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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.
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08.10.08 · 18:23 Uhr
Viel Ärger um die Nobelpreis-Vergabe
Kategorie: Medizin·Naturwissenschaften · Kommentare: 7
Normalerweise gibt es nach der Verkündung eines Preisträgers weltweites Lob der Forscherkollegen zu hören. Nicht so in diesem Jahr, denn die Vergabe der schwedischen Preise für Physik und Medizin sorgt für erhebliche Verstimmungen.
Der SPIEGEL berichtet:
Italienische Wissenschaftler sind aufgebracht über die Vergabe des Physik-Nobelpreises 2008: Es sei unfair, dass der Physiker Nicola Cabibbo nicht bedacht worden sei, urteilte das Nationale Institut für Kernphysik (INFN). Cabibbo habe die Grundlagen entwickelt, die die japanischen Preisträger Makoto Kobayashi und Toshihide Maskawa lediglich erweitert hätten. Das Resultat war die sogenannte Cabibbo-Kobayashi-Maskawa-Matrix (CKM-Matrix). "Das 'K' und das 'M' der Formel wurden geehrt, während das 'C' außen vor gelassen wurde", kommentierte die Zeitung "La Repubblica".
Ludmilla hatte die Kontroverse ja gestern schon einmal hier kommentiert, wirklich viel getan hat sich seitdem allerdings nichts - außer, dass das Interview von Roberto Petronzio inzwischen übersetzt vorliegt:
"Das ist wirklich bitter", sagte INFN-Präsident Roberto Petronzio. "Kobayashis und Maskawas einziger Verdienst ist es, die Idee von Cabibbo auf vereinfachte Weise generalisiert zu haben." Die beiden Japaner sollen für bahnbrechende Erkenntnisse zur Symmetriebrechung und zur dritten Familie von Quarks den Nobelpreis bekommen, gemeinsam mit dem US-Forscher Yoichiro Nambu. Das hält auch der Ehrenpräsident der italienischen Physikervereinigung, Renato Angelo Ricci, für einen "unglaublichen Skandal". "Cabibbo hat den ersten und wesentlichen Teil der Entdeckung gemacht", sagte Ricc, der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera".
Das klingt sonst eher anders, wenn sich die Wissenschaftler aus der ganzen Welt über die Verdienste ihrer ausgezeichneten Kollegen äußern. Und damit ist es noch nicht genug, denn auch wegen des Medizin-Nobelpreises regt sich Unmut - diesmal jedoch in Frankreich:
Wissenschaftler verlangen, dass neben den designierten Preisträgern Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi auch Jean-Claude Chermann bedacht wird. Ein am Dienstag gegründetes Unterstützungskomitee für Chermann ist nach eigenen Angaben deshalb bereits beim Nobelkomitee in Stockholm vorstellig geworden. In der Hoffnung, "ein bedauerliches Versäumnis" noch beheben zu können, wiesen Chermanns Anhänger dabei darauf hin, dass er an der Entdeckung des Aids-Erregers HIV ebenso maßgeblich beteiligt gewesen sei wie Montagnier und Barré-Sinoussi.
Auch dass Robert Gallo, der als erstes den Zusammenhang zwischen HI-Viren und AIDS nachweisen konnte, ging bekanntlich leer aus. Und das, obwohl er - offenbar zu Recht - als einer der Pioniere auf dem Gebiet der AIDS-Forschung gilt:
Robert Gallo, der mittlerweile sein eigenes Institut für Virenforschung an der Universität Maryland leitet, äußerte sich anlässlich der Bekanntgabe des Preises am Montag „enttäuscht". In einer Pressemitteilung sprach er jedoch seinem „französischen Kollegen und langjährigen Freund" seine Gratulation aus. Luc Montagnier seinerseits betonte in einem Interview, dass Gallo den Preis ebenso verdient hätte wie er selbst und Françoise Barré-Sinoussi.
Kurios. Ich kann mich nicht erinnern, dass es nach den Nobelpreis-Ankündigungen jemals solche Misstöne aus der wissenschaftlichen Community gegeben hat. Da ich weder zu HIV-Forschung noch die CP-Verletzung inhaltlich viel beitragen könnte, fällt es mir schwer, die diesjährige Kontroverse einzuschätzen. Eins scheint mir jedoch sicher zu sein: So etwas hat es in den letzten Jahren nicht gegeben. Da wird Kobayashi und Maskawa vorgeworfen, sich auf dem Rücken von Cabibbo zu profilieren, Gallo wird von den einen als Plagiator beschimpft, wärend die anderen seine Verdienste klar über die von Montagnier stellen.
Was sagen die Leser dazu - vor allem die, die mehr in den Themen "drinstecken". Sind die diesjährigen Misstöne gerechtfertigt oder nicht?
Autor: Christian Reinboth· 7 Kommentare· Permalink· Trackback-URL
Trackbacks (2)
Literaturnobelpreis 2008 an den französischen Schriftsteller Jean-Marie Gustave Le Clézio · Neurons · 09.10.08 · 13:05 Uhr
Immer Ärger mit dem Nobelpreis · ScienceBlogs · 10.10.08 · 06:40 Uhr
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Kommentare (7)
Diese Beschränkung auf drei Leute ist halt nicht zeitgemäß. Dabei kommt immer jemand zu kurz. Bei der CKM-Matrix fehlt das C wie Cabibbo und beim NJL-Modell fehlt das JL wie Jona-Lasinio. Beides übrigens Italiener. Dass die Italiener darüber nicht glücklich sind, war irgendwo klar.
