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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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01.05.09 · 06:08 Uhr
Wer nicht krank sein will, wird länger krank
Kategorie: Medizin · Kommentare: 8
Sag ich mal so, auch wenn's vermutlich - schon rein sprachlich - erst mal keinen Sinn zu ergeben scheint. Aber so ließe sich eine Studie über Krankheit am Arbeitsplatz interpretieren, die von Claus D. Hansen und Johan H. Andersen, zwei Experten der Klinik für Berufskrankheiten am dänischen Regionalkrankenhaus Herning durch Auswertung von knapp 12.000 Datensätzen dänischer Arbeitnehmer erstellt und in der aktuellen Ausgabe des Journal of Epidemiology and Community Health veröffentlicht wurde. Grob vereinfacht fanden die beiden heraus, dass Leute, die sich krank ins Büro schleppen (vielleicht, weil sie sich für unentbehrlich halten, oder weil sie's zuhause nicht aushalten), lediglich ihr Risiko erhöhen, später kräftig auf die Nase zu fallen und dann wochen- wenn nicht monatelang wegen Krankheit auszufallen.
Dabei geht es nicht nur um die verschleppte Grippe oder so, die einen dann doch von den Beinen holt: Hansen und Andersen fanden heraus, dass Personen, die sich an mehr als sechs Tagen in einem Jahr krank an ihren Arbeitsplatz begeben hatten, im folgenden Jahr ein um 53 Prozent höheres Risiko hatten mehr als zwei Wochen lang durch Krankheit auszufallen; das Risiko, für mehr als zwei Monate krank zu werden, stieg sogar um 74 Prozent. Diese Werte waren übrigens von Einflussfaktoren wie etwa bestehenden chronischen Erkrankungen oder einer Vorgeschichte längerer Krankheiten bereinigt.
Natürlich höre auch ich hier so viele Nachtigallen trapsen, dass es schon wie eine Step-Revue klingt. Was sagt mir ein um 53 oder um 74 Prozent erhöhtes Risiko, wenn ich (da ich nur den Abstract lesen kann) keine Ahnung habe, wie hoch das Risiko überhaupt ist? In meinen 24 Berufsjahren war ich bisher nicht ein einziges mal länger als eine Woche krank (und das schließt sogar ein gebrochenes Bein ein), und ich kenne genug Kollegen, für die das Gleiche gilt. Welche Rolle spielen dabei arbeitsrechtliche Regelungen für Krankentage und Lohnfortzahlung? Meinen alle Befragten überhaupt das Gleiche, wenn sie von "krank" reden? (Dass es unterschiedliche Auffassungen gibt, ab wann man krank ist, dürfte jeder schon selbst gemerkt haben.)
Aber selbst wenn man mal alle Bedenken so stehen lässt, bleibt eine grundsätzliche Beobachtung: Es gibt einen messbaren Zusammenhang zwischen dem Nicht-Akzeptieren von Krankheit und der Gefahr, dass man dann irgendwann mal um so länger ausfällt. Und das sollten sich vor allem zwei Gruppen merken: Zum einen all jene, die sich für so unentbehrlich halten, dass sie glauben, sich nicht mal einen Tag der Krankheit leisten zu können. Zum anderen aber vor allem Arbeitgeber und eventuell sogar ganze Wirtschaftssysteme, die Krankentage für etwas ansehen, das dem Arbeitnehmer eigentlich gar nicht zustehen dürfte. Und da muss ich hier in New York gar nicht sehr lange suchen, um so etwas zu finden: In den USA ist Lohnfortzahlung, wie wir sie in Deutschland kennen, praktisch unbekannt - statt dessen können sich Arbeitnehmer glücklich schätzen, wenn sie pro Monat einen halben Tag (maximal also sechs Tage im Jahr) als "sick day" oder, damit's nicht so morbid klingt, als "Paid Time Off" (PTO) gewährt bekommen.
Aber warum (aus deutscher Sicht) in die Ferne schweifen? Laut diesem Artikel in der WELT Online trauen sich auch die deutschen Arbeitnehmer kaum noch, wegen Krankheit zuhause zu bleiben ...
