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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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01.02.10 · 11:53 Uhr
Mehr Licht = mehr Sicherheit?
Kategorie: Naturwissenschaften·Politik·Umwelt · Kommentare: 8
Eine der größten Blockaden bei der Verringerung des Lichtsmogs ist die Angst vieler Menschen, dass eine Reduktion der Beleuchtung unweigerlich mit einem Anstieg an Verbrechen verbunden ist. Ein aktuelles Beispiel aus Illinois illustriert dieses Problem.
Im Grunde ist eine Reduktion der Lichtverschmutzung ja ein Gewinn für alle: Man spart Energie und schont damit Klima und Geldbeutel, schützt zahlreiche nachtaktive Tierarten, schont die menschliche Gesundheit und ermöglicht eine bessere Sicht auf die Schönheiten des nächtlichen Himmels. Trotz alledem finden Maßnahmen zur Minimierung des Lichtsmogs in der Öffentlichkeit häufig wenig Anklang. Einer der wesentlichen Gründe dafür ist die Befürchtung, dass weniger Licht in der Nacht auch weniger Sicherheit bedeutet.
"Maybe the village will issue night vision goggles"
Wie tief diese Ängste bei manchen sitzen, illustriert ein Beispiel aus Barrington Hills im US-Bundesstaat Illinois. Der Ortschaftsrat versucht dort gegenwärtig in Zusammenarbeit mit der IDA - der International Dark Sky Association - Barrington Hills als Dark Sky Community zu zertifizieren. Der 4.000-Seelen-Ort wäre damit nach Flagstaff in Arizona und Borrego Springs in Kalifornien die dritte Dark Sky Community in den Vereinigten Staaten (über ein recht ähnliches Projekt der Stadt Tekapo in Neuseeland hatte ich hier schon mal berichtet).
Um dieses Ziel zu erreichen, sollen die Regeln für die individuelle Außenbeleuchtung von Wohngebäuden verschärft werden. Im Vorfeld einer Entscheidung des Ortschaftsrats von Barrington Hills über eine neue Beleuchtungsordnung, wurde auch auf der Webseite des Daily Herald heftig diskutiert. Wer die Diskussionsbeiträge überfliegt, lernt vor allem zweierlei. Erstens: Weniger Licht bedeutet mehr Verbrechen. Und zweitens: Die meisten Lichtsmog-Gegner sind vollkommen übergeschnappte Öko-Kommunisten.
Beispiele gefällig?
"The IDA is a fanatical organization that writes such articles to serve its own purpose. Stay in Arizona and gaze to your hearts delight".
"Go out to the country to see the stars if that is so important. Maybe down to Cuba - that is dark."
"This reminds me of that North Korea at night from space picture."
"If our trustees want to sit in their backyards in their tinfoil hats and greet aliens from outer space, God bless'em. I'd rather they do that than be a part of village government. They have brought ridicule and embarrassement to every resident of our village.
Wie sieht es aber mit der Angst vor Verbrechen aus?
"Turn off all the lights and watch the thugs and robbers come out..."
"Maybe the reason crime is so low at night is because many of us have security lighting of some kind, and we live far enough from our neighbors that if someone 'mistakenly' trespasses into our home, we'll take the appropriate course of action."
"Maybe the village will issue night vision goggles to the residents to that they can see what they're shooting at when an intruder approaches their house."
"Don't you wonder who's licking their chops at the thought of homes with little or no exterior lighting in the near future?"
"I have no problems with this. Not worried about the threat of increased crime. I'll just sit on my garage balcony with my 30.30 with night vision scope and pick'em off one by one."
"Well, now they can scope out the neighborhood during the day when they can see all they need to see to come back in the dark of night and do their dastardly deeds."
"Hopefully criminals take notice and prey on these fools who want to be ignorant and trendy."
Sind solche Ängste tatsächlich begründet?