Wobei ich den Vorwurf an Kobayashi und Maskawa absolut albern finde, dass sie sich auf Kosten von Cabibbo profiliert haben sollen. Wenn etwas publiziert wurde, dann ist es publiziert und wenn jemand anderes das ausbaut und auch darauf hinweist, wo die Idee herstammt, dann finde ich daran nichts anrüchiges. Ich bin allerdings auch hier nur fortgeschrittener Laie und kann daher nicht beurteilen, ob es im Hintergrund vielleicht doch persönliche Geschichten und Feindschaften gibt.
Das kann ein alter Hase auf dem Gebiet viel eher einschätzen. Aber ich denke, die werden sich jetzt sicherlich nicht aus dem Fenster lehnen. Die Italiener tun sich jedenfalls mit dem Ton, den sie hier anstimmen, wirklich keinen Gefallen. Insbesondere wenn ich an die letzte Affäre um die Papparazzi-Physiker zurück denke.
Ich habe den Streit um die Entdeckung des HIV seit den Artikeln in Spektrum der Wissenschaft (HTLV-I: das erste menschliche Retrovirus, von Robert C. Gallo, Februar 1987, und Aids im Jahre 1988, von Robert C. Gallo und Luc Montagnier, Dezember 1988) mit regem Interesse verfolgt.
Besonders in ersterem Artikel schien mir Gallo seine Rolle maßlos zu übertreiben und die von Montagnier herunter zu spielen.
Umso mehr freut mich die Entscheidung des Nobel-Komitees, ist sie doch problemlos nachzuvollziehen: http://www.newscientist.com/article/dn14881-comment-was-robert-gallo-robbed-of-the-nobel-prize.html
Solchen Streit gab es fast in jedem Jahr - mal mehr, mal weniger heftig. Zum Beispiel gleich beim ersten Mal zwischen Röntgen und Lenard (der später doch noch einen Nobelpreis bekam, bevor er ganz durchdrehte). Das wahrscheinlich prominenteste Beispiel ist Lise Meitner, die bei Otto Hahns Chemie-Nobelpreis übergangen wurde.
Aber was hätte das Medizin-Komitee im Fall der drei Franzosen tun sollen: Warten bis die Akademiemitglieder das HIV-Thema für so wichtig halten, dass es einen ungeteilten Preis bekommt und alle drei ausgezeichnet werden können (auf die Gefahr hin, dass das nie der Fall sein wird)? Oder nur Montagnier den Preis geben? Dann hätte es auch Ärger gegeben. Und ja, ich finde die Beschränkung auf maximal drei Preisträger gut. Nicht toll finde ich dagegen, dass in letzter Zeit immer öfters Sammelpreise für zwei mehr oder weniger zusammenhänge Forschungsfelder verliehen werden (wie dieses Jahr in Physik und Medizin). Das zeugt eher davon, dass das Komitee nicht klar Stellung für eine wirklich herausragende Entdeckung beziehen will.
Bei den Italienern stellt sich allenfalls die Frage, ob Stockholm nachtragend ist, oder ob in diesem Jahrhundert doch nochmal ein italienischer Physiker den Nobelpreis bekommt ;-)
Und zu Gallo hat die SZ eigentlich alles Notwendige geschrieben:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/87/312996/text/
Hat die SZ eigentlich alles Notwendige geschrieben? Ich denke nicht.
Außerdem ist mir diese Formulierung der SZ unverständlich "Und auch wenn der draufgängerische Italo-Amerikaner Gallo daran den größeren Anteil hatte, so spielte auch der wohlerzogene Bordeaux-Liebhaber Montagnier das Spiel mit."
SPIEGEL-Leser werden da besser informiert: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=13497755&top=SPIEGEL
Vielleicht wäre ja:
"Im nächsten Jahr soll alles gerechter zugehen. Roberto "Papa"gallo kündigte dem Komitee jetzt ein Angebot an, dass die Mitglieder nicht ablehnen können."
der Zusatz gewesen, der dem SZ-Artikel fehlte?
Allerdings empfinde ich den SZ-Artikel nicht als komplett, denn wie der New Scientist schreibt, hat Robert Gallo für seine Science Veröffentlichung 1984 (ein Jahr nach Montagnier) - wie er 1990 bestätigte - gar kein eigenes Patientenblut verwendet, sondern die zu wissenschaftlichen Zwecken mit Montagnier ausgetauschte Blutprobe analysiert und demselben Erreger einfach einen neuen Namen gegeben.
Später hat er das mit einer Kontamination aus dem französischen Labor erklärt.
http://www.newscientist.com/channel/health/mg13017703.800-the-strains-of-the-hiv-war.html
Aber es ging ja um viel Geld.
Geld, das der erste AIDS-Test einbringen sollte. Bekanntlich hat die US-Regierung Gallos Labor das Patent dazu zugesprochen. Ein Schelm der dabei ...
Den SZ-Artikel kann man noch lesen und ich finde ihn ganz passend, den SPIEGEL-Artikel kann man leider nicht mehr frei lesen. Da sich unsere Qualitätsmedien meist nicht viel Zeit für Recherche nehmen, halte ich es eher mit Büchern. Nach Serge Lang "Challenges" und John Crewdson "Science Fictions" denke ich, dass Gallo ein Betrüger ist und dass das Nobelpreiskomitee richtig entschieden hat.