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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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31.03.10 · 18:55 Uhr
Von "House" aus medizinische Missverständnisse
Kategorie: Medizin · Kommentare: 7
Moment mal, meine ich das wirklich? Dem populären Fernseh-Dr. House - der, nebenbei bemerkt, auch unter Scienbloggern seine Fans findet - unterstellen, dass er ein falsches Bild der Wissenschaft, oder wenigstens der Medizin vermittelt? Mit Einschränkungen - ja! Nicht, dass ich die Serie um den misanthropischen Doc, als sie hier vor sechs Jahren im Fernsehen anlief, nicht als erfrischend und provokant genossen hätte. Und vielleicht spielt meinerseits eine gewisse Übersättigung (allein der Kabelkanal Bravo zeigt am Wochenende immer sechsstündige "House"-Marathons, zusätzlich zu den neuen Folgen, nebst regelmäßigen Wiederholungen, auf dem Originalsender Fox) dabei eine Rolle, dass ich sogar schon bei den Vorschau- und Programmhinweis-Spots weiterzappe. Aber nach längerer innerer Einkehr (irgend was kann doch mit mir nicht stimmen, dass ich diese beliebte und mehrfach preisgekrönte Show um einen durch und durch wissenschaftlich gesinnten Mediziner an einem Klinikum im Umkreis der Princeton-Universität nicht mag) kam ich zu dem Schluss, dass ich das Bild der Wissenschaft, wie es hier vermittelt wird, immer mehr als ein Zerrbild empfinde.
So, und nachdem ich mich nun als Serienmuffel und Spaßverderber geoutet habe, will ich auch begründen, wie ich zu solch einem Eindruck - und um nichts mehr handelt es sich hier! - kommen konnte. Ich habe die Serie nicht wissenschaftlich analysiert, und vermutlich auch eine ganze Anzahl von Folgen inzwischen verpasst, aber aus dem, was ich gesehen habe, kristallisierte sich als erster und augenscheinlichster Reibungspunkt heraus, dass bei allem wissenschaftlich verbrämten Rahmen hier fast immer die Intuition den Durchbruch bringt. Und zwar die Intuition des "außerhalb der Norm" denkenden Einzelgängers, der sich gegen die zumeist konventionell - d.h. auf wissenschaftlichen Konsens begründeten - Auffassungen seiner Kollegen durchsetzt. Natürlich gehört auch ein gutes Maß an Kreativität zum wissenschaftlichen Prozess, aber wenn hier der Eindruck vermittelt würde, dass der Gegen-den-Strom-Schwimmer grundsätzlich der überlegenere Denker ist, dann würde dem kollektiven Wahrheitsfindungsprozess der Wissenschaft ein Bärendienst erwiesen.
Und wenn man noch ein bisschen weiter nachdenkt, dann findet man noch ein paar weitere Elemente, die sonst eher als anti-wissenschaftlich (speziell in der medizinischen Wissenschaft) einzustufen wären. Allen voran das größte aller Missverständnisse, das sich auch die Anhänger alternativer Heilmethoden stets ans Banner heften wollen: Wer heilt hat recht! Und genau das ist die Maxime, nach der Dr. House lebt. Es geht ihm nämlich grundsätzlich nur darum, recht zu haben. Die Dramaturgie vieler Folgen dreht sich zentral um die inneren Zwiste, die den Einzelgänger House befallen, wenn er befürchten muss, mal nicht recht zu haben. Letztlich sind die Storys immer irgendwelche "Wettbewerbe" darum, wer die bessere Antwort hat - und entschieden wird in der Regel dadurch, dass der Patient/die Patientin gesundet. Das kann man natürlich auch anders sehen (nämlich so, dass sich die bessere Idee letztlich durchsetzt), aber kombiniert damit, dass es fast immer die unkonventionellste aller Lösungen ist, entsteht der Eindruck, dass die konventionelle wissenschaftliche Methode dem wahren Problemen nicht gewachsen ist.
Ein weiteres (und mit dem eben gesagten keineswegs immer kongruentes) Missverständnis ist, dass Medizin alles heilen kann. Das muss wahrscheinlich aus TV-dramaturgischen Gründen, will heißen, dem Anspruch des Zuschauers auf ein Happy-End, der Normalfall sein; nur gelegentlich will man hinnehmen, dass der Held sein Ziel verfehlt. Doch egal, wie schwer und mysteriös die Krankheit - fast immer weiß Dr. House am Ende eine Antwort. Und das ist in der Realität leider nicht der Fall; manchmal sind Mediziner selbst dann machtlos, wenn sie die Ursachen erkannt haben.
