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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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22.11.10 · 05:15 Uhr
Junge Hirne, fest zur Sprunghaftigkeit "verdrahtet"
Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Medizin · Kommentare: 11
Das Folgende könnte wie das klassische Lamento der älteren Generationen klingen: "Die heutige Jugend ist auch nicht mehr das, was wir mal waren"; und als angehender Mittfünfziger passe ich vermutlich in die Kategorie "ältere Generation". Aber offenbar gibt es ernsthaften Grund zu der besorgten Annahme, dass eine Sozialisation in einer digitalen Welt mit Facebook, Twitter und YouTube die Gehirne von Jugendlichen für einen schnellen Aufmerskamkeitswechsel "verdrahten" könnte - mit anderen Worten: Die "instant gratification" (sofortige Belohnung), die sie durch diese sozialen Medien (und die schnelle, aber auch schnell zu wechselnde Verfügbarkeit digitaler "Welten" erfahren, macht sie unfähig, sich einer längeren Aufgabe - zum Beispiel dem Lesen von Büchern - zu widmen. Die New York Times spendiert dem Thema eine längere Story, in der sie den Harvard-Jugendexperten Michael Rich zu warnenden Worten kommen lässt:
"Their brains are rewarded not for staying on task but for jumping to the next thing. (...) The worry is we're raising a generation of kids in front of screens whose brains are going to be wired differently."
Ihre Gehirne werden nicht dafür belohnt, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, sondern dafür, gleich zum nächsten Ding zu springen. (...) Die Sorge ist, dass wir vor Bildschirmen eine Generation von Kindern großziehen, deren Gehirne anders verdrahtet sein werden.
Vielleicht ist da ja was dran (obwohl ich selbst eine ausgesprochene Leseratte - fast elf Jahre alt - zu Hause habe, die trotz Verfügbarkeit eines Computers Bücher liebt und derzeit mit viel Genuss, gemeinsam mit mir, den Moby Dick von Herman Melville in der Originalfassung liest). Aber ich hatte leider keine Geduld, den Artikel bis zum Ende durchzulesen ...
Autor: Jürgen Schönstein· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
Oh, the irony! ;-)
@Jürgen Schönstein
das ist doch genau das, was in Wirtschaft und Wissenschaft von unserer Jugend verlangt wird: schnell wechselnde Verfügbarkeit.
Diese auf Dauer angelegte Überbelastung des Gehirns nennt man dann modern
Flexibilität. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Proband sich in mehreren unterschiedlichen Sachgebieten andauernd hin- und herbewegen kann, sondern das auch noch in doppelter Schallgeschwindigkeit tut.
Sollte jetzt wenigstens die Wissenschaft dahintergekommen sein, dass das eventuell nicht die beste Art zu Leben ist?
Gehirne werden nicht verdrahtet. Gehirne sind elastisch, und selbst wenn sie sich kulturell anders entwickeln, heißt das weder dass das schlecht sein muss, noch dass das nicht umkehrbar sei.
...
Dazu fallen mir zwei Dinge ein:
Das Lamentieren der archaischen Griechen als die Schrift erfunden wurde und das Geschrei bei Einführung des Buchdrucks.
Schön, dass endlich dieser unglaublich revolutionären Entwicklung unserer Zeit Aufmerksamkeit geschenkt wird. Noch schöner wäre gewesen, wenn den Leuten einmal etwas anderes eingefallen wäre als vor rund 2700 Jahren.
ähh, dass mit der Schrift, waren das nicht die Phönizier?
@miesepeter3
Nö. Die Phönizische Schrift gilt als Vorläufer der heutigen alphabetischen Schriften.
Trotzdem ist die sumerische Keilschrift, die ägyptische Hieroglyphen usw. deutlich älter.
Mit Sicherheit gab es aber jeweils Phönizier, Sumerer und Ägypter, die dagegen waren.
Schließlich war man bisher auch wunderbar ohne sowas ausgekommen.
@Niels
"Nö. Die Phönizische Schrift gilt als Vorläufer der heutigen alphabetischen Schriften."
Nö, die phönizische Schrift gilt unter anderem auch als Vorläufer der griechischen Schrift, da sind sich die Gelehrten mal so ziemlich einig. Erste Keilschriften berichten von Holzlieferungen aus Byblos an ägyptische Pharaonen ca. 2.750 v. Chr. .
Aber das ist nicht mehr so ganz das Thema hier.
Es stimmt schon, dass alles was wir tun unser Gehirn prägt. Und es gibt schon mehrere Studien darüber, dass Kinder mit Zugang zu Computern schlechtere schulische Leistungen erbringen. Auf Nachfragen stellte sich aber heraus; das lag daran, dass die Kids statt zu lernen Online-Games spielten ;-)
Irgendwo hab ich gelesen, dass Jugendlichge, die viel und ausdauernd die sogenannten "Ballerspiele" spielen, sich wesentlich schneller auf wechselnde Umstände im tatsächlichen Leben einstellen können und auch wesentlich entscheidungsfreudiger sind, ohne die Qualität der Entscheidung zu mindern, als diejenigen, die solche Spiele nicht oder nicht oft spielen. Offensichtlich hat die entsprechende Studie ergeben, dass das Gehirn von diesen Spielern "gelernt" hat, sich schneller und besser zu entscheiden, egal in welchem Zusammenhang.
Wenn man also dann gewohnt ist, sich in einem sich stetig und schnell ändernden Universum zurechtzufinden, ist die Fähigkeit, sich intensiv um langfristige Unternehmungen zu kümmern, wohl ein wenig eingerostet. Das zeigt doch wohl, das unser Gehirn viel kann, aber nicht alles auf einmal. Diesen Grundsatz hat man schon vor einiger Zeit endeckt, als man feststellte, das Multitasking wohl doch keine sehr weitverbreitete Fähigkeit ist. Im Gegenteil, je mehr multitasking, desto mehr Fehler und desto unglücklicher der Mensch.
Tja, es scheint, wir haben immer noch die gleichen Gehirne, wie vor 2700 Jahren.
Die mir älteste bekannte Quelle mit Beschwerden über "die Jugend" findet sich auf einem Rollsiegel, ein paar tausend Jährchen alt. Ich muss mal schauen wo ich das gelesen hatte (Im Zweifel in "In Troja ist kein Zimmer frei").