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Jürgen Schönstein ist Diplom-Geograph (TU München, 1984) aus Berufung und Journalist von Beruf. Nach rund zwei Jahrzehnten als "fester" Korrespondent für deutsche Publikationen in New York, arbeitet er nun als freier Journalist in Cambridge, Massachusetts - und wird damit auch weiterhin ein besonders waches Auge auf alles Neue aus Wissenschaft, Forschung und Technik halten. Daneben bringt er als Dozent am Massachusetts Institute of Technology (MIT) den Studenten das Schreiben bei.
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15.10.08 · 08:37 Uhr
Klimawandel zum Anfassen
Kategorie: Umwelt
Eine bessere Überschrift hätte mir schon einfallen sollen, denn die am kommenden Wochenende (18. Oktober 2008) eröffendene Ausstellung "Climate Change" im American Museum of Natural History ist eigentlich mehr wert als solch einen lapidaren Satz als Headline. Nicht, dass sie viel Neues zum Thema beitragen könnte - selbst das an sich recht dramatische Beispiel von Calumna tsaratanense (einer lokalen Chamäleonart) und anderer Reptilien im Tsaratanana-Massiv Madagaskars, die vor der Erwärmung in höhere Lagen fliehen und in absehbarer Zukunft am sprichwörtlichen Ende der Fahnenstange ankommen werden, hatte ich in diesem Eintrag schon vor einigen Monaten beschrieben. Aber in ihrer Anschaulichkeit hat diese Ausstellung eine Überzeugungskraft, die über alle Fachartikel und Diskussionsbeiträge hinaus gehen kann.
"Im kommenden Semester kann ich mir meine Vorlesung sparen und statt dessen meine Studenten mit der Eisenbahn hierher schicken", witzelte Michael Oppenheimer, Professor für Geowissenschaften und Internationale Angelegenheiten an der Woodrow Wilson School of Public & International Affairs der Princeton-Universität in New Jersey und einer der Co-Kuratoren dieser Ausstellung, die noch bis zum 16. August in New York zu sehen sein wird.
Nur ein paar Beispiele für die Anschaulichkeit: Wer etwa noch bezweifelt, dass sich die Erde erwärmt, der muss sich mal vor die schlichte Schautafel stellen, in der - in sich intensivierenden Blau- und Rottönen - seit 1900 die Abweichungen der mittleren Monatstemperaturen vom Durchschnitt der Jahre 1951 bis 1980 dargestellt sind. Die stetige Rotverschiebung von links (1900) nach rechts (heute) ist unübersehbar.
Ein anderes Beispiel ist die rot leuchtende Linie an der Wand, die einen auf etwa halber Wadenhöhe gleich am Eingang der Ausstellung begegnet. Sie symbolisiert das Niveau des CO2-Ausstoßes seit dem Jahr 1600. Selbst die industrielle Revolution des späten 19. Jahrhunderts drückt sie auf kaum mehr als Kniehöhe - doch ein paar Schritte weiter, in unseren Zeiten, geht sie zwar nicht durch, aber doch jedenfalls an die Decke.
Und dass eine Tonne Steinkohle ein ganz schöner (auch im ästhetischen Sinn!) Brocken ist, kann man sich hier anschaulich vor Augen führen. Doch was darin steckt, ist eher erschreckend: Gerade mal genug Energie, um einen US-Haushalt zwei Monate mit Strom zu versorgen. Ein großes Kohlekraftwerk frisst so einen Brocken in 13 Sekunden auf ...
Es wäre Quatsch, wenn ich hier versuchen würde, die ganze Ausstellung zu beschreiben, nicht zuletzt, weil die Fakten - wie schon gesagt - zumeist bekannt sind (oder bekannt sein könnten, wenn man sich dafür interessiert). Aber einen Aspekt will ich noch erwähnen: In der Begrüßungsrede sprachen sowohl die Museumspräsidentin Ellen Futter als auch der Ausstellungs-Kurator Edmond Mathez scheinbar löblich von der Kernenergie als Alternative zu den CO2-Dreckschleudern. Unwillkürlich musste ich - ein Produkt der No-Nukes-Generation - hier zusammen zucken. Mit einer gespannten Nervosität steuerte ich also auf den Teil der Show zu, wo die diversen energiewirtschaftlichen Möglichkeiten illustriert werden.
Sonnenenergie, so war da zu sehen, sei theoretisch in der Lage, den globalen Energiebedarf zu 100 Prozent zu decken (aber eben nur theoretisch), Windenergie ist gut für 20 Prozent, Wasserkraft für 15. Geothermische Energie sei erstens nur für 5 Prozent des Bedarfs gut und zudem ziemlich "dreckig", wie ich zu meiner Überraschung lesen musste, weil dabei durchaus auch das Wasser und die Luft verschmutzende Schadstoffe frei würden (die Tiefen unserer Erde sind halt auch nicht gerade das gesündeste Umfeld - nur weil's aus der Natur kommt, ist das Zeugs, das beim Bohren und auch beim Betrieb entweicht, nicht gleich "öko..."). Und die Kernenergie? Nur gut für 25 Prozent, zudem teuer (zwei bis drei mal so teuer wie Strom aus Heizkraftwerken) und, so steht es da zu lesen, "immer noch gefährlich" - nicht nur wegen seiner radioaktiven Abfälle, sondern auch, weil die Nebenprudukte für die Waffenproduktion verwendet werden können. Jawohl, so steht's da.
War wohl kein Zufall, dass ich genau neben diesem Exponat den Provost (also in etwa den wissenschaftlichen Leiter) des Museums, Michael Novacek, traf. Er sei selbst in seiner Jugend gegen die Kernkraft marschiert, verriet er mir. Und seine Einstellung dazu habe sich bis heute nicht verändert. Novaceks Sichtweise ist, dass die globalen Öko-Probleme weder mit den CO2 anfangen noch aufhören: Der Treibhauseffekt sei nur einer der "vier apokalyptischen Reiter", die unsere Umwelt zu ruinieren drohen; die anderen drei sind die Lebensraumvernichtung durch Zersiedelung und landwirtschaftliche Nutzung, der Verlust an Biodiversität und die Überfischung der Meere. Sicher, alle hängen irgendwie mit einander zusammen - aber wie gesagt: Wenn die aktuelle Anti-CO2-Mode dazu führen würde, dass andere Probleme übersehen und vergessen werden, dann haben wir uns selbst einen Bärendienst erwiesen. Auch darauf will die Ausstellung hinweisen.
Autor: Jürgen Schönstein· 0 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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