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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

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10.02.12 · 00:33 Uhr

Das Mammut in Sibirien, oder: wie gut, dass es Fragezeichen gibt

Kategorie: Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 12

Wo kriegt man im Zeitalter des Autofocus eigentlich noch Kameras her, die so wunderbar verschwommene Bilder machen, dass man einfach alles reininterpretieren kann, was man will? Die Bild-Zeitung (ja, für die habe ich mal gearbeitet, und weiß, wie sie tickt - ich bin mir sicher, die Redaktion hatte bei dem Thema einen Heidenspaß) hat auf ihrer Webseite das angebliche Video eines angeblichen Ingenieurs in Sibirien, das angeblich ein überlebendes Eiszeit-Mammut beim Durchqueren eines Flusses zeigt:

Ob Loch-Ness-Monster, Sasquatch (auch bekannt als Bigfoot, eine amerikanische Version des Yeti), oder all die UFO-Sichtungen, das Muster ist seit Jahrzehnten das Gleiche: Unscharf-verschwommene Bilder unbekannter Herkunft, meist ohne präzisierenden Kontext und willkürlich geschnitten, dazu ein angeblicher "Experte" - fertig ist die Story. Halt, ein paar Fragezeichen gehören noch dazu, wie in "Unglaubliches Video aufgetaucht: Gibt es noch Mammuts in Sibirien?"

Mammuthus_trogontherii122DB.jpgNun, ich bin mir sicher, dass die Antwort auch den Redakteuren klar war (sie ist "nein"). Allein schon, wenn sie - wie auf Bild.de ja geschehen - eine visuelle Rekonstruktion eines echten Mammuts neben das angebliche Urzeittier stellen und ihnen dann auf den ersten Blick klar wird, dass sowohl das in Nordeuropa beheimatete Steppenmammut (Mammuthus trogontherii; Abb. links) als auch das auf der Bild-Seite eingespiegelte Wollhaarmammut schon eine ganz andere Schädelform (mit dem markanten Stirnhöcker, den wir von den asiatischen Elefanten (Elephas maximus) kennen) besitzen; während die schemenhafte Gestalt im Video eher dem flachen Profil eines afrikanischen Elefanten (Loxodonta africana) ähnelt.

Was den "Experten für paranormale Phänomene" angeht - dies ist, was man ein Oxymoron nennt. (Bei Michael Cohen bin ich mir nach kurzes Sichtung seiner Webseite nicht mal sicher, ob er das ernst meint - hier findet Poe's Law seine klassische Anwendung.) Aber wie gesagt, ich bin mir sicher, dass die BILD- beziehungsweise BILD-Online-Redaktion genau wusste, dass dies nicht ernst zu nehmen ist. Denn sie schreibt selbst: "Kritiker glauben jedoch: alles Humbug! Manche halten das Tier für einen entlaufenen Elefanten, andere für einen Bären, der einen Lachs frisst." Wetten, dass die "Kritiker" alle in der Redaktionskonferenz saßen? Mein Tipp ist übrigens der Bär, denn ein echter Elefant wäre noch für ein viel längeres Video, selbst unter den gegebenen Aufnahmebedingungen, gut gewesen - aber die Illusion durch den lachsfressenden Bären musste nach wenigen Sekunden zwangsläufig zerstört werden.

 

Autor: Jürgen Schönstein· 12 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

Kommentare (12)

Kommentar-Direktlink Dagda· 10.02.12 · 00:59 Uhr

Ja Bär mit Fisch würde ich auch sagen.

Kommentar-Direktlink Theres· 10.02.12 · 01:53 Uhr

Eine schöne Gute- Nacht- Geschichte! (auf Vox läuft, wie passend Jurassic Parc ;)

Kommentar-Direktlink Rarehero· 10.02.12 · 02:04 Uhr

Natürlich ist das ein Lachs, der einen Bären spazieren führt.

Wo kriegt man im Zeitalter des Autofocus eigentlich noch Kameras her, die so wunderbar verschwommene Bilder machen, dass man einfach alles reininterpretieren kann, was man will?
Meine Theorie ist, dass Aliens, Mammuts, Ufos, Big Foot, Elfen, Einhörner und tüchtige Politiker eine Art Dämpfungsfeld erzeugen, das das Licht so bricht, dass selbst hochauflösende Kameras nur ein unscharfes Bild aufzeichnen. Anders kann ich mir dieses Phänomen nicht erklären, denn im Zeitalter der HD-Kameras, in dem jedes Smartphone gestochen scharfe Videos aufzeichnen kann, kann ich mir nicht vorstellen, dass bei dutzenden bis hunderten potentiellen Augenzeugen immer nur der Typ mit der alten Super 8-Kamera das UFO bemerkt.

