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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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26.01.12 · 05:38 Uhr
New Hampshire schafft Lehrpläne ab
Kategorie: Politik · Kommentare: 20
Nicht ausdrücklich, aber de facto dann doch: Ein (bereits am 4. Januar) gegen das Veto des demokratischen Gouverneurs John Lynch mit der überwältigenden Mehrheit der Republikaner in beiden Kammern des Parlaments verabschiedetes Gesetz gibt den Eltern ein kategorisches Recht, ihre Kinder von allen Fächern befreien zu lassen, an deren Inhalt oder Lehrmaterial sie Anstoß nehmen:
Require school districts to adopt a policy allowing an exception to specific course material based on a parent's or legal guardian's determination that the material is objectionable. Such policy shall include a provision requiring the parent or legal guardian to notify the school principal or designee in writing of the specific material to which they object and a provision requiring an alternative agreed upon by the school district and the parent, at the parent's expense, sufficient to enable the child to meet state requirements for education in the particular subject area. The name of the parent or legal guardian and any specific reasons disclosed to school officials for the objection to the material shall not be public information (...)
Zwar bedeutet dies nicht, dass die Kinder generell vom Lernen dieser Fächer befreit sind, doch die Schulen sind verpflichtet, bei Widerspruch der Eltern ein Lehrangebot für deren Kinder zu schaffen, das den Wünschen der Eltern entspricht. Zwar haben diese die Kosten zu tragen, doch in der Praxis käme es dennoch einer Aushöhlung des Kurrikulums gleich, wenn ein nennenswerter Teil der Kinder vom Unterricht ausgenommen wäre und statt dessen private Unterweisungen in "genehmer" Form erhielte.
Mein erster Verdacht war ja, dass dies eine Hintertür für Evolutionsgegner sein sollte. Doch aus dem ersten Kommentar zu diesem Blogbeitrag geht schon hervor, dass die Stoßrichtung eine ganz andere war: Es ging um, genauer gesagt, gegen den Mathematikunterricht.
Und so unsinnig ich ein solches Gesetz finde, das letztlich alle schulischen Inhalte vom Wohlgefühl einzelner Eltern abhängig macht: So ganz unbegreiflich, wie ich es mir doch wünschen möchte, erscheint mir zumindest die Motivation eines solchen Gesetzesentwurfs nicht. Denn mit dem Mathematik-, genauer gesagt: dem Rechenunterricht hatte ich als Vater eines Grundschülers auch erhebliche Probleme. Die Schulen in New York (und auch nvielen anderen US-Bundesstaaten, beispielsweise Massachusetts) folgen dabei einem vom Technical Education Research Center (TERC) entwickelten Kurrikulum, das - um es mal stark vereinfacht auszudrücken - auf das Lernen durch Entdecken setzt. Das klingt erst mal ganz gut, ist im Prinzip an die Montessoripädagogik angelehnt. Wer würde seinem Kind nicht wünschen, dass es seine Welt - auch die Welt der Zahlen - selbst entdecken darf, frei von Drill und Paukerei?
So attraktiv die Idee sein mag, sie hat nur einen Haken: Sie haut nicht hin. Der Schulleiter unserer ersten Grundschule, selbst ein Mathematiklehrer und gewiss einer der engagierteren Pädagogen, die ich kenne, gestand mir einmal seufzend, dass etwa 70 Prozent aller Schüler Probleme mit diesem Lehrplan haben. Sicher, Mathematik ist mehr als nur Rechnen (letzteres kann man heute getrost dem Taschenrechner überlassen), ist eine Herausforderung an das kreative Denken, um Lösungen zu finden. Aber die Lösungen müssen letztlich halt doch rechnerisch richtig sein. Mit anderen Worten: Wenn die Kinder bei der Suche nach solchen neuen Wegen darauf kommen, dass drei mal drei fünf ist, dann hat man sie letztlich doch nur in die Irre geführt. Und wenn Sechstklässler bei einfachen Additionen noch an den Fingern abzählen müssen, dann scheint's doch an etwas zu fehlen ... Ein bisschen "Fakten-Lernen" (so nennt man das hier in den USA) gehört halt dazu. In unserer gegenwärtigen Schule werden daher nun die Fünft- und Sechstklässler im kleinen Einmaleins unterwiesen.
Autor: Jürgen Schönstein· 20 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (20)
Ludger·
26.01.12 · 07:35 Uhr
Damit lernt man kein Zahlengefühl. Damit meine ich, dass es bei Tippfehlern zu abstrusen Ergebnissen kommt, die man nicht als Fehler erkennt. Ich plädiere für Rechenschieber/Logarithmentafel und Überschlagsrechnung.Wow... einfach wow... Willkommen im Mittelalter!