Autor: Jürgen Schönstein· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kurzsichtiges Heldentum: Warum kranke Arbeitnehmer zuhause bleiben sollten · ScienceBlogs · 02.05.09 · 06:31 Uhr
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Kommentare (8)
super artikel! in europa geht der trend ja auch immer mehr in richtung wirtschaftssklave mensch. man braucht sich nur anschauen, warum z.b. gegen harmlose kinderkrankheiten wie windpocken geimpft wird.
wenn man darüber nachdenkt, fragt man sich ehrlich: gehts nur um den profit der pharmafirmen, gehts um den profit der arbeitgeber, die glauben, betreuungstage der eltern für eine etwaige krankheit der kinder hereingespart zu haben?
harmlose krankheiten nicht zuzulassen ist unmenschlich und wahrlich krank.
lg
presonic
@presonic:
Unmenschlic und krank ist es, Kindern dem Leiden durch eine Krankheit wie den Windpocken auszusetzen. Vor allem, wenn eine harmlose Spritze abhilfe schaffen kann. Und tatsächlich: Es geht nicht um den Profit von irgendwem, sondern um jede Menge vernünftige Eltern, die ihren Kindern eben dieses Leiden ersparen möchten!
Davon abgesehen fand ich den Artikel auch spannend, ich falle wohl aber auch in die Gruppe derer, die bisher immer nur kurz ausgefallen sind. Mir stehen allerdings noch ein paar Arbeitsjahre bevor, also toi toi toi ;-)
Es ist Unsinn, was der Welt Online Artikel behauptet, der Autor hat offenbar keine Ahnung vom deutschen Arbeitsrecht. Es ist in Deutschland nicht möglich, "weniger robusten" Arbeitnehmern zu kündigen, oder ihnen auch nur eher zu kündigen als "robusteren". Solche Behauptungen werden durch wiederholung nicht wahrer.
Genauso wenig die, dass sich Arbeitnehmer in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht "trauen" krank zu sein - sofern das bedeuten soll, dass Arbeitnehmer, die häufiger krank sind, schneller entlassen werden. Was sein kann ist, dass Arbeitnehmer, wenn es ihrem Unternehmen schlecht geht, aus Verantwortungsbewusstsein am Arbeitsplatz bleiben - ob das richtig ist, sei dahingestellt.
@Jörg Friedrich
Na, so ganz unbegründet ist die Angst um den Arbeitsplatz ja nun auch nicht. Wenn ein großer Betrieb Personal entlassen muss - und soweit ich das in Erinnerung habe, sind auch nach deutschem Arbeitsrecht Entlassungen möglich (oder leben Sie auf einer begünstigten Insel, wo dies nicht geschieht?) - dann muss auch oft eine Auswahl getroffen werden, wer seinen Job räumen muss. Natürlich gibt es da eine ganze Reihe von Kriterien, die zu berücksichtigen sind (Betriebszugehörigkeit, soziale Härten etc.) - aber was ist, wenn es danach immer noch zu viele gleichartige Kandidaten gibt? Sind Sie wirklich ganz sicher, dass man sich keine Sorgen machen muss, dass sich der Arbeitgeber da auch mal die Fehltage anschaut?
@Jürgen Schönstein: Nach deutschem Arbeitsrecht ist sehr genau definiert, wonach Arbeitgeber gehen dürfen, wenn sie Personal entlassen müssen. Da braucht man sich fehltage gar nicht anzuschauen - jede Entlassung, bei der man den Eindruck gewinnen könnte, dass solche Kriterien eine Rolle spielten, wäre unwirksam.
@Jörg Friedrich
"jede Entlassung, bei der man den Eindruck gewinnen könnte, dass solche Kriterien eine Rolle spielten, wäre unwirksam"
Unwirksam? Bestimmt nicht. "Anfechtbar" ist wohl eher das passende Wort (unwirksam sind Kündigungen nur, wenn sie formal unkorrekt - z.B. nicht schriftlich - ausgesprochen werden). Aber anfechtbar heißt eben noch nicht, dass man am Ende seinen Job behält. Auch wenn's nur anekdotisch ist und daher nicht als wissenschaftliche Empirie verstanden werden darf: Ich habe in meinem knappen Vierteljahrhundert im Berufsleben schon genug Kollegen gesehen, denen der Stuhl vor die Tür gestellt wurde, und in meinen frühen Jahren als Lokalreporter sogar über den einen oder anderen Arbeitsgerichtsprozess berichtet und dabei erfahren müssen, dass es dem Arbeitgeber sehr oft gelingt, seinen Willen zu bekommen. Er muss die Entlassung ja nicht mit Fehltagen begründen (justiziable Gründe finden sich praktisch immer) - aber dass diese seine Entscheidung beeinflussen könnte, ist nie auszuschließen und als Angst-Faktor (und darum ging's - nicht darum, dass tatsächlich wegen Fehltagen entlassen wird, sondern darum, dass Leute aus Angst vor einer solchen Auswahl sich nicht trauen, von ihren zugesicherten Rechten, zu denen ja auch bezahlte Krankentage gehören, Gebrauch zu machen) daher nachvollziehbar.
