes Zitat und willkommener Informationshappen über John F. Nash.

Wie Geoman zutreffend schreibt, ist das Zitat wirklich ein heißes Eisen. Wenn "Realität" die allgemein akzeptierte Fiktion ist, was unterscheidet dann Wissenschaftliche Theorien von religiösem Glauben oder pseudowissenschaftlichem Unfug?
Ich will gar nicht den Versuch unternehmen, auf die grundlegenden, prinzipiellen Unterschiede einzugehen. Aber da ich - als Physiker bzw. Ingenieur - durch Studium und Beruf nicht ganz unbeteiligt bin und (nicht immer gut) funktionierende Wissenschaft erlebe, will ich ein paar persönliche Eindrücke zusammenstellen.

Wir Physiker versuchen manchmal, den gegenteiligen Eindruck zu erwecken - aber letztendlich haben auch wir unsere Grenzen. Ich kann z.B. nicht behaupten, besonders viel von Kosmologie zu verstehen (obwohl ich Astronomie als Nebenfach hatte und eine Vorlesung über Kosmologie besucht habe) - dennoch bin ich davon überzeugt, dass die heutigen Modelle des Universums (Big Bang) im wesentlichen richtig sind. Warum ist das so, bzw. warum bevorzuge ich den Big Bang gegenüber der Schöpfungsgeschichte aus dem Alten Testament? Dass sprechende Schlangen oder eine Schöpfung aus dem Nichts Unsinn sind, kann nicht der Grund sein - auch die Physik ist voll von Dingen, die auf den ersten Blick widersinnig sind!

Im Grunde glaube ich den Kosmologen, weil sie zur modernen Physik gehören und weil man die wissenschaftliche Methode erkennt, wenn man sich die geschichtliche und die aktuelle Entwicklung anschaut. Die Akzeptanz einer Idee unter "den Physikern" ist natürlich ein wichtiger Aspekt. Für mich ist es aber mehr als blindes Vertrauen:


    - wenn man sich lang genug damit beschäftigt, erkennt man, dass zumindest das etablierte Wissen frei von Widersprüchen ist
    - es gibt darin genug, das man mit eigenem Verstand nachprüfen (bzw. nachrechnen) kann. Nachrechnen kann man mitunter auch pseudowissenschaftliche Behauptungen - bei meinen wenigen Versuchen bin ich bisher nie zu den gleichen Ergebnissen gekommen wie ihre Proponenten.
    - auf dem kleinen Teilgebiet, in dem ich arbeite oder gearbeitet habe, bestätigt die Erfahrung, dass die zugrunde liegenden Theorien stimmen. Als Diplomand hatte ich z.B. das Glück, ein einzelnes [!!] Ion leuchten zu sehen - mir kann man also nicht mehr mit dem Einwand kommen, es hätte noch niemand ein Atom gesehen.

Über weitere persönliche Eindrücke anderer Leser würde ich mich freuen!

Kommentar-Direktlink Dr. E. Berndt· 01.08.09 · 21:47 Uhr

Man könnte auch sagen, daß die "Gebiete" für eine Realität nach Übereinkunft doch im Laufe der Zeit kleiner geworden sind.
Niemand glaubt, daß die Schwerkraft eine Fiktion ist. Rascher als er zu denken gewohnt ist, wird er seinen Fuß zurückziehen, wenn ein schwerer Stein darauf zu fallen droht.
Ob es richtig ist eine oder zwei Frauen zu haben, kann durchaus als Übereinkunft gesehen werden. Aber das ist eine andere Geschichte. Es kommt darauf an, aus welchem Zusammenhang die "Realität" stammt-

Author Profile Page Thilo Kuessner· 01.08.09 · 23:26 Uhr

@ E.Berndt:
Da würde ich aber schon einen Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften machen.
Wer die Gravitationstheorie ablehnt, gilt als verrückt oder zumindest als Spinner.
Wer die Existenz geschichtlicher Ereignisse bestreitet, gilt natürlich zu Recht auch verrückt oder als Volksverhetzer.
Aber außerhalb von Naturwissenschaften und nachprüfbaren Fakten und Zahlen ist vieles dann schon eine Frage von Überzeugungen und Einstellungen.
Wer die jeweils anerkannten Theorien in Wirtschafts- oder Sozialwissenschaften ablehnt, gilt deswegen wohl nicht gleich als verrückt. (Hoffe ich mal.)
Und erst recht gilt nicht als verrückt, wer z.B. die anerkannten Ansichten zum Regietheater nicht teilt. (Na ja, für manche Blätter vielleicht schon.)
Und ob (das war ja das Thema von Nashs Dissertation) Spieltheorie eine Beschreibung sozialer, wirtschaftlicher oder militärischer Prozesse liefert, ist vielleicht schon auch mehr oder weniger eine Glaubensfrage. Selbst wenn man im Prinzip natürlich empirisch nachprüfen kann, wieweit irgendwelche Vorhersagen eingetroffen sind.

