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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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26.01.09 · 20:06 Uhr
Lotto als ein "Geschicklichkeitsspiel"?
Kategorie: Naturwissenschaften · Kommentare: 11
Wir diskutieren auf Scienceblogs.de ja auch immer wieder mal um guten oder schlechten (Wissenschafts-)Journalismus, und auch auf dem amerikanischen Scienceblogs macht man sich solche Gedanken, vor allen angesichts der aktuellen New Scientist-Coverstory "Darwin Was Wrong". Aber wer ein richtig gutes Beispiel für schlechten Journalismus sehen will (eines, dass mir - trotz meiner Teil-Immunisierung durch ehemalige BILD-Mitarbeit die Tränen in die Augen treibt), der kann mal diesen Link zur New Yorker Tageszeitung Daily News verfolgen, die in ihrer Montagausgabe auf einer ganzen Seite ihren Lesern verzapft, dass es möglich wäre, durch geschickte Auswahl der Zahlen die Chance auf einen Treffer im Lotto zu steigern. Zugegeben, es ist kein echter Wissenschaftsjournalismus, und die Boulevardzeitung Daily News ist weit davon entfernt, ein Peer-Review-Blatt zu sein. Aber es ist so eine Art "Wahrscheinlichkeitsrechnug für Anfänger" (besser: für Ahnungslose, was der Artikel auch nicht ändern will), und damit schon im Grenzbereich dessen, was man mit den Maßstäben eine wissenschaftlich orienterten Journalismus messen darf.
Und dass das Ganze eigentlich nur Schleichwerbung für die (bereits in mehrfacher Auflage erschienen und auch in Deutschland erhältlichen) Lotto-Bücher der Autorin Gail Howard sind, macht die Sache bestimmt nicht besser - im Gegenteil.
Abgesehen von dem Patzer, dass Howards "Systeme" als "patentiert" bezeichnet werden (sie sind nur als Warenzeichen eingetragen - was im Gegensatz zu einem Patent nichts über ihre Qualität aussagt), wird den gut 630.000 Käufern des Blattes allerlei Unfug serviert, auf den allerdings auch deutsche Lottofans leicht reinfallen dürften:
So etwa, dass man seine Zahlen gut mischen muss: "Man sollte eine relativ gleichmäßige Mischung aus hohen und niedrigen Zahlen spielen, weil die Zahlen quer durchs ganze Feld gezogen werden." Man dürfe absolut nie 1-2-3-4-5-6 spielen, weil die Chancen, dass fortlaufende Zahlen gezogen würden, praktisch Null seien (was stimmt, aber auch auf alle anderen Zahlenkombinationen zutrifft). Man dürfe auch keine Zahlen spielen, die schon einmal gewonnen hätten (sinngemäß damit begründet, dass die ja dann erst wieder nach einer halben Million Ziehungen dran kämen - ???); "damit erschwert man sich das Gewinnen", sagt die Lotto-"Expertin". Und als eine Art Formel bietet sie an, dass die Summe der Glückszahlen irgendwo zwischen 138 und 222 liegen sollte, was die Zeitung als eine "mathematische Formel zur Vorhersage künftiger Gewinner" würdigt. Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen, oder?
Autor: Jürgen Schönstein· 11 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (11)
Wie in den Kommentaren auf GM/BM ja schon kürzlich festgestellt wurde, ist es sogar die optimale Tippstrategie, die letzten Gewinnzahlen zu tippen: Wenn eine Kombination heute gezogen wurde, kann man sicher sein, dass sie Element des Ereignisraums ist
Außerdem muss man den Jackpot dann mit niemandem teilen, denn wer tippt schon auf die letzten Gewinnzahlen?
1-2-3-4-5-6 zu spielen ist wirklich keine gute Idee. Nicht weil es geringere Chancen hätte, aber weil man sich den Gewinn mit ein paar hundert anderen teilen müsste.
@Ulrich
Das ist schon klar. Wer via Lotto Multimillionär werden will, sollte keine Strategie wählen, die ihm den geringstmöglichen Gewinn beschert. Aber die Zeitung will ihren Lesern ja einreden, dass allein schon die Wahrscheinlichkeit geringer sei, dass eine solche Zahlenfolge gezogen werden könnte.
@Ulrich, beim Sechser funktioniert Quotenrechnen gar nicht. Es wird ja pro Ziehung nur genau eine Sechser-Kombination ermittelt. Das ist entweder die die ich getippt habe; oder eben nicht. Wenn ich die Top-Quotencombo gewählt habe, aber 123456 kommt, wäre 123456 mehr wert als mein Tipp. Dafür dass ich mehr bekommen hätte, wäre meine Kombination gekommen, kann ich mir nix kaufen.
Ob das auch bei den kleineren Gewinnklassen gilt kann ich mir gerade nicht herbeidenken, zu spät.
Warum muss G.Howard ihr Geld mit dem Verkauf von Büchern machen? Kann Sie nicht mit ihrer "Formel" einfach alle Jackpots dieser Welt leer räumen? Hmmm....
Daniel, der Erwartungswert für beliebte Kombinationen ist trotzdem geringer als der für zufällige. Mathematisch gesehen bist du also mit der zufälligen besser dran. Das Argument, dass die später gezogenen Zahlen natürlich den größten Gewinn bedeuten ist ungefähr so hilfreich wie der Hinweis, man müsse die ja eigentlich nur vorher tippen, um immer zu gewinnen.
@Daniel: Mit 123456 ist deine Chance etwa 1 zu 14 Millionen. Mit 8,15,24,33,39,42 ist sie auch 1 zu 14 Millionen. Aber mit 123456 musst du das Geld, was du vielleicht irgendwann mal fürn Vierer kriegst, mit wesentlich mehr Leuten teilen ;-)
Ach ja, dass du dir nix dafür kaufen kannst, dass deine Kombination mehr eingebracht hätte, wenn sie gekommen wäre, haste natürlich Recht. Aber darum isses ja auch ein Glücksspiel.
Hab gestern zufällig in eine Nachrichtensendung im Radio geschaltet, wo es um den Lottojackpot am Mittwoch ging. Das war frustrierend. Auf die Frage, warum er denn spielen würde, meinte jemand "Geld macht nicht glücklich, aber kein Geld macht auch nicht glücklich". In Bezug auf Lotto eine dämliche Aussage, wie ich finde.
Im Bezug auf die Lottozahlen sollte es eher lauten: Glück macht Geld :)
Betrug und Verar*che steht bei diesen Thematiken leider an erster Stelle... Lotto und Roulette "Systeme" sind einfach nur Bauernfängerei. Auf der anderen Seite: Selbst dran schuld, wenn man so blauäugig ist und drauf reinfällt!