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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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10.01.12 · 05:03 Uhr
Santorum und die Google-Bombe
Kategorie: Politik · Kommentare: 4
Heute geht der amerikanische Vorwahlkampf um die Nominerung eines republikanischen Präsidentschaftskandidaten in die erste heiße Runde: Im Gegensatz zum Caucus von Iowa, bei dem es sich eher um eine lokale Parteiversammlung handelt, in der sich dann im Laufe des Abends Gruppen und eventuelle örtliche Mehrheiten für den einen oder anderen Kandidaten bilden, werden in New Hampshire echte, geheime Abstimmungen stattfinden. Wenn's was Interessantes dazu zu sagen gibt, melde ich mich vielleicht zum Mittwoch, ansonsten wird's wohl von den TV-Sendern bis zum Abwinken abgedeckt sein. US-Wahlexerten glauben ja immer ziemlich fest an die Orakelfunktion solcher Regional-Vorwahlen, nach dem Motto "bisher hat es kein Kandidat die Nominierung gewinnen könne, der nicht in (beliebiges Bundesland einsetzen) die Führung davon getragen hatte", oder so ähnlich.
Aber heute geht es um eine beinahe komische Vignette dieses Wahlkampfs, der ein ganzes Sortiment unwahrscheinlicher Kandidaten (ab jetzt erst mal nur noch die männliche Form, nachdem Michele Bachmann das Handtuch geworfen hat) abwechselnd ins Zentrum, des Interesses spült. Seit Iowa, wo er ganz knapp hinter dem zumindest laut Kassenstand chancenreichsten Bewerber Mitt Romney abschnitt, ist der ehemalige Senator aus Pennsylvania, Rick Santorum, plötzlich für einen Moment in die Rolle des Beinahe-Favoriten gerutscht. Aber wer dann mehr über den Kandidaten erfahren will und sich, wie man's heute halt so tut, einer Gooogle-Suche bedient, der erlebt eine Überraschung: Gleich nach der bezahlten Google-Anzeige der Santorum-Wahlkämpfer taucht, als erster echter Suchtreffer, eine Definition seines Namens auf, die ihn als Synonym für eine unappetitliche Begleiterscheinung von unsachgemäßem Analverkehr auweist:
![]()
Das Pikante dabei ist, dass dies keineswegs eine neue Kampagne ist - ganz im Gegenteil. Der amerikanische Sexkolumnist Dan Savage hatte diese Synonymisierung des Sentors durch einen Ideenwettbewerb seiner Leserinnen und Leser im Frühjahr 2003 initiiert. Auslöser war ein Interview, das Santorum - damals noch Senator in Washington - im April 2003 der Associated Press gegeben hatte und in dem er sich zu einer Klage eines Texaners vor dem Obersten US-Gericht äußerte. Der Kläger John Geddes Lawrence hatte damit die Aufhebung der sogenannten "Sodomie-Gesetze" in Texas erzwingen wollen (was ihm auch gelang), die den freiwillen Analverkehr zwischen erwachsenen Männern unter Strafe stellten. Santorum verteidigte im AP-Interview das texanische Verbot:
"(I have) a problem with homosexual acts, as I would with what I would consider to be acts outside of traditional heterosexual relationships . . . if the Supreme Court says that you have the right to consensual [gay] sex within your home, then you have the right to bigamy, you have the right to polygamy, you have the right to incest, you have the right to adultery.
Ich habe ein Problem mit homosexuellen Handlungen, wie ich es auch mit Handlungen hätte, die meiner Ansicht nach außerhalb der traditionellen heterosexuellen Beziehungen liegen ... wenn das Oberste Gericht sagt, dass man ein Anrecht auf freiwilligen [schwulen] Sex innerhalb der eigenen vier Wände hat, dann hat man auch ein Recht auf Bigamie, hat man ein Recht auf Polygamie, hat man ein Recht auf Inzest, hat man ein Recht auf Ehebruch."
Als subversive Rache beschlossen Savage und seine Leser, seinen Namen fürderhin als Synonym für die bis dahin namenlose und unerwünschte Begleiterscheinung des Analverkehrs zu benutzen; eine passende Webseite wurde eingerichtet, aber mehr als ein interner Witz schien es erst nicht zu sein. Und als Santorum 2006 an der Wiederwahl in den Senat scheiterte, schien sich die Sache sowieso erledigt zu haben. Doch nun spült das neu erwachte Interesse an dem politisch ambitionierten Santorum auch jene andere "Substanz" wieder hoch - und jetzt rächt es sich, dass er (oder besser, seine Wahlkampfberater) dieses Internet-Phänomen jahrelang ignoriert hatten. Ein Ersuchen an Google im September, die Seite verschwinden zu lassen, blieb naturgemäß ohne Erfolg, da Google in solchen Fällen stets auf die Seiteninhaber* selbst verweist (was jemand mit ein bisschen Web-Erfahrung hätte wissen müssen). Mal sehen, wie sich die Geschichte weiter entwickelt ...
*Wie ich gerade auf einer Wikipedia-Seite zum Thema Santorum als Neologismus gelesen habe, bot Savage dem Ex-Senator 2010 sogar an, die Seite abzuschalten, falls dieser im Gegenzug fünf Millionen Dollar an die Aktion Freedom to Marry spenden würde. Der Deal kam, wie zu erwarten, nicht zu stande.
Autor: Jürgen Schönstein· 4 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (4)
Nett, sehr nett :-)
Und erstaunlich, daß diese unabsichtliche Zeitbombe die algorithmische Entschärfung anno 07 (Beispiel) überstanden hat. Hierzulande (jedoch via .com) steht anstelle des gekauften Eintrags der übliche News-Cluster-Verweis (hinter dem dann wiederum mehrfach das Bombardement beschrieben wird).
Einen Beitrag dazu könnte natürlich auch "The Daily Show" geliefert haben. Santorum und der Hinweis seinen Namen bei Google nachzuschlagen tauchte da im letzten Jahr immer wiedermal auf.
nastes
Klingt doch gut, wo ist das Problem?
Sehr schönes Beispiel für schlechte PR-Berater von medieninkompetenten Internetausdruckern.
Unabhängig vom Thema selber: Wer dermassen in der Öffentlichkeit polarisiert, darf sich über entsprechende Reaktionen nicht wundern.
Gruss
PS: Sorry. No fish.