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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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10.03.11 · 05:47 Uhr
Höflichkeit spart Energie
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften · Kommentare: 17
Etiquette ... is not just a symbol for respect; it is also a means of reducing physical effort for the group.Diesen Satz aus dem Paper Etiquette and Effort: Holding Doors for Others, das in der kommenden Ausgabe von Psychological Science erscheinen wird, fand ich einfach zu umwerfend, um ihn nicht an den Anfang dieses Beitrags zu setzen. Höfliche Rücksicht, wie sie sich im Aufhalten einer Tür für Nachfolgende ausdrückt, ist nicht nur eine Geste des Respekts, sondern spart, aus der Sicht der Gruppe, physischen Aufwand ...
Der Spruch mit dem physischen Aufwand ist natürlich schon eine ziemlich steile Vorgabe. Ist diese scheinbar rein symbolische Geste also wirklich ein - vielleicht sogar evolutionär entwickeltes - Verhalten, dass den Energieaufwand in einer Gruppe (und damit, zumindest indirekt, ihre Überlebenschancen, da ja ihre Energieressourcen dann länger vorhalten)? Darauf scheint das "Experiment", auf dem das Paper basiert, zwar hinzuweisen - aber beweisen kann es das (noch) nicht.
Die Ausgangsthese für David Rosenbaum, Psychologieprofessor an der Pennsylvania State University, und seinen Doktoranden und Co-Autor Joseph Santamaria beruht auf der Beobachtung, dass der motorische Aufwand ein erkennbarer Teil dessen ist, was wir Höflichkeit nennen: Wenn wir jemandem etwas überreichen, dann geschieht es meist in einer Weise, die den Energieaufwand des Empfängers minimiert. Steht zwar nicht ausdrücklich im Paper, aber als Beispiele kann man hier nennen, dass man Gegenstände in die Hand gibt und nicht vor die Füße wirft; dass man sie in erreichbarer Distanz und Höhe übergibt und nicht etwa am hochgereckten Arm, nach dem sich der Empfänger dann strecken muss. Daraus folgerten Rosenbaum und Santamaria, dass es offenbar eine beiderseitige, implizite Übereinkunft gibt:
Specifically, we hypothesized that one person exerting more effort in a social context than he or she would on his or her own reflects his or her expectation that his or her effort plus the effort of the other person would be less than sum of the efforts of the two individuals acting individually. According to this view, etiquette, or the form of physically expressed etiquette considered here, is not just a symbol for respect; it is also a means of reducing physical effort for the group.
Im Speziellen gehen wir von der Hypothese aus, dass darin, dass eine Person in einem sozialen Kontext mehr Aufwand treibt, als er oder sie es für sich alleine tun würde, seine oder ihre Erwartung reflektiert wird, dass sein oder ihr Aufwand plus dem Aufwand der anderen Person geringer ist als die Summe der Aufwände, die beide Individuen einzeln aufbringen müssten. Aus diesr Sicht ergibt sich, dass Etikette, oder die Form von physisch ausgedrückter Höflichkeit, um die es hier geht, nicht nur ein Symbol für Respekt ist; sie ist ebenso ein Mittel, um den physischen Aufwand für die Gruppe zu mindern.
Geprüft wurde diese These an einem der Ausgänge des Hetzel Union Building der Penn State University. Mittels einer Videokamera wurden 148 Personen dabei aufgezeichnet, wie sie durch die Tür das Gebäude verließen. Anhand der Aufnahmen wurde auch ausgewertet, ob und in welcher Distanz eine oder mehrere Personen nachfolgten, sowie ob und wie lange die erste Person die Tür für die Nachfolgenden aufhielt. Reine Beobachtung also, ohne Näheres über die beobachteten Personen zu erfragen.
Im Prinzip gibt es ja zwei Theorien, wann und warum wird anderen die Tür aufhalten. Da ist zum einen die oben beschriebene Arbeitshypothese des geringsten Gesamtaufwandes, die Rosenbaum und Santamaria als "shared effort"-Hypothese bezeichneten. Ein konkurrierender Erklärungsansatz wäre, dass wir die Tür nur für Personen aufhalten, die uns innerhalb einer bestimmten Distanz nachfolgen - die "critical distance"-Hypothese. Einer der markantesten Unterschiede zwischen beiden Erklärungsansätzen wurde darin gefunden, dass es beim Distanzmodell lediglich auf die Entfernung zur nachfolgenden Person ankommt; es spielt für die Bereitschaft zum Türaufhalten - und vor allem für die Dauer desselben - keine Rolle, ob eine oder mehrere Personen nachfolgen. Bei der "shared effort"-These hingegen müsste es einen deutlichen Unterschied machen, ob die Tür für eine oder für mehrere Personen aufgehalten wird - je mehr Personen, desto größer der gesparte Gesamtaufwand, und desto größer die Bereitschaft, die Tür eben ein bisschen länger zu halten. Außerdem würde die These des minimierten Aufwandes auch die Erwartung begründen, dass die nachfolgende Person, sobald sie sich der Geste des Türaufhaltens bewusst ist, ihre Schritte beschleunigt, um ihrerseits den Aufwand des "Türstehers" zu reduzieren. Aus dem Distanz-Modell hingegen ließe sich, so schreiben die Autoren, darüber keine Vorhersage machen.