Und scheinbar im kompletten Widerspruch dazu meine - vorerst - letzte Beobachtung: Mediziner wissen auch nicht, was sie tun. Wieso, hatte ich nicht eben behauptet, die Message der Serie sei, dass sie alles heilen können? Klar. Aber die Dynamik der meisten Episoden wird durch ständiges Raten einer Ursache und Verwerfen derselben geprägt. Nach meiner eigenen, nicht repräsentativen und unstatistischen Erkenntnis muss House sich in einer Durchschnittsepisode mindestens dreimal selbst revidieren. Und jedes Mal war er sich absolut sicher, dass er im Recht war ...
Für Zuschauer, die auch nur im Ansatz mit der wissenschafttlichen Methode vertraut sind, wäre all dies bestimmt kein Problem (sonst wäre sie bei den Sciencebloggern auch nicht so beliebt, vermute ich). Letztlich ist die Serie ein Unterhaltungsfernsehen, und kein Bildungsprogramm. Doch es kann nichts schaden, sich zumindest ein paar Gedanken darüber zu machen, wo und wie selbst eine so wissenschaftsbasierte Handlung ins Gegenteil uminterpretiert werden kann.
Autor: Jürgen Schönstein· 7 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (7)
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@Jürgen Schönstein
Wenn ich mich nicht allzusehr irre, dann ist Dr. House eine Unterhaltungssendung und will auch nichts anderes sein. Hier wissenschaftliche Genauigkeit zu erwarten ist wohl etwas zu viel erwartet. Für das (Zerr)Bild der Wissenschaft, hier die Medizin, gibt es wohl mehrere mögliche Erklärungen. Die Wissenschaft ist heute so umfangreich und kopliziert, dass der Normalbürger nur nicht mehr mitkommt, sonder das ganze auch meist außerhalb seiner Vorstellungskraft liegt. Was man nicht kennt,
macht Angst. Und was Angst macht, zieht man ein wenig in die Lächerlichkeit und schon ist die Angst nur noch halb so groß. Eine andere Erklärung wäre, was sich liebt, das neckt sich. Bei allem Nichtwissen über das, was die Wissenschaftler so treiben, ist man insgeheim doch ein wenig stolz, sie zu haben. Das macht sich auch im sonstigen Humor in der Bevölkerung durchaus bemerkbar. Nicht umsont ist eine der Lieblingsfiguren und steter Dauerbrenner der zerstreute Professor. Diese Witzchen sind stets mit einer Art vorsichtigem Respekt vor der Arbeitsleistung der jeweiligen Opfer begleitet, so nach dem Motto : "Wer sich so intensiv mit Sachen beschäftigt, die sonst keiner versteht, darf auch schon mal im täglichen Leben was falsch machen."
Kleines Beispiel gefällig ?
Der Professor geht jeden Tag zu Fuß zu seiner Universität und kommt dabei an einer kleinen Bäckerei vorbei, wo er jeden Tag ein Brötchen kauft. Heute regnet er sehr stark und beim Verlassen des Ladens, nimmt er seinen Regenschirm aus dem Schirmständer. Mit einem"Halt, das ist meiner!" reißt ihm eine resolute Dame den Schirm aus der Hand. Wie der Blitz schießt es ihm ein, das er heute keinen Schirm mitnehmen konnte, weil er zuhause keinen mehr hatte. Geknickt nuschelt eine eine Entschuldigung, die ihm offensichtlich nicht geglaubt wird. Mit dem Schirm dicht an sich gepresst rauscht die Dame an ihm vorbei nach draußen. In seinem Büro in der Uni
angekommen, stellt er mit Erleichterung fest, dass alle seine sieben Regenschirme im Ständer stehen. Er hat sie offensichtlich immer vergessen, wieder mit nach Hause zu nehmen. Er macht sich eine entsprechende Notiz und schafft es tatsächlich, sich alle sieben Schirme unter den Arm zu klemmen und mit auf den Heimweg zu nehmen.
Unterwegs begegnet ihm die resolute Dame aus der Bäckerei. Die deutet auf die Schirme unter seinem Arm und fragt spitz:" Und, hatten wir heute einen erfolgreichen Tag?"
Ich glaube, die gleiche respektvolle Art, "den" Wissenschaftler auf die Rolle zu nehmen, haben auch die Macher von Dr. House angewendet. Er wird so, wie sich die meisten einen guten Wissenschaftler vorstellen, dargestellt. Er kann sich auf dem Wege der Erkenntnis irren, geht aber seinen Weg und hat am Ende seinen Erfolg, die richtige Diagnose und das Lebebn des Patienten gerettet. Als Mensch ist er den Irrungen und Wirrungen des Lebens genau so ausgesetzt, wie der Zuschauer und ist mit seiner eigenen Krankheit ebenso hilflos, wie Otto Normalverbraucher. Trotzdem ist sein oberstes Ziel Kranken zu helfen, auch seine rauhbeinige und poltrige Art täuscht da niemanden drüber hinweg. Ich glaube, diese Art der letztendlich doch sympatischen Art der Darstellung kommt bei den Menschen besser an, als ein unfehlbarer Halbgott in weiß, wie sich z.B. viele Ärzte im wirklichen Leben versuchen darzustellen.