Zur Beantwortung dieser Frage ist zunächst einmal festzustellen, dass bei vielen Maßnahmen, die der Reduktion der Lichtverschmutzung dienen, überhaupt keine negativen Auswirkungen auf die öffentliche Sicherheit vorstellbar sind. Schirmt man beispielsweise Lampen nach oben ab bzw. verzichtet auf die sogenannten "Kugelleuchten", verändert sich das Beleuchtungsniveau auf Bürgersteig und Straße zunächst einmal in keinster Weise.
Auch der Verzicht auf unnütze Bodenleuchten oder das Nicht-Beleuchten von menschenleeren Parkplätzen kann sich auf die Sicherheitslage kaum auswirken - ebenso wie auch der Einsatz energieeffizienter Beleuchtungssysteme wie beispielsweise LED-Straßenlampen.
Die (begrenzten) Erfahrungen mit diesem Thema, die ich bislang im Rahmen unseres AuLED-Projekts sammeln konnte, zeigen sogar, dass insbesondere das Licht von weißen LEDs im Vergleich zum Licht von Natriumdampflampen selbst dann als heller wahrgenommen wird, wenn das gemessene Beleuchtungsniveau tatsächlich niedriger ist - d.h. subjektiv erhöhtes Sicherheitsempfinden bei objektiv reduzierter Beleuchtungsdichte.
Aber was passiert, wenn man beispielsweise jede zweite Straßenlampe abschaltet oder aber das Beleuchtungsniveau über eine zeitgebundene Dimmung reduziert? Ist es nicht sinnvoll anzunehmen, dass potenzielle Straftäter sich im Dunkeln sicherer fühlen? Zu dieser Frage gibt es mit London und Rheine zwei spannende Präzendenzfälle (mit zugehörigen Studien), die ich nachfolgend kurz betrachten möchte.
Wie sieht die Studienlage aus?
Quintessenz beider Untersuchungen ist, dass der Effekt, der von einer Reduzierung der Straßenbeleuchtung ausgeht, in erster Linie ein psychologischer ist. Da wir unsere Umwelt primär über visuelle Reize wahrnehmen, löst schlechte Sicht bei vielen Menschen unmittelbar Gefühle von Unsicherheit und mangelnder Orientierung aus, in einigen Fällen auch von Angst und Bedrohung. Dabei bestimmen insbesondere demographische Faktoren wie Alter und Geschlecht, als wie gefährlich eine dunkle Straßenszene empfunden wird.
Die Realität jedoch sieht anders aus. So wirkte sich beispielsweise die Installation von 3.500 besonders hellen Straßenlampen im Londonder Stadtteil Wandsworth über den untersuchten Zeitraum von einem Jahr nicht signifikant auf die Anzahl der gemeldeten Straftaten aus - dennoch stieg das subjektive Sicherheitsempfinden der Anwohner merklich an, wie im Rahmen einer Studie des britischen Home Office festgestellt werden konnte [1].
No evidence could be found to support the hypothesis that improved street lighting reduces reported crime. Although some areas and some crime types did show reductions in night-time crime relative to the daylight control, the dominant overall pattern, from which this study draws its authority, was of no significant change.
It was concluded that although street lighting was welcomed by the public and provided reassurance to some people who were fearful in their use of public space, the area-wide introduction of new street lighting did not reduce reported crime.
Auch die Einführung einer sogenannten Nachtabschaltung in Rheine (d.h. der kompletten Abschaltung aller Straßenlampen zwischen 1.00 Uhr und 3.30 Uhr in der Nacht) hatte einer Untersuchung der Fachhochschule Münster zufolge keinerlei erkennbaren Auswirkungen auf die Einsatzzahlen der örtlichen Polizei - und das bei einer jährlichen CO2-Ersparnis von 420 Tonnen und fiskalischen Einsparungen von 72.000 EUR [2]. Und dabei hat nicht einmal das Sicherheitsempfinden der Anwohner merklich unter der Maßnahme gelitten:
Die Lichtabschaltung hat weder dazu geführt, dass das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung in Rheine gesunken ist, noch hat sich dadurch das gesamte Stadtgebiet zu einem großräumigen Angstraum entwickelt. [...] Das Einsatzgeschehen der Polizei in Rheine wurde durch die Lichtabschaltung nicht beeinträchtigt. Die Einsatzzahlen sind durch alle Vergleichszeiträume hindurch überwiegend konstant geblieben.