Ein intelligenter Chef wird einen kranken Mitarbeiter nach Hause schicken, bevor er den Rest der Mannschaft angesteckt hat :)
@Jörg
Man kann natürlich seine Entlassung anfechten, aber wer will schon in einer Firma arbeiten, bei der man quasi nur mehr per Gerichtsbescheid arbeitet. Mobbing ist da vorprogrammiert. Meist gehts da nur mehr um einen Vergleich und eine kleine zusätzliche 'Abfindung'.
Wenn man einen MA loswerden will ist das IMO immer ziemlich einfach. Einmal zuviel gesurft, dicke mails verschickt, im Krankenstand im Supermarkt erwischt ohne offizielle 'Ausgehzeit' usw.
@Ronny:
Ein intelligenter Chef wird einen kranken Mitarbeiter nach Hause schicken, bevor er den Rest der Mannschaft angesteckt hat :)
Wäre ein treffender Nachweis dafür, dass es in Deutschland kaum intelligente Chefs zu geben scheint...
Ich kann mich an eine Anekdote (ein von vielen, die dazu passt) erinnern, da war ich bei meiner ehemaligen Arbeitsstelle alleine in meinem Versandbüro. Meine Chefin hatte an diesem Tag frei.
Den ganze Morgen schon hatte ich üble Schmerzen im Rücken (war wohl eine Muskelverspannung - totale Muskelverhärtung parallel zur Wirbelsäule), dennoch habe ich die Verantwortung auf mich genommen, meinen Job irgendwie zu machen. (War ja sonst niemand da, und meine Chefin wollte ich nicht aus ihrem freien Tag holen)
Zur Mittagspause habe ich mich dann entschieden, zum Arzt zu gehen. Als der mich dann wieder fit- gespritzt hatte (wollte mich noch krank schreiben lassen, auch wegen der Schmerztabletten und der Spritze - hab ihm aber gedankt, und bin gleich wieder ins Büro), zurück zur Arbeit. Die Mittagspause war schon rum (so + 10 Min.), und meine ehemalige, paranoide Chefin hat mich panisch angerufen, und angeblafft wo ich denn gewesen sei...
Wenn man dann noch überlegt, dass diese hirnlosen Vorgesetzten täglich verrückt gemacht werden, mit Statistiken und Gewinnmaximierung, kommt man schnell zu dem Schluss, dass diese Leistungsgesellschaft lieber Roboter am Arbeitsplatz hätte, als Menschen. Zumindest werden die Menschen teilweise schon wie Maschinen behandelt, die funktionieren zu haben.
Und wenn ein Arbeitnehmer vergrault werden soll, geschieht das auch, OHNE dass er sich auf irgend ein Arbeitsrecht beruft (könnte er, wird aber vor allem in Deutschland nur belächelt). Hab ich auch schon erlebt.
Weiter geht es z. B. bei jenen Fällen von Burn- Out, was ja oft gar nicht angesehen wird. Im systemtreuen Deutschland heißt es nämlich: Schaffe-schaffe-Häusle-baue!
Muss man erst am Arbeitsplatz nen Herzinfarkt bekommen, um als "Mensch" bemerkt zu werden?
Aber auch da gibt es Fälle (kenne ich persönlich einen Ex- Kollegen), der ist auch nach dem zweiten Infarkt wieder zu seinem stressigen Job zurückgekehrt.
In Deutschland hätte es so eine Studie nie gegeben.
Danke, Dänemark! ;)