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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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29.04.09 · 06:40 Uhr
Stadtneurotiker sind gesund
Kategorie: Medizin
Und das ist transitiv gemeint - sie sind nicht gesund wie ein Fisch im Wasser, sondern so gesund wie eine Aspirintablette für Menschen mit Herzkreislaufproblemen. Witzig: Genau mit dieser Aspirintablette hat der Psychologieprofessor Brent Roberts von der University of Illinois in Urbana-Champaign den Gesundheitsvorteil beschrieben, den sich eine über 50-jährige Frau dadurch verschafft, dass sie mit einem gewissenhaften Neurotiker verheiratet ist. Für Männer hat die Ehelichung eine gewissenhaften Neurotikerin hingegen - leider - keinen gesundheitlichen Effekt.
Das klingt alles ein wenig abstrus, und da ich außer der Uni-Pressemitteilung und dem Hinweis, dass ein entsprechendes Paper in der nächsten Ausgabe von Psychological Science nicht wirklich mehr an Substanziellem finden konnte, bleiben mir tiefe Zweifel, ob diese "Entdeckung" mehr sein könnte als eine Fußnote zu Woody Allens Filmschaffen ...
Da ist zum Einen mal das Definitionsproblem von "neurotisch": Grundlage dieser Studie waren die Fragebogen der Health and Retirement Study, einer Langzeitstudie zum Thema Altern und Gesundheit, die an der University of Michigan durchgeführt wird. Und darin wurden die rund 2000 teilnehmenden Ehepaare über 50 Jahre aufgefordert, sich selbst nach ihrem Grad von Neurotizismus und nach ihrem Grad der Gewissenhaftigkeit einzustufen. Ob damit selbst die minimalsten Anforderungen einer wissenschaftlichen Definition erfüllbar wären, wage ich mal zu bezweifeln. Auch alle weiteren Informationen, etwa über Gesundheit und Fitness, beruhten rein auf den subjektiven Angaben der Befragten. Methodisch sehe ich da tiefe Abgründe aufgehen ...
Aber gut, so lange die Story eine Pointe hat, wird sie auch erzählt, selbst wenn die Pointe weit schwerer wiegt als die Substanz. Bei der Auswertung kam nämlich heraus, dass es - wie schon erwartet - generell der Gesundheit förderlich ist, wenn man eine Neigung zur Gewissenhaftigkeit ("conscientiousness") hat: Gewissenhafte Menschen sind disziplinierter, auch wenn es um Fitness geht, sie organisieren ihr Leben besser, nehmen ihre Medikamente und ernähren sich besser, rauchen und trinken weniger usw. Dass sie auch länger leben, haben Forscher schon vor fast zwei Jahrzehnten herausgefunden (schreibt die Pressemitteilung - aber es klingt ja auch ohne Literaturhinweis plausibel). Neurotiker hingegen tun zumeist das Gegenteil - sie sorgen sich zu sehr, treiben zu wenig Sport, und leben entsprechend weniger gesund.
Doch vor allem in einer langen Ehe ist das eigene Wohlbefinden ja vom Verhalten des Partners nicht ganz unabhängig - und dieser Frage (deren Sinn sich Altverheirateten sicher ganz intuitiv erschließen dürfte) sei, so behauptet Roberts, bisher niemand nachgegagen. Bis jetzt. Und siehe da: Wenn zwei gewissenhafte Menschen miteinander verheiratet sind, dann leben sie sogar noch ein wenig besser als wenn sie jeweils nur auf ihre eigene Gewissenhaftigkeit angewiesen wären. Auch das klingt plausibel - so wie man eine Diät oder einen Zigarettenentzug besser durchhält, wenn man einen partner dabei hat, dürfte auch die generelle Lebensdisziplin durch einen motivierten und motivierenden Partner zu steigern sein.
Witzig wird's, wenn dann die gewissenhaften Neurotiker ins Spiel kommen (wer immer das sein soll - vielleicht jemand, der sich erst mal überlegt, worüber er sich heute aufregen wird?): Hier gibt es nur einen Effekt für das Wohlbefinden der Frauen, die mit solch einem Möchtegern-Woody-Allen verheiratet sind. Männer, die Tisch und Bett mit einer gewissenhaften Stadtneurotikerin teilen, haben - außer vielleicht einem erhöhten Unterhaltungswert ihres alltäglichen Daseins - gesundheitlich nichts davon.
Bei der Quantifizierung dieses Effekts kommt nun die Aspirintablette ins Bild: "Der Effekt ist nicht größer als der Effekt eines Aspirin für die Herz-Kreislauf-Gesundheit, welcher ein sehr gut bekannter, kleiner Effekt ist", erklärt Professor Roberts in seiner Uni-Pressemitteilung. Eine Erklärung für den Effekt bietet er jedoch keine - und mir fiele auch keine ein.
P.S. Als ich meiner Fau vion der Studie erzählte, huschte ein seltsam wissendes Lächeln über ihr Gesicht. Ob das etwas mit mir zu tun hat?
Autor: Jürgen Schönstein· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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