Die Resultate sind nun eigentlich nicht sehr überraschend. In der Tat spielt die Distanz der Nachfolgenden eine Rolle (sind sie zu weit weg, werden sie oft noch nicht einmal wahrgenommen, oder ihre Absicht, die Tür zu benutzen, ist nicht eindeutig erkennbar), aber da bei mehreren Nachfolgenden die Türen länger aufgehalten und die "Empfänger" diese Höflichkeitsgeste in der Tat ihre Schritte erkennbar beschleunigen, folgern die beiden Autoren, dass ihre Hypothese des geteilten und damit geringeren Gesamtaufwandes die zu bevorzugende sei.
Da könnte man natürlich jede Menge Löcher reinschießen; so stellt allein schon der Umstand, dass dabei Faktoren wie Bekanntschaft zwischen den Personen (man wartet sicher länger auf Freunde und Kolleginnen, als auf Unbekannte) oder Hierarchien - hinter mir könnte mein Chef oder der Chef meines Chefs gehen - nicht berücksichtigt wurden, die Interpretation der Motive in Frage. Hinzu kommen eventuelle kulturelle Besonderheiten (New Yorker beispielsweise sind darauf gedrillt, die Tür eben nicht für nachfolgende Personen offen zu halten, weil dadurch auch unbefugte Gestalten Zutritt zu Gebäuden bekommen könnten), und natürlich der Faktor Sozialisierung: chevalereske Gesten gegenüber Frauen, beispielsweise, werden nicht immer zwingend als höflich, sondern manchmal auch als gönnerhaftes Machogetue empfunden. Entsprechende Fragen an die Autoren blieben bisher leider unbeantwortet (werden im Fall des Eintreffens aber gerne hier nachgereicht).
Aber wie gesagt: Die These, dass Höflichkeit mehr als eine verzopfte Geste ist, sondern einer ergo- und ökonomischen Rationalität entspringt, finde ich einfach zu schön, um sie hier kaputt zu reden. Und ich werde sie garantiert dem nächsten Typen nachrufen, der mir mal wieder die Tür auf die Nase hat fallen lassen ...
Autor: Jürgen Schönstein· 17 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (17)
Und man kann in Nullzeit ne Alternativhypothese aufstellen:
Eine höfliche Geste gibt mir einen bestimmten erwarteten gewinn, weil sich mir Personen verpflichtet fühlen könnten. Diesen muss ich gegen den Aufwand abwägen.
Folgen mehrere personen, ist der Gewinn größer (ich zeige mich mehreren Menschen gegenüber höflich),also treibe ich auch mehr aufwand.
Die Interpretation der Autoren scheint mir zumindest fragwürdig.
Ich habe mal in einer Hotellobby nach dem Ende einer Veranstaltung beobachten können, wie immer wieder Herren ihren Damen vorauseilten, um ihnen die Tür aufzuhalten - und dann ratlos vor der Drehtür standen.
...
"aber als Beispiele kann man hier nennen, dass man Gegenstände in die Hand gibt und nicht vor die Füße wirft; dass man sie in erreichbarer Distanz und Höhe übergibt und nicht etwa am hochgereckten Arm, nach dem sich der Empfänger dann strecken muss."
Dies hätte nur eine Aussagekraft, wenn es höfliches von unhöflichem Verhalten unterscheiden könnte. Meine Alltagsbeobachtung sagt mir aber, daß dann jedes Übergeben von Dingen eine höfliche Geste wäre.
@tschill
Anders herum: Wir sind halt fast immer höflich und schmeißen den leuten, selbst wenn wir nicht gut drauf sind, keine Sachen vor die Füße. Aber natürlich gibt es auch die unhöfliche Variante ...Seltsames Thema; ich denke Höflichkeit hilft Stresshormone zu vermeiden und daher führt sie zu besserer Lebensqualität. Natürlich kann das Türaufhalten den Energieaufwand einer Gruppe senken aber das dürfte nur minimal und wenn überhaupt nur zweitrangig sein. Das Türaufhalten ist nur eine Art der Höflichkeit. Andere Höflichkeiten, z.B. Grüßen, verursachen einen höheren Energieaufwand. Es ist also falsch bei Höflichkeit generell von Energieinsparungen in der Gruppe zu reden.
@roel @alle
Aber sie sparen auch Aufwand: Wenn ich meinem gegenüber durch Einhalten der Konventionen - zum Beispiel das Grüßen - signalisiere, dass ich keine Gefahr darstelle, dann spare ich ihm und mir die Energie/den Aufwand, sich auf einen eventuellen Konflikt vorzubereiten, oder gar einen unnötigen Kampf. Klar, aus heutiger Sicht scheint das albern und nicht realistisch. Aber der Cro-Magnon in uns ist noch ziemlich lebendig, und zu dessen Zeit war dies sicher eine notwendige, hilfreiche und Aufwand reduzierende Konvention. Und es muss ja nicht nur die direkte Reziprozität sein: Das Einhalten solcher Höflichkeitsregeln erlaubt es, anderen in der Gruppe Aufwand zu sparen. Und als Mitglied dieser Gruppe kann ich zu einem anderen Zeitpunkt in den Genuss einer solchen einsparenden Geste kommen.Dass ich der (befürchtenden) Meinung bin, dass die beiden Autoren ihre aus der reinen Beobachten einer einzigen Höflichkeitsgeste an einer einzigen Stelle gewonnen Erkenntnisse zu hoch anpreisen, habe ich ja hoffentlich in meinem Text erkennbar ausgedrückt. Aber andererseits ist die Arbeitshypothese nicht ganz so absurd, wie sie scheint.
