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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.

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26.01.10 · 19:48 Uhr

Wenn Daten und (Wissenschafts-)Mythen kollidieren

Kategorie: Geistes- & Sozialwissenschaften·Medizin·Naturwissenschaften  ·  Kommentare: 8

Am Dienstag brauche im immer etwas länger, die New York Times zu lesen - der Science-Teil vedient halt immer ein bisschen mehr Aufmerksamkeit. Obwohl ich auch nicht immer alles lese - die Buchrezension von Dr. Abigail Zuger hätte ich vermutlich übersehen, wenn sich mein Blick nicht zufällig an folgender Passage verfangen hätte:

science should represent truth, not wishful thinking. When good data fly in the face of beloved theory, the theory has to go.
Ein in der Tat (be-)merkenswertes Zitat.


400000000000000187401_s3.jpgDas neue Buch "The Trauma Myth" von Harvard University) hat zwei parallele Leitfäden: zum einen schildert es Susan Clancys Forschung über die Folgen von sexuellem Missbrauch an Kindern, aber zum zweiten beschreibt es auch, wie sie mit ihrer Arbeit - ein Forschungsprojekt während ihres Aufbaustudiums Mitte der 90-er Jahre , das zu dem Resultat kam, dass die Traumatisierung durch sexuellen Missbrauch nicht etwa gleich im Kindesalter beginnt, sondern erst mit einer langen Verzögerung eintritt, wenn sie so weit heran gewachsen sind, um die Vorgänge voll zu begreifen - in einen Gegensatz zu etablierten wissenschaftlichen und auch gesellschaftspolitischen Auffassungen geriet. Sie habe sich trotz der Warnungen, das "dominante theoretische Rahmenwerk" nicht herauszufordern, nicht über die Resultate ihrer eigenen Forschungsarbeit hinwegsetzen wollen. Mit entsprechenden Konzequenzen: Sie sei "zum Paria in Laien- und Akademikerkreisen" geworden, schreibt die Rezensentin (selbst Ärztin an einem New Yorker Krankenhaus und gelegentliche freie MItarbeiterin der New York Times) über Susan Clancys Erfahrungen.

Ich habe das Buch selbst nicht gelesen, und selbst wenn, wäre es natürlich nur eine Seite der Medaille. Ich selbst sympathisiere ja gerne mit den Underdogs, die sich mit dem "Establishment" (egal auf welchem Gebiet) anlegen - aber das heißt ja nicht, dass jeder, der anerkannten wissenschaftlichen Auffassungen widerspricht, gleich moralische Überlegenheit genießen kann. Aber andererseits erinnere ich mich aus meinem eigenen Studium nur all zu oft an einen grenz- und manchmal auch vollwertigen Dogmatismus, vor allem bei Professoren, die stur an ihren alten Theorien festhielten, selbst wenn neuere Forschung zumindest eine Modifikation ihrer Modelle etc. erfordert hätte. Womit ich bei der Frage bin, die mich seither beschäftigt: Dass Wissenschaft nicht still steht und sich stetig weiter entwickelt, ist sicherlich mehr als nur ein akademisches Credo; aber kann man das gleiche auch von den Forschern, den Wissenschaftlern selbst sagen - vor allem, wenn sie es endlich ins "Establishment" geschafft haben?

 

Autor: Jürgen Schönstein· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (8)

Kommentar-Direktlink Dagmar Behrendt· 27.01.10 · 13:25 Uhr

Sind Sie ein Wissenschaftsleugner?

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 27.01.10 · 14:56 Uhr

Sind Sie ein Wissenschaftsleugner?
Nein, bin ich nie gewesen, und habe auch nicht vor, es zu werden. Was bringt Sie denn auf den Verdacht?

Kommentar-Direktlink Der Bo· 27.01.10 · 18:49 Uhr

Das Schöne ist doch, dass sich die Zukunft immer durchsetzen wird.

p.S. ein schönes Beispiel für eine solche Situation ist Hermann Staudinger gegen Hans Kuhn im Streit um die Konformation von Polymeren. Ich sollte mal darüber bloggen

Kommentar-Direktlink Dagmar Behrendt· 28.01.10 · 14:01 Uhr

Och, ich frage ja nur. Wenn Sie die Muße haben, sich ein wenig hier einzulesen, verstehen Sie vielleicht, was ich meine.

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 28.01.10 · 18:09 Uhr

Nö, verstehe noch immer noch nicht. Dies hier ist ein Blog, und kein Ratespiel, also bitte ich Sie, klar zu sagen, worauf sie rauswollen - so schwer kann's ja nicht sein.

Kommentar-Direktlink Sven Türpe· 29.01.10 · 16:07 Uhr

Ich selbst sympathisiere ja gerne mit den Underdogs, die sich mit dem "Establishment" (egal auf welchem Gebiet) anlegen

Dann kann ich ja noch hoffen. ;-)

Author Profile Page Jürgen Schönstein· 29.01.10 · 16:29 Uhr

@Sven Türpe

Dann kann ich ja noch hoffen

Aber nur, wenn Sie auch weitergelesen haben:
... aber das heißt ja nicht, dass jeder, der anerkannten wissenschaftlichen Auffassungen widerspricht, gleich moralische Überlegenheit genießen kann

Kommentar-Direktlink Jenny· 05.02.10 · 13:27 Uhr

Mir ist auch nicht ganz klar, was Dagmar Behrendt meint. Dogmatismus, starres Festhalten an vielleicht überholten Theorien ist nun mal das Bild, das bei einem Unbedarften von der Wissenschaft ankommt. Ich würde aber sagen, dass liegt sicher nicht an den Wissenschaftlern, sondern wie Sie schon mit Ihrem Beispiel andeuteten an deren Vermittlung, schon in der Schule. Dort wird nun mal starr manchmal schon veraltetes Wissen gelehrt, anstatt es mit aktuellen Entwicklungen aus der Forschung anzureichern. Das ist zumindest meine Erinnerung an die Schule, im Studium war es damit schon besser. Aber auch dazu muss man engagierte Professoren haben.

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