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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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25.11.10 · 06:58 Uhr
Heißkaltes für die Notaufnahme
Kategorie: Medizin·Umwelt · Kommentare: 8
Wenn ich noch für die eher unterhaltende Tagespresse schreiben würde, hätte ich mir aus so einer Pressemitteilung sicher en amüsantes kleines Stückchen basteln können: Für jede fünf Celsiusgrade, die es wärmer wird (gemeint sind offenbar aktuelle Temperaturen, keine langfristigen Mittelwerte), steigt das Verletzungsrisiko von Kindern um zehn Prozent. Dies geht offenbar aus einer Analyse hervor, die in der aktuellen Online-Ausgabe des britischen Fachjournals Emergency Medicine Journal erscheint (leider enthält der Pressetext weder den Titel der Studie noch die Namen der Verfasser, was es mir bisher nicht möglich gemacht hat, den Text zu finden - vielleicht war er ja zum Zeitpunkt dieses Posts noch nicht freigeschaltet). Wenn's hingegen kälter wird, tauchen drei Prozent mehr Erwachsene in den Notaufnahmestationen auf; bei Neuschnee sogar acht Prozent mehr. Da hätt' man sich schon was mit dem Tenor "Klimawandel erhöht das Unfallrisiko für Kinder" - oder so ähnlich - stricken können.
Aber so weit ich den Pressetext verstanden habe, war die Studie lediglich darauf ausgerichtet, Indikatoren für die Bedarfsprognose in den Notaufnahmestationen zu finden. Doch solche Indikatoren müssen ja nicht kausal mit dem Indizierten verknüpft sein; eine Korrelation ist hier ausreichend. Und man muss keine großen Anstrengungen unternehmen, um sich vorzustellen, dass an wärmeren Tagen mehr Kinder in Freien spielen, was sowohl die Unfälle durch Sport und Spiel als auch das Verkehsrisiko erhöhen wird; umgekehrt ist Schneefall eine klassische Ursache von Autounfällen. Also nur zur Sicherheit: Falls irgendwann irgendwo doch eine Pressemeldung erscheint, dass steigende Temperaturen das Unfallrisiko von Kindern erhhöhen und dass daher eine globale Erwärmung (die nicht zu unterschätzen ist) noch gefährlicher werde als bisher befürchtet - lächeln und weiterblättern.
Autor: Jürgen Schönstein· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (8)
@Jürgen Schönstein
"...lächeln und weiterblättern."
Schade, ich habe schon im Geiste die Überschrift mit den drei großen Ks gesehen:
"Klimawandel Killt Kinder"
Ich würde die erhöhte Inzidenz von Verletzungenbei Erwachsenen bei kalten Temperaturen bzw Schneefall nicht nur auf vermehrte Autounfälle infolge Glatteis zurückführen. Auch das allgemeine Sturzrisiko ist auf eisglatten Gehwegen erhöht.
Wenn hier ein Kind stürzt, ist das Frakturrisiko wesentlich geringer als bei Erwachsenen. Das liegt zum einen daran, dass kindliche Knochen noch viel elastischer sind (insbesondere bei älteren Menschen brechen die Knochen viel schneller infolge Minderung der Knochendichte, z.B. bei Osteoporose), aber es gibt noch einen viel banaleren Grund: da Kinder kleiner sind als Erwachsene, ist die Sturzhöhe bei ihnen schlichtweg geringer, weshalb die beim Aufprall auf den Untergrund auf die Knochen wirkenden Kräfte schwächer sind.
Um dies alles zu wissen, brauchte ich aber nicht die Analyse im EMJ - das wusste ich bereits durch meine Arbeit in verschiedenen Spitalsambulanzen.
Leicht skurrile Idee: die Besetzung der Notfallambulanzen nach dem Wetterbericht 3 Tage im Voraus planbar!
Ist aber eigentlich auch ein relativ alter Hut: schon vor 30 Jahren mussten(!) die Wasserwerker laufend TV schauen, weil nach dem Tatort oder dem Länderspiel immer die Wasseranforderungen rapide stiegen.
Und vor Jahren hörte ich einen Transplantationsmediziner leicht sarkastisch sagen (sinngemäß): „Gutes Wetter gibt viele gute Nieren, weil Motorradler allgemein gesünder sind als Autofahrer.“
Solche Dinge und zB Fußballspiele nicht einzuplanen wäre ja schon fahrlässig.
...
@ BreitSide:
Leicht skurri
Dann frag mal besser nicht die Ärzte in Mainz, Köln und Düsseldorf. Für die gilt nämlich irgendwann zwischen Ende Januar und Anfang März totale Urlaubssperre.
Hast Du es erraten: richtig - der Grund ist ein Phänomen namens "Karneval".
Kann ich mir denken. Ähnliche Erzählungen kenne ich von Rotkreuzlern zum "Vatertag". Ich schätze, beim Oktoberfest wirst Du wohl auch keinen Arzt außerdienstlich sehen. Jedenfalls keinen, der zur Notfallmedizin taugt (oder einteiltbar ist)...
@ BreitSide:
Und natürlich nicht zu vergessen: Sylvester. Da ist bei den Unfall- und Handchirurgen sogar bundesweit höchste Alarmstufe.
Ist das nicht ein Kausaler Zusammenhang? Weil es wärmer wird spielen mehr Kinder draußen, mehr Kinder verletzen sich...
oder irre ich?