Der der für die tatsächliche Sicherheit ausschlaggebende Faktor scheint das Element der "sozialen Kontrolle" zu sein, d.h. die Gefahr, bei einem Verbrechen beobachtet und erkannt zu werden. Ein hell erleuchteter und dafür menschenleerer Raum ist vor diesem Hintergrund als wesentlich unsicherer einzustufen, als eine schwächer beleuchtete und daher stärker frequentierte Straße.
Wirksamer als eine Aufstockung der öffentlichen Beleuchtung ist daher die Schaffung von mehr "Einsicht" (und damit sozialer Kontrolle) in kritische Bereiche - beispielsweise durch die Entfernung von Büschen und Sträuchern am Wegesrand. Auch das gezielte "Verdunkeln" solcher Areale kann Abhilfe schaffen - hier macht man sich den bereits angesprochenen psychologischen Effekt zunutze, der dafür sorgt, dass weniger potenzielle Opfer einen Gefahrenbereich überhaupt erst betreten. Problematisch sind die bei solchen Maßnahmen gelegentlich zu beobachtenden Verlagerungsseffekte - die sozialen Ursachen von Kriminalität - und damit auch die effektivsten Mittel zu ihrer Bekämpfung - sind ja aber ohnehin weder bei der Beleuchtung noch der sozialen Kontrolle zu suchen...
Gegen Argumente wie diese kann man freilich mit aller Empirik nicht bestehen:
"Outdoor Lighting provides beauty, function and security. It may be a 'false' sense of security, but isn't that up to me to decide?"
"As for the experts telling me that my porch light causes breast cancer and confuses birds to the point that they can't screw, well, that's a risk I am willing to live with."
Inzwischen hat sich unter dem Namen HALO - Homeowners Against Lighting Ordinances - eine Bürgerinitiative formiert, die tatsächlich das Ziel verfolgt, eine Verringerung der Lichtverschmutzung in Barrington Hills zu verhindern. Eine von HALO ins Leben gerufene Petition gegen das Dark Sky-Projekt fand bereits 343 Unterzeichner.
Die Entscheidung über die Beleuchtungsordnung, die eigentlich für November 2009 geplant war, wurde aufgrund der Widerstände vom Barrington Hills Zoning Board auf Anfang 2010 verschoben.
"It's been proven many times that lights at night do not reduce crime mich at all. But people would rather have the false sense of security than let the terrorists win."
Wenigstens nimmt es noch jemand mit Humor...
Übrigens: Wie lange sich die Nachtabschaltung in Rheine noch hält, steht leider auch "in den Sternen": Die Koalitionsvereinbarung (Seite 8) der CDU- und FDP-Fraktionen im Stadtrat - die gemeinsam über eine klare Mehrheit verfügen - sieht vor, die Nachtabschaltung noch in dieser Legislaturperiode wieder rückgängig zu machen...
[1] Atkins S, Husain S and Storey A (1991) The Influence of Street Lighting on Crime and Fear of Crime, Crime Prevention Unit Paper 28, London, Home Office
http://www.homeoffice.gov.uk/rds/prgpdfs/fcpu28.pdf
[2] Frevel & Mock: Angstraum Stadt Rheine? Welche Auswirkungen hat die Abschaltung
der Straßenbeleuchtung in Rheine auf das Sicherheitsempfinden der Bürger?
http://www.rheine-buergerinfo.de/vo0050.php?__kvonr=788
Autor: Christian Reinboth· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
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Kommentare (8)
Das hat man schon vor 40 Jahren festgestellt: Autodiebe knacken nachts am liebsten Autos, die direkt unter einer Laterne geparkt sind. Da können sie viel besser sehen, was sie tun müssen.
Sicherheitsgefühl und Angst vor Viktimisierung sind "meanings", die sich durch harte Daten nicht unbedingt stützen lassen.
Das Paradox ist recht gut bekannt, daß vor allem die sich fürchten, die vergleichsweise in geringer Gefahr sind.
