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Joseph Kuhn ist Gesundheitswissenschaftler und beschäftigt sich beruflich mit bevölkerungsbezogenen Gesundheitsstatistiken. Was man aus Daten heraus- oder hineinlesen kann, erstaunt ihn immer wieder, eigene Irrtümer eingeschlossen. Er schreibt hier über das Thema Gesundheit und darüber, was ihm sonst noch so querkommt.
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25.11.11 · 21:27 Uhr
Health Impact Assessment: Was kostet ein Flughafen gesundheitlich?
Kategorie: Medizin·Politik · Kommentare: 9
Stuttgart 21 ist ein schönes Lehrstück in Sachen Großprojekte und Glaubwürdigkeit von Planungsdaten. Fast jede Zahl ist umstritten. Bei Stuttgart 21 geht es vor allem um wirtschaftliche Fakten und Umweltfolgen. Bei anderen Projekten spielen aber auch gesundheitliche Fragen eine wichtige Rolle.
Wenn man die gesundheitlichen Effekte von Großprojekten abschätzen will, lassen einen allerdings die üblichen gesundheitswissenschaftlichen Studiendesigns meist in Stich. Beispiel Flughafen München. Dort soll eine dritte Startbahn gebaut werden. Welche gesundheitlichen Folgen hat das? Ein Experiment kann man ja schlecht machen: Mal bauen, schauen und dann auswerten, was passiert ist, nochmal bauen, nochmal schauen, nochmal auswerten, nicht bauen, schauen und dann auswerten, wieder bauen usw. ... - das geht einfach nicht. Schauen, was woanders beim Bau einer zusätzlichen Startbahn war und daraus Rückschlüsse auf München ziehen? Schon eher, aber sind die Fälle vergleichbar? Oder sollte man das ganze Vorhaben in kleinere Komponenten zerlegen, deren Folgen besser abzuschätzen sind und am Ende wieder alles zusammenfügen?
So ähnlich läuft es im Idealfall tatsächlich. Das Stichwort ist "Health Impact Assessment". Manchmal wird das mit Gesundheitsverträglichkeitsprüfung übersetzt, unschönes Bürokratendeutsch, aber von der Sache her nicht falsch. Die konzeptionelle Entwicklung dieses Ansatzes wird seit einigen Jahren stark von der Weltgesundheitsorganisation unterstützt. Einen Wikipedia-Eintrag hat das Health Impact Assessment natürlich auch längst. In Deutschland werden gesundheitliche Aspekte großer umweltrelevanter Planungsvorhaben einer "Umweltverträglichkeitsprüfung" unterzogen. Die ist durch das "Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung" rechtlich in bestimmten Fällen sogar verpflichtend. Das "Schutzgut Mensch" (so heißt das wirklich) ist dabei naheliegenderweise ein wichtiges Thema, d.h. man prüft, welche Auswirkungen das Planungsvorhaben auf die Betroffenen hat, auch in gesundheitlicher Hinsicht. In den Planungsunterlagen zum Bau der dritten Startbahn in München finden sich z.B. ein lärmmedizinisches Gutachten und eine lufthygienische Untersuchung. Die Umweltverträglichkeitsprüfung ist aber bisher recht eng auf Umweltfaktoren eingeschränkt, ein Health Impact Assessment würde darüber hinaus z.B. auch gesundheitliche Effekte veränderter Verkehrsverhältnisse, veränderter Siedlungsstrukturen, veränderter sozialer Verhältnisse usw. miteinbeziehen, also mehr in Richtung einer gesundheitlichen Gesamtbilanz gehen. Dabei würden übrigens auch positive gesundheitliche Effekte betrachtet, so es sie denn gibt.
Ein solches umfassendes Health Impact Assessment gibt es für die dritte Startbahn in München nicht. Wäre es notwendig gewesen? Oder wäre dabei nur noch mehr Papier herausgekommen, und noch mehr Expertisen, die je nach Haltung zum Flughafenausbau als Beweis begrüßt oder als unwissenschaftlich bekämpft würden?
Autor: Joseph Kuhn· 9 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (9)
Wie würde man a) die zugrundeliegenden Annahmen, b) die Methodik und c) die Ergebnisse eines Health Impact Assessment validieren? Könnte man Fehler zumindest nachträglich mit einer gewissen Verlässlichkeit entdecken und nachweisen?
BreitSide·
25.11.11 · 22:45 Uhr
Ja, natürlich!Lufthygienisch denke ich, dass da nix kommen wird. Schadstoffe wurden und werden ziemlich gut überwacht. Flächendeckend. Auch rund um Großflughäfen.
Ausnahme ist natürlich das CO2, um das sich die Fliegerlobby ja seit Jahrzehnten erfolgreich drückt.
Ich persönlich finde den Lärm als das gesundheitlich Entscheidende. Denn eigentlich ist ja lange bekannt, wie tödlich Verkehrs- und vor allem Fluglärm ist.
