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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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04.01.11 · 09:53 Uhr
Einsteins 4 in Mathe - ein Bildungsmythos
Kategorie: Kultur · Kommentare: 19
Heute starte ich - abweichend von der Tradition - mal nicht mit einem Spaziergang sondern einem (harmlosen) Rant ins neue Blogjahr. Dabei geht es mir um den hartnäckigen Mythos, Albert Einstein habe in der Schule in Mathematik versagt - ein Mythos, der kurioserweise auf einem (schul)kulturbedingten, deutsch-schweizerischen Missverständnis beruht.
"Sogar Einstein hatte in Mathe nur eine 4" - wer musste dieses Argument noch nicht über sich ergehen lassen (bei mir war es jedenfalls zwischen den Feiertagen mal wieder soweit)? Einsteins vermeintliche Minderleistung im Fach Mathematik muss - zumindest nach meiner Erfahrung - als Begründung für alles Mögliche herhalten. Dafür, dass die eigenen Kinder trotz schlechter Noten eigentlich doch unerkannte Genies sind; dafür, dass das Schulnotensystem grundsätzlich ungerecht und ungeeignet ist und dafür, dass es vor allem Hochbegabte in der Schule häufig enorm schwer haben. Letzteres trifft natürlich zu - nur dass gerade Albert Einstein dafür eben kein Paradebeispiel ist...
Der Blick in Einsteins Schulzeugnisse überrascht zunächst, finden sich doch dort nicht nur 4ern, sein Maturazeugnis, das er 1896 an der Schweizer Kantonsschule Aarau erwarb, weist in Geometrie und Algebra sogar eine 6, in Physik eine 5 auf. Also doch: Einstein - der totale Schulversager? Ein Blick auf das Schweizer Schulnotensystem schafft Klarheit:
| Note | Bedeutung |
| 6 | sehr gut |
| 5 | gut |
| 4 | genügend |
| 3 | ungenügend |
| 2 | schlecht |
| 1 | sehr schlecht |
Daher meine Bitte fürs neue Jahr an alle, die über Bildung, Noten oder Hochbegabung diskutieren wollen: Lasst Einstein außen vor - denn der hat weder in Mathe und Physik versagt, noch ist er je sitzengeblieben oder hat eine Klasse übersprungen (noch zwei besonders hartnäckige Gerüchte). Wenn Einsteins Noten überhaupt ein Beleg für etwas sind, dann dafür, dass Kinder und Jugendliche sich vor allem mit denjenigen schulischen Themen gerne befassen, die auch ihr Interesse wecken - was im Falle Einsteins eben nun mal eher die Naturwissenschaft als die Kunsterziehung gewesen sein dürfte - oder auch dafür, dass ein Genie zu Schulzeiten weder als totaler Überflieger noch als Vollversager auffallen muss...
PS: Wer die Geschichte mit den Noten - im Gegensatz zu anderen Einstein-Biographen - in seinem empfehlenswerten Einstein-Buch übrigens richtig hinbekommt ist Blogkollege Ernst Peter Fischer.
Autor: Christian Reinboth· 19 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (19)
Redfox·
04.01.11 · 10:45 Uhr
Ich leß da 6. Chemie ist 5.Dazu passt, dass A.E. (ohne Neumann) nur ein kleiner, ganz, ganz kleiner Angestellter beim Patentamt war. Die RT-Leugner kennen eben keine Grenze, nichts, aber auch garnichts ist ihnen zu dumm.
Die ARD gibt sich seit vielen Jahren Mühe, diesen Mythos am Leben zu erhalten, indem sie ihn unseren Kindern Tag für Tag vorsingt:
http://www.magistrix.de/lyrics/TV%20Serien/Schloss-Einstein-238633.html
@Redfox: Bei näherer Betrachtung natürlich korrekt: Physik 6, Chemie 5. Setzen (und Danke für den Hinweis).
@H.M.Voynich: Au weia. Das muss wohl der vielbeschworene Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen sein, für dessen Erfüllung ich monatlich Gebühren zahle. Lieber Surfen statt Lernen. Offenbar eine Ausgeburt des Feelgood-Ansatzes, den es aber auch schon zu meiner Schulzeit gab (wenn auch glücklicherweise nicht in diesem Maße).
Vorbilder entwickeln ihre Wirkung manchmal auf unerwartete Weise. Ich habe dieses Einstein-Märchen ganz anders erlebt. Mein Vater hat beim Anblick meiner Mathematiknoten oftmals seinen Ärger heruntergeschluckt, mir auf die Schulter geklopft und gesagt: "Einstein hatte auch erst schlechte Noten. Das wird schon, Junge". Daraus wurde bei weitem kein Nobelpreis, aber 25 Jahre später wenigstens eine Promotion. Ich wünsche allen Kindern solche Eltern.
"und dafür, dass es vor allem Hochbegabte in der Schule häufig enorm schwer haben. Letzteres trifft natürlich zu -"
Den kleinen Teil bitte mal überdenken. Das mit dem "häufig enorm schwer" trifft nämlich so gut wie gar nicht zu. Der überwiegende Teil der Hochbegabten ist vollkommen "normal" im Sozial- und Schulkontext (natürlich abgesehen von den herausragenden Leistungen). Schwer haben es hochbegabte Underachiever (und das auch nicht immer) - aber entgegen der landläufigen Meinung machen die unter 10% aller Hochbegabten aus.