Angst ist auch eine Angelegenheit, die "ganzheitlich" im Menschen wirkt. Hat man schon Ängste (vor Arbeitslosigkeit etwa, nur mal als Beispiel), ist der Angstlevel insgesamt höher (und die Personen äußern zu fast jedem Bereich mehr Ängste).
Hab da mal ne Arbeit dazu geschrieben, wens interessiert, ich geb sie zum Lesen weiter. (leider haben solche Arbeiten es an sich, ziemich langweilig zu sein...)
Auf dem letzten Bild sieht man doch aber ganz deutlich, was passiert, wenn man die Lichter abschaltet: Außerirdische schleichen sich hinter Bergen hervor! Mehr Licht!
Das Problem mit der gefühlten Sicherheit ist, dass sie im allgemeinen als reale Sicherheit angesehen wird. Die Politik unterstützt das meistens auch noch. Motto: Wir tun was! - Wählt uns wieder! Das viele Sicherheitsvorkehrung als wirkungslos zerbröseln, wenn man sie näher beleuchtet ist dabei egal. Dabei gibt es genug Bereiche in einer Stadt, wo man abschalten könnte, ohne dass es überhaupt einer merkt. Man könnte aauch Bewegungsmelder montieren, selbst das würde schon einiges helfen. Eine Großstadt müsste mal so mutig sein, die gewonnenen Daten würden vielleicht auch andere ermutigen.
Meiner Meinung nach ist die realistische Sicherheit für das Wohlbefinden desjenigen, der sich durch die Straße bewegt völlig irrelevant. Das Problem ist ja, dass logisches Argumentieren beim Beängstigten einfach nicht ankommt. Geht mir ganz genau so, wenn mir ne Straße zu dunkel ist, dann nehm ich nen andern Weg. Ich bin mir sicher, dass ich da nicht die einzige bin.
Ich hab in der letzten Adventszeit jedoch zum ersten Mal bewusst wahr genommen, dass die Festbeleuchtung in der Heidelberger Fußgängerzone sowie die meisten Schaufensterbeleuchtungen nachts ausgeschalten waren. Fand ich auf den ersten Blick ein wenig unweihnachtlich, bis mir dann wieder einfiel, wieviel Strom dabei gespart wird. Und hell wars trotzdem noch.
Zu der unterschiedlichen Wahrnehmung des weißen Lichts der LED-Lampen und dem gelbem Licht der Na-Dampf Lampen:
Kann es sein, dass der visuelle Eindruck im dunklem Umfeld stattfand und die Messung der Beleuchtung mit einem Standardmessgerät gemacht wurde?
Dann würde Ich nämlich darauf tippen dass es am Purkinje-Effekt liegt (Verschiebung der Empfindlichkeit des Auges hin zum kurzwelligem Bereich beim Nachtsehen).
Mit einem Messgerät welches einen der V' Lambda (V-Strich) statt der V Lambda Kurve angepassten Filter verwendet, sollten dann dem visuellen Eindruck entsprechende Messwerte rauskommen.
Redfox·
10.02.10 · 18:28 Uhr
Ich wette die wenn man ihn fragen würde ob Waffen Verbrecher machen würde er das wütent verneinen. Aber Dunkelheit veursacht natürlich verbrechen...@ Ilona: "Das Problem ist ja, dass logisches Argumentieren beim Beängstigten einfach nicht ankommt."
Muß nicht immer stimmen: Während des Studiums bin ich im Winter mit dem Fahrrad zur Uni gefahren, mind. 3 km durch den dunklen Wald. Einige guckten mich schokiert an, im Sinne von "Du? Als Frau? Das würde ich niiiiie machen!" Ich erklärte dann, daß die gefährlichste Stelle die beleuchtete Brücke war: Jeder im dunklen Wald konnte mich in dem Moment sehen und erkennen, daß ich "nur" eine Frau bin und kein 2-Meter-Mann mit einem 1 m breiten Kreuz. Auf dem Rest der Strecke bewegte ich mich "im Schutz der Dunkelheit". Die Erklärung kam bei allen an. (Stehengeblieben wäre aber auch ich nicht ;-) )