Egal, was die ursprüngliche Motivation für dieses Gesetz war: es wird ganz sicher dazu mißbraucht werden, um Kinder von mißliebigen Inhalten fernzuhalten, wie Evolution, Klimawissenschaft, Sexualerziehung etc.
Es werden sich Elternverbände gründen, die die Finanzierung und Organisation regeln und ganz sicher von irgendwelchen Fundi-Gruppen finanziell unterstützt werden und die Alternative "agreed upon by the school district and the parent" muß ja offenbar keine sein, die irgendwas mit der Realität/Wissenschaft zu tun hat.
Diese Leute sind echt nicht zu retten >:-(((
@Ludger: ja, das waren noch Zeiten! Die guten alten locker rütmischen Tafeln!
Im Ernst, es muss einen anderen Weg geben, den Umgang mit Größenordnungen zu lernen als ausgerechnet diese netten Rechenrücken. Künstliche Verlangsamung kann nicht die Lösung sein.
Ansonsten: ungeheuerlich. Wieder Experimente auf dem Rücken der Kinder.
Aber die Zupfer haben ja auch schon mal die Zahl Pi gerichtlich bestimmen lassen.
@BreitSide
Was hast Du gegen Überschlagsrechnung oder Rechenschieber ? Zumindest in Restaurants sind Überschlagsrechnungen manchmal hilfreich.
Ludger·
26.01.12 · 18:42 Uhr
Ja, ja. Wegen sitzender Tätigkeit fährt man regelmäßig mit dem Auto zum Fitnessstudio, damit es nicht die fiese Verlangsamung gibt. Aber wer kann schon die Zeit zurückdrehen.@michael: ich habe gar nix gegen Überschlagsrechnungen. Wo hast Du das her? Ganz im Gegentum, sie machen mir immer viel Freude.
Hast Du denn Rechenschieber und Log-Tafeln beim Einkauf oder im Restaurant dabei?
@Ludger: Läufst Du täglich 10 km zur Arbeit? Schreibst Du Deine Befunde auf Schiefertäfelchen? Eine wunderbar kontemplative Tätigkeit. Vor allem für die Sprechstundenhilfen, die das dann kopieren sollen...
Rechenschieber und Log-Büchlein sind auch nichts anderes als Fitnessstudios. Aber wollen wir nicht alle unsere Arbeit so effizient wie möglich durchführen? Nicht immer haben wir die Möglichkeit, Treppen statt Fahrstuhl oder Rad statt Auto zu nutzen.
Ich seh das nicht ganz so katastrophal.
Zum einen ist es in den USA ja sowieso in jedem Staat erlaubt seinen Kinder "Heimunterricht" angedeihen zu lassen...
Zum anderen sind nicht die Eltern alleine verantwortlich, in obigem Zitat heisst es ausdrücklich, dass eine Übereinkunft zwischen den Eltern und dem Schul-Distrikt zustande kommen muss. Diese Alternative muss ausserdem derart gestaltet sein, dass das Kind eine Ausbildung erhält die den Standards des betreffenden Bundesstaats entsprechen.
Auch ging es, so zumindest der zitierte Blogpost, nicht _generell_ um den Mathematikunterricht, sondern um eine bestimmte Unterrichtsmethode, die sog. "Everyday Mathematics". Ob die jetzt gut oder schlecht ist -- keine Ahnung.
s/entsprechen/entspricht...
> Hast Du denn Rechenschieber und Log-Tafeln beim Einkauf oder im Restaurant dabei?
Weder noch. Kopfrechnen reicht noch dafür.
Meine Rede.
Ludger·
28.01.12 · 10:30 Uhr
Hier ging es nicht um Arbeit sondern um Schule/Ausbildung. Mit Deiner Argumentation könnte man auch darauf verzichten, Azubis in der Metallverarbeitung das Feilen beizubringen, weil das ja heute der CNC-Automat macht - Hauptsache die Azubis lernen zu programmieren. Oder man könnte Chemiestudenten die ungeliebte Anorganische Analyse ersparen, weil das heute ein Analyseautomat macht.@Ludger: Händische Bearbeitung ist in der Metallverarbeitung weiterhin an der Tagesordnung, wenn auch natürlich nicht mehr in der Breite der Massenproduktion. In Reparatur, Arbeitsvorbereitung und Modellbau aber allemal.
Der Rechenschieber wird aber nirgends, wirklich nirgends mehr benutzt. Schon in den 80ern war er nicht mehr aktuell. Ist er doch nichts anderes als ein Werkzeug zum einfacheren Multiplizieren. Ja, ok, einfaches Potenzieren geht auch noch.
