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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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23.11.11 · 21:13 Uhr
Riskantes Schneeschaufeln
Kategorie: Medizin·Umwelt · Kommentare: 22
Der November geht nun bald zu Ende, und das heißt, dass wir uns langsam auf Winter mit Eis und Schnee einstellen müssen. In unserem Treppenhaus steht schon die Schneeschippe bereit - aber vielleicht sollte ich auch vorsorglich mal ein EKG machen lassen? Das Schneeschaufelschwingen ist nämlich eine höchst riskante Tätigkeit, wie eine Gruppe von Kardiologinnen und Kardiologen am Kingston General Hospital der kanadischen Queen's University in diesem Paper (erschienen im aktuellen Clinical Research in Cardiology) noch einmal belegen konnte: Snow-shoveling and the risk of acute coronary syndromes .
Anekdotisch war dieser Zusammenhang zwar schon länger etabliert; die American Heart Association beispielsweise gibt auf ihrer Webseite entsprechende Ratschläge. Doch das war den Kanadiern (wo Schneeschaufeln zu den normalen Daseinsfunktionen zählen dürfte) zu wenig - sie analysierten die Patientendaten aus den beiden vorangegangenen Wintern auf entsprechende Hinweise. Und wurden fündig: Von 500 Patientinnen und Patienten, die in dieser Zeit mit akuten Herzkreislaufbeschwerden eingeliefert wurden, hatten 35 ihre Probleme nach dem Schneeschippen bekommen. Das sind zwar "nur" sieben Prozent, aber "sieben Prozent sind in der Medizin immer eine signifikante Proportion", erklärt der Leiter der Studie, Adrian Baranchuk (den ich hier aus dieser Pressemitteilung seiner Uni zitiere); außerdem sei es nicht wahrscheinlich, dass in jedem Fall bei der Notaufnahme die vornagegangene Tätigkeit erfasst wurde, was also bedeutet, dass es mindestens sieben Prozent waren, und vermutlich sogar erheblich mehr.
Dass 31 dieser 35 Herzanfall-Opfer männlich waren, lässt zwar erst mal aufhorchen - sind Männer also stärker gefährdet? Rein rechnerisch liegt das Risiko eines Mannes, einen Herzanfall beim Schneeschaufeln zu erleiden, 5,4 Mal über dem einer Frau - aber das kann auch, wie die AutorInnen betonen, lediglich daran liegen, dass mehr Männer zur Schneeschaufel gegriffen haben als Frauen (das ist vermutlich der Preis für männlichen Chauvinismus: "Lass mich das machen, Schatz, das iss nix für Frauen"). Eine Veranlagung zu kardiovaskulären Problemen steigert das Risiko noch weiter: Männer mit einer Familienvorgeschichte von Herzproblemen waren laut dieser Studie sogar 23 Mal stärker gefährdet als Frauen ohne eine solche.
Autor: Jürgen Schönstein· 22 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (22)
Ich weiß das Armarbeit (Schneeschaufeln, Hecke scheren) in Physiologie-Büchern als gefährliche Arbeit beschrieben wird, ist aber natürlich trotzdem gut zu sehen das man den Effekt auch in freier Wildbahn beobachten kann, schön.
Wobei für die Betroffenen ist das sicher nicht schön
Die interessante Frage ist: Hätten die Schneeschaufler auch gehäuft Herzinfarkte bekommen, wenn Sie nicht Schnee geschaufelt hätten, sondern ihren normalen Alltagstätigkeiten nachgegangen wären? Vielleicht folgt ja noch ein Schneeschaufel-RCT.
@ Dagda:
Das ist anzunehmen ;-)
Mein Vater ist 1985 mit 73 1/2 Jahren dran gestorben. Bei uns im Ort hat es das auch schon häufiger gegeben. Dabei erinnere ich mich immer an ein Bild im "Netter". (Netter war ein amerikanischer Arzt und Zeichner, der didaktisch aufgearbeitete Bilder mit medizinischem Inhalt gemalt hat.) Bild: Ein Mann kommt bei Schnee und klirrendem Frost aus einem Restaurant, geht eine Treppe herauf und greift sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ans Herz. Professor in der Vorlesung:" Da kommen mehrere Dinge zusammen: der Mann hat reichlich gegessen, wechselt von warm nach kalt und belastet sich körperlich. Das kann bei einer Vorschädigung einen Infarkt auslösen." Man sollte also vor dem Frühstück Schnee schaufeln.
@Dagda: interessant, das wusste ich so noch nicht. Hab ich im Arbeitsschutz so auch noch nie gehört. Da geht es meistens um die Lenden- und manchmal die Halswirbelsäule.
Gilt das auch zB bei Bauarbeitern - oder Boxern?
Im Winter vor 2 Jahren war eine weitere prominente Todesursache der Sturz von Dächern oder durch Lichtkuppeln.
@ Breitside
Der Hintergrund ist der, dass bei einer anstrengenden Arbeit das Herz mehr arbeiten muss (Insbesondere die Herzfrequenz steigt, das verschlechtert die Herzdurchblutung) und das Herz gleichzeitig einen höheren Sauerstoffbedarf hat. Daher steigt der Blutdruck.
Bei körperlicher Anstrengung sind meistens viele Muskelgruppen aktiv , in allen aktiven Muskelgruppen werden dabei die Blutgefäße erweitert um sie mit ausreichend Blut zu versorgen. Dies führt dazu das insbesondere der diastolische Blutdruck wieder sinkt; Zusammen führt das zu einem bei normaler Körperlicher Arbeit nur leicht erhöhtem mittleren Blutdruck (dabei ist der systolische Druck erhöht, der diastolische Druck vermindert, zusammen also nur eine geringe Blutdruckveränderung bei Arbeit).
