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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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28.07.09 · 11:53 Uhr
Sind die Grünen jetzt auch noch gegen die unbemannte Raumfahrt?
Kategorie: Naturwissenschaften·Politik·Themenwoche · Kommentare: 8
Ich bin verwirrt: Noch vor ein paar Tagen hieß es aus den Reihen der Grünen, man sei deshalb gegen die bemannte Raumfahrt, weil das Geld in der unbemannten Raumfahrt besser angelegt sei. Inzwischen wird jedoch auch die unbemannte Raumfahrt heftig kritisiert - und das mit teilweise hanebüchenen Argumenten.
Kurze Rekapitulation: Hier wurde in der letzten Woche heftig über Äußerungen von MdB Peter Hettlich von den Grünen und MdB Petra Sitte von der Linkspartei diskutiert, die in der Welt für einen Ausstieg aus der bemannten Raumfahrt plädiert hatten. Die Diskussion ging dann hier, hier, hier, hier, hier und hier weiter, wobei sich herauskristallisiert hat, dass zumindest aus Sicht der Grünen der Nutzen der unbemannten Raumfahrt größer als der der bemannten Raumfahrt ist, und man das knappe Geld lieber dort angelegt sehen möchte.
Heute dann die Kehrtwende: Nachdem sich während der letzten drei Tage verschiedene Politiker aus CDU, CSU und FDP für eine - wohlbemerkt unbemannte - Mondmission stark gemacht hatten, ist den Grünen nun offenbar auch dafür das Geld zu schade, wie die WELT heute berichtet:
Mit Hohn und Spott haben die Grünen auf die Ankündigung von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) reagiert, nach der Bundestagswahl ein deutsches Mondprogramm aufzulegen. An einer "Krisenbewältigung durch Abheben" werde man sich nicht beteiligen, sagte Grünen-Chef Cem Özdemir am Montag in Berlin. "Wir wollen hier auf der Erde unsere Arbeit tun."
Indes sei es, fügte Özdemir mit Blick auf FDP-Unterstützung für Schavans Vorstoß hinzu, den Grünen recht, wenn "sich Schwarz-Gelb auf den Mond oder den Mars konzentriert". Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin nannte es "absurd und makaber", dass Schavan zum Mond wolle, aber als Forschungsministerin beim Atomlager Asse "versagt" habe.
Natürlich weiß auch Cem Özdemir, dass sich bei konsequenter Anwendung des Arguments, dass Projekt XYZ lohne sich nicht, solange es dringendere Probleme zu bewältigen gäbe bzw. das Land noch unter den Folgen der Wirtschaftskrise leidet, im Grunde jegliche Form der Grundlagenforschung erledigt hat. Nun bezweifle ich allerdings stark, dass Özdemir oder Trittin wirklich so denken. In jeder Hinsicht flache Argumente wie "Solange wir noch Probleme auf der Erde haben, haben wir auf dem Mond nichts verloren" deuten meiner Ansicht nach eher darauf hin, dass die Idee einer neuen Mondmission dabei ist, einem typisch deutschen Polit-Problem zum Opfer zu fallen: Wenn es vom politischen Gegner kommt, dann muss es einfach falsch sein.
Dieser Unsinn dürfte zur Politikverdrossenheit ebenso beitragen wie mediengerechte Skandale um Urlaubsreisen im Dienstwagen. Die schlechte Angewohnheit von Politikern aller Parteien (die Union sei hier ausdrücklich nicht ausgenommen), so gut wie jeden Vorschlag aus dem gegnerischen Lager unabhängig von dessen inhaltlichem Wert erst mal anzugreifen oder mit politischen Talking Points (in diesem Fall der Asse) zu verknüpfen, ist leider mehr als bestens dazu geeignet, das öffentliche Vertrauen in die Vernunft der Akteure nachhaltig zu erschüttern. Sie kann einem zudem die Freude an der Politik dauerhaft vermiesen - denn auch auf der kommunalen Ebene ist es nicht unüblich, dass im Grunde durchaus diskutable Vorschläge sofort niedergemacht werden, weil sie aus der gegnerischen Ecke kommen.
Manchmal frage ich mich, was in unserem Land alles besser laufen könnte, wenn es uns nur gelänge, diese dumme Angewohnheit zu überwinden. Angesichts der Tatsache, dass sie zum festen Repertiore aller Parteien gehört, dürfte dies leider eine müßige Überlegung sein...
Zusammenfassend bleibt leider festzustellen, dass es bei Regierungsbeteiligung der Grünen - zumindest nach eigener Aussage - weder eine Fortsetzung der ISS-Missionen noch andere bemannte Raumfahrt noch einen zweiten Anlauf in Richtung einer deutschen Mondmission geben wird - zumindest nicht, solange es auf der Erde noch Probleme zu lösen gibt. Das ist schade - und es dürfte die Diskussion um wissenschafts- und technikfeindliche Tendenzen bei den Grünen auf keinen Fall verstummen lassen...
Autor: Christian Reinboth· 8 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
CDU· FDP· Grüne· Mondmission· Raumfahrt
Trackbacks (1)
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Kommentare (8)
Richtig die Kritik an "Wenn es vom politischen Gegner kommt, dann muss es einfach falsch sein."
