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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

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04.03.10 · 19:10 Uhr

"Kritisches Denken" als Hintertür fürs Gegenteil

Kategorie: Naturwissenschaften·Umwelt  ·  Kommentare: 3

"Eating crow" sagt man in den USA, wenn man einen Irrtum zugeben muss. Und solch eine Krähe muss ich wohl nun essen, denn ich hatte in einem Kommentar zu Florians Beitrag über Kohlendioxid, das "Gas des Lebens", "Teach the Controversy" und dumme Politiker in South Dakota blauäugig geschrieben, dass man die Geschehnisse in South Dakota (wo die konservative Mehrheit im Landeskongress durchgesetzt hat, dass beim Thema Klimawandel nunmehr auch "die Kontroverse gelehrt" werden muss) nicht so ernst nehmen dürfe, da es sich dabei um die amerikanische Provinz handele. Doch dank der heutigen New York Times ist nun auch einem - offenbar naiven - Optimisten wie mir klar, dass da viel mehr dahinter steckt. Die Welle ist schon durch die Staaten Louisiana geschwappt, durch Oklahoma, Kentucky (wo ein entsprechender Gesetzesentwurf noch zur Entscheidung ansteht) - und vor allem Texas. Und vor allem letzteres kann durchaus amerikaweite Ausstrahlung haben.

Dabei hätte ich mich doch erinnern müssen, dass die Texaner der Taktik, wissenschaftliche Lehre durch die Maßgabe einer "ausgewogenen" Darstellung, bereits Tür und Tor geöffnet hatten - schließlich hatte ich es hier selbst beschrieben. Im Gesetz Nr. 473 des Staates Louisiana vom 25.6.2008 wird dies ausdrücklich als Erziehung zum "kritischen Denken" bezeichnet. Ist aber nur die alte Hintertür der Wissenschaftsgegner, denn es geht ja hier um mehr als "nur" die Ablehnung der Evolutionslehre oder des Klimawandels oder der Biotechnologie - diese Initiativen richten sich gegen die Wissenschaft an sich. Punkt. Und natürlich darf bei so etwas der dumme Spruch "ist ja nur eine Theorie, die als Fakt präsentiert wird" nicht fehlen (in diesem Fall war's der Kentucky-Abgeordnete Tim Moore).

Die eigentliche Tragödie (im ursprünglichen Wortsinn des "schuldlos schuldig sein") ist dabei nur, dass die Idee des "teaching the controversy" mal ursprünglich ganz anders gedacht war. Der Anglist und Pädagoge Dr. Gerald Graff hatte ihn in seinem 1987 erschienenen Werk Professing Literature: An Insitutional History geprägt; mit der Forderung, die Kontroverse zu lehren, wollte er in den so genannten culture wars - in denen die unter Ronald Reagan erstarkte Moral Majority progressive Tendenzen in Kunst und Literatur ersticken versuchte - erreichen, dass das "umstrittene" (weil progressive) Material trotzdem thematisiert wurde. Ironisch, nicht wahr?

 

Autor: Jürgen Schönstein· 3 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Trackbacks (1)

Schildkrötenkosmologie: Teach the Controversy! · Astrodicticum Simplex · 26.03.10 · 20:28 Uhr


Kommentare (3)

Kommentar-Direktlink Scientist· 05.03.10 · 06:57 Uhr

Das Problem ist nicht nur auf die USA beschränkt. In Deutschland gibt es rund 70 fundamentalistische freikirliche Privatschulen, an denen nicht nur Kreationismus als Alternative zur Evolutionstheorie unterrichtet wird, sondern den Kinder im Erdkundeunterricht erklärt wird, dass es durchaus sein könne, dass die Erde nur 6000 Jahre alt ist, und dass die Sintflut eine alternative Erklärung zur Entstehung der Braunkohle sei. Diese wissenschaftliche Glanzleistung wird dann auch noch zu 90 % aus Steuermitteln finanziert.

Kommentar-Direktlink georg· 05.03.10 · 07:16 Uhr

Verständnisfrage zum vorletzten Satz: "...wollte er in den so genannten culture wars, in denen die unter Ronald Reagan erstarkte Moral Majority progressive Tendenzen in Kunst und Literatur ersticken wollte. "
Er wollte in den so genannten culture wars was?

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 05.03.10 · 13:25 Uhr

@georg

Er wollte in den so genannten culture wars was?
Erreichen, dass das "umstrittene" (weil progressive) Material trotzdem thematisiert wurde (habe ich oben eingefügt - vielen Dank für den Hinweis).

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