Kommentar-Direktlink Geoman· 02.08.09 · 15:32 Uhr

@Philippe Leick

Amüsant ist ja, dass die kirchlichen Realitäten eine viele längere Halbwertszeit haben als wissenschaftliche Realitäten. Was heute in der Kirche als Wunder anerkannt ist, gilt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch in fünfzig Jahren noch als Wunder. Während in den Wissenschaften so ziemlich alles, was heute für real gehalten wird, in fünfzig Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit überholt, d. h. keine Realität mehr ist, der alle zustimmen.

Kommentar-Direktlink Philippe Leick· 02.08.09 · 19:36 Uhr

@ Geoman:
Ich würde bei den wissenschaftlichen "Realitäten" aber nicht unbedingt sagen, dass sie überholt sind. "Präzisiert" oder "verfeinert" wären in den meisten Fällen die besseren Begriffe.
Ein klassisches Beispiel wäre die Newton'sche Mechanik, die durch die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik im Grunde nicht falsifiziert, sondern verbessert wurde. Die Newton'sche Mechanik ist nach wie vor eine hervorragende Näherung, die auch heute noch angewendet wird.
Es liegt ja auch im Wesen wissenschaftlicher Theorien, dass sie keine Dogmen sind - sich also mit der Zeit ändern - ganz im Gegensatz zu ewigen Wahrheiten.

Kommentar-Direktlink Roland K· 02.08.09 · 21:53 Uhr

Hab wieder mal ein Buch von Paul Watzlawik gelesen: "Wie wirklich ist die Wirklichkeit". Für mich am interessantesten war die Unterscheidung in Wirklichkeit 1. und 2. Ordnung. Wissenschaft kann demnach nur Aussagen über die Wirklichkeit 1. Ordnung machen (die aus Beobachtung und Experimenten abgeleitetnen Gegebenheiten). Aber das IST dann nicht die Wirklichkeit, sondern nur eine möglichst gute BESCHREIBUNG bzw. Annäherung der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit 2. Ordnung hat mit Sinn, Bedeutung und Wert zu tun. Mit wissenschaftlichen Methoden kann man hier keine allgemein gültige, reproduzierbaren Aussagen treffen. Aber mein subjektives Werte-Empfinden IST auch meine persönliche Wirklichkeit, mein Empfinden und Erleben ist für mich REAL. Tja und dann ist da noch die Sache mit der Rückbezüglichkeit. Wissenschaftliche Experimente zeichnen sich dadurch aus, dass sie reproduzierbar sind - sie sind zweifellos die beste Methode um Aussagen über die Wirklichkeit 1. Ordnung zu treffen. Aber in der Realität läuft nicht immer alles "linear" ab - vieles ist systemisch mit Rückbezügen. Eine vereinfachte Ursache-Wirkungs-Betrachtung wird der Wirklichkeit hier oft nicht mehr gerecht. Beispielsweise bilden Algen und Pilzen zusammen eine Symbiose und versorgen sich gegenseitig mit Nährstoffen - bilden somit zusammen eine neue Einheit. Sie sind systemisch, rückbezüglich miteinander verbunden. Wo ist Ursache und wo ist Wirkung? Diese Frage ergibt hier wenig Sinn. Auch die Art wie unser Gehirn funktioniert ist rückbezüglich: Die Bedeutung der Bedeutung der Bedeutung ... Und zu guter Letzt kann keine wissenschaftliche Methode eine Antwort auf den Sinn der menschlichen Existenz geben. Wissenschaft kann nur objektive Tatsachen ergründen. Deren Bedeutung für das individuelle Subjekt bleibt verborgen, und muss von jedem selbst erhellt werden. Trotz allem ist die Wissenschaft die beste Methode die wir kennen, um (objektive) Aussagen über die Wirklichkeit zu machen.

Kommentar-Direktlink Webbär· 25.08.09 · 16:06 Uhr

Cooler Artikel, danke!
Das Nash-Equilibrium hat grossen Einfluss auf alltägliche Entscheidungen und Entwicklungen.

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