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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

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13.04.10 · 17:41 Uhr

Wer weiß besser, wie ich mich fühle?

Kategorie: Medizin  ·  Kommentare: 3

Patienten-klein.gifWer kann am besten beurteilen, wie sehr jemand leidet - der Patient selbst, oder Ärzte und Pflegepersonal? Die Frage könnte - und wird - sich jeder stellen, der das Gefühl hatte, dass ihm der Arzt/die Krankenschwester nicht wirklich glaubt, wie schlecht es ihm doch geht. Dass sie durchaus berechtigt ist (und dass es eine Diskrepanz zwischen dem gibt, was Patienten und was Fachleute glauben), zeigt dieser Artikel im Science-Teil der heutigen Ausgabe der New York Times, der seinserseits durch einen Artikel im New England Journal of Medicine aufgeworfen wurde. Aber sie ist offenbar nicht leicht zu beantworten, denn zwischen den Einstufungen, die das Fachpersonal - hier ging es um Patienten in Krebs-Chemotherapie - und die Betroffenen selbst vornehmen, klaffen konsistent enorme Lücken, wie die nebenstehende Grafik aus dem NEJM-Artikel zeigt. Ein Klick hier öffnet eine größere Version der Grafik in einem neuen Fenster.

Für die unterschiedlichen Einschätzungen gibt es natürlich eine Reihe nachvollziehbarer Grïunde, die im Artikel auch gewürdigt werden: Zum Beispiel die Notwendigkeit, die Folgen und Nebenwirkungen zu objektivieren - will heißen, Ärzte und Pflegepersonal neigen ganz erwartungsgemäß dazu, den Zustand eines Patienten mit dem anderer in ähnlicher Situation zu vergleichen. Und was einem selbst als hundsmiserabel erscheinen mag, könnte ja noch milde im Vergleich zu dem sein, was mein Zimmernachbar durchmacht. Aber andererseits kann diese relativierende Unterschätzung dazu führen, dass die realen Folgen der Nebenwirkungen - die ja bei einigen Medikationen bis hin zu Suizid-Gedanken und -Handlungen reichen kann - stark unterschätzt wird. Und sie können dazu beitragen, dass in klinischen Studien die tatsächliche Wucht der Nebenwirkungen unterschätzt wird.

Ich finde den Vorschlag, den der NEJM-Autor Dr. Ethan Basch vom Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York macht, eigentlich ganz praktisch: Beides erfassen.

 

Autor: Jürgen Schönstein· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (3)

Kommentar-Direktlink miesepeter3· 13.04.10 · 18:55 Uhr

Jedem, der sich mies fühlt, geht auch mies. Aber nicht jedem, dem es mies geht, fühlt sich auch mies. Gefühle sind schwierig einzuschätzen und nicht wirklich messbar.
Vergleiche mit anderen in gleicher Lage können, müssen aber nicht ähnlich sein.
Die Gefühle von Kranken waren lange zeit nicht wichtig für die Mediziner. Wenn die Medizin hilft, werden sich die Kranken auch besser fühlen, war meist der einzige "Trost" , den die Halbgötter in weiß einem gaben. Die Einsicht, dass sich gut fühlen zur Genesung beitragen kann, wußten aus Erfahrung die alten Hausärzte, in den Universitäten wurde das nicht gelehrt. Woher, außer durch Erfahrung im Umgang mit Kranken, sollte ein Arzt das können? Der Wellnessbereich in der Gesundheitsvorsorge und in der Heilung gewinnt nun langsam an Bedeutung. An alle rumgesprochen hat es sich aber noch nicht.

Kommentar-Direktlink Wb· 13.04.10 · 19:24 Uhr

Wobei das Bewusstsein nicht immer das Sein bestimmt, gerade ausserhalb der Politik (dort darf zurecht angenommen werden, dass Zufriedenheit im Vergleich entsteht) und insbesondere in der Medizin. Dort muss nicht falsch sein, dass die dem Arzt zV stehenden Daten deutlich aussagekräftiger sind als das subjektive Empfinden des Leidenden.

Kommentar-Direktlink Wb· 13.04.10 · 19:26 Uhr

@miese

Jedem, der sich mies fühlt, geht auch mies.

Nee, das stimmt, wenn überhaupt, nur im Psychischen. :-)

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