Kommentar-Direktlink Ex-Esoteriker· 10.02.12 · 08:18 Uhr

Mmmh...muss zugeben, sieht für mich persönlich "echt" aus.

Habe eher das Gefühl, dass Bären, die auf allen 4 Beinen laufen und so weit weg aufgenommen werden, niemals so groß sein können oder doch?

Kommentar-Direktlink Rainer· 10.02.12 · 08:54 Uhr

Ein ziemlich billiger Schwindel! Um bei Cryptozoologen richtig Eindruck zu schinden, müsste das Bild viel stärker wackeln. Niemand, der einem echten Mammut gegenübersteht, kann eine Kamera so dermaßen ruhig halten!

Im Ernst, das ist natürlich ein Hoax. Wenn man genau hinschaut sieht man, wie eine Schaumkrone unmittelbar vor dem Tier in gleicher Richtung quer über den Fluss wandert, was so nicht geht. Andererseits meine ich, bei einer vergrösserten und verlangsamten Aufnahme, die die Sun (na ja!) bereitstellt, sehr grosse, knapp über die Rückenlinie ragende, "flappige" Ohren (zu gross für ein Mammut), sowie die Andeutung eines Stosszahns zu sehen. Daher die anderenorts geäusserte Vermutung, es könnte ein Afrikanischer Elefant sein, der digital in das Bild kopiert wurde.

Kommentar-Direktlink Utan· 10.02.12 · 11:26 Uhr

Ich würde sagen, da wurde Etwas durch den Fluss geschoben und dann mit dem PC einfach ein 3d Mammuth reineditiert?

Kommentar-Direktlink UMa· 10.02.12 · 11:33 Uhr

Offensichtlich ein Bär mit großem Fisch.

Kommentar-Direktlink Alice· 10.02.12 · 12:08 Uhr

Ein Mammut, bestimmt... Da wackeln ja nach ein paar Sekunden die Zähne, das ist doch offensichtlich, dass das keine starren Zähne an einem Viech sein können, sondern das weisse ist was weiches, das noch dazu nicht-starr mit dem Tier verbunden ist. Anatomie und Physik, setzen 6.

Unscharfe Videos und Fotos sind übrigens auch heutzutage kein Problem, ich hätte da ganze Gigabites von unscharfen Fotos! Will jemand? Leider nix besonderes drauf. Geht besonders gut wenn man in manuellem Focus fotografiert und dann vergisst umzustellen und man merkts einen halben Tag später (arggh!). Dann muss man nur noch genug reinzoomen und man kann darin finden was man will.

Kommentar-Direktlink Max· 10.02.12 · 13:59 Uhr

Ich finde auch, dass es eher wie ein Bär mit einem Fisch im Maul aussieht und nicht wie ein Rüssel.

Kommentar-Direktlink Jan· 11.02.12 · 02:25 Uhr

Aber beruhigend zu wissen, dass die Bild-Redaktion beim Verscheissern der Leser wenigstens gute Laune hat und nicht etwa von Gewissensbissen oder Selbstzweifeln geplagt wird.

Kommentar-Direktlink Ludwig Schulze· 12.02.12 · 21:23 Uhr

Ja es ist einfach unglaublich mit welchen Geschichten die BILD-Zeitung doch immer wieder Sensationslust weckt. Entweder sind es Ufos, Aliens, oder es wurde wieder mal zum x-ten mal eine Erde irgendwo weit draußen im All entdeckt auf der er Leben gibt und jetzt eben mal ein Mammut. Bin mal gespannt wenn man uns den ersten lebenden Dinosaurier oder den ersten Alien präsentiert. Aber es gibt mit Sicherheit genug Vollpfosten in unserer Bananenrepublik die dieses Scheiss glauben.

Kommentar-Direktlink Ludwig Schulze· 12.02.12 · 21:24 Uhr

Ja es ist einfach unglaublich mit welchen Geschichten die BILD-Zeitung doch immer wieder Sensationslust weckt. Entweder sind es Ufos, Aliens, oder es wurde wieder mal zum x-ten mal eine Erde irgendwo weit draußen im All entdeckt auf der er Leben gibt und jetzt eben mal ein Mammut. Bin mal gespannt wenn man uns den ersten lebenden Dinosaurier oder den ersten Alien präsentiert. Aber es gibt mit Sicherheit genug Vollpfosten in unserer Bananenrepublik die dieses Scheiss glauben.

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