Aber wenn man bei der Arbeit vor allem die Arme einsetzt führt das dazu das nur wenige und relativ kleine Muskelgruppen aktiv sind und damit der Mitteldruck hier stark ansteigt, sodass insbesondere bei einer kardiovaskulären Vorerkrankung das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt erhöht sind.
So ein langer Text.
Hm was ich damit sagen will; Boxer und Bauarbeiter arbeiten ja mit dem ganzen Körper insofern spielt das keine Rolle;
Kann man nicht den Schnee mit einem starken Laubbläser wegblasen? Oder vielleicht Laubbläser mit Heizelement, und den Schnee wegtauen+blasen?
Inwiefern sorgt Schneeschaufeln in jüngeren Jahren für die Fitness, um überhaupt ordentlich alt zu werden?
Laubbläser^^ Warum nicht direkt Flammenwerfer?
> Warum nicht direkt Flammenwerfer?
Wenn, dann richtig: Beheizte Bürgersteige und Strassen!
@Stefan W.
Solche Produkte gibt's sogar schon. Der Haken ist nur, dass es erstens verdammt lange dauert, bis eine massige Schneedecke (30 Zentimeter sind ja zumindest bei uns im Nordosten der USA keine Seltenheit) weggeschmolzen ist, was zweitens vermutlich mehrere Gaskartuschen (und damit gutes Geld) verheizt. Und drittens hat man dann das Problem, dass das Schmelzwasser ein paar Meter weiter zur Eisplatte gefriert - und für die braucht's dann doch wieder die schweren Geschütze.
Wo bleibt eigentlich Sven Türpe? Vielleicht könnte man ja gegen Handschuhe beim Schneeschippen polemisieren.
@ Dagda· 23.11.11 · 23:44 Uhr
Da beschreiben Sie eher die Ursache einer stabilen Angina Pectoris. Hier geht es aber um das "akute Koronarsyndrom", welches auffällig häufig beim Schneeschaufeln auftritt und eben nicht beim Rasenmähen. Dabei spielt die Kälte eine sehr wichtige Rolle. http://de.wikipedia.org/wiki/Akutes_Koronarsyndrom
Die Arbeit mit den Blutdruckschwankungen kann es alleine nicht sein. Die meisten akuten Koronarsyndrome passieren während der Bettruhe in den frühen Morgenstunden. Eine wichtige Rolle scheint dei Kälte zu spielen. Dazu kommen beim Herzinfarkt die Herzrhythmusstörungen, die in ein Kammerflimmern einmünden können. Kammerflimmern ist ein funktioneller Herzstillstand. Die Leute sterben zu Hause in der Regel ja nicht am kardiogenen Schock sondern an den Rhythmusstörungen.
Warum die Kälte ein wichtiger Auslöser ist? Der Körper stellt die Hautadern eng, um den Wärmeverlust zu drosseln. Das macht er mit Noradrenalin ( http://de.wikipedia.org/wiki/Noradrenalin ) und Adrenalin ( http://de.wikipedia.org/wiki/Adrenalin#Sonstige_Effekte ). Das bedeutet, dass der Sauerstoffbedarf des Herzens steigt und die Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Soweit die unmaßgebliche Sicht eines Nicht-Kardiologen.
@ Ludger
Ich habe nicht gesagt dass es der einzige Grund ist; Es läuft vermutlich auf eine Kombination mehrer Faktoren hinaus; dabei kann die Kälte auch eine Rolle spielen, weil gerade die Haut bei Kälte weniger Durchblutet ist um Wärme zu konservieren. Aber auch das führt nur zu einem weiteren Blutdruckanstieg;
Nachlesen kann man das übrigens in jedem Physiologie-Buch, sodass wir gar nicht großartig spekulieren müssen.
Bei GoogleBooks gibt es z.B. den "kleinen" Silbernagel.
@ Dagda· 24.11.11 · 12:52 Uhr
Das isses.
Ich hab mich eben bei einem befreundeten Kardiologen erkundigt. Das Phänomen sei seit Jahrzehnten bekannt (*). Wie die verschiedenen Ursachen pathophysiologisch zusammenwirken, sei nach seiner Kenntnis nicht vollständig erforscht. Kälte könne Koronarspasmen auslösen, dabei komme es zu Gerinnseln auf aufgebrochenen atherosklerotischen Plaques mit daraus folgender Minderdurchblutung des Myokards. Zusammen mit vermehrtem Sauerstoffbedarf wegen körperlicher Arbeit und Blutdruckanstieg komme es dann zum akuten Koronarsyndrom.
(*) Er hat auf meine Frage übrigens sofort und spontan auf das o.a. Bild von Netter verwiesen.
@ Ludger
Ich mochte zwar den Atlas nicht so besonders, aber Netter's Medizinische Bilder sind einfach schön.
Für alle die nicht wissen worüber wir reden:
http://en.wikipedia.org/wiki/Frank_H._Netter
@Dagda (+Ludger): danke. Vielleicht kapier ichs irgendwann mal. Aber das mit Kälte und dickem Blut kommt mir plausibel vor.
Vielleicht bekomme ich jetzt die Kommentare abonniert;-)
BareBlaster? Spielkram. Das ist ein Blaster. Und das auch. Den Herzkasper bekommt dann der Nachbar vom Lärm.
Yup, Schneeschippen ist für Männer gefährlich, weil eben wesentlich mehr Männer Schnee schippen. Klingt stringent, hat auch Dr. W überzeugt...
MFG
Dr. Webbaer (der deshalb gerne auch mal salzen tut, der inhärenten Umgebung geschuldet)
Salz ist aber doch auch nicht gut für den Blutdruck, sagt man :-)