@schlappohr: Ja, solche Eltern wünscht man sicherlich mehr Kindern - leider läuft es ja oft genug auch anders...
@JV: Da bin ich vielleicht selbst auf einen Bildungsmythos hereingefallen... In der in der Wikipedia zitierten Rost-Studie (http://www.dghk.de/laby69/69_marburg.pdf) wird die Zahl der Underachiever mit 15% ausgewiesen, andere Zahlen konnte ich aber nicht finden. Wäre sicher mal ein spannendes Thema für einen Blogpost...
@ Christian Reinboth:
Ich bin voreingenommen, Detlef Rost war mein Prof. ;-)
@JV: Verständlich. Ich werde mal nachsehen, ob ich eine Studie mit anderen Zahlen finde, dann setzen wir hier mal einen Pro- und Contra-Doppelposting auf...
Eine Aussage, die aus dem Zusammenhang gerissen wurde oder ohne das entsprechende Hintergrunswissen betrachtet wird, kann häufig falsch enterpretiert werden.. Ich glaube, dass Herr Jauch in Deutschland zur Schule gegangen ist. Wobei die nun nicht unbedingt direkt vergleichbar sind..
Schön, mit diesem Artikel konnte ich eine Frage eines internationalen Skeptikerforums* http://skeptics.stackexchange.com/questions/956/was-einstein-really-a-poor-student/957#957 beantworten. (* nicht wirklich ein Forum).
Was mich da ehrlich gesagt eher verwirrt ist, dass er anscheinen keinen Englischunterricht hatte.
Warum verwirrt dich das? Gab es um die Jahrhundertwende 1900 in Deutschland obligatorischen Englischunterricht?
@Christian Berger
Soweit ich weiss, hat Einstein auch nie eine Rede auf Englisch gehalten. Bei den Überstzungen war er sehr vorsichtig, er lies sich den englischen Text rückübersetzen und wenn dann immer noch was vernünftiges dastand war er einverstanden.
Vielleicht hat ja jemand dafür (dagegen) eine Quelle.
einfach herrlich :)
Wahr ist aber auch: 1894 verließ Albert Einstein das Luitpoldgymnasium in München ohne Abschluß und folgte seinen Eltern nach Oberitalien. Ein Jahr später bewarb er sich im Alter von 16 Jahren am Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich und fiel durch die Aufnahmeprüfung!
Im übrigen war Einstein später als Physiker in Mathematik keineswegs gut, weil er sonst bemerkt hätte, daß die Lorentz-Transformation im allgemeinen Falle nichtkollinearer Geschwindigkeiten zwischen den betroffenen Inertialsystemen lediglich hinsichtlich des Imaginärteils eines Weltpunktes transitiv ist, was die gesamte Relativitätstheorie mit einem Schlage falsifiziert. Bekannt ist sein verzweifelter Hilferuf von 1912 an seinen ehemaligen Studienkollegen Marcel Grossmann, als er mal wieder mit der Mathematik gänzlich überfordert war: „Grossmann, du mußt mir helfen, sonst werd' ich verrückt!“
@Dipl.-Ing. Norbert Derksen:
Ihr Satz bezueglich der Transitivitaet der Lorentz-Transformation ergibt wenig Sinn, da Transitivitaet eine Eigenschaft von Relationen (gleich, kleiner, Untermenge von,...) ist, nicht von Operationen.
Ich denke, worauf Sie hinaus wollen ist, dass die speziellen Lorentz-Transformationen (die sogenannten "boosts") nicht abgeschlossen sind, also keine Gruppe bilden.
Ich verstehe Ihren Satz so:
Habe ich damit korrekt das wiedergegeben was sie sagen wollen?
Wenn ja: Das ist richtig, aber bereits lange bekannt, und kein Problem. Die Hintereinanderausfuehrung zweier boosts ergibt eine Drehung. Deshalb bilden die boosts alleine keine Gruppe. Die sogenannte Lorentzgruppe enthaelt sowohl boosts als auch Drehungen. Damit ist die Gruppe dann abgeschlossen. Dies findet man z.B. auch in der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Spezielle_Lorentztransformation
Wenn nein: Koennen Sie Ihren Satz so umformulieren, dass ich ihn verstehe?
/Koennen Sie..umformulieren/ Jetzt wird er auch noch pampig ;-)
(ein aufgedonnertes Kommentar-Abo)
@ Manea-K:
Was Sie schreiben, ist formal korrekt und mir durchaus geläufig, trifft aber nicht meinen eigentlichen Gedankengang. Bitte informieren Sie sich zunächst über die sehr wohl definierte Transitivität von Transformationen, bevor ich die weiteren Mißverständnisse aufkläre, weil letzteres sonst zu mühsam würde. Eine transitive Transformation finden Sie beispielsweise unter
http://www.pawlowski-juri.de/PDF-Dateien/Ver%E4nderliche%20Stoffgr%200-1.pdf
Suchen Sie dort einfach nach dem Stichwort „Transitivität“!