Falsch allerdings der daraus gezogene Schluss "Zusammenfassend bleibt leider festzustellen, dass es bei Regierungsbeteiligung der Grünen - zumindest nach eigener Aussage - weder eine Fortsetzung der ISS-Missionen noch andere bemannte Raumfahrt noch einen zweiten Anlauf in Richtung einer deutschen Mondmission geben wird - zumindest nicht, solange es auf der Erde noch Probleme zu lösen gibt." Hier verwechselt du die eben leider auch bei Grünen vorzufindende Wahlkampfrhetorik, das Schlechtmachen um jeden Preis - und die tatsächliche politische Praxis. Wie ich schon mal sagte: Fragen wie eine Mondmission (eine rein deutsche halte ich immer noch für Blödsinn, aber dass nur nebenbei) werden letztlich nicht von der Partei- oder Fraktionsspitze oder z.B. einem grünen Außenminister Trittin entschieden - sondern von FachpolitikerInnen. Und die werden sich, wenn sie vom wissenschaftlichen Gehalt überzeugt sind, nicht auf ein "Nein" festnageln lassen, bloß weil Jürgen Trittin und Cem Özdemir mal ein Sommerloch gefunden haben.
Ich finde den WELT-Artikel alles andere als gelungen. Ob mein Ausflug in die manchmal etwas verquere Parteilogik potenzielle Grün-WählerInnen beruhigt, weiss ich nicht. Aber selbst bei deutlich gewichtigteren Themen ("Rente", "Steuererhöhung", "MWSt") war die Halbwertszeit von PolitikerInnen-Versprechen aller Parteien recht kurz - insofern glaube ich derzeit weder Schavan und Flach, dass sie eine deutsche Mondmission aktiv födern würden, noch Özdemir und Trittin, dass sie aktiv gegen eine solche vorgehen würden.
Die Kernaufgabe der Politik ist nun mal die Bekämpfung des politischen Gegners und die politische Vernunft richtet sich nach dem Erfolg derartiger Bemühungen. Die Raumfahrt muss wie Sozialsysteme, Bildungssystem, Energieversorgung, Gentechnik, Sparer usw. mit solch unerfreulicher Umgebung leben, mit der Schwerkraft schafft sie es ja auch.
@Till: Mag sein, dass die Entscheidung am Ende bei den Fachpolitikern und ihren Beratern landet. Es kann doch aber nicht sein, dass prominente Politiker wie Özdemir oder Trittin mit dem Argument gegen ein Raumfahrtprojekt schießen, dass es auf der Erde genügend Probleme zu lösen gibt. Wenn das Wahlkampfgetöse sein sollte (das vermute ich ja auch), dann war es auf jeden Fall ein Griff in eine ziemlich tiefliegende Schublade. "Wir möchten lieber auf der Erde was bewegen" ist ein so flaches Gegenargument, dass es einen fast schon gruselt. Zumal es ja mindestens zwei einigermaßen vernünftige Argumente gegeben hätte (Warum nicht mit der ESA? Warum hat die Union im vergangenen Jahr den LEO-Ausstieg unterstützt?)
Dass statt dessen sowas kommt ist für mich ein typisches Anzeichen für "Darüber haben wir noch gar nicht so genau nachgedacht und ad hoc fällt uns auch kein gutes Gegenargument ein, da es aber aus der falschen Ecke kommt machen wir es einfach mal schlecht". Dass sowas im Fahrwasser der Hettlich-Aussage vom ISS-Ausstieg kommt (der ja immerhin zu den Fachpolitikern gehört) finde ich schon ziemlich bedenklich...
Darüber hinaus ist das Argument "es gibt dringenderes" natürlich nicht ungefährlich. Man könnte damit genauso gut etliche grüne Projekte anschießen - und ich bin mir sehr sicher, dass das dann ebenfalls als wissenschafts/fortschritts/umweltfeindlich gewertet werden würde.
@Christian: genau so sehe ich das ja auch (ad hoc-Argumente, Wahlkampfgetöse) - und genau deswegen komme ich zu dem Schluss, dass der Schluss von dir eben nicht richtig sein muss.
@Till: Da nach der BT-Wahl sicher keine Partei alleine regieren wird und jeder Partner dann ohnehin Kompromisse schließen muss, ist mir schon klar, dass Özdemirs Aussagen selbst für den Fall einer Grünen Regierungsbeteiligung nicht zwangsweise das Aus für eine Mondmission bedeuten müssen. Andererseits hat er sich gemeinsam mit Trittin als Spitzenkandidat so ausgedrückt - und für voll nehme ich die beiden schon noch...
@ Christian: "und für voll nehme ich die beiden schon noch... " Eben das ist der Fehler. Die Grünen sind eine Esoterik-Partei, egal ob Wahlkampf ist oder nicht.
Warum nicht Forschung zur Entwicklung im Bereich erneuerbarer Energien, etwa neuer effizienter Windkraft oder Wasserkraftanlagen?
Raumfahrt ist wichtiger als die Bekämpfung des Gegners; die Grüne, Die FDP, CDU, DVU, CSU, SPD etc sind alles stinkige Kleingeister.
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