Ich sehe das bei House nicht ganz so kritisch, in einigen Folgen wehrt sich House ja auch ausdrücklich gegen wirklich antiwissenschlaftlichen Hokuspokus oder versucht diesen zu entlarven. Außerdem geht er ja nicht nach der alternativmedizinlichen Variante "wer den Anschein erweckt, geheilt zu haben, hat recht", sondern mehr nach der Maxime "wer tatsächlich heilt hat recht". Diesen Anspruch erhebt er ja nicht dann, wenn er mysteriöse Heilmethoden anwenden will, sondern wenn er sehr unkonventionelle im Sinne von riskante Methoden anwenden will, z.b. den Patienten absichtlich einen Herzstillstand verpassen oder mit einer Krankheit infizieren um die andere zu bekämpfen.
@miesepeter
Ich glaub House' Maxime ist eher, rauszufinden was die Krankheit ist, bevor sie sterben, aber letzteres auch nur, weil er eine Autopsie als sowas wie mogeln betrachten würde. Sympathisch ist an House eigentlich nichts, es sei denn man mag seine Direktheit.
@hape
mit "sympathischer Art der Darstellung" meinte ich"mit menschlichen Schwächen und Fehlern" dargestellt. House würde natürlich keinen Sympathiewettbewerb gewinnen.
Aber so ist er für mich eigentlich glaubwürdiger, als viele Ärzte, denen ich im richtigen Leben begegnet bis, sei es in beruflicher Hinsicht oder als Patient.
Und er hat eine Eigenschaft, die man bei Chefs aller Arten manchmal schmerzhaft vermißt: er stellt sich immer schützend vor seine Leute gegen den äußeren Feind (Klinikchefin).
Seine bisweilen grotesk widerlichen Spielchen mit der Kündigung sind seine Art, mit dem Zwang von oben umzugehen. Er läßt jedem die Chance, seinen Job zu behalten. Die Mittel, die er dabei einsetzt sind ebenso obstrus, wie die Methoden, mit denen er versucht, die Krankheiten zu erkennen und zu bekämpfen.
Es liegt in der Natur der Sache (in amerikanischen TV-Serien), dass es immer ein Happy End geben muß. Da kann Dr. House sich drehen und wenden, wie er will, der Erfolg wird ihm vom Drehbuch aufgezwungen. Natürlich widerspricht das dem wirklichen Leben, aber daraus kann man eh keine erfolgreiche TV-Serie machen.
ich seh da einiges anders:
house ist zwar als typ – als figur – formal ein gegen-den-strom-schwimmer, aber medizinisch geht er sehr systematisch vor. es gibt nach der ersten untersuchung eine anamnese, oft wird sogar die wohnung auf hinweise untersucht. dann wird nach dem klassischen ausschlussverfahren diagnostiziert und – dem entsprechenden erkenntnisstand gemäß – streng nach kausalen kriterien verfahren. erst am ende ist die sache wirklich schlüssig. auch wenn der weg nicht »gerade« zum ziel führte.
die botschaft dessen ist m.e., medizin ist keine zauberei, sondern erfordert immenses wissen, detektivischen scharfsinn, verständnis von zusammenhängen und die fähigkeit, sich selbst zu korrigieren / revidieren.
den eindruck, medizin könne alles, führt house mit seiner schmerz-problematik und tablettensucht selbst ad absurdum.
das einzige, was man der figur house anlasten könnte, ist die nahezu grotestk klischeehafte verkörperung des eiskalten technokratrischen »schul«mediziners, den am menschen nur die krankheit interessiert.
@radicchio
Und genau so soll's auch sein. Ich habe hier nur eine - = meine - von vielen Möglichkeiten der Betrachtung beschrieben. Subjektiv eben. Und ich will dies nur als Denkanstoß verstanden wissen; wenn mir letzlich alle widersprechen, dann ist es mir sogar sehr recht, weil dann sind meine Befürchtungen eben unbegründet. Aber meine Sorge drehte sich vor allem um die Art von Zuschauer, die nicht all zu analytisch an Unterhaltungssendungen rangeht, und bei denen greift sicher auch eine Variante von Murphy's Law - nämlich die, dass etwas, das man missverstehen kann, auch immer von irgend jemanden missverstanden wird.Ich sehs wie radiccio. Ich weiß ja nicht, welches Publikum in USA diese Serie sieht, hier in D habe ich den starken Eindruck, dass die Fans allesamt einem rationalen Weltbild anhängen und meist wissen, was Wissenschaft ist. Der Eindruck ist natürlich auch subjektiv. Und zur Intuition: Bein vertrackten Problemen läuft es doch wirklich oft so. Man analysiert, schließt aus etc. und steht immer noch vorm Berg. Und irgendwann machts ping (oder auch nicht). Voraussetzung dafür ist natürlich umfangreiches Wissen.