Sagte nicht Robert Koch, dass wir dereinst den Lärm so bekämpfen müssen werden wie damals (und heute noch) die TBC?
Das Dumme ist ja, dass die Masse halt gerne (und vor allem billig) fliegt. Da denkt man in der Vorfreude auf Malle eben nicht an die lärmgeplagten Anwohner.
Und erst recht nicht ans Klima.
@ Sven Türpe: Zugrundeliegende Annahmen und Methoden zu klären, ist Teil des sog. "Scopings" in einem Health Impact Assessment, siehe dazu z.B. die Links im Beitrag. Die Ergebnisse einer Folgenabschätzung sollten in der Tat nachträglich an der Empirie zu validieren sein, aber bei umstrittenen Großprojekten sind die "Fakten" für die jeweilige Seiten des Streits wohl immer interpretationsfähig.
'Gesundheitsverträglichkeitsprüfung' und 'Schutzgut Mensch' deuten dezent formuliert auf Bürokratismus hin und den Drang an und für sich nicht Administrierbares doch noch irgendwie verwalten zu wollen. - Empirische Validierung schließt der Schreiber dieser Zeilen an dieser Stelle als Möglichkeit aus, politische Validierung dagegen nicht.
Hier prallen unterschiedliche Menschenbilder aufeinander, die einen wollen verwalten, arbeiten mit dezent formuliert fragwürdigen Mitteln um das als unmündig verstandene "Schutzgut" in einem antizipierten Sinne zu "unterstützen", die anderen gehen davon aus, dass - in diesem Fall - die Wahl des Wohnorts frei ist und den einen Flughafennähe stört und den anderen begeistert.
Zur Abschlussfrage noch - "Oder wäre dabei nur noch mehr Papier herausgekommen, und noch mehr Expertisen, die je nach Haltung zum Flughafenausbau als Beweis begrüßt oder als unwissenschaftlich bekämpft würden?": Politische Fragen sind politisch zu bearbeiten, die Wissenschaft kann angehört werden, es soll aber niemand meinen, dass eine solche Anhörung das mehr als eine kleine Hilfe ist. Wer mehr will, ist schnell in der Expertokratie und beim Szientismus, in D gibt es leider solche Tendenzen; zunehmend jetzt wegen der Währungskrise auch in "Resteuropa".
Meine Fresse, was schwurbelt der braune WebBazillus da wieder daher.
Anders als der SchadPetz meint, geht es nicht darum, wen der Flugplatz STÖRT, sondern, wen er SCHÄDIGT oder TÖTET. Ja, BrummPlapperer, LÄRM TÖTET.
Natürlich muss die Politik entscheiden. Dazu muss sie aber auch die korrekten Zahlen haben.
Es gibt Schätzungen zu den gesundheitlichen Folgen von Luftschadstoffen durch den Flugverkehr, Barrett et al. gehen z.B. von weltweit ca. 8.000 vorzeitigen Sterbefällen jährlich aus, aber das dürfte in der Tat gegenüber dem Lärm das geringere Problem sein.
Im Zusammenhang mit Fluglärm ist z.B. die "Greiser-Studie" interessant, weil hier versucht wurde, Lärmfolgen für eine konkrete Flughafenregion zu ermitteln. Die Münchner Flughafen AG sieht diese Studie aus methodischen Gründen als nicht aussagekräftig an, wie man in den Erwiderungen auf die Bürgereinwände nachlesen kann. Dies führt zurück zur Schlussfrage des Blogs.
@Kuhn
Solche hypothetischen Studienergebnisse waren gemeint mit 'politischer Validierung', Sie wissen ja selbst, dass man den Zustand mit Flughafen oder Bahnhofsausbau nit dem Zustand "ohne" vergleichen müsste, um nützliche Zahlen zu haben, was aber nicht geht...
Der Schreiber dieser Zeilen weist auch dezent darauf hin, dass diejenigen, die als Leistungsempfänger in die Verwaltung der Sozialindustrie geraten sind,
Ab hier gestrichen, sozial Benachteiligte zu beschimpfen, gehört nicht zum Blog-Programm.
Joseph Kuhn
MFG
Dr. Webbaer
PS: Wie stark mag allein die gesundheitliche Belastung der Leser durch einen Beitrag wie diesen ("Befriedungsverbrechen" für die Versöhnung der Patienten mit dem Zustand) gewesen sein?
Webverweis für's PS fehlte:
http://www.scienceblogs.de/kritisch-gedacht/2011/09/die-homoopathisierung-der-psychotherapie.php
MFG
Wb
Na klar, die braune WebBazille muss wieder ihre stinkenden Häufchen absetzen.
Dass alle, die sich um die Gesundheit Anderer kümmern, Sozialschmarotzer sind, ist anscheinend sein Glaubenssatz.