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Christian Reinboth ist Wirtschaftsinformatiker und Mit-Gründer der HarzOptics GmbH - einem auf die Photonik spezialisierten An-Institut der Hochschule Harz - sowie einer der Manager des Telepflege-Netzwerks TECLA. Neben der Arbeit studiert er seit 2009 Umweltwissenschaften an der FernUniversität Hagen.

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29.02.08 · 13:55 Uhr

Gute und schlechte Beispiele

Kategorie: Kultur·Naturwissenschaften·Technik  ·  Kommentare: 9

Wie lassen sich Naturwissenschaft und Umweltschutz auf spielerische Art und Weise an die nächste Generation vermitteln? Die Grundschule Jägerstraße in Hude macht es vor - unterstützt vom Regionalen Umweltzentrum (RUZ) Hollen lernen die jungen Schülerinnen und Schüler dort auf kindgerechte Art die Funktionsweise einer Solaranlage kennen. In Düsseldorf geht man dagegen andere Wege und "entschlackt" die Lehrpläne in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie.

Aber beginnen wir mit dem erfreulichen Beispiel: Dem ebenso ungewöhnlichen wie begrüßenswerten Projekt ging eine mindestens genauso gute Idee voraus - denn auf dem Dach der Grundschul-Turnhalle wird zur Zeit eine Bürger-Solaranlage installiert. Beispiele für solche kollektiv finanzierten und von einem Bürger-Konsortium betriebenen Solaranlagen finden sich inzwischen erfreulicherweise bereits in vielen Städten, so beispielsweise auch in Magdeburg ganz in meiner Nähe (hierzu gibt es auch einen interessanten Videobericht im energynet-Blog).

Damit die Kinder besser verstehen, was sich auf dem Dach ihrer Turnhalle tut, geht man in Hude nun ganz neue Wege und lässt jedes Kind eine eigene Mini-Solaranlage bauen. Diese besteht aus mehreren Solarzellen und von diesen betriebenen Propellern und Sound-Generatoren. Wie dem Bericht über das interessante Projekt im Delmenhorster Kreisblatt zu entnehmen ist, ließen sich die Kinder erstaunlich schnell für das Projekt begeistern und waren von den Mini-Solarsystemen gar nicht mehr wegzubekommen.

Bedenkt man, wie wenig junge Menschen sich heutzutage nach der Schule noch auf ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium einlassen, und wie gering gerade bei den technischen Studiengängen die Quote der angehenden Ingenieurinnen und Informatikerinnen ausfällt wird klar, dass die Förderung des natürlichen Forscher- und Entdeckerdrangs im Grundschulalter möglicherweise sogar einen noch breiteren Raum im Lehrplan einnehmen sollte. Das Interesse an der Wissenschaft und die Begeisterung für die Technik können in jungen Jahren wohl am besten geweckt werden - und aus einer auf diese Weise geförderten Generation könnten so die Wissenschaftler/innen und Techniker/innen von morgen erwachsen.

Alles in allem also ein guter Ansatz und ein faszinierendes Projekt - vor allem, da es nicht nur junge Menschen an Wissenschaft und Technik heranführt, sondern zugleich auch noch für den Gedanken des Umwelt- und Klimaschutzes sensibilisiert. Davon mal ganz abgesehen ist es sicher unheimlich cool zu beobachten, wie sich die Propeller immer schneller drehen, je mehr Solarzellen man zuschaltet. Wäre möglicherweise auch ein guter Ansatz für ein neues Managerspiel - und auf jeden Fall imposanter als die pendelnden Kugeln auf jedem dritten Schreibtisch....

Aber wie es in der Bildungspolitik eben leider manchmal so ist - wo an einer Stelle zugelegt wird, wird an anderer Stelle abgebaut - einer aktuellen Meldung des Kölner Stadt-Anzeigers lässt sich entnehmen, dass im Zuge des "Turbo-Abiturs" in NRW das Niveau des Abiturwissens kräftig gesenkt werden soll (euphemistisch auch als "Entschlackung" der Lehrpläne bezeichnet). Und in welchen Fächern wird "entschlackt"? In Deutsch, Mathematik, Englisch, Geographie und Geschichte - verständlich, denn gerade Mathe und Englisch sind ja für ein späteres Studium im technischen oder naturwissenschaftlichen Bereich auch ziemlich uninteressant. So wurde beispielsweise das Rechnen mit Logarithmen komplett aus dem Mathematik-Lehrplan geworfen. Weitere "Entschlackungen" sind übrigens vorgesehen - und zwar in Physik, Chemie und Biologie. Nicht gekürzt werden soll dagegen übrigens in Kunst, Musik, Sport und Religionslehre....