Der einzige Bereich, wo er noch nützlich sein könnte, wäre in der Akustik. DB(A) ist nun mal ein logarithmisches Maß. Aber schon das (A) überfordert den "Penis Mathematicus", wie wir ihn damals pubertierend nannten.
Händische Laborarbeit ist mW immer noch in einigen Gebieten notwendig. Und wenn nur als Überprüfung der Automaten.
Soll die Schule Deiner Meinung nach eine Ausbildung zur produktiven Erwerbssarbeit sein oder eine Schulung, den Grips gebrauchen zu können? Eine Wiedereinführung des Rechenschiebers bei der Erwerbssarbeit habe ich nie gefordert, auch, wenn Du das so verstanden zu haben scheinst.
@Ludger: Es ist sicher nett, historische Werkzeuge zu gebrauchen. Und auch lehrreich. Experimentelle Archäologie ist eine ganz tolle Sache. Dann sollte man aber auch den Abakus lehren. Und was ist mit der Knotenschnur der Ägypter? Die haben damit einwandfreie rechte Winkel gemacht.
Ludger·
29.01.12 · 08:53 Uhr
Wird noch im Gartenbau benutzt. - Mein erster Einwand war übrigens gegen den überwiegenden Gebrauch von Taschenrechnern in der Schule gerichtet und nicht in erster Linie ein Plädoyer für die Wiedereinführung von Rechenschiebern. Wenn Plädoyer, dann für die Wiedereinführung von Block und Bleistift. Was man damit machen kann, kannst Du ja mal in "Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman" nachlesen.Als Nachtrag ein Zitat aus SPON ( http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,806981,00.html )
@Ludger:
Und warum wird es nicht in der Schule gelehrt?
Die Methode, mit einem Seil und zwei Stecken eine schöne Ellipse zu basteln, wird übrigens in der Mathematik (wurde mir jedenfalls) tatsächlich als die "Gärtner-Methode" gelehrt.
Stift und Block, völlig einverstanden. Hat auch den Vorteil, dass die Zahlen stehen bleiben. Und man auch Entwicklungen und Korrekturen nachvollziehen kann.
Ich kenne genug Betriebsingenieure, die immer noch Schreibblöcke statt PDAs/Smartphones/iPads mit sich rumtragen.
Ludger·
29.01.12 · 19:44 Uhr
Pythagoras und 3²+4²=5² lernt man in der Mittelstufe. Wenn die praktische Anwendung ausbleibt, wird es halt wieder vergessen. Ich hatte das Glück, dass ich Physik als Hauptfach (6 Wochenstunden) hatte und das in der Mathematik Gelernte in der Physik anwenden konnte. Meine Kinder haben im Matheunterricht ständig irgendwelche Beweise geführt, konnten das Gelernte aber nicht anwenden, weil sie Physik nicht als Leistungkurs hatten. Die praktische Anwendung sorgt aber dafür, dass man eine Sache begreift, schätzen lernt und behält. Ist die Ellipse nicht so definiert?@Ludger: genau, Aquadrat plus Bequadrat gleich Cequadrat; Abraham ging nach Bebra haam und wollt gleich das Zebra ham. Dann aber kam Debra haam.
Dass das mit 3, 4 und 5 so gut funzt, lernt man auch. Aber eben nicht die (damals) praktische Umsetzung. Wäre heute noch praktisch, wenn man exakte Knoten machen würde. Ich kenne einen Freund (Topphysiker), der hat so immer die Grasvolleyballfelder abgemessen. Und war immer sehr erstaunt, wie sehr das "Augenmaß" daneben liegt.
Und ja, eine ideale Schnur mit idealen Nägeln entspricht der Ellipsen-Definition der Mathematik. Haben aber technische Zeichner auch lange vor CAD nie mit Fäden, sondern immer mit Schablonen gemacht. Lag wohl daran, dass eine DIN-3-D-Zeichnung immer feste Winkel für die Achsen hat.
Wo ich Dir völlig Recht gebe: Es ist immer besser, mit dem Gelernten ein Blockhaus zu bauen (oder ein Volleyballfeld abzuzeichnen) als nur die Formeln zu memorieren. Irgendwann im Leben kommt doch mal der Moment, wo man auf die eigenartigsten Kenntnisse und Fähigkeiten zurückgreifen muss. Ist mir schon öfters passiert. Deswegen hasse ich den Satz "Das brauchst Du nie wieder". Naja, jedenfalls in der Absolutheit.