Aber, wie gesagt: So reizvoll die (Hypo)These ist - um sie zu be- oder widerlegen, reicht das besprochene Beispiel einfach nicht aus.
@kereng
Die Drehtür ist ein interessantes Höflichkeitsproblem: Einerseits sind Männer dazu erzogen, Frauen den Vortritt zu lassen - aber andererseits muss die Person, die als erste durch eine Drehtür geht, die meiste Arbeit leisten. Ich habe - leider finde ich die Quelle dazu nicht mehr - mal gelesen, das die Etikette hier vorschreibt, dass der Mann als erster durch die Drehtür geht, um es der nachfolgenden Frau leichter zu machen.
Ob der dann aber so höflich ist, so lange stehen zu bleiben und zu wachten, bis Sie ihm die Theorie (oder zumindest das Zitat) hinterher gerufen haben? ;))
Ob der dann aber so höflich ist, so lange stehen zu bleiben und zu wachten, bis Sie ihm die Theorie (oder zumindest das Zitat) hinterher gerufen haben? ;))
Hmmm... doppelte Kommentare sind auch unhöflich, aber es war keine Absicht. Sorry!
@Tanja
Ich versuch's mal (Achtung, gleich wird's laut): HÖFLICHKEIT SPART ENERGIE, DU IDIOT! Nee, das ist problemlos in ein vier Sekunden zu schaffen, als noch ehe der "Idiot" außer Hörweite ist.
@Jürgen
Wobei das ja auch Energie erfordert, das rufen meine ich. Und das könnte sogar Energie von anderen verbrauchen, die dann stehen bleiben, um zu sehen was los ist. Mitunter müssen die also ihre Köpfe in andere Richtungen drehen, obwohl sie das gar nicht wollten, Gedankengänge unterbrechen und wieder aufnehmen etc.
Ach, schönes Thema! :D
Aus der praktischen Erfahrung würde ich auch sagen, dass die Bereitschaft davon abhängt, wie schwer eine Tür zu öffnen ist. Da ließen sich also noch einige Experimente und Beobachtungsreihen durchführen.
ich fürchte, das ganze ist schwer abhängig von der Definition "Höflichkeit".
Viele höflichen Formalismen sind eher nervend.
und Jürgen, versuchs mal energiesparend mit "Hörflichkeit spart, Wixer".
Da ist sogar noch der Spaßfaktor mit bei.... ;-)
Es gibt eine Form von "Höflichkeit" die wirklich sehr schnell erkennbar physischen Aufwand verringert, vielen Menschen Kosten, Zeit und Verletzungen ersparen würde.
Das ist eine Höflichkeit im Umgang zwischen Verkehrsteilnehmern. die sich darin äußert, daß man sich einen Überblick über die gesamte momentane Verkehrssituation verschafft (natürlich nach Möglichkeit) und auf eigene Rechte Bsp. Vorfahrt verzichtet, um den Verkehrsfluß zu fördern.
Wenn so etwas auch noch mit klarer deutlicher Gestik geschieht, Gefahren von Mißverständnissen durch Blickkontakt, vermindert werden, ist dies sicher rundum erfreulich, wenn es denn geschieht.
Höflichkeit vermindert "Reibung", das kann man durchaus ins physikalische übersetzen.
Je gestreßter, eiliger, überforderter Menschen sind, desto mehr kann etwas Höflichkeit im Umgang miteinander drohende Explosionen verhindern.
Und Menschen, die am Rande ihrer seelischen Kompensationsfähigkeiten sind, ermöglichen durch eine Situation zu kommen, die anders für diese nicht erträglich wäre.
Höflichkeit kostet nicht wirklich etwas, sie bedeutet auch Entspanntheit im Umgang mit seinen Mitmenschen, und das ist wirklich gut für alle Seiten, spart Kraft, Zeit, gibt Gelegenheit für positive mitmenschliche Entwicklungen.
Ist sie anerzogen, kostet Höflichkeit nicht einmal das Nachdenken, wird sogar zum Bedürfnis.
Ich glaube nicht, daß es eine Nachteilsseite für höfliche Menschen gibt. Sie sind vielleicht nicht immer die ersten in der Schlange an der Kasse, aber sicher die mit den schönsten Konversationen, und an die erinnert man sich sicher länger als an ein par durch Rempeln ergatterte Minuten!
Bullet·
21.03.11 · 08:56 Uhr
Aaaaahh... DAS ist also das, wonach unterschiedslos alle Menschen streben. Verstehe.