Klar, irgendwelche Prioritäten muss es ja geben. Auf jeden Fall dürfen wir uns nicht wundern, wenn es aus der Gruppe der "Turbo-Abiturienten" am Ende einen noch geringeren Anteil in technische oder naturwissenschaftliche Studiengänge zieht - oder die Abbrecherquote unter den Einstiegssemestern aufgrund der dann eintretenden Überforderung nochmal ansteigt. Dass man schon mal mit Logarithmen gerechnet hat wird von einigen Professoren außerhalb NRWs nämlich durchaus (zu Recht) vorausgesetzt....

 

Autor: Christian Reinboth· 9 Kommentare· Permalink· Trackback-URL

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Kommentare (9)

Kommentar-Direktlink Chris· 29.02.08 · 15:37 Uhr

Das Interesse muss bei den Kindern gar nicht geweckt werden, es muss nur ein Angebot vorhanden sein, dass sie nutzen können. Das Interesse ist in der Grundschule noch da, bevor es erstickt wird.
Zum Thema Entschlackung: Ich habs ja gesagt.

Author Profile Page Christian Reinboth· 29.02.08 · 15:52 Uhr

@Chris: Wohl wahr, im Grundschulalter sind die Kinder noch interessiert und neugierig - aber gerade da wird ja leider zu wenig gefördert. Das zeigt sich auch an der Beispiel-Grundschule: Die Kinder hatten überhaupt keine Probleme damit, sich auf die naturwissenschaftlichen Experimente einzulassen, ganz im Gegenteil. Gerade in dem Alter müssten also viel mehr Angebote geschaffen werden, weil man die Kinder einfach noch erreicht. Den Ball darf man dann natürlich in den höheren Klassen nicht gleich wieder fallen lassen - wenn Mathe, Physik, Bio, Chemie etc. immer weiter "entschlackt" werden haben auch die wenigen noch begeisterungsfähigen Schüler im Grunde keine Chance mehr, mit solidem Grundlagenwissen ins Studium zu starten...

Das mit der "Generation Superdoof" sehe ich daher leider auch schon kommen, wobei mir das eher ein Problem mit einem gesellschaftlichen und weniger einem bildungspolitischen Hintergrund zu sein scheint - aber noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben....

Kommentar-Direktlink Chris· 29.02.08 · 16:06 Uhr

Es ist in genau dem Moment ein bildungspolitisches Problem, wenn die Kinder ganztägig in die Kita gehen (sollen), damit beide Eltern arbeiten können (oder müssen). Die KiTas habenhatten auch einen Bildungsauftrag. Aber scheinbar muss es schon ausreichen, bei der richtigen Farbe über die Ampel gehen zu können.
Es ist andererseits sicherlich ein gesellschaftliches Problem, da Wissen keinerlei Wert mehr hat und Privatsender heute Inhalte als Wissens-Kommunikation verbreiten, die vor Jahrzehnten schon bei der Sendung mit der Maus liefen!

Author Profile Page Christian Reinboth· 29.02.08 · 16:24 Uhr

@Chris: Der Kommentar spricht mir aus der Seele. Die gesellschaftliche Akzeptanz von bildungsorientierten Menschen ist in machen Bereichen gleich Null, gerade bei Jugendlichen ist ja bekanntlich der Streber auch oft genug das Mobbing-Opfer. Weder Wissenschaft noch Bildung - obwohl für den Fortbestand unseres Wohlstandes enorm wichtig - erfahren in der Gesellschaft die verdiente Wertschätzung, so dass auch Eltern ihre Kinder kaum noch zum Lernen animieren. Schule und Studium sind eben notwendige Übel, wenn man später mal einen guten Job haben und ordentlich Kohle ranschaffen möchte. Der Wert der Bildung an sich geht dabei vollkommen unter.

Zum aktuellen Fernsehprogramm könnte man sich fast schon unbegrenzt auslassen - wer sich den Verfall der Gesellschaft mal direkt vor Augen führen möchte braucht sich ja im Grunde nur mal anzuschauen, was vor 25, 20, 15, 10 und 5 Jahren als "Bildung" und was als "Unterhaltung" im TV gelaufen ist und wie es heute aussieht. Die steil nach unten abfallende Niveau-Spirale ist nun wirklich auch von Optimisten nicht zu leugnen....

Kommentar-Direktlink Monika· 29.02.08 · 18:23 Uhr

Lieber Christian, das Grundschulprojekt find ich klasse. Ich hoffe, es gibt noch viele Nachahmer ;-))
@ Sek I -Diskussion: Meines Erachtens liegt das geringe Interesse weniger an den Jugendlichen selbst, wie an jenen, welche das Interesse eigentlich wecken sollten. Vor 5 Jahren hatte ich die Aufgabe Hauptschüler für in ihren Augen "langweilige" Fächer zu gewinnen. Da ich fachfremd unterrichten musste, musste ich mich erst mal selbst "motivieren". So hatte ich mir als erstes die Aufgabe gestellt, erst das Interesse der Schüler wecken und dann kommt das Lernen. Gerade die Pubertät hat so ihre Tücken. In diesem Alter wird nämlich gefragt, wozu man etwas lernen soll. Wer das mit den Schülern offen diskutiert und es schafft zu zeigen, wie faszinierend Naturwissenschaften sein können, der hat das Interesse auf seiner Seite. Wenn Lehrkräfte nun meine Zeilen lesen würden, hätten sie zu Recht viele Einwände: das Hauptproblem ist, dass viel zu wenig Zeit für eine gute Unterrichtsvorbereitung zur Verfügung steht, so dass oftmals auf das "billige" Pauken oder Lesen im Schulbuch zurückgegriffen wird. Viele Zeitfresser (Konferenzen und Bürokratie) rauben außerdem für die Unterrichtsvorbereitung wichtige Ressourcen......

Wenn der Grundstein im Grundschulalter gelegt werden konnte, ist für die nachfolgende Zeit auf alle Fälle eine für die Naturwissenschaften offene und interessierende Lernhaltung induziert worden....

Kommentar-Direktlink Eva· 04.03.08 · 09:34 Uhr

Es sind die Strukturen der herkömmlichen Schule, an denen solche Dinge scheitern. Sage ich als ehemalige Lehrerin, die in den Siebzigern mit großen Hoffnungen ins Lehrerstudium ging. Leider sind einige Hindernisse für einen Unterricht mit Forschungsprojekten der Kinder dadurch im Grunde unmöglich, daß meines Wissens noch immer kaum in zeitlich längeren Sequenzen an einem Projekt gearbeitet werden kann. Leider unterbindet die Pausenglocke die Arbeit, wenn es gerade spannend wird, das Zeug muß in die Schränke. Ob gerade die Begeisterung da ist, ob das Kind im "Flow" des Begreifens und Schaffens ist? Darauf wird keine Rücksicht genommen. Nur in Ausnahmemodellen, an besonderen Schulen ist das denkbar. Oder wenn ein Kind schon mit acht soweit ist, um an den Projekten der Zehnjährigen teilzunehmen, während es in anderen Fächern durchschnittlich ist? Keine Chance.

Kommentar-Direktlink Benedikt· 07.03.08 · 00:41 Uhr

Es ist andererseits sicherlich ein gesellschaftliches Problem, da Wissen keinerlei Wert mehr hat ...
Das ist jetzt schon eine ziemlich steile These. Mich würde interessieren, woran du das festmachen willst.

Author Profile Page Christian Reinboth· 07.03.08 · 12:34 Uhr

@Benedikt: Naja, "keinerlei Wert" mag sich übertrieben anhören...ich kann Christoph aber schon verstehen. Eine wirklich hohe gesellschaftliche Akzeptanz haben Wissen und Bildung nicht unbedingt - oder haben Sie einen anderen Eindruck? Wenn ich ins immer geistloser werdende Fernsehprogramm schaue... Oder die textuellen Inhalte, die "Messages", von populärer Jugendmusik betrachte... Wie viele Eltern gibt es noch, die ihren Kindern vermitteln, dass Bildung einen Wert an sich hat und nicht nur "sein muss" damit man später mal Geld verdienen kann?

Aber vielleicht schreibt Christoph uns ja nochmal was dazu. Ansonsten kann ich seinen Blog "Wissen schafft Kommunikation" nur empfehlen, wo ja auch regelmäßig zur Thematik/Problematik gebloggt wird...

Kommentar-Direktlink knorke· 17.03.08 · 17:57 Uhr

"Nicht gekürzt werden soll dagegen übrigens in Kunst, Musik, Sport und Religionslehre...."

Naja, so hat halt jeder seine Lobby. Der Techniker will, das Mathe und Physik beiben. Was werden wohl die Lobby Künstlerischer Berufe davon halten?

Schlimm ist es in jedem Fall, dass Lehrpläne zusammengestrichen werden. Und rächen wird sich das noch, da bin ich sicher.

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